{"id":1526,"date":"2018-03-30T08:04:20","date_gmt":"2018-03-30T06:04:20","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zeit.de\/radikale-ansichten\/?p=1526"},"modified":"2018-03-30T08:04:20","modified_gmt":"2018-03-30T06:04:20","slug":"islam-debatte-glaube-fundamentalismus-vernunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/radikale-ansichten\/2018\/03\/30\/islam-debatte-glaube-fundamentalismus-vernunft\/","title":{"rendered":"F\u00fcnf Vorschl\u00e4ge f\u00fcr eine vern\u00fcnftige Islamdebatte"},"content":{"rendered":"<p><strong>Alle paar Monate bricht in Deutschland eine &#8222;Islamdebatte&#8220; los. Stets verl\u00e4uft sie unerquicklich. Wie k\u00f6nnte es besser gehen?<\/strong><\/p>\n<p><i>Von Yassin Musharbash\u00a0<\/i><\/p>\n<p>Manchmal habe ich einen Traum. Ich tr\u00e4ume davon, dass es gelingt, eine &#8222;Islamdebatte&#8220; zu f\u00fchren, in der nicht jeder gleich f\u00fcr einen Terroristenversteher gehalten wird, der nicht an die unaufhaltsame Islamisierung Deutschlands glaubt. In der aber auch nicht jeder, der sich wegen steigender Zuwandererzahlen aus muslimischen L\u00e4ndern sorgt, sofort ausgelacht wird.<\/p>\n<p>In der selbst ernannte Experten ausnahmsweise mal darauf verzichten, jede von einem 17-j\u00e4hrigen Marokkaner begangene Straftat mit einem Koran-Zitat zu kommentieren. Und in der bestimmte Politiker sich an der L\u00f6sung realer Probleme versuchen, anstatt diffuse Stimmungen zu bedienen. In der Fakten eine gr\u00f6\u00dfere Rolle spielen als gef\u00fchlte Wahrheiten.\u00a0Und in der nicht st\u00e4ndig Integration, Islam und Terror durcheinandergeworfen werden, bis man das eine Thema nicht mehr vom anderen unterscheiden kann \u2013 oder erinnern Sie sich an auch nur <i>eine<\/i> TV-Talkshow zu einem dieser drei Themen, in der es nicht sofort auch um die beiden anderen ging?<\/p>\n<p>Jaja, sicher: Alles hat immer mit allem zu tun, und nichts kommt von gar nichts.<\/p>\n<p>Aber teilen Sie nicht auch manchmal meinen Eindruck, dass wir seit 20 Jahren dieselbe Debatte f\u00fchren? Und dabei kaum vorankommen?<\/p>\n<p>Halten Sie mich meinetwegen f\u00fcr naiv, aber ich will den Glauben nicht aufgeben, dass es auch besser gehen k\u00f6nnte. Konstruktiver und ohne Hysterie. Ich habe eine gewisse Erfahrung mit der Islamdebatte. Hier sind ein paar Vorschl\u00e4ge, wie sie vielleicht fruchtbarer werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2><b>1. Sagen Sie, was Sie meinen\u00a0<\/b><\/h2>\n<p>&#8222;Der Islam geh\u00f6rt nicht zu Deutschland&#8220; \u2013 mit diesem Satz hat der neue Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) vergangene Woche der Debatte einen Neustart verschafft. Seitdem wird wieder gestritten.<\/p>\n<p>Aber wor\u00fcber eigentlich?<\/p>\n<p>Horst Seehofer und die CSU-F\u00fchrung erl\u00e4uterten die umstrittene Aussage mit zwei Erg\u00e4nzungen: Nat\u00fcrlich geh\u00f6rten die hier lebenden Muslime zu Deutschland. Und es stehe au\u00dfer Frage, dass Deutschland nicht durch den Islam, sondern durch das Christentum gepr\u00e4gt sei.