{"id":1083,"date":"2015-10-02T10:53:47","date_gmt":"2015-10-02T08:53:47","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/radikale-ansichten\/?p=1083"},"modified":"2015-10-14T17:14:39","modified_gmt":"2015-10-14T15:14:39","slug":"gaaanz-ruhig-herr-de-maiziere","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/radikale-ansichten\/2015\/10\/02\/gaaanz-ruhig-herr-de-maiziere\/","title":{"rendered":"Bitte etwas n\u00fcchterner, Herr de Maizi\u00e8re!"},"content":{"rendered":"<p>Zu den St\u00e4rken von Bundesinnenminister Thomas de Maizi\u00e8re geh\u00f6rt gemeinhin, dass er beruhigend n\u00fcchtern \u00fcber\u00a0bedrohliche Szenarieren referieren kann. Zusammen mit Angela Merkels betont unhysterischer Art\u00a0ergab das einen Regierungs-Soundtrack, der &#8211; auch im Angesicht der Fl\u00fcchtlingssituation und allen an ihr h\u00e4ngenden Unw\u00e4gbarkeiten &#8211; so etwas wie Zuversicht ausstrahlte.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nIm gestrigen <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2015-10\/fluechtlinge-de-maiziere-schlechtes-benehmen\">heute journal <\/a>hat de Maizi\u00e8re allerdings seine gewohnte Tonlage verlassen. In einer kaskadenhaften Aufz\u00e4hlung von Beispielen beschwerte er sich \u00fcber vermeintlich undankbare Fl\u00fcchtlinge, die sich nicht anst\u00e4ndig benehmen w\u00fcrden. Nun geh\u00f6rt Sch\u00f6nreden sicher nicht zu den Aufgaben eines Politikers in diesem Amt, und echte Probleme geh\u00f6ren angesprochen, gerade von einem Bundesinnenminister.<\/p>\n<p>In de Maizi\u00e8res \u00c4u\u00dferungen mischten sich allerdings\u00a0gef\u00fchlte Wahrheiten mit unreflektierten Problembeschreibungen. Er hat den Wissensvorsprung, den er als Innenminister haben k\u00f6nnte (und sollte) aufgegeben.<\/p>\n<p>Gehen wir seine Punkte ruhig durch:<\/p>\n<p><strong>1.- &#8222;Bis zum Sommer waren die Fl\u00fcchtlinge dankbar, bei uns zu sein&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Mir ist unklar, wie de Maizi\u00e8re auf diese Aussage kommt. Vermutlich steht der Minister unter dem Eindruck der &#8222;Danke, Deutschland!&#8220;-Plakate, die an dem legend\u00e4ren September-Wochenende hochgehalten wurden. Dass Fl\u00fcchtlinge nach der unmittelbaren Erleichterung, hier angekommen zu sein, irgendwann anfangen, sich vorrangig mit\u00a0dem Organisieren ihres neuen und ungewohnten Lebens zu befassen, anstatt Plakate zu malen, erscheint mir logisch. Aber in jeder beliebigen Fl\u00fcchtlingsunterkunft an jedem Ort in diesem Land wird man dankbare Fl\u00fcchtlinge finden. Und zwar ohne lange Suchen zu m\u00fcssen. (Die Frage, ob man Dankbarkeit einfordern kann, ist \u00fcbrigens noch eine ganz andere Diskussion.)<\/p>\n<p><strong>2.- &#8222;Jetzt gibt es schon viele Fl\u00fcchtlinge, die glauben, sie k\u00f6nnen sich selbst irgendwohin zuweisen.&#8220;\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Das ist nicht neu. Im Gegenteil: Immer wieder verlassen registrierte Fl\u00fcchtlinge die ihnen zugewiesenen Unterk\u00fcnfte. Das war auch in der Vergangenheit so. Es f\u00e4llt jetzt nur mehr auf.