{"id":1407,"date":"2015-02-20T09:30:46","date_gmt":"2015-02-20T08:30:46","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/schach\/?p=1407"},"modified":"2015-04-15T11:33:29","modified_gmt":"2015-04-15T09:33:29","slug":"weltmeister-ohne-papiere","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/weltmeister-ohne-papiere\/","title":{"rendered":"Weltmeister ohne Papiere"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_1419\" aria-describedby=\"caption-attachment-1419\" style=\"width: 220px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/weltmeister-ohne-papiere\/frances-under-12-chess-champion-bangla\/\" rel=\"attachment wp-att-1419\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-thumbnail wp-image-1419\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/files\/2015\/02\/144172676-220x220.jpg\" alt=\"Fahim Mohammad, Schachweltmeister der Kinder \/\/ \u00a9 Martin Bureau\/AFP\/Getty Images\" width=\"220\" height=\"220\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1419\" class=\"wp-caption-text\">Fahim Mohammad, Schachweltmeister der Kinder \/\/ \u00a9 Martin Bureau\/AFP\/Getty Images<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Der Schachweltmeister Fahim Mohammad w\u00e4re schon immer gerne ein ganz normaler Junge gewesen. W\u00e4hrend andere jugendliche Talente online Schach spielen, mit dem Computer Er\u00f6ffnungen studieren und die Eltern Trainer zahlen, hatte Fahim keinen Computer, keinen Internetanschluss, nicht einmal einen festen Wohnsitz und manchmal auch keine Kleidung f\u00fcr den Winter.<\/p>\n<p>Das k\u00fcrzlich im Heyne-Verlag erschienene Buch <em>Spiel um dein Leben, Fahim!<\/em> erz\u00e4hlt die wundersame Geschichte dieses Fl\u00fcchtlingskindes, das 2012 franz\u00f6sischer Schachmeister der unter 12-J\u00e4hrigen wurde. Damals lebten er und sein Vater ohne Papiere illegal in Frankreich. Ein Jahr sp\u00e4ter wurde Fahim sogar Sch\u00fclerweltmeister.<\/p>\n<p>Fahim wurde 2000 in Bangladesch geboren, wo sein Vater Nura erst als Feuerwehrmann arbeitete und sp\u00e4ter eine Autovermietung besa\u00df. Der Vater war leidenschaftlicher Schachspieler und sein Sohn belegte bereits als Siebenj\u00e4hriger den zweiten Platz bei einem gro\u00dfen Turnier in Kalkutta. Fahim lebte in Bangladesch beh\u00fctet in einem \u201egro\u00dfen Haus\u201c mit seinen Eltern und seinen Geschwistern. \u201eDas Leben war sch\u00f6n\u201c, sagt er in dem Buch.<\/p>\n<p>Das \u00e4nderte sich 2008. In Bangladesch herrschten politische Unruhen, auf den Stra\u00dfen kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen und die Regierung verh\u00e4ngte eine Ausgangssperre. \u201eMehrmals kamen Fremde zu uns\u201c, sagt Fahim. \u201eSie tauchten einfach auf und wollten meinen Vater sprechen. Sie stellten eine Menge Fragen, die ich nicht verstand. Sie durchsuchten die Wohnung, machten viel L\u00e4rm.\u201c<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Eines Tages erhielten die Eltern einen anonymen Brief, der Absender drohte, Fahim zu entf\u00fchren. Der Familienrat beschloss, dass Fahim und sein Vater Bangladesch verlassen sollten, um in Europa Asyl zu beantragen. Als Achtj\u00e4hriger wurde Fahim von seiner Mutter und seinen Geschwistern getrennt und ging mit seinem Vater nach Frankreich.<\/p>\n<p>Dort lebten sie die n\u00e4chsten Jahre in Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnften, sch\u00e4bigen Hotels, bei Freunden und Bekannten, im Schachklub oder einem Zelt. Immer wieder ging der Vater zu Beh\u00f6rden, f\u00fcllte endlose Formulare aus. Als ihre Asylantr\u00e4ge abgelehnt wurden, blieben Fahim und Nura Mohammad ohne Aufenthaltsgenehmigung in Frankreich. Da Fahim minderj\u00e4hrig war, konnte er nicht abgeschoben werden, doch seinen Vater h\u00e4tten die Beh\u00f6rden jederzeit zwingen k\u00f6nnen, das Land zu verlassen. Das h\u00e4tte Fahim zu einem \u201eunbegleiteten Fl\u00fcchtling\u201c gemacht.