<\/p>\n<p>Interessant \u2013 denn kein vern\u00fcnftiger Mensch w\u00fcrde diese beiden S\u00e4tze f\u00fcr falsch erkl\u00e4ren. Doch Seehofer &amp; Co haben nicht einfach nur diese beiden S\u00e4tze gesagt. Sie haben mit der Formulierung &#8222;Der Islam geh\u00f6rt nicht zu Deutschland&#8220; eine Botschaft ausgesandt, die hier lebende Muslime fast zwangsweise als ausgrenzend empfinden m\u00fcssen. Man kann den Satz deshalb als Beleg daf\u00fcr betrachten, dass ihr Ziel gerade keine vern\u00fcnftige Islamdebatte war.<\/p>\n<p>Dabei w\u00e4re es so simpel: Sagen Sie einfach, was Sie meinen!<\/p>\n<p>Also zum Beispiel:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Deutschland ist ein christlich gepr\u00e4gtes und kein muslimisch gepr\u00e4gtes Land. Aber hier leben 4,5 Millionen Muslime, die auch zu Deutschland geh\u00f6ren.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist inhaltlich voll identisch mit allem, was die CSU nach eigenem Bekunden mit dem Satz sagen wollte. Nur ist es viel weniger spektakul\u00e4r.<\/p>\n<p>Sollte die CSU hingegen in Wahrheit etwas anderes gemeint haben, hat sie es bisher jedenfalls nicht gesagt. Dann w\u00e4re es dankenswert, wenn sie es nachtr\u00fcge. Die Regel &#8222;Sagen Sie, was Sie meinen&#8220; gilt n\u00e4mlich auch f\u00fcr extremere Positionen. Alles ist besser als rumzuschwurbeln oder zu raunen.<\/p>\n<p>&#8222;Der Islam ist mit dem Grundgesetz nicht vereinbar&#8220;, ist zum Beispiel eine legitime Meinung, auch wenn ich pers\u00f6nlich sie f\u00fcr falsch halte. Sobald sie ausgesprochen ist, kann man Fakten herbeiziehen und \u00fcber sie diskutieren.<\/p>\n<p>Die Behauptung &#8222;Der Islam geh\u00f6rt nicht zu Deutschland&#8220; eignet sich daf\u00fcr nicht. Man merkt das daran, dass viele Diskussionsteilnehmer, auch Journalisten, die den Satz verteidigen, meistens zuerst sagen: Was wir <i>eigentlich<\/i> meinen, ist, dass <em>eine bestimmte Art von Islam<\/em> nicht zu Deutschland geh\u00f6rt. Und dann wird aufgez\u00e4hlt: Islamismus, Antisemitismus, Terror, Burka, etc.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re so viel sinnvoller, einfach die Probleme aufzuz\u00e4hlen und L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge zu machen oder zu fordern. Alles reale Probleme, die eine ernsthafte Debatte verdienten! Und keine Scheindebatte, die man in einem unpassenden und viel zu gro\u00dfen Rahmen aufzuspannen versucht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2><b>2. K\u00f6nnen wir uns die Tabu-Rhetorik sparen, bitte?\u00a0<\/b><\/h2>\n<p>Es w\u00e4re unsinnig, die Probleme zu leugnen, die mit dem Islamverst\u00e4ndnis einiger hier lebender Muslime zu tun haben, siehe oben. Aber es ist ebenso unsinnig, dabei jedes Mal so zu tun, als best\u00fcnden un\u00fcberwindbare Tabus, die irgendjemanden daran hinderten, diese Probleme anzusprechen.<\/p>\n<p>Insbesondere selbst ernannte Islamkritiker beharren best\u00e4ndig darauf, dass man sie diskreditiere, nicht zu Wort kommen lasse, totschweige und ignoriere \u2026 Woher ich das wei\u00df? Weil ich ihre Beschwerden und Anklagen in der Zeitung nachlesen, im Fernsehen anschauen, im Radio h\u00f6ren, im Bundestag zu Kenntnis nehmen und als Buch kaufen kann.<\/p>\n<p>Mir f\u00e4llt keine denkbare islamkritische Position ein, die nicht schon seit Jahren dauerhaft auf dem Markt der Meinungen vertreten w\u00e4re, rassistische Positionen eingeschlossen.