\u00a0De Maizi\u00e8re h\u00e4lt das offenbar f\u00fcr eine Art Frechheit. Ich verstehe, dass das f\u00fcr die B\u00fcrokratie ein Problem ist. Aber viele Fl\u00fcchtlinge kennen und verstehen die deutsche B\u00fcrokratie nicht. Stattdessen befinden sie sich in einem Zustand permanenter Angespanntheit &#8211; jede Entscheidung hat das Potenzial ihre Zukunft zu beeinflussen, und sie wissen nicht, ob zum Guten oder zum Schlechten. Soll ich hier aussteigen oder am n\u00e4chsten Bahnhof? Soll ich diesen Schleuser bezahlen oder den da dr\u00fcben? Ich kenne F\u00e4lle, in denen Fl\u00fcchtlinge ohne sich abzumelden weitergezogen sind, weil sie zum Beispiel einen Verwandten\u00a0in Skandinavien haben &#8211; und das Gef\u00fchl hatten, es sei sinnvoller, sich bis dorthin durchzuschlagen. Ich kenne einen Fall, in dem ein Jugendlicher vermeintlich\u00a0die Unterkunft verlassen wollte, um wieder nach Syrien zur\u00fcckzukehren.\u00a0Das Problem war so simpel wie einfach zu l\u00f6sen: Er hatte seine Mutter in Syrien seit zwei Wochen nicht gesprochen; und er hatte kein Geld f\u00fcr eine internetf\u00e4hige SIM-Karte. Er war schlicht ratlos. Aber herumzusitzen und nichts zu tun, das hielt er nicht mehr\u00a0aus.<\/p>\n<p><strong>3.- &#8222;Sie bestellen sich ein Taxi, haben erstaunlicherweise das Geld, um hunderte von Kilometern durch Deutschland zu fahren.&#8220;\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Ich wei\u00df, dass das gegen die Intuition ist, aber nicht alle Fl\u00fcchtlinge sind arm. Viele haben alles verkauft, was sie besessen haben &#8211; ein Haus, vielleicht eine Firma. Das Geld reicht f\u00fcr die Flucht und die Schleuser und vielleicht auch noch eine Weile, nachdem sie hier angekommen sind. Irgendwann wird es aufgebraucht sein, dann werden auch diese Fl\u00fcchtlinge auf staatliche Leistungen angewiesen sein oder arbeiten gehen. Aber wenn sich heute eine Fl\u00fcchtlingsfamilie ein \u00a0Taxi nimmt, erkenne\u00a0ich den Skandal darin nicht. Reichtum sch\u00fctzt nicht vor Fa\u00dfbomben.<\/p>\n<p><strong>4.- &#8222;Sie streiken, weil ihnen die Unterkunft nicht gef\u00e4llt, sie machen \u00c4rger, weil ihnen das Essen nicht gef\u00e4llt&#8230;&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Mal abgesehen davon, dass einige Unterk\u00fcnfte tats\u00e4chlich an der Grenze des Menschenw\u00fcrdigen kratzen: Nat\u00fcrlich schlie\u00dfe ich nicht aus, dass unter den Fl\u00fcchtlingen auch verw\u00f6hnte, arrogante, undankbare und \u00fcberhaupt unsympathische Menschen sind, die zudem vielleicht auch noch falsche Vorstellungen davon hatten, was sie hier erwarten w\u00fcrde. Aber der deutlich h\u00e4ufigere Fall scheint mir ein anderer zu sein. Nehmen wir das Beispiel mit dem Essen. Die meisten Fl\u00fcchtlinge sprechen kein Deutsch. Ihre Informationsquellen sind nicht besonders gut. Sie schnappen von anderen &#8211; nicht zwangsl\u00e4ufig besser informierten &#8211; Fl\u00fcchtlingen etwas auf, halten es f\u00fcr die Wahrheit, reagieren entsprechend. Ger\u00fcchte verbreiten sich so schnell. Und solche Ger\u00fcchte k\u00f6nnen auch das Essen betreffen &#8211; etwa, dass es nicht halal sei. Ich wei\u00df, dass das in einigen F\u00e4llen der wahre Grund bei Beschwerden \u00fcber das Essen war. Dann ist es aber ungerecht zu sagen, dass ihnen das Essen &#8222;nicht gefallen&#8220; habe. Dann ist das ein Beispiel daf\u00fcr, dass es derzeit an allen Ecken und Enden an Menschen fehlt, die solche Ger\u00fcchte glaubhaft aus dem Weg r\u00e4umen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>5.- &#8222;Sie pr\u00fcgeln in Asylbewerbereinrichtungen&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Es ist kein Geheimnis, dass es in Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnften immer wieder zu Schl\u00e4gereien kommt. Manchmal, und das ist ein Problem, spielt\u00a0religi\u00f6s motiviertes Mobbing dabei eine Rolle; <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2014\/32\/fluechtlinge-deutschland-christen-verfolgung-muslime\">ich habe selbst f\u00fcr die ZEIT dar\u00fcber berichtet<\/a>.