{"id":200,"date":"2013-08-05T16:20:53","date_gmt":"2013-08-05T14:20:53","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/radikale-ansichten\/?p=200"},"modified":"2013-08-05T18:10:39","modified_gmt":"2013-08-05T16:10:39","slug":"was-die-terrorwarnungen-nicht-bedeuten-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/radikale-ansichten\/2013\/08\/05\/was-die-terrorwarnungen-nicht-bedeuten-2\/","title":{"rendered":"Was die Terrorwarnungen (nicht) bedeuten"},"content":{"rendered":"<p>Es kommt nicht h\u00e4ufig vor, aber es kommt vor, dass sich Hinweise auf m\u00f6glicherweise bevorstehende Terroranschl\u00e4ge derart verdichten, dass ein Land \u00f6ffentlich Alarm schl\u00e4gt. Im Herbst 2010, nach mehreren Anschlagsdrohungen Al-Kaidas, war es Deutschland, jetzt sind es die USA. 19 diplomatische Vertretungen in der islamischen Welt werden vorsorglich geschlossen. Zugleich betonen Politiker und Geheimdienstler in den Nachrichtensendungen, wie ernst die Warnungen zu nehmen seien.<\/p>\n<p>Berichten seri\u00f6ser US-Medien zufolge (eine aktuelle, gute Zusammenfassung findet sich zum Beispiel <a href=\"http:\/\/www.nytimes.com\/2013\/08\/05\/world\/us-extends-closing-of-some-diplomatic-posts.html?hp&amp;_r=0\" target=\"_blank\">hier<\/a>) hat vom US-Geheimdienst abgefangene Kommunikation zwischen Al-Kaida-F\u00fchrern die Warnung ausgel\u00f6st. Sie h\u00e4tten anscheinend eine mehr oder weniger bald bevorstehende Attacke auf amerikanische oder westliche Ziele diskutiert.<\/p>\n<p>Andere Aspekte kommen hinzu:<\/p>\n<ul>\n<li>Vor wenigen Tagen ver\u00f6ffentlichte Al-Kaida-Chef Aiman al-Sawahiri eine Ansprache, in der er zur Gewalt in \u00c4gypten aufrief. Der verheerende Angriff auf das US-Konsulat in Bengasi im September vergangenen Jahres hatte sich kurz nach einer Sawahiri-Rede ereignet.<\/li>\n<li>CNN zufolge ist der Chef der Al-Kaida-Filiale auf der Arabischen Halbinsel (Aqap), Naser al-Wuhayshi alias Abu Basir, von al-Sawahiri zu einer Art Nummer zwei im Terrornetzwerk bef\u00f6rdert worden. Aqap hat bereits mehrfach versucht, im Westen zuzuschlagen. Die Gruppe verf\u00fcgt definitiv \u00fcber das dazu notwendige Wissen, und einige Geheimdienstanalysten bef\u00fcrchten offenbar, dass es eine Art Beglaubigungsanschlag aus Anlass von Wuhayshis Bef\u00f6rderung geben k\u00f6nnte.<\/li>\n<li>Aqaps Chef-Bombenbauer al-Asiri soll zuletzt mehrere Sch\u00fcler ausgebildet haben.<\/li>\n<li>In den vergangenen Wochen sind in gleich mehreren L\u00e4ndern etliche, vielleicht Hunderte <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2013-08\/al-kaida-verbreitung-offensivehttp:\/\/\">Al-Kaida-K\u00e4mpfer entflohen<\/a>.<\/li>\n<li>Der Fastenmonat Ramadan n\u00e4hert sich seinem Ende. Einige Dschihadisten erachten diese Zeit als besonders angemessen f\u00fcr den M\u00e4rtyrertod.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Zusammen ergibt das eine bedrohliche Mischung. Aber es passt nicht alles zueinander. Das Bild ist diffuser, als man meinen k\u00f6nnte, wenn man die Presseberichterstattung studiert.