{"id":4601,"date":"2013-02-08T09:17:22","date_gmt":"2013-02-08T08:17:22","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/open-data\/?p=4601"},"modified":"2013-02-09T14:44:37","modified_gmt":"2013-02-09T13:44:37","slug":"open-data-portal-deutschland-ohne-open","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/open-data\/2013\/02\/08\/open-data-portal-deutschland-ohne-open\/","title":{"rendered":"Deutschlands Open-Data-Portal wird nur ein Data-Portal"},"content":{"rendered":"<p>Bund und L\u00e4ndern bekommen ein Datenportal, aus dessen Namen wenige Tage vor dem offiziellen Start <a href=\"https:\/\/netzpolitik.org\/2013\/konsequent-kein-open-data-portal-im-bund\/\" target=\"_blank\">das &#8222;Open&#8220; verschwunden ist<\/a>. Das einst als OpenGovData geplante Portal wird nur noch <a href=\"http:\/\/govdata.de\/\" target=\"_blank\">GovData<\/a> hei\u00dfen.<\/p>\n<p>Dass es soweit kommen musste, emp\u00f6rt zahlreiche Organisationen und Aktivisten aus der Open Knowledge Foundation, der Digitalen Gesellschaft, dem Chaos Computer Club und dem Open Data Network. In <a href=\"http:\/\/not-your-govdata.de\/\" target=\"_blank\">einem offenen Brief<\/a> distanzieren sie sich von dem Projekt, weil sie sich nicht instrumentalisieren lassen wollen. Denn viele von ihnen sollten in die Planung f\u00fcr das vom Bundesinnenministerium gef\u00fchrte Datenportal mit einbezogen werden. Dieser Ansatz wird von niemandem grunds\u00e4tzlich kritisiert, er sollte vielmehr selbstverst\u00e4ndlich sein bei staatlichen Vorhaben dieser Art. In diesem Fall ist die Vorgehensweise jedoch zumindest teilweise gescheitert.<\/p>\n<p>Der Protest entz\u00fcndet sich vor allem an drei Punkten:<\/p>\n<ul>\n<li>Erstens bekennen sich Bund und L\u00e4nder mit GovData Deutschland nicht eindeutig zu den unter Open-Data-Aktivisten international l\u00e4ngst anerkannten Standards und Definitionen von &#8222;Open&#8220;. Stattdessen schaffen sie eine nationale Insell\u00f6sung und geben damit nach Ansicht der Unterzeichner des Protestbriefs ein schlechtes Vorbild ab.<\/li>\n<li>Zweitens bleibt es den Beh\u00f6rden selbst \u00fcberlassen, ob sie Daten zu dem Portal beisteuern und wenn ja, welche Nutzung der Daten sie gestatten.<\/li>\n<li>Drittens halten Kritiker die bisher \u00fcber das Portal verf\u00fcgbaren Daten f\u00fcr kaum nachgefragte &#8222;Schnarchdaten&#8220;. Das, hei\u00dft es, sei die Folge von unverbindlichen oder falschen Priorit\u00e4ten, welche Daten zur Verf\u00fcgung gestellt werden sollen. Dass die Standortdaten von Hundekotbeh\u00e4ltern weniger interessant sind als der Energieverbrauch \u00f6ffentlicher Anlagen, liegt dabei auf der Hand. Zusammengenommen steckt in dem offenen Brief der Vorwurf, die deutsche Politik ergehe sich in halbherzigen Schritten und t\u00e4usche Innovationsbereitschaft nur vor.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Beh\u00f6rden f\u00fchlen sich ihren eigenen Ma\u00dfst\u00e4ben verpflichtet <\/strong><\/p>\n<p>Die Teilnehmer der vom Bund organisierten Community-Workshops haben nun in letzter Minute vor allem eines erreicht: Es findet sich kein &#8222;Open&#8220; mehr im Namen des Portals. Damit entgeht die Bundesregierung zumindest der Kritik, sie betreibe hier Etikettenschwindel und eine Verw\u00e4sserung des Begriffs &#8222;Open Data&#8220;.