{"id":1616,"date":"2015-06-26T13:23:02","date_gmt":"2015-06-26T11:23:02","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/schach\/?p=1616"},"modified":"2015-06-26T14:46:59","modified_gmt":"2015-06-26T12:46:59","slug":"ein-weltmeister-in-schwierigkeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/ein-weltmeister-in-schwierigkeiten\/","title":{"rendered":"Ein Weltmeister in Schwierigkeiten"},"content":{"rendered":"<p>Am Ende spielte Magnus Carlsen, als h\u00e4tte er keine Lust mehr. In Sekundenschnelle schleuderte er die Z\u00fcge aufs Brett, als schon vieles, aber noch nicht alles verloren war. Carlsen, ein Meister des Findens kleinster Ressourcen, lie\u00df sie alle an sich verstreichen. Als er ob er sich eine wundersame Rettung nicht mehr g\u00f6nnen w\u00fcrde, in der letzten Runde dieses von vorne bis hinten verkorksten Turniers. Am Ende wurde sein allein gelassener schwarzer K\u00f6nig von zwei wei\u00dfen T\u00fcrmen in die Zange genommen, kurz vor dem unausweichlichen Schachmatt gab der Norweger auf. Eine bittere, wenn nicht gar dem\u00fctigende Niederlage gegen seinen Freund, Sekundanten und ehemaligen Klassenkameraden Jon Ludwig Hammer, der bei dem Turnier, der <a href=\"http:\/\/2015.norwaychess.com\/\">Norway Chess 2015,<\/a> als krasser Au\u00dfenseiter gestartet war und trotz dieses Sieges auf dem letzten von zehn Pl\u00e4tzen verblieb. Carlsen wurde Siebter. Es war, Kinderturniere ausgenommen, das mit Abstand schlechteste Ergebnis seiner Karriere.<\/p>\n<p><!--more-->Manch einer wird sagen: kein Wunder. Auch Weltmeister k\u00f6nnen einen Start wie den in der ersten Runde nicht so einfach wegstecken. Da \u00fcberschritt Carlsen in einer nicht nur besseren, sondern bereits gewonnenen Stellung gegen den sp\u00e4teren Turniersieger Wesselin Topalow die Bedenkzeit, als er die Gewinnvariante noch einmal \u00fcberpr\u00fcfte. Er ging da f\u00e4lschlicherweise davon aus, nach dem 60sten Zug noch einen Zeitbonus zu erhalten, wie es bei den meisten Turnieren \u00fcblich ist. Als die Schiedsrichter ihn \u00fcber den Verlust der Partie informierten, zeigte sich Carlsen schockiert, aber auch als fairer Sportsmann, der die Verantwortung f\u00fcr das Missgeschick komplett auf sich nahm (w\u00e4hrend viele Schachfans Topalow Unsportlichkeit vorwarfen).<\/p>\n<p>In den folgenden Tagen passierten merkw\u00fcrdige Dinge. Zun\u00e4chst legte Fabiano Caruana Carlsens Berliner Mauer in Schutt und Asche \u2013 nicht das erste Mal, aber einen so deutlichen Klassenunterschied zwischen den beiden sah man selten. Danach schaffte es der Norweger trotz deutlichem Vorteil mal wieder nicht, den Youngster Anish Giri zu schlagen, der immer wieder gegen den Weltmeister stichelt und ihn als seinen &#8222;besten Kunden&#8220; bezeichnet. Und in Runde vier bekam Carlsen im Prestigeduell gegen Vishy Anand kein Bein auf den Boden, der Inder gewann glatt und fast schon zu schmerzlos. Bei einem Zwischenstand von 0,5\/4 musste der Weltmeister geknickt einr\u00e4umen, dass sich sein Spiel aktuell nicht auf \u00fcblichem Niveau befinde, einen direkten Zusammenhang seiner Form mit dem Geschehnis in der ersten Runde verneinte er aber.