{"id":1397,"date":"2017-12-08T14:46:39","date_gmt":"2017-12-08T13:46:39","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/radikale-ansichten\/?p=1397"},"modified":"2017-12-08T16:19:22","modified_gmt":"2017-12-08T15:19:22","slug":"der-fall-peter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/radikale-ansichten\/2017\/12\/08\/der-fall-peter\/","title":{"rendered":"Der Fall Peter"},"content":{"rendered":"<p><strong>Einst hielt der\u00a0Leipziger Imam Abu Adam den jungen Deutschen Peter davon ab, in den Krieg zu ziehen. Jetzt sitzt er selbst als Terrorverd\u00e4chtiger in Untersuchungshaft. \u00a0Folge 2 unseres Ermittlungsblogs.<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Yassin Musharbash<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_1391\" aria-describedby=\"caption-attachment-1391\" style=\"width: 580px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/radikale-ansichten\/2017\/12\/06\/ein-imam-unter-verdacht\/imam_berry_09-2\/\" rel=\"attachment wp-att-1391\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1391 size-large\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/radikale-ansichten\/files\/2017\/12\/abGettyImages-187732144-kopieren-2-1-580x326.jpg\" alt=\"Islamismus: Der Fall Peter\" width=\"580\" height=\"326\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/radikale-ansichten\/files\/2017\/12\/abGettyImages-187732144-kopieren-2-1-580x326.jpg 580w, https:\/\/blog.zeit.de\/radikale-ansichten\/files\/2017\/12\/abGettyImages-187732144-kopieren-2-1-620x349.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/radikale-ansichten\/files\/2017\/12\/abGettyImages-187732144-kopieren-2-1-768x432.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/radikale-ansichten\/files\/2017\/12\/abGettyImages-187732144-kopieren-2-1.jpg 1015w\" sizes=\"auto, (max-width: 580px) 100vw, 580px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1391\" class=\"wp-caption-text\">Hesham Shashaa alias Abu Adam<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>&#8222;Ich habe bemerkt, dass sie mich beobachten&#8220;, tippt der junge Mann in sein Handy. &#8222;Von allen Seiten.&#8220;<\/p>\n<p>Wer sind &#8218;die&#8216;? Und was hei\u00dft das: &#8218;von allen Seiten&#8216;?<\/p>\n<p>&#8222;Immer wieder dieselben Personen, die an meinem Haus vorbeilaufen und schauen&#8220;, antwortet der junge Mann. &#8222;Auch Polizeiautos, die regelm\u00e4\u00dfig schauend vorbeifahren, die Polizisten mustern mich aus dem Auto heraus. Und ich hatte das Gef\u00fchl, dass Leute sich an mich angekoppelt haben, und dass man \u00fcber mich befragt wurde.&#8220;<\/p>\n<p>Der junge Mann, mit dem ich chatte, ist Peter, Mitte Zwanzig, Deutscher. Eigentlich hei\u00dft er anders. Aber als ich vor fast drei Jahren das erste Mal mit ihm sprach und <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2015\/07\/islamismus-dschihad-imam\">f\u00fcr die ZEIT eine Reportage \u00fcber ihn schrieb<\/a>, bat er mich, ihm einen fiktiven Namen zu geben. Auch jetzt m\u00f6chte er nicht, dass sein wahrer Name genannt wird.<\/p>\n<p>An die 1000 M\u00e4nner und Frauen sind den vergangenen Jahren aus Deutschland ausgereist und nach Syrien oder in den Irak gezogen; viele haben sich der Terrorgruppe &#8222;Islamischer Staat&#8220; (IS) angeschlossen. Peter w\u00e4re fast einer von ihnen geworden: &#8222;Ich hatte diesen Traum, einmal sagen zu k\u00f6nnen: Ich bin seit drei\u00dfig Jahren auf dem Schlachtfeld!&#8220;, sagte er mir 2014.