{"id":1548,"date":"2018-07-01T23:54:39","date_gmt":"2018-07-01T21:54:39","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zeit.de\/radikale-ansichten\/?p=1548"},"modified":"2018-07-02T09:31:45","modified_gmt":"2018-07-02T07:31:45","slug":"christen-mit-waffen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/radikale-ansichten\/2018\/07\/01\/christen-mit-waffen\/","title":{"rendered":"Christen mit Waffen"},"content":{"rendered":"<p><em>Simon Jacob ist der Vorsitzende des Zentralrats der orthodoxen Christen in Deutschland. Er hat ein Buch geschrieben, das jedes Genre sprengt: \u00dcber sein Leben und seinen Glauben. Und \u00fcber die Kriege im Nahen Osten, die er gesehen hat.\u00a0<\/em><\/p>\n<p>F\u00fcr gew\u00f6hnlich rezensiere ich in diesem Blog keine B\u00fccher. Aber dieser Text ist auch keine Rezensenion. Und das Buch, um das es geht, ist auch nicht gew\u00f6hnlich.<\/p>\n<p>\u00dcber den Nahen Osten und den Dschihadismus gibt es tausende B\u00fccher: Sachb\u00fccher, Fachb\u00fccher, Romane, Thriller, Reportageb\u00e4nde und Autobiografien, sogar Jugendb\u00fccher. Die meisten halten sich ziemlich streng an ihr Genre: In einer Analyse wird man keine Glaubensbekenntnisse finden. Journalisten, die von ihren Reisen und Recherchen berichten, reflektieren gelegentlich ihre eigene Rolle, werden aber ihre pers\u00f6nliche Lebensgeschichte eher heraushalten. Und in einer Autobiografie werden nur wenige Autoren am Ende politische Handlungsempfehlungen aufz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Simon Jacob hat ein Buch geschrieben, dem diese Genre-Grenzen egal sind. Er ignoriert sie einfach. Wahrscheinlich muss man sogar sagen: er ignoriert sie nicht einmal. Es ist, als existierten sie f\u00fcr ihn nicht. Dieser Regelbruch macht das Buch interessant. Es ist ungefiltert.<\/p>\n<p>Simon Jacob, geboren 1978, entstammt einer christlich-nah\u00f6stlichen Familie.\u00a0Er wurde in der S\u00fcdostt\u00fcrkei geboren, seine Muttersprache ist Westaram\u00e4isch.\u00a0Als Kind kam er mit seinen Eltern nach Deutschland, er durchlief eine Wirtschaftsausbildung, diente in der Bundeswehr, \u00a0arbeitete sp\u00e4ter in einem IT-Startup und gr\u00fcndete sein eigenes IT-Unternehmen.<\/p>\n<p>Bevor er all das hinwarf, um sich auf eine pers\u00f6nliche Reise zu begeben: quer durch den Nahen Osten. Zu seinen Wurzeln.\u00a0Und irgendwie auch: in sich hinein.<\/p>\n<p>Heute ist er der Vorsitzende des Zentralrats der orthodoxen Christen in Deutschland, betreibt eine Kommunikationsagentur und das <a href=\"https:\/\/peacemaker-tour.com\/370-profilbeschreibung\">Projekt \u201ePeacemaker\u201c<\/a>, das aus seiner Reise hervorgegangen ist.\u00a0Oder ist die Reise das Projekt? Ganz klar wird das nicht. Vielleicht muss es das auch gar nicht sein.<\/p>\n<p>Das Buch nun, es hei\u00dft ebenfalls \u201ePeacemaker\u201c und tr\u00e4gt den Untertitel \u201eMein Krieg. Mein Friede. Unsere Zukunft\u201c, ist &#8211; ja was eigentlich? Es ist teils Autobiografie, teils Reportagebericht, teils Ideensammlung und Tagebuch, teils religi\u00f6ses und politisches Manifest. Jacob springt in kurzen Kapiteln durch Raum und Zeit, einige Passagen sind reine Innenschau, andere kommentieren internationale Politik, dann folgt unvermittelt eine Anekdote. Der rote Faden ist die Gewaltfrage. Oder weil in diesem Buch alles pers\u00f6nlich ist: Darf ein Christ, muss er vielleicht sogar, Menschen t\u00f6ten?<\/p>\n<p>Immer wieder greift Jacob diese Frage auf, er kaut auf ihr herum, man sp\u00fcrt f\u00f6rmlich, wie sie ihn wachh\u00e4lt, und nat\u00fcrlich hat das einen Grund, denn er stellt sich diese Frage angesichts der Bedrohung durch die Terrorgruppe IS. F\u00fcr Jacob ist diese Bedrohung nicht abstrakt. Er ist kein pseudoneutraler Berichterstatter. Sein Blick ist radikal subjektiv: Als Teil der Gemeinschaft der nah\u00f6stlichen Christen sieht er sich selbst im Fadenkreuz der Dschihadisten. Deshalb besucht er christliche W\u00fcrdentr\u00e4ger im Irak und stellt ihnen diese Frage. Er diskutiert sie mit christlichen Milizion\u00e4ren, die er an der Front trifft, und die er, so verstehe ich den Text, bewundert f\u00fcr ihre Wehrhaftigkeit und ihren Mut.