<\/p>\n<p>Es kam anders. Viele Bekannte und Freunde unterst\u00fctzten Fahim und seinen Vater, allen voran Fahims Schachtrainer Xavier Parmentier. Mitglieder aus Fahims Schachverein halfen. Sie lie\u00dfen ihn bei sich wohnen, spendeten Kleider und Geld und unterst\u00fctzten den Vater beim Kampf mit den Beh\u00f6rden. Doch Asyl bekamen sie nicht. Fahim wurde lethargisch, seine Leistungen in der Schule lie\u00dfen nach, er verlor die Lust auf Schach.<\/p>\n<p><strong>Eine gesch\u00fctzte Kindheit sieht anders aus<\/strong><\/p>\n<p>\u201eIch hasste mein Leben\u201c, wird Fahim zitiert, \u201eich fand es schrecklich. Fr\u00fcher war Schach meine Fluchtm\u00f6glichkeit gewesen. Auf dem Schlachtfeld war ich der K\u00f6nig. Ich herrschte \u00fcber meine Armee und \u00fcber die Partie. Aber seit einiger Zeit entglitt mir das Spiel genauso wie mein Leben. Ich war nicht mehr der, der entschied. Ich war weniger als der K\u00f6nig, dessen \u00dcberleben die Partie bestimmt, weniger als der Turm. Ich war noch nicht einmal ein L\u00e4ufer oder Springer. Vielleicht war ich nur noch ein einfacher Bauer? Wer h\u00f6rte schon auf einen einfachen Bauern? Wer achtete \u00fcberhaupt auf einen einfachen Bauern? Wie k\u00f6nnte es mir nur gelingen, mein Leben in die Hand zu nehmen, es dahin zu steuern, wo ich wollte, und es so zu f\u00fchren, dass ich nichts zu bereuen hatte?\u201c<\/p>\n<p>Dass es zum hollywoodhaften Happy End kam, hatte mit K\u00f6nigen und Damen zu tun, T\u00fcrmen und Springern. Fahim bekam wieder Lust aufs Schachspielen und gewann die franz\u00f6sische Meisterschaft. Vereinsmitglieder kontaktierten die Medien, Presse und Fernsehen berichteten \u00fcber Fahims Schicksal und pl\u00f6tzlich ging alles ganz schnell. Nur wenig sp\u00e4ter verk\u00fcndete der Premierminister\u00a0Fran\u00e7ois Fillon vor der Kamera eine \u201eEinzelfallentscheidung\u201c. Und was jahrelang nicht m\u00f6glich gewesen war, geschah in ein paar Tagen: Fahim und sein Vater bekamen Wohnung, Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis.<\/p>\n<p>Doch was w\u00e4re eigentlich geschehen, wenn Fahim die Meisterschaft nicht gewonnen h\u00e4tte? H\u00e4tte der Premierminister interveniert? Und wieso hing die Entscheidung f\u00fcr oder gegen Asyl davon ab, ob ein Kind ein Schachturnier gewinnt? Wie viel Verantwortung b\u00fcrdet man einem Zw\u00f6lfj\u00e4hrigen damit auf?<\/p>\n<p>Dieser Zwiespalt zwischen der Faszination \u00fcber eine Heldengeschichte und dem Wunsch, dem jungen Helden bliebe zu viel \u00f6ffentliche Anteilnahme erspart, pr\u00e4gt das Buch <em>Spiel um dein Leben, Fahim!<\/em> Die Anthropologin und Schriftstellerin Sophie Le Callenec gibt Fahim darin \u201emit ihrer Schreibfeder eine Stimme\u201c, sein Schachtrainer Parmentier erz\u00e4hlt, wie er den Jungen beim Schach und im Leben unterst\u00fctzt hat. Das Buch schildert bewegend, wie es Fl\u00fcchtlingen in Frankreich und in Europa ergehen kann, welchen Schikanen durch Beh\u00f6rden und Politik sie ausgesetzt sind. Der gro\u00dfe Held ist bei Erscheinen des Buches gerade einmal 14 Jahre alt. Fahim ist erfolgreich und ber\u00fchmt, doch eine gesch\u00fctzte Kindheit sieht anders aus.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1412 aligncenter\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/files\/2015\/02\/cover1.jpg\" alt=\"cover\" width=\"300\" height=\"476\" \/><\/p>\n<p><em>Fahim Mohammad, Xavier Parmentier, Sophie Le Callennec: Spiel um dein Leben, Fahim! (Originaltitel: Un roi clandestin). Aus dem Franz\u00f6sischen von Andrea Kunstmann. Heyne, 224 Seiten, 8,99 Euro. <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Schachweltmeister Fahim Mohammad w\u00e4re schon immer gerne ein ganz normaler Junge gewesen. W\u00e4hrend andere jugendliche Talente online Schach spielen, mit dem Computer Er\u00f6ffnungen studieren und die Eltern Trainer zahlen, hatte Fahim keinen Computer, keinen Internetanschluss, nicht einmal einen festen Wohnsitz und manchmal auch keine Kleidung f\u00fcr den Winter. 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