{"id":3715,"date":"2012-05-24T11:52:12","date_gmt":"2012-05-24T09:52:12","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/open-data\/?p=3715"},"modified":"2012-05-24T17:27:27","modified_gmt":"2012-05-24T15:27:27","slug":"migranten-statistik-bundeslaender","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/open-data\/2012\/05\/24\/migranten-statistik-bundeslaender\/","title":{"rendered":"Niemand wei\u00df, wie viele Migranten es in Deutschland gibt"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_3723\" aria-describedby=\"caption-attachment-3723\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/open-data\/files\/2012\/05\/migration1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-3723\" title=\"migrationshintergrund 04pb blogteaser\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/open-data\/files\/2012\/05\/migration1.jpg\" alt=\"\" width=\"540\" height=\"304\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/open-data\/files\/2012\/05\/migration1.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/open-data\/files\/2012\/05\/migration1-300x168.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3723\" class=\"wp-caption-text\">Anteil von Migranten an der Bev\u00f6lkerung in den einzelnen Bundesl\u00e4ndern \/ Quelle: ZEIT ONLINE<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Manchmal l\u00f6sen die einfachsten Fragen die gr\u00f6\u00dften Irritationen aus. ZEIT ONLINE etwa wollte lediglich wissen, wie viele Menschen mit Migrationshintergrund in welchem Bundesland leben. (Man kann sich an dem Ausdruck st\u00f6ren oder ihn albern finden, aber er umfasst alle diejenigen, die als Migranten wahrgenommen werden, unabh\u00e4ngig von ihrer Staatsangeh\u00f6rigkeit). Wir hatten mit einem Zeitaufwand von einer halben Stunde gerechnet. Daraus wurden drei Wochen.<\/p>\n<p>Menschen mit Migrationshintergrund sind hierzulande ein Politikum. Alle reden \u00fcber sie, ziehen diesen Begriff f\u00fcr allerhand Vergleiche heran \u2013 doch niemand wei\u00df, wie viele damit genau bezeichnet werden. Hier die Geschichte unserer Recherche.<\/p>\n<p>Als Antwort auf die obige Frage wurde uns vom Statistischen Bundesamt mitgeteilt, genaue Zahlen k\u00f6nnten nur f\u00fcr die alten Bundesl\u00e4nder angegeben werden. F\u00fcr f\u00fcnf Bundesl\u00e4nder gebe es sie nicht. Zitat: &#8222;590.000 Personen mit Migrationshintergrund lebten 2010 zusammengenommen in den Neuen Bundesl\u00e4ndern.&#8220;<\/p>\n<p><strong>&#8222;Die Zahlen gibt es nicht&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr eine genauere Aufschl\u00fcsselung dieser Zahl verweist man an die fraglichen f\u00fcnf Statistischen Landes\u00e4mter. Doch keines davon will mehr sagen als diese eine pauschale Zahl f\u00fcr alle zusammen. Eine Aufschl\u00fcsselung der Migranten f\u00fcr jedes Bundesland ist angeblich nicht erh\u00e4ltlich.<\/p>\n<p>Dass das nicht ganz stimmt, l\u00e4sst eine interne Mail vermuten, die ganz offensichtlich aus Versehen an uns geschickt wird. Denn sie legt nahe, dass diese Pauschalzahl eine Verabredung ist: Diese unsere Anfrage &#8222;ist wahrscheinlich an alle neuen Bundesl\u00e4nder gegangen; werden Sie koordinieren?&#8220;, hei\u00dft es da aus Th\u00fcringen. Und: &#8222;Sicherlich ist die Datenlage in unseren L\u00e4ndern \u00e4hnlich &#8218;d\u00fcnn&#8216;.&#8220; Dass das &#8222;d\u00fcnn&#8220; in Anf\u00fchrungszeichen steht, bietet viel Spielraum f\u00fcr Spekulationen. Die Antwort aus Brandenburg lautet: &#8222;ja ich werde dem Journalisten mitteilen, dass es keine Daten f\u00fcr die einzelnen NBL [Neue Bundesl\u00e4nder, Anm. d. Autors] gibt.&#8220;<\/p>\n<p>Soll das etwa hei\u00dfen, dass die Zahlen existieren, aber nicht an die \u00d6ffentlichkeit kommen sollen? Wir sind verwundert und fragen weiter: Bei den Statistik\u00e4mtern und beim f\u00fcr sie zust\u00e4ndigen Bundesinnenministerium.