{"id":2666,"date":"2011-09-08T17:09:16","date_gmt":"2011-09-08T15:09:16","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/open-data\/?p=2666"},"modified":"2011-09-09T11:22:44","modified_gmt":"2011-09-09T09:22:44","slug":"viele-hadern-noch-mit-der-idee-open-data","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/open-data\/2011\/09\/08\/viele-hadern-noch-mit-der-idee-open-data\/","title":{"rendered":"&#8222;Viele hadern noch mit der Idee Open Data&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Der Begriff Open Data hat eine steile Karriere hinter sich. Vor wenigen Jahren konnten h\u00f6chstens Insider etwas mit der verhei\u00dfungsvollen Begriffskombination aus &#8222;offen&#8220; und &#8222;Daten&#8220; anfangen. Heute sieht das anders aus. Die Bereitstellung von Daten, die beispielsweise von \u00f6ffentlichen Stellen erhoben wurden, k\u00f6nnte zu neuen Anwendungen f\u00fchren. Der vielfach geforderte &#8222;maschinenlesbare&#8220; Staat w\u00fcrde transparenter und b\u00fcrgerfreundlicher. So w\u00e4ren zum Beispiel Anwendungen denkbar, die <a href=\"http:\/\/bund.offenerhaushalt.de\/\" target=\"_blank\">Geldfl\u00fcsse aus Haushaltsmitteln<\/a> veranschaulichen.<\/p>\n<p>Aus diesen Gr\u00fcnden interessieren sich auch mittlerweile Kommunen und Unternehmen\u00a0f\u00fcr das Feld. Selbst <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/open-data\/2011\/07\/13\/landtagswahl-opengov-hauptstadt\/\">in den aktuellen Wahlk\u00e4mpfen<\/a> taucht das Thema an der Peripherie auf.\u00a0Aber wo steht die noch immer junge Open-Data-Bewegung? Welche Perspektiven bieten sich ihr? Und was sind ihre gr\u00f6\u00dften Herausforderungen, gerade in Deutschland? Das sind die Themen eines Interviews mit Lorenz Matzat. Seit Oktober 2010 schrieb er im Open-Data-Blog. Jetzt zieht er Bilanz. Denn Lorenz Matzat geht von Bord. Neue Projekte stehen auf seiner Agenda.<\/p>\n<p>Das Interview f\u00fchrte Markus Heidmeier, Autor des Leaks-Blogs hier auf ZEIT ONLINE.\u00a0Nach dem Abgang von Matzat werden das Leaks-Blog und das Open-Data-Blog im Data-Blog vereint. In ihm wird es k\u00fcnftig um das gesamte Spektrum gehen \u2013 von Open Data bis Datenjournalismus.<\/p>\n<p><strong>Markus Heidmeier: <\/strong>Springen wir mal ein paar Jahre zur\u00fcck. Wie bist Du eigentlich mit dem Thema Open-Data und Datenjournalismus in Ber\u00fchrung gekommen?<\/p>\n<p><strong>Lorenz Matzat:<\/strong> Mit einigen Kollegen habe ich 2009 das Projekt wahlversprechen.info umgesetzt. Eine Plattform, auf der die Zuverl\u00e4ssigkeit von Wahlkampfaussagen beobachtet werden kann, Stichwort <em>Crowdsourcing<\/em>. In dem Zusammenhang verfolgten wir Barack Obamas Wahlkampf in den USA bei dem die Themen Open Data und Open Government eine Rolle spielten. Ende 2009 gr\u00fcndeten wir dann den Verein Open-Data-Network. Zu diesem Zeitpunkt stie\u00df ich dann auch auf das <a href=\"http:\/\/www.guardian.co.uk\/news\/datablog\">Datablog des <em>Guardian<\/em><\/a>, das seit Fr\u00fchjahr 2009 l\u00e4uft.<\/p>\n<p><strong>Heidmeier: <\/strong>Welche Bedeutung hast Du dem anfangs beigemessen, beziehungsweise welche Erfolgschancen hast Du anfangs f\u00fcr Open-Data Konzepte gesehen? Welche Erwartungen waren mit der Bewegung am Anfang verkn\u00fcpft?