<\/p>\n<p>Wirklich: Es gibt keine Tabus! Glauben Sie niemandem, der sagt: &#8222;Aber das darf man ja nicht sagen!&#8220; \u2013 was derjenige meistens meint, das ist: dass er gerne mehr Zustimmung ernten w\u00fcrde. Dass er gerne s\u00e4he, wie Politik, ver\u00f6ffentlichte Meinung, die Gesellschaft sich in seine Richtung bewegen. Darauf hat er aber keinen Anspruch. (Es passiert trotzdem gerade, weswegen ich noch weniger verstehe, warum die Islamkritiker darauf beharren, Tabubrecher zu sein; aber vielleicht \u00fcbersehe ich da auch ein Kalk\u00fcl.)<\/p>\n<p>Als ich vor 20 Jahren mein Studium aufnahm, da ging es in den Politikseminaren, die mich besonderes interessierten, schon um genau die Probleme, die angeblich bis heute nicht angesprochen werden d\u00fcrfen: Dass viele Muslime ihre religi\u00f6sen Werte \u00fcber die hier geltenden Regeln stellen; dass muslimische Privatrichter den Rechtsstaat unterlaufen; dass wir Zuwanderung nicht bewusst steuern; dass mitten in Deutschland Frauen und M\u00e4dchen aufgrund muslimischer Wertvorstellungen diskriminiert werden; dass in Moscheen auf deutschem Boden antideutsche und antisemitische Hasspredigten gehalten werden; dass &#8222;der Islam&#8220; ein Aufkl\u00e4rungsdefizit habe; dass ausl\u00e4ndische Staaten radikale Moscheegemeinden finanzieren; dass wir einen &#8222;Euro-Islam&#8220; brauchen, etc.<\/p>\n<p>Das Problem ist also in Wahrheit, dass die Probleme nicht gel\u00f6st worden sind.<\/p>\n<p><i>Das<\/i> w\u00e4re ein sinnvoller Ausgangspunkt f\u00fcr eine vern\u00fcnftige Islamdebatte: Reden wir \u00fcber konkrete Ma\u00dfnahmen f\u00fcr konkrete Probleme.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2><b>3. Der Koran ist keine Bedienungsanleitung<\/b><\/h2>\n<p>Gar nicht so selten ereignet sich auf Podiumsdiskussionen oder \u00e4hnlichen Veranstaltungen ein Schauspiel, das ich &#8222;Suren-Vier-Gewinnt&#8220; nenne: Jemand meldet sich zu Wort und zitiert eine Passage aus dem Koran, die beweisen soll, dass jemand, der an dieses Buch glaubt, unm\u00f6glich ein rechtstreuer B\u00fcrger in einem demokratischen Gemeinwesen sein kann. Es sind immer dieselben Stellen, die vorgelesen werden: T\u00f6tet die Nicht-Muslime, Frauen d\u00fcrfen geschlagen werden, Ungl\u00e4ubige sollen belogen werden, usw.<\/p>\n<p>Dann entgegnet jemand mit anderen Koran-Passagen: Es gibt keinen Zwang im Glauben, die Buch-Religionen Christentum und Judentum werden vom Islam akzeptiert, wenn jemand einen Menschen t\u00f6tet, ist es, als t\u00f6te er die gesamte Menschheit, Frieden, Barmherzigkeit, etc.<\/p>\n<p>Es gewinnt nie jemand.<\/p>\n<p>Das liegt daran, dass der Koran eine schwer zu lesende Schrift ist, in Teilen ein Regelwerk, in anderen eher Poesie, \u00fcber weite Strecken auf den ersten und oft sogar zweiten Blick gar nicht klar verst\u00e4ndlich, man k\u00f6nnte auch sagen: widerspr\u00fcchlich. Aus all diesen Gr\u00fcnden ist der Koran keine Bedienungsanleitung f\u00fcr Muslime.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist der Koran f\u00fcr Muslime wichtig. Aber die wenigsten haben ihn studiert oder auch nur vollst\u00e4ndig gelesen. Genau wie die meisten Christen in Deutschland die Bibel nicht in G\u00e4nze gelesen haben d\u00fcrften.