{"id":1311,"date":"2013-01-17T15:17:22","date_gmt":"2013-01-17T14:17:22","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/ost\/?p=1311"},"modified":"2013-01-20T11:12:47","modified_gmt":"2013-01-20T10:12:47","slug":"vollbeschaftigung-ein-horrorszenario","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/ost\/2013\/01\/17\/vollbeschaftigung-ein-horrorszenario\/","title":{"rendered":"Vollbesch\u00e4ftigung \u2013 ein Horrorszenario"},"content":{"rendered":"<p>In zwei Jahren wird Jeremy Rifkins Buch \u201c<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Das_Ende_der_Arbeit\" target=\"_blank\">Das Ende der Arbeit<\/a>\u201d zwei Jahrzehnte alt sein. Ob er mit seiner Prophezeiung einmal Recht behalten wird, ist jedoch noch v\u00f6llig offen. Wenig deutet heute darauf hin, dass durch Automation und Computer die Erwerbsarbeit der Massen bald obsolet wird, dass gemeinn\u00fctzige Arbeit an ihre Stelle treten wird und mit ihr ein neuer \u201cdritter Sektor\u201d und mit diesem ein neuer Gesellschaftsvertrag. <!--more--><\/p>\n<p>Irgendetwas muss Rifkin \u00fcbersehen haben. <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2008\/16\/Zahlen_und_Quoten_Knapp_die\" target=\"_blank\">Laut ILO nimmt die Erwerbsarbeit weltweit zu.<\/a> Gerade entwickelte L\u00e4nder mit einem hohen Grad an Computer-Einsatz, mit Vernetzung und automatisierter Produktion scheinen sich noch nicht in die von ihm erwartete Richtung zu entwickeln.<\/p>\n<p>Und jetzt das: F\u00fcr Ostdeutschland <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/economy-business-und-finance-prognose-ostdeutschland-bekommt-in-zehn-jahren-vollbeschaeftigung\/7543104.html\" target=\"_blank\">prognostizieren die \u00d6konomen des ifo Instituts in Dresden f\u00fcr das Ende des Jahrzehnts Vollbesch\u00e4ftigung<\/a>. Nicht durch Wirtschaftswachstum, sondern <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/vollbeschaeftigung-in-ostdeutschland-in-zehn-jahren-a-873883.html\" target=\"_blank\">durch die Demografie &#8211;<\/a> weil immer weniger Erwerbsf\u00e4hige hier leben werden. Ist das nun, geboren aus einer schlechten, endlich mal eine gute Nachricht f\u00fcr Ostdeutschland?<\/p>\n<p><strong>Vollbesch\u00e4ftigung \u2013 ein politisches Reizwort<\/strong><\/p>\n<p>Scheinbar als erste der Parteien hat die CDU diesen politischen Festtagsbraten gerochen. Wie \u201cDie Welt\u201d schon am 2. Januar meldete, will sie im Bundestagswahlkampf mit dem <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article112327787\/Groehe-sieht-Vollbeschaeftigung-als-zentrales-Ziel.html\" target=\"_blank\">Versprechen eines fast vollst\u00e4ndigen Abbaus der Arbeitslosigkeit<\/a> punkten. Generalsekret\u00e4r Hermann Gr\u00f6he erkl\u00e4rte Vollbesch\u00e4ftigung zum \u201czentralen Ziel, dem wir in der n\u00e4chsten Wahlperiode einen deutlichen Schritt n\u00e4her kommen wollen\u201d.<\/p>\n<p>Man darf ihm das nicht ver\u00fcbeln. Nat\u00fcrlich schaffen nicht die Politiker produktive Besch\u00e4ftigung. Dazu haben sie nicht die Mittel. Man muss ihnen schon dankbar sein, wenn sie solche Besch\u00e4ftigung nicht verhindern, denn dazu haben sie die Mittel. Genau darum aber sind deratige Aussichten f\u00fcr Politiker ein gefundenes Fressen: Die Arbeit machen andere, in diesem Fall die Demografie und \u2013 wie immer \u2013 die Betriebe. Politiker m\u00fcssen nur auf andere zeigen, wenn es schlecht l\u00e4uft, oder sich ganz schnell vor\u00a0 das Bild stellen, wenn dieses sich aufhellt. So wie jetzt Herr Gr\u00f6he.