<\/p>\n<p><strong>Matzat:<\/strong> Es war naive Euphorie dabei. Es war alles noch sehr unkonkret und abstrakt. Ein Punkt war aber bereits klar zu erkennen: Hier steckt ein enormes gesellschaftliches, mediales aber auch unternehmerisches Potential. Endlich l\u00e4sst sich mal etwas Sinnvolles mit dem Internet anfangen jenseits von Shopping und schnellem Informationsaustausch.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Heidmeier: <\/strong>Wenn Du diese Einsch\u00e4tzungen mit der Gegenwart vergleichst, welche Hoffnungen haben sich erf\u00fcllt?<\/p>\n<p><strong>Matzat:<\/strong> Nun, das Thema ist heute nicht mehr nur Insidern bekannt. Es gibt in Deutschland bereits eine Stadt, die <a href=\"http:\/\/www.muenchen.de\/opendata\">ein offizielles Open-Data-Portal hat<\/a> \u2013 M\u00fcnchen. In Berlin soll im September eins starten. Auch <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/open-data\/2011\/08\/26\/open-government-egov-hh\/\">in Hamburg geht es voran<\/a>. International gibt es eine enorme Dynamik. Wohin die Reise geht, ist aber nicht ausgemacht. Die Reaktionen auf Ausschreitungen in Gro\u00dfbritannien zeigen, wie ein einerseits fortschrittlicher Staat andererseits auch ganz schnell auf Repressions- und \u00dcberwachungsstaat umschalten kann.<\/p>\n<p><strong>Heidmeier: <\/strong>Und was sind die gr\u00f6\u00dften Defizite? Gerade in Deutschland?<\/p>\n<p><strong>Matzat:<\/strong> Open Data ist weiterhin ein technokratisches, akademisches und meist m\u00e4nnlich gepr\u00e4gtes Thema. Die etablierte Politik wie auch die Medien hierzulande hadern weiterhin mit dem Internet. Es wird als Bedrohung empfunden, nicht zuletzt weil es viele Vorg\u00e4nge der Politb\u00fcrokratie automatisieren kann. Damit wird so mancher Posten \u00fcberfl\u00fcssig und es werden somit Machtbeziehungen nivelliert. Dass die Transparenz, die mit Open Data einhergeht, prinzipiell in einer Demokratie geboten ist, wird wenig gew\u00fcrdigt.<\/p>\n<p><strong>Heidmeier: <\/strong>Von Deutschland auf die internationale Ebene: Wo steht die Open-Data-Bewegung in Deutschland im Vergleich mit anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, vor allem aber mit dem angels\u00e4chsischen Raum?<\/p>\n<p><strong>Matzat:<\/strong> Deutschland liegt international gesehen vielleicht im hinteren Mittelfeld, zumindest unter den Industriestaaten. Es fehlen einflussreiche Politikerinnen und Politiker, sowohl in der Regierung als auch in der Opposition, die \u00fcberzeugt f\u00fcr Open Government eintreten. In Gro\u00dfbritannien dagegen wird Open Data vom Kabinettsminister Francis Maude vorangetrieben. W\u00e4hrend in den USA Gelder f\u00fcr Vorhaben von data.gov bereits wieder zusammengestrichen wurden, mausert sich das Vereinigte K\u00f6nigreich zum Motor und Ma\u00dfstab internationaler Bem\u00fchungen f\u00fcr offenes Regierungshandeln.<\/p>\n<p><strong>Heidmeier: <\/strong>Warum sind die Entwicklungen so verschieden verlaufen?<\/p>\n<p><strong>Matzat:<\/strong> In einem Interview hier im Blog hat <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/open-data\/2011\/01\/27\/bunz-algorithmen-digitalisierung\/\">Mercedes Bunz f\u00fcr Gro\u00dfbritannien den Utilatarismus als eine wichtige Ursache benannt<\/a>. Die Regierung dort m\u00fcsse st\u00e4ndig ihre N\u00fctzlichkeit unter Beweis stellen und setze daf\u00fcr eben auch jede technische M\u00f6glichkeit ein. Den Beh\u00f6rden und politischen Verwaltungen in Deutschland dagegen steckt immer noch eine geh\u00f6rige Portion Obrigkeitsstaat in den Knochen.