<\/p>\n<p>Nach diesem Tiefpunkt wurden Carlsens Ergebnisse zwar etwas besser, nicht aber die Qualit\u00e4t seines Spiels. Er wirkte m\u00fcde, ausgelaugt und ideenlos. Bei seinem Sieg gegen Grischuk gab Carlsen zu, dass der nicht verdient gewesen sei. Zu seiner Spielanlage gegen den Franzosen Maxime Vachier-Lagrave sagte er, so k\u00f6nnte man nur spielen, wenn man auf &#8222;Selbstbestrafung&#8220; stehe. \u00dcber seinen gl\u00fccklichen Sieg gegen Aronjan k\u00f6nne er sich nur sch\u00e4men und mit dem Gegner mitf\u00fchlen. Und insgesamt w\u00e4re er froh, wenn er das Turnier m\u00f6glichst schnell hinter sich bringen und vergessen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Doch mit seiner Partie gegen Hammer hat er sich f\u00fcr den Abschluss noch eine weitere Bestrafung ausgedacht. Schon mit seinem dritten Zug verlie\u00df Carlsen ein wenig den Pfad der Seriosit\u00e4t, mit seinem vierten endg\u00fcltig. Der Weltmeister wollte um jeden Preis eine Verflachung vermeiden, es entstand eine scharfe Partie mit ungew\u00f6hnlich vielen schlecht stehenden Figuren auf beiden Seiten. Doch Carlsen fing eher an, gr\u00f6\u00dfere Fehler zu machen. Der Rest ist bekannt.<\/p>\n<p>Dass das Turnier ein Ende der Dominanz von Magnus Carlsen einleitet, ist aber unwahrscheinlich. Schon zum dritten Mal konnte er das Turnier in seiner Heimat nicht gewinnen. Schach d\u00fcrfte eine der wenigen Sportarten sein, in denen Heimspiele eher f\u00fcr zus\u00e4tzlichen Druck sorgen als befl\u00fcgeln. Die Interviewtermine, Fernsehauftritte, die ganzen bekannten Gesichter, die alle eine Runde Smalltalk oder ein Autogramm wollen \u2026<\/p>\n<p>Aber: Es k\u00f6nnte sein, dass sich die Spitzenspieler im f\u00fcnften Jahr von Carlsens Dominanz auf sein Spiel einzustellen beginnt. Was die Er\u00f6ffnungswahl angeht, zeichnet sich Carlsens Spiel zwar durch eine gro\u00dfe Unberechenbarkeit aus, aber die Mittspiel- und Endspielf\u00fchrung, die Pr\u00e4ferenz der von ihm angestrebten Stellungen verlaufen stets in \u00e4hnlichen Bahnen. Vielleicht ber\u00fccksichtigen dies Carlsens Gegner in ihrer Vorbereitung mittlerweile verst\u00e4rkt, vielleicht f\u00e4llt es ihnen mittlerweile leichter, sich psychologisch auf eine lange Verteidigungsarbeit einzustellen, als es etwa noch Vishy Anand 2013 schaffte.<\/p>\n<p>Die Evolution des Schachs ist in vollem Gange, die Spieler auf diesem Niveau zeichnen sich alle durch ihre Flexibilit\u00e4t und Anpassungsf\u00e4higkeit aus. Da die Top Ten ein sehr geschlossener Kreis sind, dessen Mitglieder sich bei Turnieren immer und wieder begegnen, werden sehr schnell viele Erfahrungen generiert und ins eigene Spiel eingearbeitet. Dies f\u00fchrt in gewissem Ma\u00dfe zu einer Angleichung der Spielst\u00e4rken, der Carlsen nun entgegentreten muss.<\/p>\n<p>Bei ihm hat man in den vergangenen zwei Jahren vielleicht etwas wenig Neues gesehen. Er produziert zwar Modellpartien f\u00fcrs Lehrbuch, besonders mit den wei\u00dfen Steinen, aber auch er wird sich in der n\u00e4chsten Zeit neue Strategien \u00fcberlegen m\u00fcssen. Dass er das gr\u00f6\u00dfte Talent all derer hat, die derzeit an der Weltspitze stehen, ist offenkundig. Er muss es nur wieder entfalten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Ende spielte Magnus Carlsen, als h\u00e4tte er keine Lust mehr. In Sekundenschnelle schleuderte er die Z\u00fcge aufs Brett, als schon vieles, aber noch nicht alles verloren war. Carlsen, ein Meister des Findens kleinster Ressourcen, lie\u00df sie alle an sich verstreichen. 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