<\/p>\n<p>Und tats\u00e4chlich, die Zahlen existieren. <a href=\"https:\/\/www.google.com\/fusiontables\/embedviz?viz=MAP&amp;q=select+col0%3E%3E0+from+1BhNbJ9pggrDpyN8VgpUTrr4WdyubzcFdd5sx_fw+&amp;h=false&amp;lat=51.09480655634397&amp;lng=10.166226543409964&amp;z=6&amp;t=1&amp;l=col0%3E%3E0&amp;y=1&amp;tmplt=1\" target=\"_blank\">Hier zu sehen als Google Fusion Table.<\/a><\/p>\n<p>Sie werden bei der j\u00e4hrlichen Erhebung von Bev\u00f6lkerungsdaten, dem sogenannten Mikrozensus, detailliert und methodisch erfragt, sollen jedoch nicht \u00f6ffentlich verwendet werden. Offiziell lautet der Grund f\u00fcr die Nicht-Ver\u00f6ffentlichung, der uns nun genannt wird: Zu kleine Fallzahlen, daher zu gro\u00dfe Fehlerwahrscheinlichkeit nach der Hochrechnung.<\/p>\n<p>Beim Mikrozensus wird j\u00e4hrlich ein Prozent der Haushalte in Deutschland von den Statistischen Landes\u00e4mtern befragt. Die Ergebnisse dieser Befragung werden auf das jeweilige Land hochgerechnet \u2013 grob gesagt: mit 100 multipliziert. Ausnahme: Ein abgefragter Fall tritt zu selten auf, was nat\u00fcrlich in bev\u00f6lkerungsschwachen Bundesl\u00e4ndern h\u00e4ufiger vorkommt. Dann wird allerdings nicht im Einzelfall nach Lust und Laune entschieden. Vielmehr gibt es einen klar definierten einheitlichen Schwellenwert. Dagmar Ertl vom Statistischen Amt Saarland erkl\u00e4rt:<\/p>\n<p><strong>Es gibt sie doch, aber sie sind ungenau<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Bei Stichprobenerhebungen wie dem Mikrozensus treten zufallsbedingte Fehler auf. Das sind Abweichungen, die darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren sind, dass nicht alle Einheiten der Grundgesamtheit befragt wurden. Als Sch\u00e4tzwert f\u00fcr den zufallsbedingten Stichprobenfehler dient der so genannte Standardfehler, der aus den Einzeldaten der Stichprobe berechnet wird. F\u00fcr hochgerechnete Jahresergebnisse, das hei\u00dft f\u00fcr weniger als 50 F\u00e4lle in der Stichprobe geht der einfache relative Standardfehler \u00fcber 15 Prozent hinaus. Solche Ergebnisse haben nur noch einen geringen Aussagewert und sollten deshalb f\u00fcr Vergleiche nicht mehr herangezogen werden. Hochgerechnete Besetzungszahlen unter 5.000 werden demzufolge nicht nachgewiesen und in Ver\u00f6ffentlichungen des Mikrozensus durch einen Schr\u00e4gstrich (&#8222;\/&#8220;) ersetzt.&#8220;<\/p>\n<p>Aus diesem Grund tauche etwa die Bev\u00f6lkerungsgruppe der \u00dcber-95-J\u00e4hrigen in Hamburg nur als &#8222;\/&#8220; in Ver\u00f6ffentlichungen auf, sagt Dr. J\u00fcrgen Delitz vom Statistikamt Nord (Hamburg \/ Schleswig-Holstein). Diese Gruppe sei schlicht zu klein.<\/p>\n<p>Die Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund in den Neuen Bundesl\u00e4ndern indes ist mit den genannten 590.000 gr\u00f6\u00dfer als eine halbe Million Menschen. Selbst in Mecklenburg-Vorpommern leben laut der internen Statistik hochgerechnet 77.000 von ihnen \u2013 deutlich mehr also als die geforderten 5.000.<\/p>\n<p>Auf erneute Nachfrage argumentieren die Beh\u00f6rden pl\u00f6tzlich mit der relativen Zahl, die zu gering sei, um sichere Aussagen zu treffen. In der Tat betr\u00e4gt die Quote der Menschen mit Migrationshintergrund im Osten knapp f\u00fcnf Prozent. Im Westen sind es rund 22 Prozent.<\/p>\n<p>Das Statistische Landesamt Saarland best\u00e4tigt allerdings das Naheliegende: Mit dem absoluten Schwellenwert 5.000 seien &#8222;auch potenziell niedrige relative Fallzahlen abgedeckt&#8220;.<\/p>\n<p>Prof. Dr. Walter Kr\u00e4mer, Statistikprofessor an der TU Dortmund, kritisiert uns gegen\u00fcber die Nicht-Ver\u00f6ffentlichung detaillierter Zahlen als nicht nachvollziehbar: &#8222;Die wahren Motive der Datenproduzenten sind f\u00fcr mich ein Mysterium.&#8220; F\u00fcr uns auch, wir fragen weiter, unsere Mails erreichen immer h\u00f6here R\u00e4nge der B\u00fcrokratie, wie wir an den Absendern sehen.