{"id":1292,"date":"2014-11-03T14:24:24","date_gmt":"2014-11-03T13:24:24","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/schach\/?p=1292"},"modified":"2014-11-04T09:19:10","modified_gmt":"2014-11-04T08:19:10","slug":"schach-wm-anand-carlsen-sotschi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/schach-wm-anand-carlsen-sotschi\/","title":{"rendered":"Magnus Carlsen l\u00e4sst sich nicht einfach so anspringen"},"content":{"rendered":"<p><em>Am Samstag beginnt im russischen Sotschi der WM-Kampf im Schach. Es treten an: der Weltmeister Magnus Carlsen und der Herausforderer Viswanathan Anand. Ende ist voraussichtlich am 28. November. Nachdem der Inder Anand seinen Titel 2013 im heimischen Chennai mit 3,5:6,5 deutlich an Carlsen abgeben musste, qualifizierte er sich \u00fcberraschend durch einen starken Auftritt beim Kandidatenturnier in Chanty-Mansisk f\u00fcr einen R\u00fcckkampf. Wer wird diesmal gewinnen? Unsere drei Experten wagen eine Prognose.<\/em><\/p>\n<p>Im Vergleich mit Chennai sind die Rollen vertauscht: Carlsen empf\u00e4ngt als Weltmeister seinen Herausforderer Anand. Es ist kein klassischer R\u00fcckkampf, wie er in den 1950er und 1960er Jahren \u00fcblich war, als jeder Verlierer ein automatisches Recht zu einer Revanche besa\u00df. Anand musste sich im Qualifikationsturnier von Khanty-Mansijsk durchsetzen und er tat es bravour\u00f6s, zumal seine Hauptkonkurrenten Kramnik und Aronian indisponiert agierten.<\/p>\n<p>Danach machte sich Anand rar und zog sich ins Trainingslager zur\u00fcck, seit M\u00e4rz spielte er sechs gewertete Partien. Niemand kann einsch\u00e4tzen, wie gut er in Form ist. Seine Niederlage beim Schnellschachturnier auf Korsika gegen den Durchschnittsgro\u00dfmeister Sergey Fedorchuk von Mitte Oktober kann h\u00f6chstens als ein schlechtes Omen gewertet werden, ein Gradmesser ist sie nicht.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_1303\" aria-describedby=\"caption-attachment-1303\" style=\"width: 220px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/schach-wm-anand-carlsen-sotschi\/chess-masters-compete-in-the-world-chess-championship-candidates-competition-2\/\" rel=\"attachment wp-att-1303\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-thumbnail wp-image-1303\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/files\/2014\/11\/164718190-220x220.jpg\" alt=\"Magnus Carlsen \u2013\u2013 Oli Scarff\/Getty Images News\" width=\"220\" height=\"220\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1303\" class=\"wp-caption-text\">Magnus Carlsen \u2013\u2013 Oli Scarff\/Getty Images News<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Und Carlsen? Er tat 2014 das, was von einem Weltmeister erwartet wird, n\u00e4mlich spielen, spielen, spielen. 39 Partien bestritt er in der gleichen Zeit. Brilliert hat er selten, was dieses Jahr neben dem Aufsteiger Fabiano Caruana aber schwer war. Bei der Olympiade schlug er Caruana zwar, sein Gesamtergebnis war trotzdem entt\u00e4uschend, genauso wie seine vorzeitige Abreise f\u00fcr die norwegischen Fans. Die Erst\u00fcrmung der &#8222;magischen&#8220; Schallmauer von 2.900 Elo-Punkten scheint vorerst gestoppt. Carlsens Freestyle wendet sich nun auch h\u00e4ufiger mal gegen ihn, er \u00fcberstand fast kein Turnier ohne Niederlage.