<\/p>\n<p>Wer wissen will, was Muslime glauben, muss deshalb mit ihnen reden. Den Koran zu lesen, hilft da nur bedingt. Zumal man jedem heiligen Text Gewalt antut, wenn man im Vorbeigehen aus ihm zitiert. Ebenso wie das Judentum und das Christentum hat der Islam eine reiche theologische Tradition. Ohne Kenntnis dar\u00fcber, was Theologen zur Auslegung und Bedeutung einzelner Passagen sagen, gelangt man nicht an den Wesenskern einer Religion. Und deshalb sind Koran-Zitate auch nicht als Munition in der Islamdebatte geeignet. Sie sind nicht vorhaltbar, man kann nicht einfach zu einem Muslim sagen: Hier, schau mal, da steht doch, was du glaubst, schwarz auf wei\u00df! Der Glaube ist kompliziert, nicht nur der muslimische. Es besteht immer ein Spannungsfeld zwischen heiligem Text und gelebtem Glauben. (Vielleicht sollte man noch erg\u00e4nzen, dass die einzige muslimische Gruppe, die einfach blo\u00df gewaltverherrlichende Passagen aus dem Koran zitiert, ohne den Gro\u00dfteil der islamischen Theologie zu beachten, die Dschihadisten sind.)<\/p>\n<p>Darf man als Nicht-Muslim also nur \u00fcber Muslime reden, aber nicht \u00fcber ihre Religion? Keine Sorge, man darf. Aber vorzugsweise mit einem Minimum an Respekt, das sich zum Beispiel darin zeigt, dass man sich vorher mit der Materie besch\u00e4ftigt. Wer glaubt, die Scharia sei ein Buch mit Regeln und Strafen darin, weil es halt immer irgendwie danach klingt, sollte sich lieber noch einmal informieren. Wer nicht wei\u00df, was Salafisten sind, sollte sich bei dem Thema zur\u00fcckhalten.<\/p>\n<p>Ebenso wenig zielf\u00fchrend ist es, wenn Nicht-Muslime sich quasi selbst zu muslimischen Theologen ernennen und Reformideen f\u00fcr eine Weltreligion aus dem \u00c4rmel sch\u00fctteln. So w\u00fcnschenswert es sein mag, dass sich in der muslimischen Theologie eine historisch-kritische Lesart des Korans durchsetzt: Das sind Entwicklungen, die von au\u00dfen nicht sinnvoll beeinflusst werden k\u00f6nnen. Vern\u00fcnftig ist es, daf\u00fcr zu sorgen, dass Deutschland ein Land ist, in dem muslimische Reformer angstfrei forschen und lehren k\u00f6nnen. Vern\u00fcnftig ist es zu sagen: Wer meint, aufgrund seiner Auslegung des Korans oder anderer wichtiger Texte gegen hier geltende und nicht zur Diskussion stehende Rechte (Religionsfreiheit, Gleichberechtigung, etc.) versto\u00dfen zu k\u00f6nnen, der irrt und wird von uns daran gehindert werden. Jeder kann denken, was er will; aber nicht immer tun, was er m\u00f6chte.<\/p>\n<p>In der Islamdebatte gibt es eine weitere sich h\u00e4ufig wiederholende rhetorische Figur. Nach einem dschihadistisch motivierten Anschlag zum Beispiel. Dann sagt das eine Lager: Das hat mit dem Islam nichts zu tun, Islam ist Frieden! Und das andere Lager wartet nur darauf, um flugs ironisch zu erwidern: Ja klar, das hat mit dem Islam nat\u00fcrlich rein gar nichts zu tun! Komisch nur, dass die T\u00e4ter laufend eure heilige Schrift zitieren!<\/p>\n<p>Und wieder geht es nicht voran. Vergeudete Zeit! Dabei ist es eigentlich ganz einfach: <em>Selbstverst\u00e4ndlich<\/em> hat der Dschihadismus etwas mit dem Islam zu tun. Die T\u00e4ter sind keine Marsmenschen und auch keine Nihilisten. Sie sehen sich selbst, unbestreitbar, als Muslime. Zugleich sollte es jedoch nicht schwer fallen zu akzeptieren, dass fast alle Muslime auf der Welt den Dschihadismus als Perversion ihres Glaubens empfinden.