<\/p>\n<p>Eine der Ursachen f\u00fcr die Differenzen d\u00fcrfte schlicht Zeitdruck gewesen sein. Aus informierten Kreisen hei\u00dft es, dass die CeBIT 2013 die Zeitpl\u00e4ne regiert habe. Um bei der Messe irgendetwas mit &#8222;Open Government Data&#8220; pr\u00e4sentieren zu k\u00f6nnen, gab der Bund eine dem Vernehmen nach viel zu kurzfristig angelegte Studie beim Fraunhofer-Institut f\u00fcr offene Kommunikationssysteme (FOKUS) in Auftrag. Ebenso hastig ging es dann offenbar an die technische Umsetzung der Studienempfehlungen.<\/p>\n<p>Die Leitung des Projekts liegt beim Bundesinnenministerium, das aber in st\u00e4ndiger und entsprechend langwieriger Abstimmung mit einer bunt besetzten Bund-L\u00e4nder-Arbeitsgruppe steht. Das h\u00e4tte einzig durch eine mit entsprechender politischer Prokura ausgestattete funktionale Leitung auf Bundesebene abgemildert werden k\u00f6nnen. Die aber gibt es nicht. Weder hat im f\u00f6deralen System hierzulande der Bund eine rechtliche Kompetenz, um in Sachen \u00f6ffentliche Daten &#8222;durchzuregieren&#8220;, noch scheint es bei der Bundesregierung den politischen Willen zu geben, wenigstens eine starke Leithammelfunktion zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>In den L\u00e4ndern sind verschiedene Ministerien, in einem Fall sogar das Landwirtschaftsressort verantwortlich. So kommt es, dass man auf Arbeitsebene des Bundesinnenministeriums zwar irgendwie &#8222;offene Daten&#8220; will, aber immer nur Bittsteller ist gegen\u00fcber den Beh\u00f6rdenleitungen, die sich \u2013 mangels klarer politischer Ansage ihrer jeweiligen Landesregierung \u2013 vor allem ihren eigenen Ma\u00dfst\u00e4ben verpflichtet f\u00fchlen.<\/p>\n<p><strong>Verwaltungsrecht statt Standardlizenzen<\/strong><\/p>\n<p>Die Unterzeichner des offenen Briefes pochen dagegen auf Standards. Neben einigen Standardlizenzmodellen sind das in erster Linie die von unterschiedlichen, durchweg nicht staatlichen Akteuren kuratierten Definitionen und Prinzipien f\u00fcr offene Daten. Beispiele gibt es <a href=\"http:\/\/opendefinition.org\/okd\/deutsch\/\" target=\"_blank\">hier<\/a>, <a href=\"http:\/\/wiki.okfn.de\/10-Prinzipien-fuer-offene-Daten\" target=\"_blank\">hier<\/a> und <a href=\"http:\/\/freedomdefined.org\/Definition\" target=\"_blank\">hier<\/a>. Diese Definitionen sind zwar nicht bindend und auch nicht in v\u00f6lkerrechtlichen Abkommen festgelegt. Aber immerhin funktioniert die Regelfindung stets im Konsens einer gro\u00dfen Zahl von Beteiligten weltweit.<\/p>\n<p>Im Falle von GovData handeln dagegen staatliche Beh\u00f6rden nach den ihnen vertrauten Grunds\u00e4tzen. Vor der Verabschiedung des <a href=\"http:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/ifg\/\" target=\"_blank\">Informationsfreiheitsgesetzes (IFG)<\/a> auf Bundesebene und entsprechender L\u00e4ndergesetze galt eindeutig: Im Zweifel unterliegen beh\u00f6rdliche Vorg\u00e4nge dem Amtsgeheimnis. Wer Akteneinsicht haben wollte, musste eine besondere Berechtigung vorweisen k\u00f6nnen. Noch heute versuchen viele Beh\u00f6rden, Auskunftsantr\u00e4ge nach dem IFG und vergleichbaren Gesetzen auf Biegen und Brechen mittels kreativer Auslegung der darin genannten Ausnahmeregelungen abzulehnen oder massiv zu erschweren. Initiativen wie <a href=\"https:\/\/fragdenstaat.de\/\" target=\"_blank\"><em>Frag den Staat<\/em><\/a> arbeiten mit modernen Mitteln dagegen an.