{"id":1694,"date":"2015-08-21T15:50:26","date_gmt":"2015-08-21T13:50:26","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/schach\/?p=1694"},"modified":"2015-08-22T12:13:22","modified_gmt":"2015-08-22T10:13:22","slug":"ich-muss-ein-echter-schachspieler-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/ich-muss-ein-echter-schachspieler-sein\/","title":{"rendered":"Ich muss ein echter Schachspieler sein"},"content":{"rendered":"<p>Eines Tages entdeckte ich beim Durchst\u00f6bern von Schachkalendern ein Turnier in Alzenau. Alzenau, in der \u00e4u\u00dfersten Ecke Unterfrankens gelegen, fast komplett umschlossen von hessischem Gebiet, aber gerade noch so Bayern. Dieses Turnier, das ungew\u00f6hnlicherweise am Samstagabend um 19 Uhr beginnen sollte, 80 Kilometer n\u00f6rdlich von Buchen im badischen Odenwald und 40 Kilometer s\u00fcdlich des hessischen Ranstadt, wo an diesem Wochenende ebenfalls Turniere stattfinden, gab mir die M\u00f6glichkeit, mal etwas zu wagen, etwas zu probieren, etwas Verr\u00fccktes: drei Turniere in 30 Stunden, in drei Bundesl\u00e4ndern. Warum eigentlich nicht?<!--more--><\/p>\n<p>Die Woche verbrachte ich voller Zweifel. Ich bef\u00fcrchtete Erm\u00fcdung, Unterforderung, Langeweile. Ich bef\u00fcrchtete ostblockst\u00e4mmige Profis, die mir die guten Platzierungen streitig machen w\u00fcrden. Ich bef\u00fcrchtete, an jedem der drei Standorte 1.000-mal die Frage beantworten zu m\u00fcssen, was ich hier mache und ob ich nur wegen des einen Turniers extra aus Berlin angereist sei und wann es bei mir endlich mit dem Gro\u00dfmeistertitel klappe. Mir war lange nicht klar, wie ich es am Samstag schaffen sollte, anst\u00e4ndig von B(uchen) nach A(lzenau) zu kommen, f\u00fcr die Strecke war ein schweres Gewitter angesagt worden. Ich malte mir aus, dass ich\u00a0\u2013 selbst wenn ich nach einer solchen Irrfahrt jemals wieder zu Hause ankommen w\u00fcrde \u2013 tage- wenn nicht wochenlang keine Schachspieler, -bretter und -figuren mehr ertragen k\u00f6nne. Klar, es ist ein Effekt, der schon manchmal nach nur einem Turnier aufgetaucht ist. Aber was mir Angst machte, war ein Schach-Overkill.<\/p>\n<p>In Buchen kam ich ohne Probleme an und gewann ebenso problemlos das Turnier. Nominell waren mir zwar einige der anwesenden Spieler etwa ebenb\u00fcrtig, es war sogar ein Bundesligaspieler vom SK Schw\u00e4bisch Hall am Start, aber ich agierte umsichtig und souver\u00e4n und beging im Turnierverlauf zumindest die wenigsten offensichtlichen Fehler. Mein Kopf und der restliche K\u00f6rper zeigten keinerlei Ausfallerscheinungen. Sie ahnten zu diesem Zeitpunkt noch nicht, worauf sich ihr Besitzer da eingelassen hatte. Die drei bis vier Fragen nach dem Anlass meiner Anwesenheit und meinem baldigen Gro\u00dfmeistertitel konnte ich mit ge\u00fcbter Coolness wegstecken. Die Siegerehrung endete etwa Viertel nach f\u00fcnf bei strahlendem Sommerwetter. Alle hatten gute Laune. Die beiden U-12-M\u00e4dchen, die in der Gesamtwertung die Pl\u00e4tze 6 und 7 belegt hatten, grinsten \u00fcber beide Ohren und pr\u00e4sentierten auf dem Siegerfoto stolz ihre Preisgeldumschl\u00e4ge. Ich verabschiedete mich, programmierte das Navi und fuhr los.<\/p>\n<p>Auf dem Weg nach Alzenau merkte ich schnell, dass etwas nicht stimmte. Normalerweise f\u00e4hrt nach Turnieren mein Adrenalinpegel herunter, die Muskeln erschlaffen, alle Spannung entweicht dem K\u00f6rper. Ich bin meistens nicht einmal in der Lage, blutige Amateure zu besiegen. Fahren tue ich wie ein Rentner. Nichts macht mir nach einem anstrengenden Tag mehr Spa\u00df, als mich mit 80 Kilometern pro Stunde hinter einen LKW zu klemmen und mich einfach nicht mehr konzentrieren zu m\u00fcssen. Und wenn ich irgendwo eine Herde Schafe sehe, halte ich an und verweile dort gef\u00fchlt bis zum Sonnenuntergang.