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Unruhen in Tunis

 

Von Gero von Randow, Tunis (gvr), Wolfgang Blau (wb), Karin Geil (kg) und Christian Bangel (cb)

20.20 Liebe Leser, hiermit beenden wir unser Live-Blog. Nach 23 Jahren hat das Volk in Tunesien Präsident Ben Ali von der Macht vertrieben. Wie es weitergehen wird im Land, ist noch nicht gewiss. Auch nachdem bekannt geworden war, dass der Diktator das Land verlassen hat, waren im Zentrum von Tunis noch Schüsse zu hören. ZEIT ONLINE wird weiter berichten.

19.43 Durch die Luftraumsperrung verzögert sich auch die Heimkehr der rund 2000 Tunesien-Urlauber des Reiseveranstalters Thomas Cook. Zwar sind inzwischen die ersten 100 Touristen mit einer Maschine der Air Berlin auf dem Weg nach Düsseldorf. Doch die beiden gecharterten Sonderflüge der Condor wurden vorerst gestrichen. Auch die Lufthansa stellte die Verbindung nach Tunis vorerst ein. Überhaupt werden die deutschen Reiseveranstalter an diesem Wochenende keine Urlauber nach Tunesien fliegen. Alle Flüge am Samstag und Sonntag sind abgesagt. Nach Angaben des Deutschen Reiseverbandes halten sich derzeit 6000 bis 8000 Gäste deutscher Reiseveranstalter in Tunesien auf. Das Auswärtige Amt empfahl ihnen, in ihren Hotels zu bleiben. Dort seien sie am sichersten.

19.33 Social Media wird oft als „Stream“ beschrieben. Die Tweets mit Hashtags wie #tunis, #jasminrevolution oder #sidibouzid gleichen in diesen Stunden aber eher einem Wasserfall. (kg)

19.05 Es gibt neue Gerüchte: Nach Informationen des französischen TV-Senders BFM und von Al Jazeera soll Ben Ali unterwegs nach Paris sein, während sich seine Frau in Dubai aufhalte. Frankreichs Außenminister dementierte diese Angaben. (kg)

18.51 Das ist eine friedliche arabische – und mitnichten islamistische! – Revolution. Ausnahmezustand und Ausgangssperre bleiben, aber das ist nicht verwunderlich (gvr, Tunis)

18.48 Die Gerüchte haben sich bestätigt: Präsident Ben Ali ist tatsächlich zurückgetreten und hat sein Land verlassen. Ministerpräsident Mohamed Ghannouchi (im Bild oben) hat im tunesischen Staatsfernsehen bekannt gegeben, dass er von jetzt an als Interimspräsident regiert. Präsident Ben Ali sei „vorübergehend nicht in der Lage, seine Pflichten auszuüben.“ Er rief die Tunesier zur Einheit auf. Al Jazeera berichtet, Ghannouchi soll vorerst auch das Amt des Staatspräsidenten übernehmen.

18.34 Der Nachrichtensender Al Jazeera berichtet, Präsident Ben Ali habe das Land verlassen, das Militär habe die Macht übernommen. Bislang ist diese Information noch nicht bestätigt worden. Gerüchteweise meldet dpa ebenfalls den Rückzug des Präsidenten. Auch AFP vermeldet dies, unter Berufung auf Regierungskreise. Die BBC zitiert Mahmoud Ben Romdhane vom oppositionellen  Renewal Movement mit den Worten, der Präsident sei „nicht länger an der Macht“. Andere Gerüchte betreffen Mitglieder der Präsidentenfamilie. Sie sollen angeblich am Flughafen während der Ausreise festgehalten worden sein. (kg)

18.13 Die Proteste in Tunesien werden im Netz intensiv begleitet. Viele Nachrichtenwebsites haben Live-Blogs eingerichtet, beispielsweise Le Monde und Libération (in französischer Sprache). Für die BBC berichtet unter anderem Adam Mynott direkt aus Tunis. Auch der Guardian berichtet live. (kg)

18.16 Das Staatsfernsehen kündigt eine wichtige Mitteilung an. Darin werde eine „historische Entscheidung bekannt gegeben, die die Wünsche der Menschen berücksichtigen werde. (kg)

18.14 Auf Twitter mehren sich die Hinweise, dass die Armee die Macht übernimmt. (Diese Informationen sind bislang unbestätigt und deshalb mit Vorsicht zu behandeln.) (kg)

17.46 Die Lage hier ist zurzeit ruhig. Die Außenbezirke allerdings brennen. Rausgehen ist unmöglich. Undenkbar, dass Ben Alis Maßnahmen der Bewegung genügen – sie will, dass er geht. (gvr, Tunis)

17.42 Nach Angaben aus Flughafenkreisen hat die Armee die Kontrolle über den Flughafen von Tunis übernommen. Der Luftraum sei gesperrt worden. Am Flughafengelände seien Panzer aufgefahren und hätten das Gelände umstellt, berichteten übereinstimmend mehrere Augenzeugen. Einem Flughafenvertreter zufolge war zuvor ein Unbefugter über einen Zaun geklettert und hatte das Rollfeld betreten. Daraufhin sei ein Alarm ausgegeben worden. Dem französischen TV-Sender BFM zufolge war eine Maschine der Fluggesellschaft Air France zur Umkehr nach Frankreich gezwungen worden.