<\/p>\n<p>Nachdem man sich darauf geeinigt hat, bleibt genug Stoff f\u00fcr eine vern\u00fcnftige Diskussion \u00fcbrig. Zum Beispiel hier\u00fcber:<\/p>\n<ul>\n<li>Wie l\u00e4sst sich verhindern, dass Dschihadisten Nachwuchs rekrutieren? \u00a0(Hat die Anf\u00e4lligkeit junger Menschen manchmal vielleicht gar nicht so viel mit Religion zu tun, sondern auch etwas mit ihren Lebensumst\u00e4nden oder ihrem subjektiven Gef\u00fchl, Opfer von Diskriminierung zu sein?)<\/li>\n<li>Welche Rolle sollten Moscheegemeinden und Imame dabei spielen? (Sie stehen <em>selbstverst\u00e4ndlich<\/em> in der Pflicht, weil islamistische Extremisten naheliegenderweise vor allem unter Muslimen zu rekrutieren versuchen.)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Wir sollten uns in der Islamdebatte nicht am Koran als heiligem Text abarbeiten. Wichtiger ist, was Muslime in diesem Land sagen und tun. Die meisten sagen und tun \u00fcberhaupt nichts, was problematisch ist. Wer Hasspredigten h\u00e4lt, Andersgl\u00e4ubige bep\u00f6belt, Menschen radikalisiert oder gar Terroranschl\u00e4ge plant, bei dem m\u00fcssen die entsprechenden Gesetze angewandt werden. Punkt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2><b>4. Trennen, was nicht zusammengeh\u00f6rt<\/b><\/h2>\n<p>Nicht immer, wenn ein Muslim etwas macht, tut er es, weil er Muslim ist. Wir alle sind durch mehr als unsere Religionszugeh\u00f6rigkeit gepr\u00e4gt; es ist niemals sinnvoll, jemanden alleine darauf zu reduzieren.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Islamdebatte bedeutet das: trennen, was nicht zusammengeh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Ein Beispiel: In der Silvesternacht 2015\/16 kam es in K\u00f6ln zu zahlreichen, teils schweren sexuellen \u00dcbergriffen an Frauen. Viele der T\u00e4ter und Tatverd\u00e4chtigen waren &#8222;Nafris&#8220;, Polizeijargon f\u00fcr Nordafrikaner. Wir haben damals in einer Rekonstruktion jener Nacht<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/zeit-magazin\/2016\/27\/silvesternacht-koeln-fluechtlingsdebatte-aufklaerung\"> im ZEIT-Magazin<\/a> mit zahlreichen jungen M\u00e4nnern aus Nordafrika gesprochen, die dabei gewesen waren.<\/p>\n<p>Wir wissen, dass die meisten betrunken oder berauscht waren. Dass viele von ihnen im Sommer 2015 nach Deutschland gekommen waren, als es hie\u00df: Die lassen jeden rein! Es bleibt unerkl\u00e4rlich und unentschuldbar, dass viele von ihnen in jener Nacht Frauen angriffen. Aber in keinem Fall haben wir Grund zu der Annahme gefunden, das alles k\u00f6nnte irgendetwas mit der Tatsache zu tun haben, dass die T\u00e4ter Muslime sind. Die meisten, mit denen wir sprachen, waren religionsfern aufgewachsen, Muslime eher nur nominell. Sie sind aber in Zust\u00e4nden aufgewachsen, in denen Frauenrechte kein gro\u00dfes Thema waren. Das erkl\u00e4rt mehr als der R\u00fcckgriff auf &#8222;den Islam&#8220;. Trotzdem l\u00f6ste die K\u00f6lner Silvesternacht damals nicht nur eine Fl\u00fcchtlings-, sondern auch eine Islamdebatte aus.