<\/p>\n<p>So <a href=\"http:\/\/www.cbsnews.com\/8301-202_162-57596882\/source-terrorists-behind-embassy-threat-in-place\/\" target=\"_blank\">berichtete CBS<\/a> zum Beispiel am Wochenende, es sei bekannt geworden, dass die Attent\u00e4ter nunmehr ausgew\u00e4hlt worden seien; in anderen Medien hie\u00df es \u00fcbereinstimmend, das bef\u00fcrchtete Ausma\u00df der mutma\u00dflich geplanten Attacke bewege sich in den Dimensionen des 11. September 2001 oder doch zumindest des 2006 verhinderten Versuches, mehrere Transatlantikfl\u00fcge gleichzeitig zum Absturz zu bringen.<\/p>\n<p>Das ist schwierig miteinander in Einklang zu bringen. Aus der Planungsgeschichte von Terrorvorhaben dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung wissen wir zum Beispiel, dass die Attent\u00e4ter Monate vorher ausgesucht wurden. Was hier wirklich stimmt, was H\u00f6rensagen ist und was Interpretation, bleibt einstweilen offen.<\/p>\n<p>Zugleich gibt es in der Berichterstattung und in den \u00c4u\u00dferungen von Geheimdienstlern und Politikern eine gewisse Verengung auf eine vermutete Aqap-Drahtzieherschaft. Die w\u00e4re zwar wahrscheinlich, denn Aqap ist zweifellos die schlagkr\u00e4ftigste Al-Kaida-Filiale. Das hei\u00dft aber keineswegs, dass nur Aqap infrage kommt.<\/p>\n<p>Nehmen wir etwa die Kaida-Filiale in Nordafrika, Aqmi: Sie ist zwar zerstritten, verf\u00fcgt aber \u00fcber erfahrene Kader und ist finanziell gut ausgestattet. Und sie hat bereits vor Jahren gedroht, in Europa zuzuschlagen. Dass das bisher nicht geschehen ist, muss nicht bedeuten, dass sie es nicht kann.<\/p>\n<p>Sogar Al-Kaidas Dependance im Irak und in Syrien (AQI) k\u00e4me infrage. Ebenso weitere Gruppen, die gelegentlich mit Al-Kaida kooperieren. Es ergibt jedenfalls wenig Sinn, nur Gruppen als potenzielle Drahtzieher zu benennen, die bereits Anschl\u00e4ge im Westen geplant oder durchgef\u00fchrt haben \u2013 irgendwann ist ja immer das erste Mal, Beispiel daf\u00fcr sind etwa die pakistanischen Taliban (TTP), denen niemand internationale Ambitionen nachsagte, bevor sie 2010 eine Autobombe am New Yorker Times Square platzierten. Was ich damit sagen will: Das wahrscheinlichste Szenario ist nicht immer mit gro\u00dfem Abstand das wahrscheinlichste.<\/p>\n<p>Dass die USA insbesondere ihre diplomatischen Vertretungen zu sch\u00fctzen versuchen, ist nachvollziehbar: Sie sind h\u00e4ufig Ziel von Anschl\u00e4gen. Bengasi 2012 ist nur ein Beispiel, das eindringlichere sind die simultanen Bombenanschl\u00e4ge auf die Vertretungen in Nairobi und Daressalam 1998.<\/p>\n<p><strong>Ungew\u00f6hnliche Offenheit<\/strong><\/p>\n<p>Der Zusammenhang zu der aktuell aufgefangenen Kommunikation ist allerdings nicht ersichtlich, jedenfalls nicht auf der Grundlage bisher bekannt gewordener Informationen. Gut m\u00f6glich, dass die USA an dieser Stelle vorsorglich handeln und gar nicht wissen, gegen welche Art von Ziel der mutma\u00dfliche Anschlag sich richten soll.<\/p>\n<p>Die Informationen halten die USA trotzdem f\u00fcr derart wichtig, dass sie damit an die \u00d6ffentlichkeit gegangen sind. Das ist ungew\u00f6hnlich, vor allem im Zusammenhang mit der Information, dass die Warnung auf abgefangener Al-Kaida-Korrespondenz beruht. Wenn Geheimdienste auch nur punktuell dazu in der Lage sind, behalten sie das normalerweise tunlichst f\u00fcr sich. Nichts ist einfacher f\u00fcr Al-Kaida und andere Gruppen, kompromittierte Kommunikationswege zu \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Warum also dieses Ausma\u00df an Offenheit? Ich sehe drei m\u00f6gliche Erkl\u00e4rungen: Entweder die Gefahr wird wirklich f\u00fcr au\u00dferordentlich ernst erachtet, oder der Kommunikationskanal ist bereits obsolet, oder es ist eine Panne.