<\/p>\n<p>An diesem Tag klebte mein T-Shirt auf dem nassen R\u00fccken. Ich musste die Spannung, die entweichen sollte, aufrechterhalten, brauchte ja noch Kraft und Konzentration f\u00fcr ein weiteres Turnier. Schnell war klar, dass ich vor Turnierbeginn nicht mehr meine Pension bei Alzenau aufsuchen und den Schl\u00fcssel abholen k\u00f6nnen w\u00fcrde, geschweige denn in Ruhe etwas zu essen oder eine Viertelstunde am Fluss spazieren zu gehen. Immerhin schaffte ich es, an einer Rastst\u00e4tte zu duschen und mein Shirt zu wechseln. Ich wollte mit meinem Erscheinungsbild nicht das typische Schachspieler-Klischee befeuern. Meine Bed\u00fcrfnisse nach Verpflegung mussten dagegen sprichw\u00f6rtlich auf der Strecke bleiben.<\/p>\n<p>Eine noch gr\u00f6\u00dfere Entt\u00e4uschung wartete auf mich in Alzenau selbst. Die ganze Stadt war an diesem Abend auf den Beinen. Bundesgartenschau, Open-Air-Musik, Wei\u00dfbierfest, ein American-Football-Match der Aschaffenburg Stallions \u2026 Und was machte ich? Ich w\u00e4hlte inmitten all dieser Versuchungen wie ferngesteuert eine riesige kahle Halle aus, in der verstreut wenig feierlich gekleidete Schachspieler die langen Tischreihen abschritten.<\/p>\n<p>Kurz vor Beginn des Turniers verschlang ich eine Bockwurst und konnte kurz den Waschraum aufsuchen. Meine Souver\u00e4nit\u00e4t und Abgekl\u00e4rtheit des Vormittags waren dahin, ich war m\u00fcde, klebrig und gereizt. Und hatte Hunger. Diesem Instinkt folgend, fand ich mich in einer der l\u00e4ngeren Pausen im benachbarten Stadion wieder, wo American Football gespielt wurde, doch die Schlange vor dem Grillzelt war zu lang. Ich hatte keine Chance, mir etwas zu kaufen, bevor die n\u00e4chste Runde beginnen w\u00fcrde. Es war ein perfekter, warmer und windstiller Sommerabend. Ein purpurroter Sonnenuntergang bahnte sich an, das Spiel n\u00e4herte sich seinem H\u00f6hepunkt, die Fans johlten, die Cheerleaderinnen tanzten und aus den Lautsprechern dr\u00f6hnte Lilly Allen. Ich versuchte nachzuz\u00e4hlen, wie viele warme Sommerwochenenden ich in den vergangenen zehn Jahren bei Schachturnieren verbracht haben muss und kam auf ein eher drei- als zweistelliges Ergebnis. Ich inhalierte noch ein paar Minuten die feierliche, und mir doch so fremdartige Atmosph\u00e4re und trottete zur\u00fcck zur dunklen, stillen Halle.<\/p>\n<p>Selbst ohne meine Sinne komplett beisammen gehabt zu haben, muss ich noch ein paar Schachz\u00fcge gefunden haben, die ausreichten, die anderen Gegner zu besiegen. Ich versp\u00fcrte keinen Stolz, aber doch eine gewisse Genugtuung, die zwei Turniersiege an diesem Samstag konnte mir niemand mehr nehmen. Es war kurz vor elf. Man versicherte mir, dass das n\u00e4chste Restaurant um diese Zeit wohl nur in Frankfurt zu finden sei, aber erkl\u00e4rte mir immerhin den Weg zum n\u00e4chsten McDonald&#8217;s. Nach dem Essen folgten die l\u00e4ngsten zehn Kilometer an diesem Tag, diesmal ins Spessart-Gebirge nach M\u00f6mbris, wo ich mir ein Pensionszimmer gebucht hatte. Die Fahrt dauerte fast eine halbe Stunde, die Serpentinen konnte man in v\u00f6lliger Dunkelheit nur mit Tempo 30 befahren. Fernlicht. Am Ende lief mir beinahe ein Reh vors Auto und dann noch ein Fuchs. Wie durch ein Wunder blieben alle Beteiligten unverletzt. Um kurz nach Mitternacht fiel ich ins Bett, ich