17.17 Der Reiseveranstalter Thomas Cook will einen großen Teil seiner 2000 Urlauber aus Tunesien mit sechs Flugzeugen nach Deutschland und Österreich zurückbringen. Die Maschinen sollten in der Nacht auf den Flughäfen Wien, Düsseldorf, Berlin und Frankfurt landen. Betroffen sind Gäste der Thomas-Cook-Marken Neckermann Reisen, Thomas Cook, Bucher Last Minute und Air Marin. Die Flugzeuge werden von den Gesellschaften Condor, Germania und Fly Niki gestellt. Das Unternehmen sagte zudem alle Reisen aus Deutschland nach Tunesien bis einschließlich 17. Januar ab. Gäste mit geplantem Abflug bis einschließlich 24. Januar können kostenlos umbuchen. Andere Veranstalter wie Tui, Rewe Touristik und auch Alltours sahen dagegen am Freitag keinen Grund, Urlauber vorzeitig in die Heimat zu bringen.

17.15 Jetzt werden die Häuser in der Nähe meines Hotels gestürmt. Die ganze Stadt liegt unter Rauchschwaden. (gvr, Tunis)

17.12. Die tunesischen Behörden haben den Ausnahmezustand verhängt. Er gilt für das ganze Land. Die Regierung verhängte auch eine Ausgangssperre zwischen 18 Uhr und 6 Uhr morgens. Versammlungen an öffentlichen Orten wurden verboten. Armee und Polizei erhielten das Recht, auf „Verdächtige“ zu schießen, die sich den staatlichen Anordnungen widersetzen.

17.11. Überall in den Seitenstraßen der Hauptstadt sind immer noch Demonstranten. (gvr, Tunis)

17.10 Das internationale Menschenrechtsbündnis FIDH berichtet, dass während der Proteste gegen die hohe Arbeitslosigkeit und gegen die Regierung in den vergangenen Wochen schon mehr als 60 Menschen ums Leben gekommen sind.

17.09 Über mehreren Stadtvierteln steigt Rauch auf. Betroffen sind die viertel Gamarth, La Marsa und das bei den Touristen beliebte La Goulette. (gvr, Tunis)

17.06 Nachdem der Präsident die Regierung aufgelöst hat, soll nun eine Übergangsregierung gebildet werden. Ministerpräsident Mohamed Ghannouchi sagte der amtlichen Nachrichtenagentur TAP, Ben Ali habe entschieden, das Kabinett zu entlassen. Der Präsident habe ihn, Ghannouchi, mit der Bildung einer neuen Regierung beauftragt. Außerdem habe er Neuwahlen des Parlaments in sechs Monaten angekündigt.

17.01 Es ist der Bahnhof, der lichterloh brennt. (gvr, Tunis)

16.59 Ich bin in meinem Hotel nun ziemlich weit oben ins Treppenhaus gegangen und sehe ein paar brennende Gebäude. Flammen und Rauch über Tunis. (gvr, Tunis)


Tunis auf einer größeren Karte anzeigen

16.48 Die Regierungsablösung ist nichts wert. Die Demonstranten wollen nur eins: weg mit Ben Ali. (gvr, Tunis)

16.47 Die Presse kann ihre Hotels nicht verlassen. Man fordert uns auf, vom Fenster wegzugehen – was nicht infrage kommt. (gvr, Tunis)

16.42 Die Demonstranten lassen nicht locker und versuchen immer wieder Richtung der Avenue Habib Bourguiba, eine der vier Hauptstraßen in Tunis, zu kommen. Tränengas vernebelt Teile der Prachtstraße. Erfreulicherweise weht der Wind oft in Richtung der Polizei. (gvr, Tunis)

16.39 BBC meldet, nach Angaben von Ärzten in Tunis seien bei den Protesten in der vergangenen Nacht 13 Menschen ums Leben gekommen. (kg)

16.36 Am Nordende des Innenministeriums ist alles voller weißem Tränengas-Rauch. (gvr, Tunis)

16.34 Unesco-Botschafter zurückgetreten: „Ich kann mein Land nicht mehr vertreten“. (gvr, Tunis)

16.28 Über der Medina, der historischen Altstadt von Tunis, steigt Rauch auf. (gvr, Tunis)

16.24 Der tunesische Präsident Sein al-Abidin Ben Ali hat die Regierung des Landes entlassen. Dies teilte ein Sprecher mit. Dem staatlichen Fernsehen zufolge setzte der Präsident Parlamentswahlen binnen sechs Monaten an.