<\/p>\n<p><strong>Alles nur ein Bluff?<\/strong><\/p>\n<p>Einige werden einwenden, es gebe noch eine vierte M\u00f6glichkeit: Das ist alles nur ein Bluff, der Nutzen der NSA soll k\u00fcnstlich betont, <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/themen\/politik\/nsa-abhoerskandal\/index\">vom Skandal um die massenhafte und umfassende Ausforschung<\/a> von unverd\u00e4chtigen Personen abgelenkt werden! Das ist ein verlockender Gedanke. Aber ich teile ihn nicht. Er missachtet, dass die NSA in den USA nicht einmal ansatzweise so heftig kritisiert wird wie derzeit in Deutschland. Sie hat es schlicht nicht n\u00f6tig, sich zu rechtfertigen. Viel wichtiger in der \u00f6ffentlichen Debatte ist in den USA nach wie vor der Angriff auf das Konsulat in Bengasi, bei dem der Botschafter und drei weitere Diplomaten starben.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich ein letzter Punkt: Wie werden die Terroristen auf die \u00f6ffentlichen Warnungen reagieren? Eine naheliegende Vermutung w\u00e4re: Sie stellen ihre Planungen erst einmal ein. Und nehmen sie erst wieder auf, wenn sie das Gef\u00fchl haben, es wird weniger genau hingeschaut. Geduld, das betont Al-Kaida in ihren Schriften immer wieder, sei eine der vornehmsten Tugenden eines Gotteskriegers. Dieses Zusammenspiel k\u00f6nnte auf Folgendes hinauslaufen: Je klarer die Hinweise, desto deutlicher die Warnung \u2013 und desto unwahrscheinlicher ein Anschlag (zum vorhergesagten Zeitpunkt). Eine Art geheimdienstliche Unsch\u00e4rferelation mithin: Der beobachtete Gegenstand ver\u00e4ndert sich durch die Beobachtung.<\/p>\n<p>Zusammengefasst: Es gibt ernst zu nehmende Hinweise darauf, dass Al-Kaida derzeit an einem gr\u00f6\u00dferen Anschlagsplan gegen ein oder mehrere westliche Ziele arbeitet. Konkreteres ist bisher nicht bekannt. Man k\u00f6nnte jetzt nat\u00fcrlich sagen: Das wussten wir doch vorher schon! Aber ganz so lapidar ist es doch wieder nicht, wenn wirklich entsprechende Kommunikation mitgeschnitten wurde. Das w\u00fcrde Schutzma\u00dfnahmen rechtfertigen, und, je nach Inhalt, den ich nat\u00fcrlich nicht kenne, vielleicht auch \u00f6ffentliche Warnungen. Die bekannt gewordenen Informationsschnipsel sind jedoch bei genauerer Pr\u00fcfung vor allem unspezifisch. Die Warnung besagt jedenfalls nicht, wie man derzeit beim Zeitunglesen denken k\u00f6nnte, dass Aqap US-Vertretungen im Nahen Osten angreifen will. Das <em>kann<\/em> der Fall sein. Aber im Grunde besagt sie blo\u00df: Irgendjemand plant irgendetwas und glaubt, dabei irgendeine Art von Fortschritt erzielt zu haben.<\/p>\n<p>Ob das ein Grund zur gesteigerten Beunruhigung ist, muss jeder selbst entscheiden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es kommt nicht h\u00e4ufig vor, aber es kommt vor, dass sich Hinweise auf m\u00f6glicherweise bevorstehende Terroranschl\u00e4ge derart verdichten, dass ein Land \u00f6ffentlich Alarm schl\u00e4gt. Im Herbst 2010, nach mehreren Anschlagsdrohungen Al-Kaidas, war es Deutschland, jetzt sind es die USA. 19 diplomatische Vertretungen in der islamischen Welt werden vorsorglich geschlossen. 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