<\/p>\n<p>Ich habe dieses Beispiel nicht angef\u00fchrt, um es aus jeder Diskussion herauzuhalten \u2013 im Gegenteil, all das muss auf den Tisch. Aber im richtigen Rahmen. Im Fall der K\u00f6lner Nafris geht es vorrangig um ein ausl\u00e4nderrechtliches Problem \u2013 Abschiebungen von nicht anerkannten Asylbewerbern nach Nordafrika \u2013 und nicht um &#8222;den Islam&#8220;.<\/p>\n<p>Im Idealfall w\u00fcrde man die Debatten um die drei gro\u00dfen Is, um Islam, Integration und Innere Sicherheit,<em> so weit es geht<\/em> unabh\u00e4ngig voneinander f\u00fchren. Schon weil weder alle Terroristen Muslime sind noch alle, die integriert werden m\u00fcssen, Muslime sind. Im besten Fall w\u00fcrden durch eine solche Differenzierung sogar mehr Probleme ernsthafter angegangen: Antisemitismus, zum Beispiel, ist nicht nur ein Thema bei <em>muslimischen<\/em> Einwanderern (und oft ist der Antisemitismus den Menschen aus politischen Gr\u00fcnden anerzogen worden, nicht aus religi\u00f6sen). Ebenso wenig ist die Geringerachtung von Frauen und M\u00e4dchen ein exklusives Problem von Menschen muslimischen Glaubens.<\/p>\n<p>Ich glaube, dass eine solche Entzerrung zu einer Enthysterisierung beitragen k\u00f6nnte. Und konstruktiver ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2><b>5. Die Moschee in Saudi-Arabien lassen\u00a0<\/b><\/h2>\n<p>Die Religionsfreiheit ist ein hohes Gut, eines der h\u00f6chsten. Dazu geh\u00f6rt, dass Muslime hier, genau wie alle anderen, ihren Glauben praktizieren k\u00f6nnen. Wie sie es tun, wo es wom\u00f6glich Grenzen gibt, dar\u00fcber wird unentwegt gestritten, manchmal auch vor Gericht \u2013 und dagegen ist gar nichts zu sagen. Kopftuch, Beschneidung, rituelle Sch\u00e4chtung: Keine dieser Fragen ist abschlie\u00dfend gekl\u00e4rt. Ein normaler Vorgang.<\/p>\n<p>Wenig konstruktiv ist es allerdings, wenn folgendes Argument aufgeboten wird: \u00dcber Minarette in Deutschland k\u00f6nnen wir ja reden, wenn in Saudi-Arabien Kirchen gebaut werden d\u00fcrfen!<\/p>\n<p>Diese Vermischung ist Unfug. Anders gesagt: Es ist widerspruchsfrei m\u00f6glich, f\u00fcr Religionsfreiheit in Saudi-Arabien und nicht gegen Minarette in Deutschland zu sein. Saudi-Arabien ist eine De-facto-Diktatur, die auf einer fundamentalistischen Islamauslegung basiert. Warum sollten wir uns mit einem solchen Staat auch nur vergleichen <em>wollen<\/em>? Abgesehen davon haben die hier lebenden Muslime \u00fcberhaupt keinen Einfluss auf die saudische Politik.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2><b>Zum Schluss<\/b><\/h2>\n<p>Was mich selbst jetzt schon nervt an diesem Beitrag: Dass er bei allem Bem\u00fchen darum, eine Debatte konstruktiver zu gestalten, zugleich schon wieder so klingt, als gebe es keine gr\u00f6\u00dfere Herausforderung in diesem Land.\u00a0Deshalb eine Schlussbemerkung: eine bessere, kl\u00fcgere, faktenreichere Islamdebatte w\u00fcrde selbstverst\u00e4ndlich auch die Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit zu allen anderen Problemen in diesem Land ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alle paar Monate bricht in Deutschland eine &#8222;Islamdebatte&#8220; los. Stets verl\u00e4uft sie unerquicklich. Wie k\u00f6nnte es besser gehen? Von Yassin Musharbash\u00a0 Manchmal habe ich einen Traum. 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