{"id":1029,"date":"2014-06-22T13:19:23","date_gmt":"2014-06-22T11:19:23","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/schach\/?p=1029"},"modified":"2014-06-22T18:20:30","modified_gmt":"2014-06-22T16:20:30","slug":"natuerlich-ist-schach-sport","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/natuerlich-ist-schach-sport\/","title":{"rendered":"Nat\u00fcrlich ist Schach Sport"},"content":{"rendered":"<p>Im Mai beschloss das Bundesministerium des Inneren, <a href=\"http:\/\/de.chessbase.com\/post\/bmi-streicht-zuschuesse-fuer-schachbund\" target=\"_blank\">Schach nicht mehr zu f\u00f6rdern<\/a>. Fehlende Eigenmotorik, kein Sport, lautete die Begr\u00fcndung. In der Kasse des Deutschen Schachbunds drohten bald 130.000 Euro zu fehlen. Im Juni <a href=\"https:\/\/www.cducsu.de\/presse\/pressemitteilungen\/haushaltsausschuss-sichert-jugend-trainiert-fuer-olympia-und-foerdert-schachsport\" target=\"_blank\">nahm der Haushaltausschuss des Bundestags den Zug des BMI zur\u00fcck<\/a>. Schach wird auch k\u00fcnftig gef\u00f6rdert. Aber es bleiben Fragen: Ist Schach f\u00f6rderungsw\u00fcrdig? Ist Schach Sport?<!--more Weiterlesen--><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1030\" alt=\"carlsen12\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/files\/2014\/06\/carlsen12.jpg\" width=\"360\" height=\"502\" \/><em>Schachweltmeister Magnus Carlsen beim Fu\u00dfball (Foto: <a href=\"http:\/\/www.google.de\/imgres?imgurl=http%3A%2F%2Fen.chessbase.com%2Fportals%2F4%2Ffiles%2Fnews%2F2011%2Fevents%2Fcarlsen12.jpg&amp;imgrefurl=http%3A%2F%2Fen.chessbase.com%2Fpost%2Fmedias-kings-rd6-karjakin-wins-to-share-lead-with-carlsen&amp;h=502&amp;w=360&amp;tbnid=d-gKS\">Ionut Anisca<\/a>)<\/em><\/p>\n<p>Meine Schachblog-Kollegen haben <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/ist-schach-ein-sport\/\" target=\"_blank\">an dieser Stelle schon geschrieben<\/a>, warum sie, obwohl selbst gro\u00dfe Schachfans und -spieler, an Schach als echtem Sport zweifeln. Ich m\u00f6chte dem hier etwas entgegenhalten: Ja, Schach ist ein Sport. Und sollte noch viel mehr als bisher gef\u00f6rdert werden. Weil zum Sport auch das Denken geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Eine moderne demokratische Gesellschaft sollte ihre Mitglieder zum Denken ermuntern. Es ist kein Zufall, dass Aufkl\u00e4rer und Wegbereiter der Vernunft wie Benjamin Franklin, Jean-Jacques Rousseau und Denis Diderot begeisterte Schachspieler waren. Ebenso wenig ist es Zufall, dass wirtschaftlich und technisch aufstrebende Nationen wie China und Indien vor 30 oder 40 Jahren, als sie am Beginn dieser Entwicklung standen, keinen einzigen Schachgro\u00dfmeister hatten, jetzt aber zu den f\u00fchrenden Schachnationen der Welt geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Studien haben gezeigt, wie gut Schach f\u00fcr Kinder und Jugendliche ist. Schach, so die Erkenntnis der Wissenschaftler, f\u00f6rdert Konzentrationsf\u00e4higkeit, mathematische F\u00e4higkeiten und nicht zuletzt soziale Kompetenz. Auch nicht schlecht f\u00fcr eine Gesellschaft.