16.22 Massenverhaftungen. In den Seitenstraßen immer noch Gasangriffe. (gvr, Tunis)

16.20 In Tunesiens Hauptstadt Tunis eskaliert die Gewalt zwischen Sicherheitskräften und Tausenden regierungskritischen Demonstranten. Die Regierungsgegner forderten vor dem Ministerium den Rücktritt des Präsidenten – zunächst ungehindert von Polizei und Armee. Sie riefen „Nein zu Ben Ali“, „Ben Ali hau ab“ und „Free at last“. Andere skandierten, er solle vor Gericht. Ein Demonstrant trug ein Plakat mit dem Hashtag „#sidibouzid“. Unter dieser Kennung tauschen Nutzer des Microblogging-Dienstes Twitter seit Beginn der Proteste Informationen zu den Demonstrationen aus. Sidi Bouzid ist die Region, in der die Unruhen begannen.

Schon seit Wochen gibt es Proteste gegen die hohe Arbeitslosigkeit, die Korruption und die Unterdrückung im Land. Bei Auseinandersetzungen mit der Polizei wurden nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen bisher mindestens 66 Menschen getötet.

Am Donnerstagabend hatte sich der seit 1974 amtierende Präsident Ben Ali dem Druck der Bevölkerung gebeugt, als er ankündigte, bei der kommenden Präsidentenwahl im Jahr 2014 nicht mehr anzutreten. Die Demonstranten in Tunis fordern hingegen seinen sofortigen Rücktritt.

22 Kommentare

  1.   KaneHH

    Bei Wikipedia steht, er sei seit 1984 Innenminister und erst seit dem 07.11.1987 Präsident Tunesiens.

    Anläßlich der „Wikipedia Wochen“, gleich der erste Test. Wer recherchiert besser: Wikipedia oder die Zeit Online???


  2. Der Guardian hat noch ein interessantes Video zur Lage veröffentlicht:

    http://www.guardian.co.uk/world/video/2011/jan/14/tunisia-protests-president-video


  3. […] Die ZEIT hat jetzt einen Live-Blog über die aktuellen Geschehnisse in Tunis. Da geht’s ziemlich heiß […]


  4. Normalerweise dürften sich die Proteste nach ein,zwei Wochen legen,weil die Methoden der Repressalien,die einer Diktatur zur Verfügung stehen gepaart mit dem feinsten westlichen Material eigentlich keine Schlupflöcher mehr zulassen dürfte.Und an das Wahlversprechen wird er sich dann nicht mehr erinnern können.

  5.   Tanja

    vielen Dank für den tollen Block. Vive la Tunisie – Gratulation an das ganze Volk für seien Mut!

  6.   siar

    Beeindruckend. In Tunesien reichen 5000 friedliche Demonstranten um einen ungeliebten Staatschef aus dem Land zu vertreiben. Bei uns können 10Tausende demonstrieren und es ändert sich nichts.


  7. Zitat ZEIT:’Am Donnerstagabend hatte sich der seit 1974 amtierende Präsident Ben Ali dem Druck der Bevölkerung gebeugt, als er ankündigte, bei der kommenden Präsidentenwahl im Jahr 2014 nicht mehr anzutreten.‘

    Liebe Zeit,
    auch in unruhigen ZEITen etwas mehr Sorgfalt: Ben Ali putschte 1987 (unblutig) gegen den damaligen erkrankten Präsident Bourguiba.

    Gruß


  8. Ob das eine nicht-islamistische Revolution ist, wird sich noch zeigen. Ich persönlich habe da so meine Zweifel, denn Ben Ali hinterlässt durch seine unnötige und überhastete Flucht ein gefährliches Vakuum. Lasst uns alle hoffen, dass sich in Tunesien nicht ein weiteres Somalia entwickelt oder ein neuer Jemen, Irak oder gar Afghanistan. Ein „failed state“ unter islamistischen Vorzeichen direkt an der EU-Außengrenze wäre mehr als eine Bedrohung für uns. Es gilt jetzt aufzupassen, in welche Richtung das Land abdriftet.

  9.   laudatio

    Wer hätte das gedacht? Mein Glückwunsch an die Tunesier,hoffentlich wird es jetzt besser und nicht ein zweites Ukraine.
    Man lernt ja immer noch dazu:Anscheinend sind theokratische Diktaturen widerstandsfähiger als säkulare.Aber Ben Ali hat von Anfang an auch den Widerstand härter angefasst als im Iran und vielleicht wollten die Polizei und die Militärs einfach nicht mehr?
    Jedenfalls ist dies wie ein Fanal an Mubarak und Gaddafi.Was bisher nicht möglich schien,scheint jetzt möglich.Und was wird wohl jetzt der Sarkozy denken? Bisher hat sich die französische Regierung im frankophonen Tunesien doch provozierend deutlich zurückgehalten,so dass es schon peinlich wurde.

  10.   gettop

    nun folgt die Zeit der – Spraachregelungen – der USA und der EU-Regierungen.

    Spätenstens seit wikileaks wusste alle Welt, dass selbst die US-Diplomatie Tunesien – die Ben Alis – als despotische Kleptokratie analysiert hatte.

    Nun kommt die Stunde der scheinheiligen Europolitiker – die – welche Überrraschung – den Tunesiern eine friedvolle Zeit wünschen werden – vorher aber – die protestierenden Aufständischen – zu den gefährlichen Terroristen zählten

 

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