schlief erst ein, als ich merkte, dass ich mir so viele existenzielle Fragen stellte, dass ich sie nie und nimmer alle beantworten w\u00fcrde k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Versuchung, am n\u00e4chsten Morgen im Bett zu bleiben und am sp\u00e4ten Vormittag nach Hause zu fahren, war gro\u00df. Warum ich weitermachte, wei\u00df ich nicht mehr. \u00dcber Nacht war es regnerischer und k\u00fchler geworden. Die Reise hatte ihre Wirkung schon jetzt nicht verfehlt, ich hatte keine Lust mehr auf Schach. Trotzdem parkte ich das Auto nach der kurzen Fahrt an der B\u00fcrgerhalle in Ranstadts Industriegebiet und betrat den Turniersaal. Ich habe mich in diesem Moment gefragt, was in Spiels\u00fcchtigen vorgeht, wenn sie den Eingang eines Casinos passieren.<\/p>\n<p>Es wurde ein sehr langer und unangenehmer Tag. Ab der ersten Runde fiel mir jeder Zug schwer. Ich hatte das Gef\u00fchl, jemand w\u00fcrde meinen Kopf unter Wasser gedr\u00fcckt halten. Ich war langsam \u2013 beim Denken, Rechnen und Ziehen. Mehr als eine Partie gewann ich durch Gl\u00fcck, die einst\u00fcndige Pause konnte ich nur dank Rammstein in voller Lautst\u00e4rke \u00fcberstehen. Ich wurde Zweiter und meine Partien gegen den sp\u00e4teren Ersten und gegen den sp\u00e4teren Dritten endeten mit einem handfesten Streit. Die beiden anderen waren allerdings ebenso auf Krawall geb\u00fcrstet und auch deren Duell endete mit Geschrei und Beleidigungen. Was auch an der alten Schachuhr lag, die in Zeitnothektik schwer zu bedienen war, leicht umfiel und die Zeit sehr ungenau anzeigte.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht mehr genau, wie ich nach Hause gekommen bin. Die n\u00e4chsten Tage lag ich im Wachkoma und h\u00f6rte Gr\u00f6nemeyers <em>Flugzeuge im Bauch<\/em> in Dauerschleife. Ich f\u00fchlte mich leer, mir tat alles weh. Doch das lag nicht an den langen Autofahrten und schon gar nicht an dem Ausma\u00df, in dem ich in den Partien geistig gefordert worden bin. Es waren die Kontraste, die ich am Sommerabend in Alzenau mal wieder aufgezeigt bekam, die schiere Masse der Schachspieler, die ich an diesem Wochenende traf. Die meisten von ihnen waren v\u00f6llig in Ordnung. Aber fast alle tragen ein gewisses Etwas mit sich, das alle verbindet, das in gro\u00dfer Menge deprimierend ist und traurig macht. Bis zu diesem Wochenende war mir nicht ganz klar, was genau dieses Etwas ausmacht.<\/p>\n<p>Schachspieler waren f\u00fcr mich schon immer eine Art Subspezies, faszinierend, aber nicht vollkommen. Ich wollte jemand werden, der gut Schach spielt, aber gewiss kein Schachspieler. Ich dachte, es w\u00e4re m\u00f6glich. An diesem Wochenende ist mir aber aufgegangen, dass ich damit wohl gescheitert bin. Ich nahm f\u00fcr die n\u00e4chsten paar Sch\u00fcsse Adrenalin bei tickender Uhr Stress, Hunger, M\u00fcdigkeit und soziale K\u00e4lte in Kauf. Nach einer Partie musste ich mich vom Gegner beschimpfen und verfluchen lassen. Ich h\u00e4tte mich jederzeit anders entscheiden k\u00f6nnen, etwas zu tun, was mir in diesem Moment mehr Spa\u00df gemacht h\u00e4tte. Ich h\u00e4tte ein sch\u00f6nes Sommerwochenende mehrfach retten k\u00f6nnen. Aber ich tat es nicht. Ich muss ein echter Schachspieler geworden sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eines Tages entdeckte ich beim Durchst\u00f6bern von Schachkalendern ein Turnier in Alzenau. Alzenau, in der \u00e4u\u00dfersten Ecke Unterfrankens gelegen, fast komplett umschlossen von hessischem Gebiet, aber gerade noch so Bayern. 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