{"id":7940,"date":"2013-02-26T14:55:31","date_gmt":"2013-02-26T13:55:31","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/netzfilmblog\/?p=7940"},"modified":"2013-02-26T15:09:54","modified_gmt":"2013-02-26T14:09:54","slug":"kurzfilme-oscars-youtube-hollywood-loeschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/netzfilmblog\/2013\/02\/26\/kurzfilme-oscars-youtube-hollywood-loeschen\/","title":{"rendered":"Wie die Oscar-nominierten Kurzfilme aus dem Netz verschwanden"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_7961\" aria-describedby=\"caption-attachment-7961\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/netzfilmblog\/files\/2013\/02\/tumblr_li494pgIz31qcp1zx.gif\" alt=\"Meine Reaktion, wenn YouTube-Videos gel\u00f6scht werden.\" width=\"500\" height=\"233\" class=\"size-full wp-image-7961\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7961\" class=\"wp-caption-text\">Meine Reaktion, wenn YouTube-Videos gel\u00f6scht werden.<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Filmfreunde und Internetnutzer konnten sich Anfang des Monats \u00fcber zahlreiche Oscar-nominierten Kurzfilme freuen, die ihren Weg, ganz offiziell, auf YouTube und andere Plattformen fanden. Animierte Filme wie der sp\u00e4tere Oscar-Gewinner <em><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/netzfilmblog\/2013\/01\/31\/disney-paperman-animation-oscar\/\" target=\"_blank\">Paperman<\/a><\/em> etwa, <em><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/netzfilmblog\/2013\/02\/14\/head-over-heels-kurzfilm\/\" target=\"_blank\">Head over Heels<\/a><\/em> und auch <em><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/netzfilmblog\/2013\/02\/17\/adam-and-dog-kurzfilm-animation\/\" target=\"_blank\">Adam and Dog<\/a><\/em>. Auch hier im Netzfilmblog stellten wir diese Filme vor. Inzwischen sind sie alle nicht mehr verf\u00fcgbar, jedenfalls nicht legal.<\/p>\n<p>Dass Filme nach eine Weile auf YouTube und Vimeo verschwinden kommt \u00f6fters vor. Einige Projekte wie beispielsweise <em><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/netzfilmblog\/2012\/12\/07\/breaking-the-taboo-drogenkrieg-film\/\" target=\"_blank\">Breaking the Taboo<\/a><\/em> sind von Anfang an nur f\u00fcr eine begrenzte Online-Zeit geplant. Im Falle der Oscar-nominierten Animationsfilme aber lag die Entscheidung nicht in den H\u00e4nden der Macher. Das fast alle der Filme am gleichen Tag von YouTube verschwanden, hat einen anderen Grund. <\/p>\n<p>Dem Hollywood-Nachrichtenportal <em>Deadline<\/em> liegt <a href=\"http:\/\/www-deadline-com.vimg.net\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Letter-Animated-Shorts-Nom-14Feb13__130221023636.pdf\" target=\"_blank\">ein Brief von Carter Pilcher vor<\/a>, dem CEO des Kurzfilmvertrieb Shorts International. Darin wendet sich Pilcher an die Macher der Filme und bittet sie, diese m\u00f6glichst schnell von YouTube zu entfernen. Seine Begr\u00fcndung: Die Online-Ver\u00f6ffentlichung schadet den Einnahmen an den Kinokassen im Vorfeld der Oscar-Verleihung.