<\/p>\n<p>Aber er setzte seinen Plan nicht um. Und der Mann, der ihn davon abhielt, das sagt Peter selber, ist der Leipziger Imam Hesham Shashaa alias Abu Adam &#8211; der Mann mithin, um den sich dieses Blog dreht (<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/radikale-ansichten\/2017\/12\/06\/ein-imam-unter-verdacht\/\">Lesen Sie Teil 1 hier<\/a>). Die Geschichte von Peter galt als Beleg daf\u00fcr, dass Abu Adam etwas kann, was nicht viele Menschen k\u00f6nnen: Extremisten erfolgreich deradikalisieren.<\/p>\n<p>Genau das steht freilich auf einmal in Frage. Genau genommen seit dem 26. April, dem Tag, <a href=\"https:\/\/www.costanachrichten.com\/costa-blanca-nachrichten\/polizei-nimmt-imam-abu-adam-fest\/\">an dem Abu Adam in Spanien wegen des Verdachts verhaftet wurde, den IS in Wahrheit zu unterst\u00fctzen<\/a>.<\/p>\n<p>In den Akten der spanischen Justiz wird nun auch Peter als &#8222;Dschihadist&#8220; charakterisiert. Die Ermittler halten es demnach f\u00fcr m\u00f6glich, dass Peter doch in Syrien gewesen sei, auch wenn sie daf\u00fcr keine Belege aufbieten. Sie bezeichnen ihn als &#8222;investigado&#8220;, was darauf hindeutet, dass auch gegen ihn ermittelt wird. In seiner Abwesenheit, das ist ebenfalls aktenkundig, haben die Ermittler seine Wohnung durchsuchen lassen.<\/p>\n<p>Es ist also nicht abwegig, wenn Peter glaubt, ausgeforscht zu werden.<\/p>\n<p>In dieser Folge des Blogs wird es um Peters Fall gehen. Und um alles, was daran h\u00e4ngt. Denn an dem Versuch, Peter zu deradikalisieren, war nicht nur Abu Adam beteiligt. Sondern auch<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2015\/52\/islamismus-islamischer-staat-rakka-beratung-angehoerige\">Claudia Dantschke, die Leiterin der Berliner Deradikalisierungs-Initiative Hayat<\/a>.(*) Sowie Solveig Prass von der Beratungsstelle zu negativen Sekten und Kulten und extremistischen Gruppen, einem Projekt der Kinderveinigung Leipzig e.V., das bei der st\u00e4dtischen Jugendf\u00f6rderung angesiedelt ist. Und indirekt spielt auch noch das Bundesamt f\u00fcr Migration und Fl\u00fcchtlinge (BAMF) eine Rolle.<\/p>\n<p>Alle stehen nun in der Kritik. Hayat habe den Fall Peter &#8222;offensichtlich nicht ausreichend kontrolliert&#8220;, <a href=\"http:\/\/www.mdr.de\/mediathek\/mdr-imersten-videos\/c\/video-137454.html\">moniert der MDR<\/a>\u00a0und problematisiert die Tatsache, dass die Initiative auch Steuergelder erh\u00e4lt. Hayat habe Abu Adam &#8222;labile Jugendliche anvertraut und viel Geld daf\u00fcr bezahlt &#8211; Steuergeld&#8220;,<a href=\"https:\/\/www.br.de\/mediathek\/video\/mangelnde-kontrolle-ein-radikalisierter-deradikalisierer-av:59b98e8243cb5f00120cac4c?t=3m48s\"> emp\u00f6rt sich der Bayerische Rundfunk<\/a>.<\/p>\n<p>Was genau ist passiert?<\/p>\n<p>Der Fall &#8222;Peter&#8220; beginnt damit, dass seine Mutter sich 2014 an den Verfassungsschutz wendet. Sie ahnt, dass er sich radikalisiert hat. Sie sucht Hilfe. \u00dcber den Verfassungsschutz kommt der Fall zur &#8222;Beratungsstelle Radikalisierung&#8220;, die im BAMF angesiedelt ist und den Kontakt zu jenen Deradikalisierungs-Projekten koordiniert, mit denen das BAMF zusammenarbeitet. Weil Peters Mutter in Sachsen lebt, und Hayat in dem Bundesland aktiv ist, landet der Fall dort.<\/p>\n<h3>&#8222;Ich sehe es in ihren Augen&#8230;&#8220;<\/h3>\n<p>&#8222;Wir haben dann erstmal eine Fallanalyse gemacht&#8220;, sagt Claudia Dantschke, die Leiterin von Hayat. &#8222;Der junge Mann war eng in eine radikale und zugleich kleinkriminelle Szene in einer westdeutschen Gro\u00dfstadt eingebunden. Er orientierte sich sehr eng an dem einschl\u00e4gig bekannten Imam dieser Gruppe. Wir fanden, dass er hochgradig gef\u00e4hrdet war.