<\/p>\n<p>In de Maizi\u00e8res\u00a0Aufz\u00e4hlung aber klingt es, als sei das Pr\u00fcgeln eine Spielart der Undankbarkeit und ein Ausweis generell schlechten Benehmens. Das ist unlauter.\u00a0Wer mal einen Tag in einer mit hunderten Menschen vollgestopften Unterkunft verbracht hat, die alle nicht wissen, wie es mit ihnen weitergeht, die teilweise traumatisiert sind und nahezu ausnahmslos unter gro\u00dfem Stress stehen, dem ist klar, dass es\u00a0kaum ausbleiben kann, dass man aneinander ger\u00e4t. Auch Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnfte k\u00f6nnen Ort sein, an denen sich Kulturschocks abspielen. Da leben junge M\u00e4nner aus dem Balkan, die abends ein paar Bier zu viel getrunken haben, neben einer vielk\u00f6pfigen Familie aus Afghanistan, deren Kinder nicht schlafen k\u00f6nnen. Ich kenne solche Beispiele. Die Rangeleien in den Heimen sind kein Beleg f\u00fcr die besondere Aggressivit\u00e4t von Fl\u00fcchtlingen, sondern ein Argument f\u00fcr m\u00f6glichst rasche und vollst\u00e4ndige dezentrale Unterbringung. In einer Unterkunft kann man sich nicht aus den Weg gehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich will Herrn de Maizi\u00e8re keine Argumente unterstellen. Aber es f\u00e4llt auf, dass sich die Stimmen der Politiker mehren, die in ein \u00e4hnliches Horn sto\u00dfen. Ein bisschen kommt es mir vor, als w\u00fcrden sie sich zwischen den Zeilen dar\u00fcber beklagen, dass die Fl\u00fcchtlinge sich nicht so einfach wegverwalten lassen, wie die &#8211; ja tats\u00e4chlich enorm herausgeforderte &#8211; B\u00fcrokratie das gerne h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Aber Fl\u00fcchtlinge sind Menschen, sind Individuen. Vor allem sind sie extrem verunsichert (auch wenn sie nicht immer so wirken; das gilt ausdr\u00fccklich auch f\u00fcr junge, alleinreisende M\u00e4nner!) &#8211; und sie kennen sich hier nicht aus. Wenn Politiker wie zum Beispiel Julia Kl\u00f6ckner jetzt als erstes \u00fcber Selbstverpflichtungen zur Integration und Bekenntnisse zum Grundgesetz sprechen, ist das abstrakt und wenig hilfreich. Gute Erfahrungen bringen mehr als erhobene Zeigefinger. F\u00fcr Fl\u00fcchtlinge aus dem Nahen Osten, die nur korrupte Regime kennen, ist es\u00a0jedes Mal\u00a0eine Offenbarung, wie korrekt deutsche Polizisten mit ihnen umgehen. Informationen, auch \u00fcber das Grundgesetz und hier geltende Werte, m\u00fcssen hingegen\u00a0erst einmal\u00a0verf\u00fcgbar sein &#8211; ein gutes Beispiel scheint mir dieser online-basierte Ratgeber in verschiedenen Sprachen zu sein, der soeben per Crowdsourcing von ehrenamtlichen Fl\u00fcchtlingshelfern <a href=\"http:\/\/www.refugeeguide.de\">zur Verf\u00fcgung gestellt wurde<\/a>.<\/p>\n<p>Also, Herr de Maizi\u00e8re, finden Sie doch bitte wieder zur Ihrer n\u00fcchternen Redeweise zur\u00fcck. Gerade jetzt, wo die erste Euphorie verraucht scheint und die M\u00fchen der Ebene beginnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu den St\u00e4rken von Bundesinnenminister Thomas de Maizi\u00e8re geh\u00f6rt gemeinhin, dass er beruhigend n\u00fcchtern \u00fcber\u00a0bedrohliche Szenarieren referieren kann. 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