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„Es wird eng“ – Das Medienlog vom Dienstag, 1. August 2017

 

Neues Kapitel im Plädoyer der Anklage: Statt wie geplant mit den Banküberfällen beschäftigt sich die Bundesanwaltschaft seit gestern mit der Schuld der Mitangeklagten Ralf Wohlleben und Carsten S., die dem NSU-Trio die Mordwaffe Ceska 83 verschafft haben sollen. Gegen beide habe sich die Anklage der Beihilfe zum Mord bestätigt, lautet das Fazit.

„Die Bundesanwaltschaft könnte es sich eigentlich leicht machen“, weil S. ein umfassendes Geständnis abgelegt hatte, schreibt Christoph Arnowski vom Bayerischen Rundfunk. Dennoch nähmen sich die Ankläger viel Zeit, um sich mit dem Vorwurf zu beschäftigen. Durch die große Detailfülle sei der Schlussvortrag „kompliziert in der Beweisführung“.

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Die Folgerung sei das Ergebnis einer „akribischen, geradezu detailversessenen Argumentationskette“, bilanziert Annette Ramelsberger in der Süddeutschen Zeitung (kostenpflichtig). Oberstaatsanwalt Jochen Weingarten, der für das Segment zuständig ist, müsse nachweisen, dass Wohlleben die „Spinne im Netz der NSU-Unterstützer“ war. Er organisierte den Vorwürfen zufolge Helfer für den NSU – und durch seine Kontakte auch die Pistole, die Carsten S. dann überbracht haben soll.

S. gestand die Tat, anders als Wohlleben. Oberstaatsanwalt Weingarten hatte angekündigt, dies in der Strafmaßforderung zu berücksichtigen. Der Mitangeklagte kann mit Milde hingegen nicht rechnen. „Es wird eng für Ralf Wohlleben“, analysiert Frank Jansen vom Tagesspiegel. Schnell sei deutlich geworden, dass die Bundesanwaltschaft ihn für deutlich stärker belastet halte.

Der entscheidende Punkt für Wohlleben und S. sei, dass beide sehr wohl erkannt hätten, dass mit der Waffe Menschen nichtdeutscher Herkunft getötet werden sollten, fasst Julia Jüttner auf Spiegel Online zusammen. Diesen Vorwurf hatte S. trotz seines Geständnisses zumindest nicht direkt gelten lassen wollen. „An vielen Stellen, die ihm heute unangenehm erscheinen, hatte S. bei seiner Aussage auffällige Schwierigkeiten, klare Antworten zu geben. Weil er nicht wollte oder weil er nicht konnte?“, fragen wir auf ZEIT ONLINE.

Neue Erwägungen zur Aufklärung des NSU-Komplexes gibt es beim Untersuchungsausschuss des Sächsischen Landtags. Dessen Vizechefin Kerstin Köditz (Linke) überlege, Beate Zschäpe als Zeugin zu laden, wie die Sächsische Zeitung berichtet. Dahinter steht die Annahme, dass der NSU aus mehr als drei Personen bestand. Vor einer möglichen Vernehmung müsste aber das NSU-Verfahren abgeschlossen sein.

Das nächste Medienlog erscheint am Mittwoch, 2. August 2017.