<\/p>\n<p>Die Kritiker bef\u00fcrchten denn auch nicht zu Unrecht, dass viele Beh\u00f6rden \u2013 so sie \u00fcberhaupt die wirklich interessanten Daten herausgeben \u2013 die bei GovData vorgesehene Option w\u00e4hlen, nach der nur eine nicht-kommerzielle Nutzung ihrer Daten gestattet ist. Diese &#8222;Lizenz&#8220; aber widerspricht dem f\u00fcr &#8222;Open Data&#8220; weithin anerkannten Grundsatz, wonach die Daten auch kommerziell nachnutzbar sein m\u00fcssen. Im Grunde ist es aber noch schlimmer. Statt die Nutzung der Daten vertraglich zu regeln, wie es alle Standardlizenzmodelle im Open-Content-Bereich von Wikipedia bis Linux tun, verl\u00e4sst man sich bei GovData lieber auf das deutsche Verwaltungsrecht.<\/p>\n<p>Laien ist dieses juristische Problem schwer zu vermitteln, an dieser Stelle deshalb ein Erkl\u00e4rungsversuch.<\/p>\n<p>Ein einzelnes Faktum, eine schlichte Information wie etwa die Tagesh\u00f6chsttemperatur in Berlin an Heiligabend 2012 ist nach dem Urheberrecht frei verwendbar \u2013 selbst wenn sie in einer ansonsten insgesamt gesch\u00fctzten Datenbank enthalten sein sollte. Doch wer sich auf diesen Grundsatz verl\u00e4sst, hat die Rechnung ohne die schier unbegrenzten M\u00f6glichkeiten des Verwaltungsrechts gemacht. Das Urheberrechtsgesetz ist im Unterschied dazu Teil des Zivilrechts. Alle, die sich in zivilrechtlichem Rahmen bewegen m\u00fcssen (etwa Privatpersonen und Unternehmen), m\u00fcssen mit den &#8222;Werkzeugen&#8220; auskommen, die ihnen das Zivilrecht anbietet.<\/p>\n<p>Staatliche Stellen k\u00f6nnen sich hingegen statt des zivilrechtlichen Rahmens den des Verwaltungsrechts aussuchen, innerhalb dessen sie sich gewisserma\u00dfen ihre eigenen rechtlichen Werkzeuge bauen k\u00f6nnen. Das geht so: Sofern eine Beh\u00f6rde nicht gesetzlich verpflichtet ist, in einer bestimmten Weise zu handeln, kann sie per &#8222;Verwaltungsakt&#8220; f\u00fcr alles, was sie tut, beinahe beliebige Regeln aufstellen. Er wirkt wie ein Gesetz im Miniaturformat. Auch Nutzungsbedingungen k\u00f6nnen in dieser Form definiert werden. Der oben genannte Grundsatz, dass einzelne Fakten frei und nachnutzbar sind, sobald man sie hat, kann so umschifft werden. GovData schl\u00e4gt genau diesen Weg ein, um den Beh\u00f6rden die M\u00f6glichkeit zu geben, die Kontrolle \u00fcber die Verwendung der von ihnen bereitgestellten Daten noch granularer aus\u00fcben zu k\u00f6nnen, als es nach dem Zivilrecht m\u00f6glich w\u00e4re, bis hinunter zum einzelnen Faktum.<\/p>\n<p>Ob das einen sp\u00fcrbaren D\u00e4mpfer f\u00fcr die Open-Data-Community bedeuten wird, ist keineswegs ausgemacht. Manch ein Projekt wird es schlicht aufgeben, sich um die rechtlichen Fragen seiner Arbeit Gedanken zu machen, und wird einfach loslegen. Wenn es \u00c4rger geben sollte, kann das auch eine willkommene Marketinghilfe sein. Hinderlich ist der gegenw\u00e4rtige Streit dennoch, vermeidbar w\u00e4re es allemal gewesen. Er l\u00e4sst den Start von GovData vor allem als verpasste Chance erscheinen.<\/p>\n<p><em>Disclaimer: Der Autor dieses Artikels geh\u00f6rt zu den Erstunterzeichnern des offenen Briefes unter <a href=\"http:\/\/not-your-govdata.de\/\">http:\/\/not-your-govdata.de\/<\/a>.<\/em><\/p>\n<p><em>Dieser Text wird unter der <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by\/3.0\/de\/\" target=\"_blank\">Creative-Commons-Lizenz Namensnennung 3.0 de<\/a> ver\u00f6ffentlicht.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bund und L\u00e4ndern bekommen ein Datenportal, aus dessen Namen wenige Tage vor dem offiziellen Start das &#8222;Open&#8220; verschwunden ist. Das einst als OpenGovData geplante Portal wird nur noch GovData hei\u00dfen. 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