&#8220; Schnell sei man sich einig gewesen \u00fcber das erste Ziel: Peter von der Szene zu isolieren.<\/p>\n<p>Allerdings sei nirgendwo jemand zu finden gewesen, der Peter h\u00e4tte stabilisieren k\u00f6nnen. Aus verschiedenen Gr\u00fcnden seien zum Beispiel die Mutter und Geschwister nicht in Frage gekommen, sagt Dantschke. Daraufhin reifte bei Hayat der Gedanke, dass vielleicht Abu Adam geeignet w\u00e4re, an die Stelle des radikalen Imams zu treten.<\/p>\n<p>Und warum ausgerechnet Abu Adam?<\/p>\n<p>Claudia Dantschke kannte Abu Adam damals schon gut zwei Jahre. Sie hatte ihn kennengelernt als einen orthodoxen, konservativen, aber dezidiert nicht-radikalen Islamgelehrten. &#8222;Ich habe ihn zwei Jahre lang intensiv gepr\u00fcft&#8220;, sagt sie. &#8222;Ende 2013 habe ich ihn besucht, habe alle seine Frauen und alle seine Kinder kennengelernt. <a href=\"http:\/\/journals.sfu.ca\/jed\/index.php\/jex\/article\/view\/54\">Ich habe ein langes Interview mit ihm<\/a> zum Thema Deradikalisierung und zu seiner Art, das anzugehen, gemacht. Wir hatten einen \u00e4hnlichen Ansatz. Dass es vor allem auf stabilisierende Beziehungen ankommt, zum Beispiel.&#8220;<\/p>\n<p>Abu Adam hatte sich tats\u00e4chlich schon Jahre zuvor zum Deradikalisierer erkl\u00e4rt. Die Moscheegemeinde in M\u00fcnchen, die er gegr\u00fcndet hatte, besch\u00e4ftigte ihn als Anti-Extremismus-Beauftragten, was er offiziell bis heute ist. (Der Arbeitsvertrag liegt mir vor.) Die Spuren einiger Auseinandersetzungen, die Abu Adam in jenen Jahren anzettelte, lassen sich bis heute nachzeichnen. Auf Facebook attackierte er etwa regelm\u00e4\u00dfig Al-Qaida. Er schloss nach islamischem Recht eine Ehe zwischen einem Sunniten und einer Schiitin, was ihm harsche Kritik eines radikalen Imams einbrachte.<\/p>\n<p>Im Moment ist es wegen der Untersuchungshaft nicht m\u00f6glich, Abu Adam zu befragen. Aber als ich ihn 2014 traf, antwortet er auf meine Frage, wie er das mit dem Deradikalisieren mache, so: &#8222;Ich sehe es in ihren Augen, wenn sie radikal werden. Vor der Moschee zum Beispiel.&#8220; Dann verwickele er sie in Gespr\u00e4che, lasse sie sp\u00fcren, dass er viel mehr Wissen \u00fcber ihre Religion habe als sie. Dass sie einem Irrglauben aufgesessen seien, wenn sie d\u00e4chten, es k\u00e4me aufs K\u00e4mpfen an. Oder dass man keinen Kontakt zu Ungl\u00e4ubigen haben d\u00fcrfe.<\/p>\n<p>Nach und nach erreichten Abu Adam vermehrt Anfragen, als Referent \u00fcber die Themen Islam, Islamismus und Radikalisierung zu sprechen. Anfang Juli 2014, just zu der Zeit, als der Fall Peter an Fahrt aufnahm, sa\u00df er etwa auf einer Fachtagung der Bundeszentrale f\u00fcr Politische Bildung in Bonn <a href=\"http:\/\/www.bpb.de\/veranstaltungen\/dokumentation\/186710\/podiumsdiskussion-tag-2\">auf dem Podium<\/a>. Teilnehmer h\u00e4tten ihr gesagt, er habe eine &#8222;gl\u00e4nzende Figur&#8220; gemacht, erinnert sich Dantschke.<\/p>\n<p>Mit Abu Adam stand in Dantschkes Augen also auf der einen Seite jemand bereit, der theologisch versiert war, keine Ber\u00fchrungs\u00e4ngste mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft hatte, sich \u00f6ffentlich f\u00fcr Dialog und gegen Extremisten aussprach &#8211; und, eine weitere wichtige Zutat, \u00fcber sp\u00fcrbares Charisma verf\u00fcgte. Auf der anderen Seite gab es einen Radikalisierungs-gef\u00e4hrdeten jungen Mann, der sich an m\u00e4nnlichen Autorit\u00e4tspersonen ausrichtete und dringend aus seinem radikalen Umfeld gel\u00f6st werden musste.