<\/p>\n<p>Angesichts des notorischen Zwangs zu einer wenigstens symbolischen Vollbesch\u00e4ftigungspolitik hat er aber auch gar keine andere Wahl. Schon vor 1950 schrieb <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Walter_Eucken\" target=\"_blank\">Walter Eucken<\/a>, Vordenker der Sozialen Marktwirtschaft, von einer \u201cN\u00f6tigung zur Vollbesch\u00e4ftigungspolitik\u201d angesichts massenhafter Arbeitslosigkeit. Von recht \u00e4hnlichen Einsichten getrieben, soll sogar schon Bismarck seine Erfindung des Wohlfahrtsstaats so kommentiert haben: &#8222;Jeder, der diesen Gedanken aufnimmt, wird ans Ruder kommen.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Arbeiten bis zum Umfallen?<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Vollbesch%C3%A4ftigung\" target=\"_blank\">Der Begriff Vollbesch\u00e4ftigung meint eigentlich die volle Auslastung aller Produktionsfaktoren.<\/a> Landl\u00e4ufig versteht man darunter eine fast v\u00f6llige Auslastung des Produktionsfaktors Arbeit &#8211; und noch ein wenig salopper, dass alle, die arbeiten k\u00f6nnen oder wollen, auch Arbeit haben.<\/p>\n<p>K\u00f6nnen oder wollen? Wie w\u00e4r\u2019s mit m\u00fcssen? Fraglich ist schon, ob eine durch immer weniger arbeitsf\u00e4hige Menschen und immer mehr Rentner erreichte Vollbesch\u00e4ftigung aus Ostdeutschland eine Insel der Gl\u00fcckseligkeit machen wird. Personalprobleme der Firmen k\u00f6nnten den Besch\u00e4ftigten zwar im Tarifstreit n\u00fctzen. Allerdings d\u00fcrfte das Gl\u00fcck so nur von kurzer Dauer sein. Wird Arbeit im Osten zu teuer, ziehen die Arbeitgeber weiter.<\/p>\n<p>F\u00fcr Ostdeutschland k\u00f6nnte die Vollbesch\u00e4ftigung aus demografischen Gr\u00fcnden jedoch auch bedeuten: Alle m\u00fcssen arbeiten, solange sie das nur irgendwie k\u00f6nnen. Dazu hat die Politik durchaus die Mittel \u2013 siehe die Rente mit 67 Jahren. Es bleibt abzuwarten, wie lange immer seltener werdende Erwerbsf\u00e4hige in Zukunft tats\u00e4chlich ran m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Und die SPD? Die Sozialdemokraten sind dabei, sich von der Rente mit 67 abzuwenden, die sie \u2013 zumindest Genossen in leitenden Positionen \u2013 selbst mit eingef\u00fchrt haben. Wenigstens soll sie ausgesetzt werden, bis gen\u00fcgend Arbeitsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr \u00c4ltere vorhanden sind. Eine Bedingung, die wider Erwarten bald erf\u00fcllt werden k\u00f6nnte. Vorgeschmack: <a href=\"http:\/\/www.blogspan.net\/presse\/rheinische-post-rentenversicherung-erwartet-weiteren-anstieg-der-sozialversicherungspflichtig-beschaftigten\/mitteilung\/373363\/\" target=\"_blank\">Immer mehr \u00c4ltere gehen sozialversicherungspflichtiger Arbeit nach.<\/a> So stieg der Anteil der 60- bis 64-J\u00e4hrigen von 2000 bis 2010 von knapp zehn auf 24 Prozent, meldet die Rentenkasse. Und der Trend werde sich fortsetzen.<\/p>\n<p>Vielleicht h\u00e4lt es im Osten, wem statt lebenslangem Lernen hier nun lebenslanges Arbeiten droht, doch mit den Piraten. Die scheinen wenigstens noch zu \u00fcberlegen, wie man aus dem Hamsterrad auch mal rauskommt <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2012-11\/piraten-wirtschaftsprogramm\" target=\"_blank\">und lehnen Vollbesch\u00e4ftigung als \u201cweder zeitgem\u00e4\u00df noch sozial w\u00fcnschenswert\u201d ab. <\/a>Und irgendwie ist denen ja auch zuzutrauen, das sicher recht hilfreiche Thema Zuwanderung ganz ohne Scheuklappen zu betrachten. Ich m\u00f6chte jedenfalls 2040 nicht mehr hier sitzen \u2013 m\u00fcssen. Da w\u00e4re ich 69&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In zwei Jahren wird Jeremy Rifkins Buch \u201cDas Ende der Arbeit\u201d zwei Jahrzehnte alt sein. Ob er mit seiner Prophezeiung einmal Recht behalten wird, ist jedoch noch v\u00f6llig offen. 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