{"id":10198,"date":"2015-10-27T19:36:39","date_gmt":"2015-10-27T18:36:39","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/nsu-prozess-blog\/?p=10198"},"modified":"2015-10-27T20:34:12","modified_gmt":"2015-10-27T19:34:12","slug":"aufklarung-in-eigener-sache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/nsu-prozess-blog\/2015\/10\/27\/aufklarung-in-eigener-sache\/","title":{"rendered":"Aufkl\u00e4rung in eigener Sache"},"content":{"rendered":"<p><strong>Im NSU-Prozess untersucht das Gericht den Fall der erfundenen Nebenkl\u00e4gerin. Dabei zeigt sich, wie listig ein Opfer in das Verfahren geschleust wurde \u2013 es hilft aber nicht bei der Aufkl\u00e4rung der Mordserie.<\/strong><\/p>\n<p>Das Phantom ist eine \u00e4ltere Frau mit kurzen, hellblonden Haaren und einer Brille. Es gibt ein Bild von ihr, das erschreckend aussieht: Die Seniorin sitzt auf einem Sofa, \u00fcber ihr linkes Auge ist Verband gelegt, die Haut dahinter ist ger\u00f6tet. Das soll Meral Keskin sein, ein Opfer des NSU-Anschlags in K\u00f6ln von 2004, das bis vor Kurzem Nebenkl\u00e4gerin im M\u00fcnchner Terrorismusprozess war.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Doch das stellte sich Anfang des Monats als L\u00fcge heraus: Frau Keskin existiert nicht, ihr Nebenklageanwalt Ralph Willms hatte das Mandat gegen Zahlung einer Provision angenommen, gezahlt an das tats\u00e4chliche Anschlagsopfer Attila \u00d6. Gegen \u00d6. hat Willms mittlerweile Strafanzeige gestellt.<\/p>\n<p>Die Richter im NSU-Prozess hatten Keskins Antrag auf Zulassung zur Nebenklage auf Grundlage eines gef\u00e4lschten Arztattests gestattet. Das war vielleicht ein fahriger Schritt. Deshalb wollen sie an diesem Tag aufdecken, was tats\u00e4chlich hinter dem Zeugen-Phantom steckt. F\u00fcr Gericht und Bundesanwaltschaft war der BKA-Ermittler Frank L. nach K\u00f6ln gefahren, um die Hintergr\u00fcnde zu recherchieren. An diesem Tag sagt er vor Gericht aus \u2013 was eigentlich Zeugen vorbehalten ist, die Informationen zu Schuld oder Unschuld der Angeklagten liefern k\u00f6nnen. In diesem Fall aber betreibt der Strafsenat Aufkl\u00e4rung in eigener Sache.<\/p>\n<p>Die Angelegenheit war pikant. L. bekam sie in einer Akte mit dem Vermerk &#8222;Eilt sehr!&#8220; vorgelegt. Informationen hatte er nur wenige. Meral Keskin hatte kein Geburtsdatum und keine Telefonnummer, nur eine Adresse \u2013 dieselbe wie Attila \u00d6.<\/p>\n<p>Schon einen Tag, nachdem der Betrugsfall \u00f6ffentlich geworden war, wollte L. eine Vernehmung mit Anwalt Willms f\u00fchren. Der allerdings sagte am Vorabend ab \u2013 wegen angeblicher gesundheitlicher Probleme &#8222;auf unbekannte Dauer&#8220;. Blieben noch die Adresse von Attila \u00d6. sowie zwei Fotos von Meral Keskin. Einmal mit Verband und einmal nach der angeblichen Genesung. Der Anwalt hatte seine Mandantin ausschlie\u00dflich auf diesen Bildern gesehen, die ihm \u00d6. vorgelegt hatte. Ermittler L. hatte bereits einen Verdacht: Von \u00d6.s in der T\u00fcrkei geborener Mutter gibt es ein Bild im Ausl\u00e4nderzentralregister. Nach einem Vergleich der Fotos galt als relativ sicher, dass \u00d6. seine Mutter als falsches Opfer in den Prozess geschleust hatte.