<\/p>\n<h3>&#8222;Es lief gut&#8220;<\/h3>\n<p>&#8222;Ich habe also Peters Mutter mit Abu Adam zusammengebracht&#8220;, berichtet Dantschke. Drei Stunden h\u00e4tten die beiden gesprochen. Dann habe die Mutter dem Plan zugestimmt, Peter mit Abu Adam bekannt zu machen. Auch diese Begegnung verlief erfolgreich: Peter war sofort von Abu Adam eingenommen; das sagt nicht nur Dantschke, das hat mir Peter 2014 selbst berichtet. Er stimmte zu, nach Leipzig zu ziehen, um in Abu Adams N\u00e4he zu sein. Damit war das erste Problem, das Herausl\u00f6sen aus seiner radikalen Umgebung, f\u00fcr den Moment gekl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Es gab jedoch weitere Schwierigkeiten, unter anderem finanzielle: Wovon sollte Peter, der Schulabbrecher, leben? Und wo?<\/p>\n<p>Deshalb bezog Dantschke Solveig Prass ein, die sich ihrerseits bem\u00fchte, einen Platz in einer Jugend-WG f\u00fcr Peter zu finden. &#8222;Ich fand die Entscheidung, Abu Adam einzubeziehen, nachvollziehbar&#8220;, sagt Prass heute. Peter sei derart radikalisiert gewesen, dass er zum Beispiel mit ihr als Frau gar nicht reden wollte; Abu Adam habe ihm jedoch klargemacht, &#8222;er solle mit mir sprechen, auch wenn ich Christin bin, ich wolle schlie\u00dflich helfen, das sei doch gut.&#8220; Genauso sei Peter erst auf Abu Adams Dr\u00e4ngen hin bereit gewesen, seine islamische Kleidung abzulegen und sich nach g\u00e4ngigeren Ma\u00dfst\u00e4ben anzuziehen, wenn er Termine bei \u00c4mtern hatte.<\/p>\n<p>Solveig Prass sagt, auch sie habe Abu Adam keinesfalls als Extremisten kennengelernt. Einmal habe sie mitgeh\u00f6rt, wie er einen Anruf bekam: Ein Mann habe wissen wollen, ob es islamisch rechtens sei, wenn er Polizist w\u00fcrde. Ja, habe Abu Adam geantwortet &#8211; man m\u00fcsse dem Land dienen, in dem man lebe. &#8222;Da kriegt man schon mit, was er f\u00fcr eine Einstellung hat&#8220;, sagt Solveig Prass.<\/p>\n<p>Auch Solveig Prass versteht etwas von Deradikalisierung, es ist Teil ihres Jobs, neben Islamisten hat es sie auch mit Zeugen Yehovas oder Rechtsradikalen zu tun. In ihrem B\u00fcro gab es ungef\u00e4hr zw\u00f6lf Sitzungen mit Peter zum Zweck der Deradikalisierung. Bei bei den ersten sechs Terminen war Abu Adam dabei. &#8222;Es lief gut&#8220;, sagt sie im R\u00fcckblick.<\/p>\n<p>Im Oktober 2014 allerdings erlitt Peter einen R\u00fcckfall. Abu Adam, so berichtet Claudia Dantschke, habe Peter davor bewahren k\u00f6nnen, sich wieder seiner alter Clique anzuschlie\u00dfen. Aber es war offen, wie es weitergehen sollte. Ein Problem lie\u00df sich in Leizig n\u00e4mlich nicht l\u00f6sen: Als mehrfacher Schulabbrecher konnte Peter nicht mehr ins deutsche Schulsystem integriert werden, was ansonsten zu seiner Stabilisierung h\u00e4tte beitragen k\u00f6nnen. &#8222;Der Deradikalisierungs-Prozess war damals noch extrem br\u00fcchig&#8220;, sagt Dantschke. Wegen famili\u00e4rer Probleme sei Peter zudem praktisch obdachlos gewesen.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_1402\" aria-describedby=\"caption-attachment-1402\" style=\"width: 387px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/radikale-ansichten\/2017\/12\/08\/der-fall-peter\/aa_esp\/\" rel=\"attachment wp-att-1402\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1402\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/radikale-ansichten\/files\/2017\/12\/AA_Esp-600x800.jpg\" alt=\"\" width=\"387\" height=\"516\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/radikale-ansichten\/files\/2017\/12\/AA_Esp-600x800.jpg 600w, https:\/\/blog.zeit.de\/radikale-ansichten\/files\/2017\/12\/AA_Esp-768x1024.