<\/p>\n<p>Es muss sich zeigen, ob Anand etwas aus dem verlorenen Match im Vorjahr gelernt hat, ob er gemerkt hat, dass Carlsen zwar ein genialer Koch ist, aber mit dem gleichen Wasser wie alle kocht. Ob es Anand gelingt, in Carlsens langweiligen Turmendspielen wachsam zu bleiben, aber trotzdem nicht in Panik zu verfallen? Ob es ihm gelingt, in seiner Vorbereitung Systeme zu finden, in denen Carlsen nicht einfach die prinzipielle Auseinandersetzung verweigern kann, sich stellen muss? Dann haben wir die Chance auf ein offenes Match.<\/p>\n<p>Einen Tipp auf Anand mag ich trotzdem nicht riskieren. Ich glaube, dass Carlsen dieses Jahr bislang nur Spa\u00df getrieben und alles f\u00fcr die WM gespart hat, vielleicht sogar etwas Revolution\u00e4res, dass wir es uns noch gar nicht vorstellen k\u00f6nnen. Etwa eine neue Er\u00f6ffnung oder eine ganze Matchstrategie oder auch blo\u00df eine Sitzhaltung. Zu erwarten w\u00e4re das von ihm.<\/p>\n<p>Meine Prognose: 6,5:4,5 f\u00fcr Magnus Carlsen. (<em>Ilja Schneider<\/em>)<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>***<\/strong><\/p>\n<p>Der Ausgang des WM-Kampfs 2014 scheint nach den Erfahrungen im Vorjahr klar zu sein. Warum sollte Anand jetzt pl\u00f6tzlich eine Chance haben gegen den damals \u00fcberlegenen Carlsen?<\/p>\n<p>Ganz so eindeutig liegen die Dinge diesmal aber nicht. So hatten viele geglaubt, Anand w\u00fcrde sich nach seiner Niederlage gegen Carlsen vom Turnierschach zur\u00fcckziehen. Doch beim Kandidatenturnier feierte er ein \u00fcberraschendes Comeback, sicherte sich souver\u00e4n das Recht auf Revanche.<\/p>\n<p>Carlsen hingegen dominierte die Schachszene als Weltmeister nicht so \u00fcberzeugend wie in der Zeit vor dem Titel. Zwar wurde er 2014 Weltmeister im Blitz- und im Schnellschach, aber beim Norway-Superchess-Turnier musste er Sergei Karjakin den Vortritt lassen. Beim Sinquefield Cup landete er ganze 3 Punkte hinter Fabiano Caruana und bei der Schacholympiade verlor Carlsen gleich zwei Partien und erzielte mit 6 aus 9 weniger Punkte, als seine Fans erwartet hatten.<\/p>\n<p>Trotzdem sprechen die Zahlen f\u00fcr den 23-j\u00e4hrigen Weltmeister und gegen den 44-j\u00e4hrigen Herausforderer. Vor allem die Elo-Zahl. Carlsen, die Nummer eins der Weltrangliste, hat aktuell 2.863 Punkte, 78 mehr als Anand, mit 2.785 die Nummer sechs der Welt. Im November 2013 hatte Carlsen 2.870 Punkte, Anand 2775.<\/p>\n<p>Auch die Geschichte spricht f\u00fcr Carlsen. Bislang konnte sich noch kein Ex-Weltmeister f\u00fcr einen R\u00fcckkampf qualifizieren und den gewinnen. Wenn ein Weltmeister seinen Titel zur\u00fcckgewann, dann nur im direkten, zuvor vereinbarten Revanchekampf.<\/p>\n<p>Andererseits hat Anand eine erstaunliche Karriere vorzuweisen. 1995 spielte er das erste Mal um den WM-Titel: im World Trade Center gegen Garri Kasparow. Anand verlor, zw\u00f6lf Jahre sp\u00e4ter wurde er Weltmeister. Neunzehn Jahre nach seinem ersten WM-Kampf ist Anand jetzt Herausforderer, das hat noch nie jemand vor ihm geschafft.<\/p>\n<p>Aber was bedeuten Zahlen? Entscheiden werden Einstellung und Motivation. Da hat traditionell der Herausforderer Vorteile. Der will Weltmeister werden, der Titelverteidiger will blo\u00df Weltmeister bleiben.<\/p>\n<p>Aber in der Vergangenheit hat Carlsen immer wieder gezeigt, dass er nicht an Erfolge und Rekorde denkt, sondern einfach gerne spielt. Wenn Carlsen das auch dieses Mal gelingt und er vergessen kann, was man als Weltmeister von ihm erwartet, wird er seinen Titel verteidigen.