<\/p>\n<p>Eine der st\u00e4rksten Szenen spielt in Syrien am Khabour-Fluss. Mit einem christlichen Scharfsch\u00fctzen hockt Jacob auf einem H\u00fcgel, durch ein Fernglas beobachten sie eine IS-Stellung auf der anderen Seite. Auch dort befindet sich Scharfsch\u00fctze:<\/p>\n<blockquote><p>Nach einer gef\u00fchlten Ewigkeit, ich wartete die ganze Zeit auf den Schuss, legte der junge Scharfsch\u00fctze, der einmal Lehrer werden wollte, das Gewehr wieder ab. Er meinte lapidar: \u00bbWir haben uns darauf geeinigt, nicht aufeinander zu schie\u00dfen. Zumindest jetzt nicht.\u00ab<\/p><\/blockquote>\n<p>Jacob hat keine Hemmungen, seine verschiedenen Rollen, und es sind einige, miteinander zu vermischen. Er beschreibt, wie er deutsche Journalisten in Syrien und im Irak begleitet und ihnen mit seinen Verbindungen die Arbeit erleichtert, bzw. erm\u00f6glicht. Da ist er ganz Experte. Aber er beschreibt auch, wie er selbst nach vielen Jahren in seine alte Heimat reist und die Gepflogenheiten der Stammesgesellschaft selbst erst verstehen lernen muss. Da ist er ganz Lernender. Dieses Changieren in den Perspektiven irritiert sehr, aber es ist auf eine merkw\u00fcrdige Weise authentisch.<\/p>\n<p>Ebensowenig kennt Jacob Hemmungen, sein tiefstes Inneres mit den Lesern zu teilen: Religi\u00f6se Erweckungserlebnisse zum Beispiel. Oder grausame Alptr\u00e4ume, in denen er sich gewisserma\u00dfen den \u201eBlutboden\u201c seiner Vorfahren, wie er es nennt, und damit ihre Geschichte, ihr Schicksal, aneignet. Man kann das kitschig finden, ja sogar \u00fcbergriffig. Aber wiederum: Unverstellt, roh.<\/p>\n<p>Es ist also eine sehr besondere Mischung aus Naivit\u00e4t, Instinkt, Offenheit, Fr\u00f6mmigkeit und Expertentum, mit der Jacob durch den Nahen Osten reist. Die Begegnungen, die er schildert, sind jene, die ihn pers\u00f6nlich beeindruckt haben: M\u00fctter, die das Schicksal ihrer ermordeten Kinder beschreiben; die Leiche eines IS-K\u00e4mpfers, in dessen Hinterlassenschaft er Zeugnisse daf\u00fcr findet, dass auch dieser einst ein Mensch war, kein reines Monster. Jacob hat keine Angst vor gro\u00dfen Gef\u00fchlen oder kleinen Gedanken. Er setzt durchg\u00e4ngig sein eigenes inneres Erleben in Bezug zu dem, was er beobachtet. Zeichnet von sich selbst das Bild eines Menschen, der droht, an seinem Hass zu ersticken, bis er schlie\u00dflich &#8211; im Grunde: mittels seines christlichen Glaubens &#8211; einen Weg findet, f\u00fcr den Frieden zu sein.<\/p>\n<p>Es gibt sicher Leser, die diese innere Reise als zu nah, zu intim, zu pers\u00f6nlich, zu unreflektiert empfinden werden. Daf\u00fcr teilt jemand ohne Leitplanken mit, was er sieht, h\u00f6rt und f\u00fchlt.<\/p>\n<p>Zum Ende hin ver\u00e4ndert das Buch seinen Charakter Richtung Manifest. Jacob fordert mehr Dialog und einen genaueren Blick auf den Strau\u00df an Problemen, der mit dem Nahen Osten zusammenh\u00e4ngt: Relgionsfreiheit, Integration, Terrorpropaganda. Er will, dass m\u00f6glichst viele Menschen nachvollziehen, was er erfahren hat: Auch in schlimmsten Umst\u00e4nden k\u00f6nnen Menschen menschlich sein.<\/p>\n<p>Pers\u00f6nlich finde ich, dass der gr\u00f6\u00dfte Gewinn des Buches darin liegt, wie Simon Jacob den Leser in die verschlungene Welt der nah\u00f6stlichen christlichen Gemeinschaften einf\u00fchrt. Diese Gemeinschaften sind hier wenig bekannt, und Jacob teilt sein Wissen gro\u00dfz\u00fcgig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Anmerkung im Sinne der Transparenz: Ich habe im Rahmen der Recherchen f\u00fcr <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2014\/32\/fluechtlinge-deutschland-christen-verfolgung-muslime\">diese Geschichte<\/a> vor Jahren einmal mit Simon Jacob zusammengearbeitet.\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Simon Jacob ist der Vorsitzende des Zentralrats der orthodoxen Christen in Deutschland. 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