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/radikale-ansichten\/files\/2017\/12\/AA_Esp-580x773.jpg 580w\" sizes=\"auto, (max-width: 387px) 100vw, 387px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1402\" class=\"wp-caption-text\">Abu Adam in Spanien. Das Bild entstand beim Besuch des Autors.<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>In dieser Zeit kam in Gespr\u00e4chen zwischen Abu Adam, Solveig Prass und Claudia Dantschke eine neue Idee auf: Was wenn Peter in Spanien zur Schule gehen w\u00fcrde? Denn Abu Adam pendelte damals zwischen Leipzig und einem kleinen Ort nahe Alicante. Einige seiner Kinder besuchten dort eine englischsprachige, internationale Privatschule.<\/p>\n<h3>&#8222;Schwachsinn, Quatsch&#8220;<\/h3>\n<p>Der Plan wurde mit Peters Einverst\u00e4ndnis umgesetzt, und Abu Adam meldete Peter an der Schule seiner Kinder an. &#8222;Die Hoffnung war, dass er dort Freunde finden w\u00fcrde&#8220;, sagt Dantschke. &#8222;Denn wir hatten durchaus Sorge, dass er sich zu eng an Abu Adam orientierte.&#8220; Deshalb zog Peter in Spanien auch nicht bei Abu Adam ein, sondern eine kleine Wohnung einige Kilometer entfernt.<\/p>\n<p>Kurz nach seinem Umzug nach Spanien habe ich Peter und Abu Adam dort besucht. Peter ging es gut, er war zufrieden. Er haderte allerdings damit, dass er alleine leben sollte. Er h\u00e4tte gerne mehr Kontakt zu Abu Adam gehabt.<\/p>\n<p>Das sagte er mir damals schon, und dar\u00fcber hegt er bis heute tiefen Groll. Aus seiner Sicht hat Abu Adam ihn von dem Moment an, als er in Spanien ankam, im Stich gelassen. &#8222;Ich halte leider nicht mehr viel von ihm, nachdem er mich so hat sitzen lassen&#8220;, schrieb er mir w\u00e4hrend unseres Chats. Er sei deswegen deprimiert und frustriert gewesen und f\u00fchle sich von Abu Adam &#8222;als falsch abgestempelt&#8220;, als sei er es nicht wert, dass Abu Adam sich um ihn k\u00fcmmere.<\/p>\n<p>Dass Peter die Losl\u00f6sung von Abu Adam so empfinden w\u00fcrde, war nicht vorherzusehen gewesen. Der Umzug erschien Prass und Dantschke zun\u00e4chst einmal als notwendiger Schritt in die richtige Richtung: Weg von seinen alten Kreisen, hin in eine Umgebung, die ihn neuen Einfl\u00fcssen aussetzte. &#8222;Das hat leider nicht so geklappt, wie wir uns das gew\u00fcnscht h\u00e4tten&#8220;, sagt Dantschke.<\/p>\n<p>Peter behauptet heute, seine Trennung von Abu Adam habe ihn ebenso anf\u00e4llig gemacht f\u00fcr Radikalisierung als wenn er in Deutschland geblieben w\u00e4re. Als aktive Deradikalisierung durch Abu Adam habe er die Zeit Spanien nicht erlebt. Aber er gibt zu, dass seine Verbitterung mit hineinspielt, wenn er das sagt.<\/p>\n<p>Die spanischen Ermittler scheinen den Fall so zu sehen: In ihren Augen ist Peter einer von mehreren jungen Radikalen, die Abu Adam gezielt an sich gebunden habe, um dem Islamismus Vorschub zu leisten. Als Indizien f\u00fcr Peters Extremismus werten sie handschriftliche Dokumente, die sie bei der Durchsuchung sicherstellen. Peter hatte auf Zetteln notiert, dass er f\u00fcr den Fall seiner Beerdigung Abu Adam gerne dabei h\u00e4tte. Sie fanden eine Liebeserkl\u00e4rung an seine Mutter. Und eine islamische Segensformel, die im Todesfall gesprochen wird. Die spanischen Ermittler schreiben, zusammen mit der Tatsache, dass Peter \u00f6fter seine Telefonnummer \u00e4nderte, lie\u00dfen die Funde die Theorie zu, dass er seine radikalen Ansichten zu verbergen versuche und ihm Akte vorschwebten, die seinen Tod nach sich ziehen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Peter sagt dazu, dass er chronisch chaotisch sei und erst seit Kurzem, dank seiner Freundin, eine feste Telefonnummer habe. Dass er immer schon viel \u00fcber den Tod nachgedacht habe. Und darunter leide, dass er seine Mutter nie zufriedengestellt habe. &#8222;Ich war nie in Syrien und ich habe mich nichts und niemandem angeschlossen.