<\/p>\n<p>Meine Prognose: Magnus Carlsen gewinnt 6,5:4,5 und bleibt Weltmeister. (<i>Johannes Fischer<\/i>)<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>***<\/strong><\/p>\n<p>Kann es f\u00fcr eine Sensation reichen und der Gewinner Anand hei\u00dfen? Eins steht schon fest: Das Match wird anderen Gesetzen folgen als der vorige WM-Kampf. F\u00fcr Anand besteht wesentlich weniger Druck als 2013. Kein heimisches Publikum, das in den Jahren zuvor erfolgreiche Titelverteidigungen erlebt hatte. Keine WM-Krone, die es zu verteidigen gilt. Und Anand kann eine wesentlich bessere Form vorweisen. Zuletzt gewann er das Bilbao Masters Final \u2013 und das bereits eine Runde vor Schluss.<\/p>\n<p>Magnus Carlsen hingegen konnte in j\u00fcngster Zeit keine Leistungsspr\u00fcnge verzeichnen, musste sich auf gro\u00dfen Turnieren meist mit dem zweiten Platz begn\u00fcgen. Zum Teil war das Spiel von Carlsen zu kompromisslos, die Gegnerschaft zu gut in Form. Der Weltmeister konnte sie nicht wie gewohnt deklassieren.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_1309\" aria-describedby=\"caption-attachment-1309\" style=\"width: 220px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/schach-wm-anand-carlsen-sotschi\/india-chess-anand-2\/\" rel=\"attachment wp-att-1309\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-thumbnail wp-image-1309\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/files\/2014\/11\/485044091-220x220.jpg\" alt=\"Vishy Anand \u2013\u2013 Raveendran\/AFP\/Getty Images\" width=\"220\" height=\"220\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1309\" class=\"wp-caption-text\">Vishy Anand \u2013\u2013 Raveendran\/AFP\/Getty Images<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Doch was neben der Form w\u00e4hrend des Kampfs z\u00e4hlt, ist vor allem die Spielst\u00e4rke, die man abrufen kann. Was das angeht, liegt zwischen altem und neuem Weltmeister weiter mindestens eine Klasse. Dies zeichnete sich auch schon beim vergangenen WM-Kampf ab, obwohl der Sieg Carlsens etwas zu hoch ausfiel. Anand zeigte, dass er streckenweise sehr gutes Schach spielen kann, er hielt \u00fcber weite Strecken mit.<\/p>\n<p>Damit ist das Problem indirekt benannt. Ohne Frage kann Anand phasenweise ann\u00e4hernd perfekt spielen. Doch wird dies nicht ausreichen. Anand m\u00fcsste es schaffen, Carlsen unter Druck zu setzen und ihn zu Fehlern zu verleiten. Doch Anands Ansatz, den Gegner mit einer guten Er\u00f6ffnungsvorbereitung anzuspringen, hat schon 2013 nicht funktioniert. Und wird es auch dieses Mal nicht.<\/p>\n<p>Zu flexibel und unberechenbar ist Carlsens Spiel. Ein Bonus, der gerade in einem Zweikampf einen ungeheuren Vorteil darstellt, spielt doch die monatelange Vorbereitung eine zentrale Rolle. Dazu gesellt sich ein Altersunterschied von mehr als zwanzig Jahren. Carlsen wird auch dieses Mal versuchen, den Kampf \u00fcber viele Stunden zu f\u00fchren und seine bessere Fitness auszuspielen.<\/p>\n<p>Es bleibt im Sinne einer spannenden WM zu hoffen, dass Anand ein Mittel gegen die Spielart Carlsens gefunden hat. Und wer wei\u00df, vielleicht geschieht ein kleines Wunder und Anand kann durch einen Fehler Carlsens in F\u00fchrung gehen? Dann k\u00f6nnte die Weltmeisterschaft zu einem echten Krimi werden. Zu w\u00fcnschen w\u00e4re es, daran glauben tue ich nicht.<\/p>\n<p>Meine Prognose: 7:4 f\u00fcr den alten und neuen Weltmeister Magnus Carlsen. (<em>Dennes Abel<\/em>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Samstag beginnt im russischen Sotschi der WM-Kampf im Schach. Es treten an: der Weltmeister Magnus Carlsen und der Herausforderer Viswanathan Anand. Ende ist voraussichtlich am 28. November. 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