{"id":1106,"date":"2014-08-15T17:12:21","date_gmt":"2014-08-15T15:12:21","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/schach\/?p=1106"},"modified":"2014-08-17T00:21:11","modified_gmt":"2014-08-16T22:21:11","slug":"magnus-carlsen-auf-dem-egotrip","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/magnus-carlsen-auf-dem-egotrip\/","title":{"rendered":"Magnus Carlsen auf dem Egotrip?"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_1111\" aria-describedby=\"caption-attachment-1111\" style=\"width: 400px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/magnus-carlsen-auf-dem-egotrip\/saric-carlsen\/\" rel=\"attachment wp-att-1111\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1111 size-full\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/files\/2014\/08\/saric-carlsen.jpg\" alt=\"Premierministerin bei\" width=\"400\" height=\"300\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1111\" class=\"wp-caption-text\">Beliebtes Motiv: Premierministerin Erna Solberg bei der Partie Ivan Saric gegen Magnus Carlsen &#8211; Quelle: Statsministerens kontor<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Nach seiner zweiten Niederlage hatte Magnus Carlsen keine Lust mehr. Er hatte schon gegen den Deutschen Arkadij Naiditsch verloren und gegen den Kroaten Ivan \u0160ari\u0107. Und so trat er zur letzten Partie des norwegischen Teams bei der Schacholympiade am Donnerstag gegen Malaysia gar nicht mehr an. Er soll Troms\u00f8, den Austragungsort, zu diesem Zeitpunkt sogar schon verlassen haben.<\/p>\n<p>Dabei hatten sich alle so gefreut. Eine Schacholympiade im Land des Weltmeisters, des Schach-Models. Ganz Norwegen, so schien es, dr\u00e4ngte sich um Carlsens Brett. Vor der Partie gegen\u00a0\u0160ari\u0107 kam sogar die norwegische Premierministerin Erna Solberg vorbei und machte den ersten Zug. Es half nichts. Zwei Niederlagen bei einer Schacholympiade, das war einem amtierenden Weltmeister noch nie passiert.<\/p>\n<p>Das Team der Norweger landete am Ende nur auf einem entt\u00e4uschenden 29. Platz. Schon kam der Verdacht auf, Carlsen nehme das Turnier nicht ernst, bereite sich nicht gewissenhaft vor und spiele egoistisch. Doch stimmt das wirklich?<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_1133\" aria-describedby=\"caption-attachment-1133\" style=\"width: 390px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/magnus-carlsen-auf-dem-egotrip\/2_carlsen_nyback_300\/\" rel=\"attachment wp-att-1133\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1133\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/files\/2014\/08\/2_carlsen_nyback_300.jpg\" alt=\"2_carlsen_nyback_300\" width=\"390\" height=\"247\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1133\" class=\"wp-caption-text\">Nyback gegen Carlsen zu Beginn der Partie Quelle: Georgios Souleidis chess 24<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Die Schachfans sind in den vergangenen Jahren verw\u00f6hnt vom nahezu perfekten Spiel Carlsens. Ihre Erwartungen wurden mit jedem seiner Siege weiter nach oben geschraubt. Doch auch Magnus Carlsen kann nicht zaubern. Die meisten seiner Gegner bei dieser Olympiade geh\u00f6ren zur erweiterten Weltspitze. Und wenn die sich zu keinem Fehler hinrei\u00dfen lassen und sehr vorsichtig agieren \u2013 schlie\u00dflich geht es gegen den Weltmeister \u2013 ist es auch schwer f\u00fcr Carlsen, zu gewinnen.