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt sollte zun\u00e4chst die Grundfrage gekl\u00e4rt werden: Was ist eigentlich Sport? Das l\u00e4sst sich nur schwer eindeutig definieren. Einen Versuch macht das <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sport#Definitionen\" target=\"_blank\">Sportwissenschaftliche Lexikon von 1992<\/a>: &#8222;Seit Beginn des 20. Jahrhunderts hat sich Sport zu einem umgangssprachlichen, weltweit gebrauchten Begriff entwickelt. Eine pr\u00e4zise oder gar eindeutige begriffliche Abgrenzung l\u00e4sst sich deshalb nicht vornehmen. Was im allgemeinen unter Sport verstanden wird, ist weniger eine Frage wissenschaftlicher Dimensionsanalysen, sondern wird weit mehr vom alltagstheoretischen Gebrauch sowie von den historisch gewachsenen und tradierten Einbindungen in soziale, \u00f6konomische, politische und rechtliche Gegebenheiten bestimmt.&#8220;<\/p>\n<p>Oder einfacher: Sport ist, was eine Gesellschaft daf\u00fcr h\u00e4lt. Und das \u00e4ndert sich.<\/p>\n<p>Selbst die Sportverb\u00e4nde, die eigentlich wissen sollten, was sie da organisieren und betreiben, sind sich uneinig. So legt der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) bei seiner Sportdefinition Wert auf &#8222;Eigenmotorik&#8220;. Also entsprechen &#8222;Denkspiele, die Dressur von Tieren sowie Motorsport ohne Einbeziehung solcher motorischer Aktivit\u00e4ten \u2026&#8220; nicht dem Sportverst\u00e4ndnis des DOSB.<\/p>\n<p>Das Internationale Olympische Komitee sieht das anders und z\u00e4hlt deshalb auch Schach und Bridge zu den anerkannten Sportarten. Noch umfassender f\u00e4llt die Definition von <a href=\"http:\/\/www.sportaccord.com\/en\/\" target=\"_blank\">Sportaccord<\/a> aus, dem Internationalen Dachverband &#8222;aller bedeutenden Sportverb\u00e4nde&#8220;. F\u00fcr diesen Weltverband z\u00e4hlt beim Sport der Wettkampfcharakter, wobei zu viel Gl\u00fcck eine Disziplin als unsportlich disqualifiziert. Au\u00dferdem d\u00fcrfen keine Lebewesen zu Schaden kommen und es darf kein unangemessenes Risiko f\u00fcr die Gesundheit bestehen.<\/p>\n<p>Die Sportarten teilt Sportaccord in f\u00fcnf Kategorien ein: &#8222;\u00dcberwiegend physisch, \u00fcberwiegend geistig, \u00fcberwiegend motorisiert, \u00fcberwiegend auf Koordination beruhend und \u00fcberwiegend im Zusammenspiel mit Tieren.&#8220; Wer also Schach als Sport sehen m\u00f6chte, der sollte sich auf das Internationale Olympische Komitee oder besser noch auf Sportaccord berufen.<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig von allen Definitionen kann man sich auch fragen: Was macht Sport aus? Was zeichnet einen guten Sportler und eine gute Sportlerin aus? Liest man Berichte \u00fcber Sport und Sportler, sind die unsichtbaren Ph\u00e4nomene wie Spielverst\u00e4ndnis, Intelligenz und Wettkampfmentalit\u00e4t dabei mindestens ebenso wichtig wie Eigenmotorik. So beginnt ein Portr\u00e4t des deutschen Basketballstars Dirk Nowitzki von Sebastian Moll in der <a href=\"http:\/\/www.berliner-zeitung.de\/archiv\/seit-langem-ist-der-basketballer-dirk-nowitzki-in-den-usa-ein-star--jetzt-steht-er-vor-seinem-groessten-triumph--am-sonntag-kann-er-mit-dallas-meister-werden-der-gigant,10810590,10791800.html\"><em>Berliner Zeitung<\/em> vom 11. Juni 2011<\/a>: &#8222;Nat\u00fcrlich ist Leistungssport niemals reine Kopfsache, wie die Gurus des mentalen Trainings es gerne predigen. Und doch gibt es Momente im Sport, in denen das K\u00f6nnen der Kontrahenten ann\u00e4hernd gleich ist und die Psyche \u00fcber Sieg oder Niederlage entscheiden muss.