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst darf man Pilcher nicht vorwerfen, seine Interessen durchzusetzen. Alle der betroffenen Filmemacher hatten offenbar einen Vertrag mit Shorts International und als Vertrieb sind diese angehalten, die ihrer Meinung nach besten finanziellen Ergebnisse mit den Inhalten zu erzielen. Und m\u00f6glicherweise hat sich wirklich der ein oder andere gegen einen Kinobesuch entschieden, nachdem er die Filme schon online gesehen hat. Ansonsten sind die Begr\u00fcndungen Pilchers aber nicht nur fadenscheinig, sondern bisweilen totaler Bullshit. Schauen wir mal, was er genau schreibt:<\/p>\n<blockquote><p><em>The fact that all the films were put online is perplexing as Academy voters have other and better means of viewing the films, including through the Academy-provided DVDs of all the Live Action and Animated short film nominees sent to all voting members<\/em>.<\/p><\/blockquote>\n<p>Was Pilcher sagt, ist dass eine DVD das bessere Erlebnis beschert als ein Clip auf YouTube. Im Zeitalter von HD-Streams ist die Qualit\u00e4t jedenfalls kein Argument, \u00fcber den Rest l\u00e4sst sich streiten. Abgesehen davon, dass die Filme mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit nicht online gestellt wurden, damit sie von den Oscar-Mitgliedern gesehen werden konnten, sondern vermutlich f\u00fcr neue Fans. Aber soweit denkt Pilcher gar nicht erst.<\/p>\n<blockquote><p><em>Unlike Webbies or Ani&#8217;s, the Academy Award is designed to award excellence in the making of motion pictures that receive a cinematic release, not an online release<\/em>.<\/p><\/blockquote>\n<p>Kurz gesagt: Die Oscars sind f\u00fcr &#8222;richtige&#8220; Filme und m\u00f6chten sich deshalb auch nicht mit diesem Online-Quatsch besch\u00e4ftigen. Oder nicht? Doch, denn dann hei\u00dft es:<\/p>\n<blockquote><p>\n<em>Since 2006, we have built theater audiences significantly and created widespread interest in the films themselves and their place in the movie theater. This release of the films on the Internet threatens to destroy 8 years of audience growth and the notion <strong>that these film gems are indeed movies<\/strong><\/em>.<\/p><\/blockquote>\n<p>Jetzt wird es richtig wild: Laut Pilcher sind Kurzfilme, die online laufen, eigentlich gar keine Filme. Denn ein Film ist nur, was im Kino l\u00e4uft (was sich nebenbei auch mit den Teilnahmekriterien f\u00fcr die Oscars deckt). Als w\u00fcrden gerade junge Menschen nicht verstehen, dass auch ein Film auf YouTube ein &#8222;echter&#8220; Film sein kann. Ein zweiter wichtiger Punkt in dieser Passage: Pilcher spricht von dem gr\u00f6\u00dferen Publikum, das sein Unternehmen in den vergangenen Jahren in die Kinos gezogen hat. Dass aber im Netz ein neues, vielleicht noch einmal gr\u00f6\u00dferes Publikum schlummert, ignoriert er. Stattdessen kommt er mit der alten Hollywood-Keule: Das Internet bedroht das, was wir uns jahrelang aufgebaut haben! Ja, genau. Facepalm.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/netzfilmblog\/files\/2013\/02\/naked-gun-facepalm.gif\" alt=\"Facepalm\" width=\"500\" height=\"233\" class=\"aligncenter size-full wp-image-8004\" \/><\/p>\n<p>Geht weiter:<\/p>\n<blockquote><p><em>No feature length film would consider a free online release as a marketing tool!