&#8220; Den Terrorverdacht gegen Abu Adam h\u00e4lt er f\u00fcr &#8222;Schwachsinn&#8220; und &#8222;Quatsch&#8220;.<\/p>\n<p>Handfestere Hinweise darauf, dass Peter ein Dschihadist ist, gibt es nicht. In den Akten nicht. Und auch sonst nirgendwo, meines Wissens auch nicht bei den deutschen Sicherheitsbeh\u00f6rden. Stattdessen spricht sein derzeitiger Lebenswandel (\u00fcber den ich keine Details berichte, obwohl sie mir bekannt sind, weil es sich um Privatangelegenheiten handelt) daf\u00fcr, dass er zwar gl\u00e4ubig, aber gerade nicht mehr extremistisch ist.<\/p>\n<p>Auf die Beratungsstelle Hayat f\u00e4rben der Fall Abu Adam und der Fall Peter trotzdem ab. Aber die Kritik ist unpr\u00e4zise. Der BR insinuiert, es seien Steuergelder eingesetzt worden, um mit Abu Adam einen Mann einzusetzen, der f\u00fcr Deradikalisierungsprojekte ungeeignet sei. Der MDR wirft Hayat dar\u00fcber hinaus mangelnde Kontrolle vor.<\/p>\n<p>Richtig ist, dass Dantschke Peter in Spanien nicht besucht hat. &#8222;Daf\u00fcr haben wir auch gar kein Geld&#8220;, sagt Dantschke. Sie stand allerdings in stetem Austausch mit Peter und Abu Adam. Sie wusste so durchaus von Peters Schwierigkeiten; aber eben auch, dass er seinen Extremismus abgebaut hatte.<\/p>\n<p>Was das Geld angeht: Abu Adam selbst hat nach \u00fcbereinstimmender Auskunft von Prass und Dantschke kein Geld erhalten. &#8222;Wir haben ihm ein Honorar angeboten, aber er wollte keines&#8220;, sagt Dantschke. &#8222;Er hat keinen Cent von meinem Verein oder der Stadt Leipzig bekommen&#8220;, erg\u00e4nzt Solveig Prass. &#8222;Im Gegenteil, er hat draufgezahlt, er hat nicht mal Fahrtkosten abgerechnet, selbst wenn er aus Spanien angereist ist.&#8220;<\/p>\n<p>Hayat hat zwar in vier Raten insgesamt 5.780 Euro an Abu Adam \u00fcberwiesen, der damit f\u00fcr Peter das Schulgeld in Spanien bezahlte, dieser Betrag kam allerdings nicht aus Steuergeldern, sondern aus Spendenmitteln.** Steuergeld ist also h\u00f6chstens indirekt geflossen, weil Hayat insgesamt F\u00f6rdermittel vom Bundesinnenministerium erh\u00e4lt. (Hayat betreut aktuell \u00fcbrigens 405 F\u00e4lle.)<\/p>\n<h3>Welche Rolle spielt das BAMF?<\/h3>\n<p>Es gab dar\u00fcber hinaus laut Dantschke keinen weiteren Fall neben Peter, in dem Hayat mit Abu Adam kooperiert hat &#8211; auch wenn der BR von &#8222;labilen Jugendlichen&#8220; \u00a0im Plural sprach, die Hayat Abu Adam anvertraut habe, und die S\u00fcddeutsche Zeitung schrieb, Hayat habe &#8222;mehrmals Jugendliche nach Spanien&#8220; geschickt, &#8222;damit <a class=\"aomHighlight\">Abu Adam<\/a> sie vom Weg der Gewalt abbringe&#8220;. (In der <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/extremismus-in-die-sonnemit-abu-adam-1.3709409-2\">Online-Fassung korrigierte die SZ das sp\u00e4ter<\/a>, machte das jedoch nirgendwo als Korrektur kenntlich.)<\/p>\n<p>Aber was ist mit der eigentlichen Gretchenfrage: War Abu Adam in Wahrheit von Vornherein ungeeignet?<\/p>\n<p>Tatsache ist zun\u00e4chst einmal, dass Claudia Dantschke, nachdem das BAMF den Fall an Hayat abegegen hatte, monatlich an das BAMF berichtet hat. Die Beh\u00f6rde wusste also \u00fcber die Einbindung von Abu Adam Bescheid.