<\/p>\n<p><strong>Heidmeier: <\/strong>Und gilt das auch f\u00fcr die Zukunft?<\/p>\n<p><strong>Matzat:<\/strong> Das h\u00e4ngt von uns B\u00fcrgern, sprich der Zivilgesellschaft ab. Politische Fortschritte sind in der Regel nur durch soziale Auseinandersetzungen zu erreichen. Wenn wir mehr Teilhabe und Transparenz haben wollen, m\u00fcssen wir das den Parteien abringen. Die haben de facto aus ihrem grundgesetzlich garantierten Mitwirkungsrecht an Politik ein Monopol gemacht. Die Parteien sind zurzeit generell recht ratlos und angeschlagen \u2013 vielleicht k\u00f6nnen wir sie ein wenig zu ihrem Gl\u00fcck zwingen.<\/p>\n<p><strong>Heidmeier: <\/strong>Kann man eigentlich von der Open-Data-Bewegung sprechen, oder ist das eine typische Pauschalisierung, wie man sie bei neuen Str\u00f6mungen oft antrifft?<\/p>\n<p><strong>Matzat:<\/strong> Sowohl als auch. Die Szene ist nach wie vor recht klein. Vielleicht besteht sie aus einigen hundert aktiven Personen in Europa. Interessant daran ist die Mixtur aus Wissenschaftlern, Aktivisten, Beamten und Unternehmern. Das diffuse Ziel, einen irgendwie offeneren Staat zu haben, eint dabei. Aber was darunter genau verstanden wird, ist sehr unterschiedlich. Das Spektrum reicht von Verwaltungsmodernisierung bis hin zu quasi-revolution\u00e4ren Ideen. Dar\u00fcber hinaus unterscheiden sich die Motivationslagen. Die ersten tun es aus rein philanthropischem Antrieb, die zweiten aus Unternehmensgeist, die dritten mit dem Ziel, Regierungs- und Verwaltungshandeln effizienter zu gestalten. Die vierten werden f\u00fcrs Forschen in diesem Bereich bezahlt. Und im Zweifel gibt es auch ein Gemisch all dieser Motivationen in einer Person.<\/p>\n<p><strong>Heidmeier: <\/strong>Wer sind die Motoren dieser neuen Entwicklungen? Aktivisten? Entwickler, als technische Innovatoren? Oder doch gro\u00dfe Player wie staatliche Institutionen und Medienh\u00e4user?<\/p>\n<p><strong>Matzat:<\/strong> Derzeit zeichnet sich eine klassische Entwicklung ab. Die Phase der Innovation im &#8222;Underground&#8220; geht zu Ende. Investoren springen auf, es entsteht ein Markt f\u00fcr Daten und entsprechende Anwendungen. Beispielsweise hat das <a href=\"http:\/\/datamarket.com\/\">isl\u00e4ndische Startup DataMarket<\/a> gerade 1,2 Million Dollar an Investorengeldern eingeworben. Die <a href=\"http:\/\/okfn.org\/\">Open Knowledge Foundation<\/a>, eine der Triebfedern der Open-Data-Bewegung in Europa, professionalisiert sich zusehends und schafft mehr bezahlte Stellen. Konkret in Deutschland ist zu beobachten, wie sich Schwergewichte wie die Bertelsmann-Stiftung dem Thema zuwenden. Kritiker bef\u00fcrchten, dass es dabei um Markt\u00f6ffnung f\u00fcr Unternehmen des Bertelsmannkonzerns geht, etwa Avarto. Abgesehen vom britischen <em>Guardian<\/em> spielen etablierte Medien in Europa so  gut wie keine Rolle. Dieses Blog hier stellt f\u00fcr Deutschland eine Ausnahme dar.<\/p>\n<p><strong>Heidmeier: <\/strong>Wo erwartest Du in den n\u00e4chsten Jahren die gr\u00f6\u00dfte Innovationen und wie k\u00f6nnten die aussehen?