<\/p>\n<p>Schon zu Beginn der Olympiade fragen sich einige, warum es dem st\u00e4rksten Schachspieler der Welt nicht gelungen war, die Nummer 279 der Weltrangliste Tomi Nyback zu schlagen. Schlie\u00dflich trennten die beiden gut 300 Elo-Punkte, beim Schach ein Klassenunterschied. Doch Nyback forcierte das Spiel, die Partie endete remis. Dass Carlsen wieder eine nahezu perfekte Partie gespielt hatte, ging inmitten der Verwunderung unter. Die Erwartungshaltung vieler ist eben nicht an die Leistung, sondern an den Erfolg gekoppelt.<\/p>\n<p>Es wurde auch viel \u00fcber Carlsens Experimentierfreudigkeit diskutiert. Hinter vorgehaltener Hand wurde ihm jene als Egoismus ausgelegt, da er sich ohne R\u00fccksicht auf das Mannschaftsergebnis in neuen Dingen versuchte und so den Erfolg seines Teams gef\u00e4hrdete. In der Tat experimentierte Carlsen viel bei dieser Olympiade und geriet dadurch oftmals an den Rand einer Niederlage.<br \/>\nBesonders in den Runden f\u00fcnf und sechs, als es mit Levon Aronian und Fabiano Caruana gegen die Nummer zwei und drei der Weltrangliste ging, stand Carlsen mehr als nur gef\u00e4hrdet, zum Teil gar auf Verlust. Viele Beobachter attestierten ihm \u00dcbermut, insbesondere bei der Er\u00f6ffnungswahl gegen Caruana, als er zur skandinavischen Verteidigung griff. Diese genie\u00dft auf Topniveau zu Recht einen zweifelhaften Ruf und Carlsen kam schnell in Nachteil. Der Verdacht kam auf, er wolle seinen engsten Konkurrenten zeigen, er k\u00f6nne alles gegen sie spielen und verliere doch nicht. Besonders brisant ist, dass er tats\u00e4chlich aus den zwei Partien 1,5 Punkte mit den schwarzen Steinen erspielt hat.<br \/>\nNeuen Antrieb bekam die Ego-Diskussion nach der Partie gegen den Kroaten\u00a0\u0160ari\u0107. Carlsen w\u00e4hlte eine selten gespielte Abfolge, die als sehr riskant gilt. Das Ergebnis war eine Niederlage gegen die Nummer 75 der Weltrangliste, der Weltmeister war komplett chancenlos. Dessen riskanter Partieanlage wurde mehr Aufmerksamkeit gewidmet, als der starken Leistung von \u0160ari\u0107. Und auch in dieser Partie wurde Carlsen unbedingter Siegeswille als \u00dcberheblichkeit und Desinteresse gesehen. Risikobereitschaft wird scheinbar nur dann positiv gesehen, wenn sie auch Erfolg bringt.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" frameborder=\"0\" height=\"554\" src=\"http:\/\/phpscripts.zeit.de\/visualisierungen\/schachembed\/index.html?pgn=%5BEvent%20%2241st%20Olympiad%20Open%202014%22%5D%0A%5BSite%20%22Tromso%20NOR%22%5D%0A%5BDate%20%222014.08.12%22%5D%0A%5BRound%20%2210.1%22%5D%0A%5BWhite%20%22Saric%2C%20Ivan%22%5D%0A%5BBlack%20%22Carlsen%2C%20Magnus%22%5D%0A%5BResult%20%221-0%22%5D%0A%5BECO%20%22C61%22%5D%0A%5BWhiteElo%20%222671%22%5D%0A%5BBlackElo%20%222877%22%5D%0A%5BPlyCount%20%2273%22%5D%0A%5BEventDate%20%222014.08.02%22%5D%0A%5BWhiteTeam%20%22Croatia%22%5D%0A%5BBlackTeam%20%22Norway%22%5D%0A%5BWhiteTeamCountry%20%22CRO%22%5D%0A%5BBlackTeamCountry%20%22NOR%22%5D%0A%0A1.%20e4%20e5%202.%20Nf3%20Nc6%203.%20Bb5%20Nd4%204.%20Nxd4%20exd4%205.%20Bc4%20Nf6%206.%20O-O%20d5%207.%20exd5%20Be7%208.%0AQf3%20Bg4%209.%20Qf4%20O-O%2010.%20h3%20Bd6%2011.%20Qxd4%20c5%2012.%20Qd3%20Bh5%2013.%20Nc3%20Re8%2014.%20f4%20a6%2015.%0Aa4%20Qd7%2016.%20Qg3%20Ne4%2017.%20Nxe4%20Rxe4%2018.%20b3%20Qc7%2019.%20d3%20Re2%2020.%20Qg5%20g6%2021.%20Bb2%20Be7%0A22.%20Bf6%20h6%2023.%20Be5%20Qd8%2024.%20Qxh6%20Rxe5%2025.%20d6%20Re2%2026.%20dxe7%20Qxe7%2027.%20f5%20Qh4%2028.%0AQf4%20g5%2029.%20Qxh4%20gxh4%2030.%20Rf4%20Rxc2%2031.%20Rxh4%20Be2%2032.%20Re4%20Rd2%2033.%20Re7%20Bxd3%2034.%0ABxf7%2B%20Kf8%2035.%20f6%20Rd8%2036.%20Bh5%20Kg8%2037.