<\/p>\n<p>Ein Sprecher best\u00e4tigte das auf meine Anfrage hin auch:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote><p>Grunds\u00e4tzlich arbeitet die Beratungsstelle Radikalisierung des Bundesamts vertrauensvoll und eng mit seinen Kooperationspartnern zusammen. Gerade die Expertise und Erfahrung der Kooperationspartner sind enorm wichtig, um in jedem einzelnen Beratungsfall individuelle Ma\u00dfnahmen, die einer (weiteren) Radikalisierung entgegenwirken, ergreifen zu k\u00f6nnen: Sie haben direkten Kontakt zu den Hilfesuchenden, erfahren dadurch viel \u00fcber die sich radikalisierende Person und kennen Ma\u00dfnahmen und Personen vor Ort mit deren Hilfe ein Umfeld zur Deradikalisierung geschaffen werden kann. Aus diesen Gr\u00fcnden wird die Fallbearbeitung durch die zivilgesellschaftliche Beratungsstelle jeweils eigenverantwortlich und situativ im Sinne des auf den Einzelfall ausgerichteten, individuellen Settings organisiert. \u00dcber die ergriffen Schritte unterrichten die Partner im Zuge des Fallmonitorings das Bundesamt in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden. So wurde die Zusammenarbeit von Hayat mit Abu Adam in dem geschilderten Einzelfall im Herbst 2014 mitgeteilt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Und der Sprecher erg\u00e4nzt:<\/p>\n<blockquote><p>Die Tatsache, dass Abu Adam dem salafistischen Spektrum zuzuordnen ist, wurde dem Bundesamt zum Jahreswechsel 2014\/2015 bekannt. Unmittelbar danach hat das Bundesamt im Januar 2015 gegen\u00fcber Hayat deutlich gemacht, dass es Abu Adam f\u00fcr einen nicht geeigneten Kooperationspartner in der Beratung islamistisch radikalisierter Personen h\u00e4lt. Eine Einbeziehung des Imams Abu Adam in weitere Beratungskonstellationen durch HAYAT ist nach Kenntnis des Bundesamts danach nicht erfolgt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das BAMF hat Abu Adam also nachtr\u00e4glich f\u00fcr ungeeignet erkl\u00e4rt. Was war der Grund daf\u00fcr? Nach meinen Recherchen hat das bayerische Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz seine Erkenntnisse aus der Zeit vor 2012, als Abu Adam in M\u00fcnchen lebte, Anfang 2015 mit dem Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Sachsen geteilt. Die Sachsen wiederum setzten das BAMF in Kenntnis.<\/p>\n<p>Wenn das stimmt, d\u00fcrfte es sich im Wesentlichen um jene Erkenntnisse handeln, die ich in meinem Artikel \u00fcber Abu Adam und Peter im Februar 2015 (inklusive Abu Adams Erwiderung) wiedergegeben habe:<\/p>\n<blockquote><p>Eine Verfassungsschutzbeh\u00f6rde ordnete ihn 2012 als Salafisten ein. Er lehne die pluralistische Gesellschaft ab, habe wiederholt ge\u00e4u\u00dfert, dass eine Frau nicht ohne Erlaubnis ihres Mannes aus dem Haus gehen d\u00fcrfe und habe sich w\u00e4hrend des Gazakriegs 2009 in einer Predigt absch\u00e4tzig \u00fcber Juden ge\u00e4u\u00dfert. Er wolle einen Gottesstaat, der mit Gewaltenteilung, Rechtsstaat und Parlamentarismus nicht vereinbar w\u00e4re. Er habe drei Videos mit extremistischen Inhalten gepostet. Seine Distanzierung vom Extremismus, so hie\u00df es mit Blick auf die bis 2012 gewonnenen Erkenntnisse, sei &#8218;zu hinterfragen&#8216;.<\/p>\n<p>&#8218;L\u00fcgen&#8216;, sagt Abu Adam, &#8218;bestenfalls Missverst\u00e4ndnisse.&#8216; (&#8230;) Frauen d\u00fcrften das Haus nur mit Einverst\u00e4ndnis des Ehemanns verlassen? &#8218;Das gilt f\u00fcr beide Ehepartner! Sie sollen sich absprechen, wenn einer irgendwohin geht.&#8216; Die Juden? &#8218;Ich habe \u00fcber israelische Soldaten gesprochen, die Kinder ermorden \u2013 das ja. Aber ich rede nie schlecht \u00fcber Christen oder Juden, nie!&#8216; Und der Gottesstaat? Abu Adam lacht auf. &#8218;Ich war auf Konferenzen in Ministerien, mit Polizisten, mit Politikern, um gegen Extremismus zu k\u00e4mpfen! Die SPD l\u00e4dt mich ein \u2013 ich komme. W\u00fcrde ich das tun, wenn ich diesen Staat hasse?