<\/p>\n<p>Letzte Sicherheit sollte ein Hausbesuch liefern. Gemeinsam mit drei anderen Polizisten suchte L. die Wohnung von \u00d6. auf, dessen Mutter schlafend auf der Couch lag. \u00d6. selbst wollte sich nur z\u00f6gernd zu der Aff\u00e4re \u00e4u\u00dfern. L. befragte ihn als Zeugen f\u00fcr den Prozess, nicht als Verd\u00e4chtigen, der er nach der Betrugsanzeige des Anwalts war. \u00d6. telefonierte mit seinem eigenen Anwalt, der riet ihm ab.<\/p>\n<p>&#8222;Ich habe dann noch mal an Herrn \u00d6. appelliert, es sich zu \u00fcberlegen&#8220;, erz\u00e4hlt L. Daraufhin redete sich \u00d6. in Rage \u2013 \u00fcber die Presse, von der er sich in ein schlechtes Licht gestellt f\u00fchlt, vor allem aber \u00fcber Anwalt Willms. &#8222;Er sagte, Herr Willms habe sich die 5.000 Euro eingesteckt&#8220;, erinnert sich L. Die Summe wurde aus dem Opferentsch\u00e4digungsfonds der Bundesregierung gezahlt \u2013 ebenfalls zu Unrecht, wie heute klar ist. Berichten zufolge ging sie auf einer Art Treuhandkonto ein, das Willms verwaltete. \u00d6., der mutma\u00dfliche Betr\u00fcger, w\u00e4hnte sich jedoch selbst betrogen.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich fragte der Kommissar, ob es das mysteri\u00f6se NSU-Opfer nun gebe oder nicht. &#8222;Nein, eine Meral Keskin gibt es nicht&#8220;, habe \u00d6. darauf geantwortet. Gewundert haben will sich \u00d6. demnach jedoch, dass er Post auf ihren Namen erhielt.<\/p>\n<p>Das l\u00e4sst ahnen, mit welch krimineller Energie das Nebenklage-Phantom kreiert wurde: Hatte \u00d6. seiner Mutter f\u00fcrs Foto eigens einen Verband angelegt, um seine Glaubw\u00fcrdigkeit vor dem Anwalt zu st\u00e4rken? Hatte er ein Schild mit dem erdachten Namen an seinem Briefkasten angebracht, um die Post abfangen zu k\u00f6nnen? Die K\u00f6lner Staatsanwaltschaft, bei der die Anzeige des Anwalts eingegangen ist, d\u00fcrfte noch einige Fragen an \u00d6. haben.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Verteidiger im NSU-Prozess war es wom\u00f6glich heimliche Freude, als mit der Aff\u00e4re nun der Nimbus der Unglaubw\u00fcrdigkeit an der oft unbequemen Nebenklage hing. Die Aufkl\u00e4rung des Vorfalls ging ihnen nicht weit genug: Beate Zsch\u00e4pes Anwalt Wolfgang Stahl beschwerte sich, L. sei mit seinem Appell zur Aussage an den Zeugen zu weit gegangen.<\/p>\n<p>Die Verteidiger des Mitangeklagten Ralf Wohlleben wollten wissen, wieso die Beamten beim Hausbesuch nicht \u00d6.s Mutter befragten. &#8222;Es war Wochenende, das w\u00e4re ein gewisser Aufwand gewesen&#8220;, antwortet L. Wohlleben-Anwalt Olaf Klemke nannte die Ermittlung im Anschluss &#8222;wieder mal bezeichnend&#8220;.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich aber sind die entscheidenden Fragen in der Betrugsaff\u00e4re gekl\u00e4rt \u2013 zu den Details wird sich Attilla \u00d6. wohl noch vor einem K\u00f6lner Gericht erkl\u00e4ren m\u00fcssen. Und im NSU-Prozess k\u00f6nnte es wieder um Schuld oder Unschuld der Angeklagten gehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im NSU-Prozess untersucht das Gericht den Fall der erfundenen Nebenkl\u00e4gerin. 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