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Migranten sind untererfasst&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Schlie\u00dflich taucht ein neues Argument auf. Per Mail erkl\u00e4rt das Statistische Bundesamt: &#8222;Die nichtdeutsche Bev\u00f6lkerung wird zudem gegen\u00fcber der deutschen Bev\u00f6lkerung im Mikrozensus untererfasst. Diese Untererfassung ist in den Bundesl\u00e4ndern Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Th\u00fcringen deutlicher ausgepr\u00e4gt, als in den anderen Bundesl\u00e4ndern. Teilweise erreicht die Untererfassung das Dreifache im Vergleich zur regul\u00e4ren Auswahl. In diesen F\u00e4llen wird in dieser Bev\u00f6lkerungsgruppe nicht jeder hundertste, sondern nur jeder dreihundertste befragt.&#8220;<\/p>\n<p>Die Nichtver\u00f6ffentlichung wird in dieser Mail auch nicht mehr allein mit der Fehlerquote erkl\u00e4rt, sondern mit &#8222;methodischen Gr\u00fcnden&#8220;: &#8222;Aufgrund der vorstehend genannten Sachlage und der daraus resultierenden geringeren Datenqualit\u00e4t haben sich die Statistischen Landes\u00e4mter von Berlin-Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Th\u00fcringen aus methodischen Gr\u00fcnden dazu entschlossen \u2013 unabh\u00e4ngig von der H\u00f6he eines statistischen Schwellenwertes \u2013 keine Ergebnisse aus dem Mikrozensus f\u00fcr Ausl\u00e4nderinnen und Ausl\u00e4nder und Personen mit Migrationshintergrund auf der Ebene der einzelnen Bundesl\u00e4nder zu publizieren.&#8220;<\/p>\n<p>Es folgen weitere Erl\u00e4uterungen, unter anderem vom Landesamt f\u00fcr Statistik in Brandenburg, die sich auf die &#8222;Klumpenform&#8220; der Befragungsbezirke beim Mikrozensus beziehen. In Kurzform besagen sie, dass die Methode des Mikrozensus nicht dazu taugt, Menschen mit Migrationshintergrund korrekt zu z\u00e4hlen. Die Daten, die bei dem Verfahren herauskommen, seien zu ungenau, zu schlecht. Zuf\u00e4llige Befragung und Hochrechnungen k\u00e4men hier an ihre statistische Grenze. Was zur Frage f\u00fchrt, ob solche grundlegenden Probleme dann nicht f\u00fcr all diese Zahlen gelten, also auch f\u00fcr die 590.000 und f\u00fcr die Angaben zu den alten Bundesl\u00e4ndern&#8230;<\/p>\n<p>Das Bundesamt verweist anschlie\u00dfend auf das Ausl\u00e4nderzentralregister. Dort gebe es Zahlen, die &#8222;nicht mit den oben genannten Datenqualit\u00e4tsproblemen behaftet sind&#8220;. Zum Schluss gibt es noch einen Link. <a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/Publikationen\/Thematisch\/Bevoelkerung\/MigrationIntegration\/AuslaendBevoelkerung2010200117004.pdf?__blob=publicationFile\" target=\"_blank\">Es ist dieser hier<\/a>.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich stehen dort detaillierte Angaben zu den einzelnen Bundesl\u00e4ndern. Aber erfasst werden nur &#8222;Ausl\u00e4nder&#8220;, also jene, die keinen deutschen Pass haben. Wir jedoch wollten wissen, wie viele Menschen als Migranten gelten \u2013 was auch Menschen meint, deren Eltern vielleicht einst einwanderten, die aber Deutsche sind.<\/p>\n<p>Obwohl in der \u00d6ffentlichkeit dauernd von diesen Migranten die Rede ist, wei\u00df hierzulande also offiziell niemand, auf wie viele Menschen diese Bezeichnung zutrifft. Wir haben daher die &#8222;schlechten&#8220; Zahlen der Statistik\u00e4mter <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/zeitgeschehen\/2012-05\/cottbus-nazi-npd-chan-asyl\/seite-2\" target=\"_blank\">in unserer Grafik ver\u00f6ffentlicht<\/a>. M\u00f6gen sie als vage Sch\u00e4tzung dienen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal l\u00f6sen die einfachsten Fragen die gr\u00f6\u00dften Irritationen aus. ZEIT ONLINE etwa wollte lediglich wissen, wie viele Menschen mit Migrationshintergrund in welchem Bundesland leben. (Man kann sich an dem Ausdruck st\u00f6ren oder ihn albern finden, aber er umfasst alle diejenigen, die als Migranten wahrgenommen werden, unabh\u00e4ngig von ihrer Staatsangeh\u00f6rigkeit). 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