&#8216; Die Videos schlie\u00dflich habe er als Provokation gepostet, &#8218;um die Extremisten aus ihren L\u00f6chern zu locken, sie zu stellen&#8216;.<\/p><\/blockquote>\n<p>Diese Erkenntnisse aber waren kein Geheimnis, ebenso wenig wie die Tatsache, dass Abu Adam schon lange umstritten ist. Im \u00f6ffentlich einsehbaren <a href=\"http:\/\/www.verfassungsschutz.bayern.de\/mam\/anlagen\/vsb_2012_vorabdruck_screen_1_.pdf\">bayerischen Verfassungsschutzbericht<\/a> taucht Abu Adams M\u00fcnchner Moschee zum Beispiel schon 2012 als eine &#8222;Plattform&#8220; salafistischer Bestrebungen auf. Bereits 2010 berichtete der Spiegel, Abu Adams Aussicht auf Einb\u00fcrgerung sei gleich null, weil es &#8222;Sicherheitsbedenken&#8220; g\u00e4be. <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-74549711.html\">\u00a0In demselben Artikel<\/a> erw\u00e4hnte der <em>Spiegel<\/em> allerdings auch schon Abu Adams Arbeit gegen Extremismus und Gewalt &#8211; ebenso <a href=\"http:\/\/query.nytimes.com\/gst\/fullpage.html?res=9905E6D9153CF934A25756C0A9669D8B63\">wie im selben Jahr die <\/a><em>New York Times.\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Zeit f\u00fcr ein Zwischenfazit: Was haben wir bis hierhin gelernt, was in Erfahrung gebracht?<\/p>\n<ol>\n<li>Der Verdacht der spanischen Ermittler, Peter sei Teil eines von Abu Adam orchestrierten Extremisten-Rings, l\u00e4sst sich nicht erh\u00e4rten<\/li>\n<li>Die Deradikalisierung Peters unter Einbeziehung von Hayat, der Kindervereinigung Leipzig e.V., dem BAMF und Abu Adam ist weder ein strahlender Erfolg, noch ein Desaster<\/li>\n<li>Zwischen den Bedenken, welche die Sicherheitsbeh\u00f6rden gegen\u00fcber Abu Adam hegen, und der positiven Wirkung, die Dantschke, Prass und andere ihm zuschreiben, bleibt ein Spannungsverh\u00e4ltnis bestehen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Der Ausgangspunkt dieses Blogs ist freilich, dass Abu Adam von der spanischen Justiz der Terror-Unterst\u00fctzung verd\u00e4chtigt wird. In der n\u00e4chsten Folge, die am Montag erscheint, wird es deshalb genau darum gehen: Wie lauten die Vorw\u00fcrfe eigentlich im Detail?<\/p>\n<p><em>* Im Interesse der Transparenz weise ich darauf hin, dass ich Claudia Dantschke seit 15 Jahren aus meiner journalistischen Arbeit kenne. Als ich im September 2017 mein neues Buch vorgestellt habe, sa\u00df Claudia Dantschke auf dem Podium, um dort mit mir \u00fcber das Thema Dschihadismus zu diskutieren. Im Nachwort meines Buches danke ich\u00a0Claudia Dantschke au\u00dferdem f\u00fcr fachliche Hinweise.\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>** Eine Passage aus meinem Text von 2015 muss ich deshalb hier nachtr\u00e4glich korrigieren. Dort stand, Hayat unterst\u00fctze Abu Adam mit Honoraren.\u00a0<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p>Haben Sie Hinweise oder verf\u00fcgen Sie \u00fcber Informationen, die f\u00fcr diese Recherche hilfreich sein k\u00f6nnten? Schreiben Sie an yassin.musharbash@zeit.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einst hielt der\u00a0Leipziger Imam Abu Adam den jungen Deutschen Peter davon ab, in den Krieg zu ziehen. Jetzt sitzt er selbst als Terrorverd\u00e4chtiger in Untersuchungshaft. \u00a0Folge 2 unseres Ermittlungsblogs. Von Yassin Musharbash &nbsp; &#8222;Ich habe bemerkt, dass sie mich beobachten&#8220;, tippt der junge Mann in sein Handy. &#8222;Von allen Seiten.&#8220; Wer sind &#8218;die&#8216;? 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