<\/p>\n<p><strong>Matzat:<\/strong> Immer mehr Ger\u00e4te werden Daten sammeln und von sich geben, die Rede ist vom <a href=\"http:\/\/www.readwriteweb.com\/archives\/top_10_internet_of_things_developments_of_2010.php\">&#8222;Internet der Dinge&#8220;<\/a>. Wenn diese Informationen gepaart werden mit dem semantischen Web, also netzbasierter Software, die eigenst\u00e4ndig Zusammenh\u00e4nge und Schl\u00fcsse ziehen kann, werden sehr praktische Dienste m\u00f6glich. In einigen Jahren d\u00fcrften wir mit unseren mobilen Ger\u00e4ten unmittelbaren Zugang zu Daten \u00fcber so ziemlich alles um uns herum haben. Die Ger\u00e4te werden auch Daten messen, nicht zuletzt von uns selbst, Gesundheitsdaten etwa. Jedenfalls k\u00f6nnen Daten immer besser ausgewertet und in den Zusammenhang mit anderen Informationen gebracht werden. Der st\u00e4ndige Zugriff auf Analysen und daraus automatisiert errechnete Ratschl\u00e4ge wird so normal, wie heute die Nutzung von Wikipedia oder Google Maps.<\/p>\n<p><strong>Heidmeier: <\/strong>Wenn Deutschland Dich als Berater anheuern w\u00fcrde, mit der Bitte die drei, vier oder f\u00fcnf wichtigsten Open-Data-Projekte anzusto\u00dfen, welche w\u00e4ren das?<\/p>\n<p><strong>Matzat:<\/strong> Ich w\u00fcrde zu einem fundamentalen Wandel raten, der allerdings seine Zeit dauern d\u00fcrfte: Dabei ginge es vor allem darum, alle Informationen des Staates und \u00f6ffentlich finanzierter Vorhaben in maschinenlesbarer Form und als linked-data zu ver\u00f6ffentlichen. M\u00f6glichst in Echtzeit. Damit meine ich auch Protokolle sowie beh\u00f6rdlichen Schrift- und E-Mail-Verkehr. Aber auch Finanzdaten oder die Taktung von Ampelphasen. Alles was nicht unmittelbar personenbezogen oder sicherheitsrelevant ist, muss ans Licht. Die Verwaltungen aller Ebenen &#8211; Kommune, Land, Bund &#8211;\u00a0 stehen im Dienste des Souver\u00e4ns. Sie werden von ihm finanziert und sind den B\u00fcrgern rechenschaftspflichtig. Staatliche Stellen, Stiftungen, Medien, NGO und private Unternehmen k\u00f6nnen mit diesen Daten dann Dienste entwickeln, die den Bed\u00fcrfnissen der B\u00fcrger entsprechen. Gleichzeit k\u00f6nnten politische Auseinandersetzung und Mitwirkung g\u00e4nzlich anders funktionieren.<\/p>\n<p><strong>Heidmeier: <\/strong>Wie wichtig war der Austausch mit den Lesern des Blogs? Und was hast Du da lernen k\u00f6nnen?<\/p>\n<p><strong>Matzat:<\/strong> Es gab gute Hinweise sowie interessante Stellungnahmen und Perspektiven auf Projekte und Sachverhalte. Vor allem war zu beobachten, dass zumindest unter den Kommentatoren das Thema Open Data offene T\u00fcren einrennt.<\/p>\n<p><strong>Heidmeier: <\/strong>Das Open-Data-Blog ist erfolgreich, jetzt steigst Du aus. Was sind die neuen Projekte?<\/p>\n<p><strong>Matzat:<\/strong> Zum einen werde ich mich mehr mit Datenjournalismus besch\u00e4ftigen. Auch arbeite ich an einer datengetriebenen hyperlokalen Informationsplattform. Zum anderen werde ich die NGO <a href=\"http:\/\/digitalegesellschaft.de\/\">Digitale Gesellschaft<\/a> im Bereich Open Data unterst\u00fctzen. Und sicher werde ich \u00fcber das Thema auch weiterhin schreiben.<\/p>\n<p><em><strong>UPDATE:<\/strong> Dank an die Kommentare. Wir haben das Intro um eine knappe Erkl\u00e4rung erg\u00e4nzt. <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Begriff Open Data hat eine steile Karriere hinter sich. 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