<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Vielleicht sollte Herr Pilcher \u00f6fters mal einen Blick auf Vimeo oder Kickstarter werfen. Projekte wie <em><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/netzfilmblog\/2012\/03\/15\/matt-morris-kurzfilme-netz-gastbeitrag\/\" target=\"_blank\">The UnderWater Realm<\/a><\/em> sind nichts anderes als ein Marketing-Tool f\u00fcr einen geplanten Spielfilm. Andere sind von Beginn an komplett im Netz zu finden: Die Website <a href=\"http:\/\/vodo.net\/\" target=\"_blank\">Vodo<\/a> verbreitet Feature-Filme auf Bittorrent, die <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/netzfilmblog\/2013\/02\/10\/the-pirate-bay-afk-film\/\" target=\"_blank\">Pirate-Bay-Dokumentation<\/a> wurde allein auf YouTube 1,5 Millionen mal angeklickt und hat trotzdem zum jetzigen Stand 36.000 US-Dollar an freiwilligen Spenden eingenommen. Es w\u00e4re interessant zu wissen, wie viel Geld die Filmemacher von Shorts International am Ende effektiv rausbekommen. <\/p>\n<p>Denn Pilchers Vergleich mit den Spielfilmen lahmt. Kurzfilme im Kino haben es traditionell schwer. H\u00e4ufig sind es kleine, unabh\u00e4ngige Kinos, die Kurzfilmabende veranstalten und auch das nicht in allen L\u00e4ndern. Nur wenige, wie die Disney-Produktion <em>Paperman<\/em>, laufen im Vorspann von (Disney-)Filmen. F\u00fcr den Rest bedeutet der traditionelle Festival- und Kinolauf zwar eine gewissen Reputation in der Szene, ein gro\u00dfes und breites Publikum erreichen Kurzfilme nur in den seltensten F\u00e4llen. Im deutschen Fernsehen etwa sind Kurzfilme bis auf Ausnahmeformate wie Artes <em><a href=\"http:\/\/www.arte.tv\/de\/kurzschluss-das-kurzfilm-magazin\/184414.html\" target=\"_blank\">Kurzschluss<\/a><\/em> de facto nicht pr\u00e4sent. Genau hier hilft das Internet: Wie der Filmemacher Matt Morris vergangenes Jahr in einem Gastbeitrag <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/netzfilmblog\/2012\/03\/15\/matt-morris-kurzfilme-netz-gastbeitrag\/\" target=\"_blank\">schrieb<\/a>, hat er erst mit der Ver\u00f6ffentlichung seines Films im Netz wirklich Geld eingenommen &#8211; und vor allem viele neue Fans gefunden, die anschlie\u00dfend noch die DVD und den Merchandise kauften.<\/p>\n<p>Am Ende zeigt Pilcher einmal mehr die Ignoranz, die weiterhin aus dem knarzenden Hollywood-Geb\u00e4lk heraustropft wenn es um neue Medien und Vetriebsformen geht. Die Auffassung, dass kein Filmemacher das Netz nutzen w\u00fcrde, um seine Werke zu zeigen oder eine Online-Ver\u00f6ffentlichung sogar den Wert eines Werkes verringert, ist so veraltet wie falsch. Vor allem bringt sich Pilcher selbst um den Erfolg. Statt zu versuchen, die Kurzfilme gleich selbst auf der eigenen Website zu zeigen, \u00fcber Spenden-Buttons oder per ContentID-Verfahren an den YouTube- und Vimeo-Videos mitzuverdienen (Harlem Shake, <a href=\"http:\/\/www.billboard.com\/articles\/news\/1539277\/harlem-shake-the-making-and-monetizing-of-baauers-viral-hit\" target=\"_blank\">anyone<\/a>?) und den Filmemachern eine neue, internationale Fanbasis f\u00fcr k\u00fcnftige Projekte aufzubauen, entscheidet er sich f\u00fcr die einfachste L\u00f6sung: das L\u00f6schen. Und steckt die gro\u00dfartigen Kurzfilme dorthin, wo sie seiner Meinung nach hingeh\u00f6ren: f\u00fcr einige Wochen lang in miefige Kinos\u00e4le und anschlie\u00dfend in die Spartenkan\u00e4le des Kabelfernsehens. <\/p>\n<p>Soviel zur Wertsch\u00e4tzung von Filmen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Filmfreunde und Internetnutzer konnten sich Anfang des Monats \u00fcber zahlreiche Oscar-nominierten Kurzfilme freuen, die ihren Weg, ganz offiziell, auf YouTube und andere Plattformen fanden. Animierte Filme wie der sp\u00e4tere Oscar-Gewinner Paperman etwa, Head over Heels und auch Adam and Dog. Auch hier im Netzfilmblog stellten wir diese Filme vor. 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