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Zschäpe will sich doch noch öffnen

 

Beate Zschäpe will nun doch mit einem psychiatrischen Gutachter reden – jedoch nicht mit dem, der sie für schuldfähig erklärt hatte. Kommt es dazu, würde sich das Verfahren wohl um Monate verlängern.

Lange Gespräche führen, sich öffnen, im eigenen Inneren nach Antworten suchen: Das hat Beate Zschäpe dem Psychiater Henning Saß verweigert. Saß war von den Richtern im NSU-Prozess als Sachverständiger engagiert worden. Weil Zschäpe jedes Gespräch ablehnte, verfasste er das psychiatrische Gutachten schlicht ohne die Mitwirkung der Hauptangeklagten.

Nun die Wende: Zschäpe erwägt, sich doch einer sogenannten Exploration zu unterziehen, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet. Befragen lassen will sie sich jedoch nicht von Saß, sondern von dem Freiburger Professor Joachim Bauer, der als Psychotherapeut am Universitätsklinikum praktiziert.

Der Sinneswandel geht aus einem Schreiben von Zschäpes viertem Pflichtverteidiger Mathias Grasel hervor, laut dem seine Mandantin „eine zweite, wissenschaftlich fundierte Meinung einholen“ wolle, um sie dem „in meinen Augen wenig belastbaren“ Gutachten von Saß entgegenzustellen. Die Entscheidung, ob Bauer sie tatsächlich untersuchen soll, behält sich Zschäpe jedoch offenbar noch vor. Vorsorglich beantragte Grasel in dem Brief eine dauerhafte Besuchserlaubnis für den Arzt im Münchner Gefängnis Stadelheim.

Für eine Stellungnahme war Bauer nicht zu erreichen. Dem Schreiben zufolge hatte er sein Einverständnis allerdings telefonisch erklärt.

Zschäpes Schritt reiht sich ein in die zahlreichen Volten, die den Prozess so unvorhersehbar machen. Das gilt vor allem für die Dauer. Erstattet Bauer auf Grundlage einer ausgedehnten Exploration nun ein weiteres Gutachten, dürfte sich das Verfahren um mehrere Monate verlängern. Für eine seriöse Einschätzung müsste der Psychiater sich auch in den Prozessstoff einarbeiten, die Schilderungen von Zeugen lesen, so wie es sein Berufskollege Saß über die vergangenen knapp vier Jahre getan hatte. Dazu kämen etliche Befragungen in der Untersuchungshaft.

Eine vorab formulierte schriftliche Stellungnahme mit den wesentlichen Inhalten hatte Saß auf 173 Seiten ausgebreitet. Das ist nicht in ein paar Tagen zu schaffen. Vom Sinn eines weiteren Gutachtens ist dabei noch gar nicht gesprochen. Die Maßstäbe für psychiatrische Begutachtungen hat in großen Teilen Saß selbst entwickelt. Bauer würde wohl ganz ähnliche Methoden wählen.

Das Ergebnis von Saß war es wohl, das Zschäpe nun zur Abkehr vom Schweigen brachte: Er hatte sie als schuldfähig für die angeklagten Taten eingestuft und zudem die Verhängung der Sicherungsverwahrung nahegelegt. Damit ebnete er den Weg für die Höchststrafe. Zudem machte er deutlich, dass er den – ebenfalls erst spät preisgegebenen – Angaben von Zschäpe im Prozess keinen Glauben schenkt. Sie selbst hatte sich als macht- und ahnungsloses Anhängsel ihrer Komplizen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt dargestellt.

Zschäpes Aussage Ende 2015 hatten ihre Neuanwälte Mathias Grasel und Hermann Borchert lanciert, so wie nun die mögliche Begutachtung durch Bauer. Tatsächlich wäre es allerdings nicht das erste Mal, dass Zschäpe mit einem Sachverständigen spricht. Früher in 2015 hatte sie sich von dem Psychiater Norbert Nedopil explorieren lassen. Dabei ging es jedoch um ihre psychische Verfassung unter dem Druck des Gerichtsverfahrens.

Die Expertise diente auch dazu, Grasel als vierten Pflichtverteidiger zu bestellen, weil Zschäpe ihren Altanwälten Wolfang Heer, Wolfgang Stahl und Anja Sturm nach eigenen Angaben nicht mehr vertraute. Damit konnte Zschäpe jeglichen Kontakt zu den dreien einstellen.

Die übrigens blieben im Prozess und verteidigten ihre Mandantin nach Kräften weiter. Als das Gutachten von Saß kurz vor seiner Einführung ins Verfahren stand, beantragten sie, ein methodenkritisches Gegengutachten vorlegen zu dürfen. Verfassen sollen hätte das der Bochumer Psychiater Pedro Faustmann. Der ließ sich in München bislang aber nicht blicken.

Die Richter trugen damals keine Bedenken vor, einen weiteren Sachverständigen ins Verfahren zu lassen. Für ein Prozedere nach Zschäpes Wunsch sind die Aussichten also gut. Für ein baldiges Prozessende sind sie düsterer geworden.

11 Kommentare

  1.   Margarete

    Wie wird die Bezahlung von 4 Pflichtverteidigern begründet. Nach meinem Rechtsempfinden waren schon drei zwei zuviel. Für die beide Toten brauchte es wohl keine Pflichtverteidigung mehr. Und dass für eine Person = Tschäpe nicht ein Pflichtverteidiger reichen sollte kann ich nicht nachvollziehen. Denn für die eigentliche Aufklärung ist die Staatsawaltschaft, die Rechtsanwälte der Nebenklärer sowie letztlich das Gericht zuständig oder doch nicht?
    Schade um das viele Geld, der immense Zeitaufwand und die anhaltende Aufmerksamkeit für Tschäpe, die jetzt offentsichtlich noch mal was für ihre Privatkasse inszenieren will.

 

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