&#8220;<\/p>\n<p>In seinem Buch <em>More than a Game<\/em> erinnert sich Phil Jackson, einer der erfolgreichsten Basketballtrainer aller Zeiten, wie er mit Basketball angefangen hat: &#8222;Ich glaube nicht, dass ich ein besonders begabter Athlet war, es war einfach nur so, dass ich unter Stress gut war, vom Spielen etwas verstand und Wettkampf liebte.&#8220; (Phil Jackson, Charley Rosen, More than a Game, New York 2001, S.20;)<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1032\" alt=\"phil jackson\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/files\/2014\/06\/phil-jackson.jpg\" width=\"360\" height=\"420\" \/>Phil Jackson (<em>Foto: Keith Allison, Wikipedia<\/em>)<\/p>\n<p>Wie der Ausdruck &#8222;begabter Athlet&#8220; verr\u00e4t, unterscheidet Jackson zwischen den k\u00f6rperlichen und den mentalen F\u00e4higkeiten eines Sportlers. Einstellung und Psyche seiner Teams waren ihm sehr wichtig. Vor einem entscheidenden Spiel seiner Los Angeles Lakers gegen die Portland Trail Blazers in den NBA-Play-Offs ordnete er keine zus\u00e4tzlichen Trainingseinheiten an, sondern erkl\u00e4rte seinen Spielern mit der Philosophie des &#8222;achtfachen Pfads&#8220; Grundlagen buddhistischer Ethik. Jackson wollte damit das Zusammenspiel seiner teils mit \u00fcbergro\u00dfem Ego ausgestatteten Spieler f\u00f6rdern. Die Lakers gewannen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1033\" alt=\"buddha2\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/files\/2014\/06\/buddha2.jpg\" width=\"480\" height=\"354\" \/><em>Buddha: Symbol f\u00fcr Ruhe und mentale Kraft (Foto: <a href=\"http:\/\/zenmind.org\/menu.html\">Furnace Mountain Zen Center<\/a>, Kentucky, USA)<\/em><\/p>\n<p>Sport, so k\u00f6nnte man folgern, ist ein spielerischer Wettkampf gegen sich selbst oder andere, bei dem es auf das gelungene Zusammenspiel von K\u00f6rper, Geist und Psyche ankommt. Kein Wunder, dass immer mehr Sportler meditieren, autogenes Training betreiben, das konstruktive Selbstgespr\u00e4ch \u00fcben und den Rat von Mentaltrainern suchen, um ihre Leistungsm\u00f6glichkeiten besser auszusch\u00f6pfen. Wer hingegen die Eigenmotorik als entscheidendes Merkmal des Sports betont, zeigt wenig Sinn f\u00fcr Psyche und Geist, aber Gesp\u00fcr f\u00fcr Geld. Denn Eigenmotorik kann man sehen, zeigen und somit besser vermarkten.<\/p>\n<p>Beim Schach spielt die Eigenmotorik keine gro\u00dfe Rolle. Stattdessen steht das Denken im Vordergrund und daf\u00fcr ist das Gehirn zust\u00e4ndig. Was das so treibt und tut, sieht man nicht. Ein Teil des K\u00f6rpers ist es dennoch. Und viele Menschen sind dankbar und froh, wenn es gut funktioniert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Mai beschloss das Bundesministerium des Inneren, Schach nicht mehr zu f\u00f6rdern. Fehlende Eigenmotorik, kein Sport, lautete die Begr\u00fcndung. In der Kasse des Deutschen Schachbunds drohten bald 130.000 Euro zu fehlen. Im Juni nahm der Haushaltausschuss des Bundestags den Zug des BMI zur\u00fcck. Schach wird auch k\u00fcnftig gef\u00f6rdert. Aber es bleiben Fragen: Ist Schach f\u00f6rderungsw\u00fcrdig? 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