%20Re8%2B%201-0&amp;title=Saric%2C%20Ivan%20%E2%80%93%20Carlsen%2C%20Magnus&amp;subtitle=41st%20Olympiad%20Open%202014%2C%20Tromso%20NOR%2C%202014.08.12\" width=\"580\"><\/iframe><br \/>\nBesonders <span style=\"color: #666666;\"> deutlich wurde dies nach der Partie gegen den polnischen Superstar\u00a0Rados\u0142aw Wojtaszek, derzeit die Nummer 26 der Welt. In den h\u00f6chsten T\u00f6nen wurde Carlsens Spiel gefeiert, zu Recht. Der Weltmeister \u00fcberspielte den Sekundanten seines WM-Gegners Vishwananthan Anand und lie\u00df dabei die hohe Kunst der Leichtigkeit aufblitzen. Das Experiment war gegl\u00fcckt, die Lobeshymnen kamen prompt. <\/span><\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" frameborder=\"0\" height=\"554\" src=\"http:\/\/phpscripts.zeit.de\/visualisierungen\/schachembed\/index.html?pgn=%5BEvent%20%2241st%20Olympiad%20Open%202014%22%5D%0A%5BSite%20%22Tromso%20NOR%22%5D%0A%5BDate%20%222014.08.05%22%5D%0A%5BRound%20%224.1%22%5D%0A%5BWhite%20%22Carlsen%2C%20Magnus%22%5D%0A%5BBlack%20%22Wojtaszek%2C%20Radoslaw%22%5D%0A%5BResult%20%221-0%22%5D%0A%5BECO%20%22B26%22%5D%0A%5BWhiteElo%20%222877%22%5D%0A%5BBlackElo%20%222735%22%5D%0A%5BPlyCount%20%2265%22%5D%0A%5BEventDate%20%222014.08.02%22%5D%0A%5BWhiteTeam%20%22Norway%22%5D%0A%5BBlackTeam%20%22Poland%22%5D%0A%5BWhiteTeamCountry%20%22NOR%22%5D%0A%5BBlackTeamCountry%20%22POL%22%5D%0A%0A1.%20e4%20c5%202.%20Nc3%20d6%203.%20g3%20Nc6%204.%20Bg2%20g6%205.%20d3%20Bg7%206.%20Be3%20e5%207.%20Nh3%20Nge7%208.%20f4%0ANd4%209.%20O-O%20O-O%2010.%20Qd2%20Bd7%2011.%20Nd1%20Qc8%2012.%20Ndf2%20Ndc6%2013.%20c3%20b5%2014.%20fxe5%20Nxe5%0A15.%20Bh6%20N7c6%2016.%20Bxg7%20Kxg7%2017.%20Nf4%20Qd8%2018.%20Rad1%20Rc8%2019.%20Qe2%20h5%2020.%20d4%20cxd4%2021.%0Acxd4%20Ng4%2022.%20h3%20Nxf2%2023.%20Qxf2%20Ne7%2024.%20Rd3%20b4%2025.%20Rf3%20Qe8%2026.%20g4%20hxg4%2027.%20hxg4%0ABb5%2028.%20Re1%20Qd8%2029.%20g5%20Qb6%2030.%20Bh3%20Rcd8%2031.%20Be6%20Be8%2032.%20Nd5%20Nxd5%2033.%20Bxd5%201-0&amp;title=Carlsen%2C%20Magnus%20%E2%80%93%20Wojtaszek%2C%20Radoslaw&amp;subtitle=41st%20Olympiad%20Open%202014%2C%20Tromso%20NOR%2C%202014.08.05\" width=\"580\"><\/iframe><\/p>\n<p>Die Unterstellung, Carlsen w\u00fcrde seine Gegner nicht ernstnehmen, l\u00e4uft ins Leere. Der Weltmeister macht sich einfach seine St\u00e4rke zu Nutze, sich besser in unbekannter Stellung zurecht zu finden als andere. Darauf gr\u00fcndet sein Erfolg, warum sollte er das \u00e4ndern? Ein Spieler dient seiner Mannschaft dann am besten, wenn er sich nicht verbiegt, sondern seinem Spielstil treu bleibt. Dass solche Experimente auch schief gehen k\u00f6nnen, ist ihm vollkommen bewusst und geh\u00f6rt zum Risiko.<\/p>\n<p class=\"wp-image-1111 size-full\">Auf der einen Seite lieben die Schachfans Magnus Carlsen f\u00fcr seine Originalit\u00e4t. Daf\u00fcr, dass er das Schach wieder belebt hat. Auf der anderen Seite wird er als \u00fcberheblich bezeichnet, wenn seine Experimente angeblich zu weit gehen. Das ist ein Widerspruch. Ein Egotrip war sein Auftritt bei der Schacholympiade sicherlich nicht. Vielmehr hat Carlsen das gemacht, was er sonst auch tut: Verdammt gutes und vor allem au\u00dfergew\u00f6hnliches Schach gespielt. Und verlieren? Ja, auch Magnus Carlsen darf das.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach seiner zweiten Niederlage hatte Magnus Carlsen keine Lust mehr. Er hatte schon gegen den Deutschen Arkadij Naiditsch verloren und gegen den Kroaten Ivan \u0160ari\u0107. Und so trat er zur letzten Partie des norwegischen Teams bei der Schacholympiade am Donnerstag gegen Malaysia gar nicht mehr an. 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