{"id":1723,"date":"2015-09-23T14:56:19","date_gmt":"2015-09-23T12:56:19","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/schach\/?p=1723"},"modified":"2015-12-17T18:40:41","modified_gmt":"2015-12-17T17:40:41","slug":"schach-world-cup-baku-wei-yi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/schach-world-cup-baku-wei-yi\/","title":{"rendered":"Der Chinese mit den Frikadellenh\u00e4nden"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_1727\" aria-describedby=\"caption-attachment-1727\" style=\"width: 700px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1727\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/files\/2015\/09\/Wei-Yi.jpg\" alt=\"Wei Yi \/\/ \u00a9 Baku World Cup 2015\" width=\"700\" height=\"467\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/files\/2015\/09\/Wei-Yi.jpg 700w, https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/files\/2015\/09\/Wei-Yi-620x414.jpg 620w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1727\" class=\"wp-caption-text\">Wei Yi \/\/ \u00a9 Baku World Cup 2015<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Wei Yi ist erst sechzehn, aber den Habitus des Schachspielers kennt er genau. In jeder Runde der gleiche blaue Trainingsanzug mit der Aufschrift &#8222;China&#8220;, der in sich gekehrte, fast abwesende Blick. Den H\u00e4ndedruck vor der Partie w\u00fcrde er wohl am liebsten ganz auslassen, seine Hand zieht er sofort zur\u00fcck. Null Spannung ist darin enthalten, Yis Hand scheint so weich wie eine Frikadelle.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Auch auf dem Brett ist sein Stil noch nicht gereift, trotzdem ist der junge Mann aus dem Reich der Mitte kaum noch zu besiegen. Experten streiten nicht mehr dar\u00fcber, ob Wei Yi Weltmeister werden kann, sondern nur um das Wann. Es k\u00f6nnte sein, dass sein erster Anlauf auf dieses Ziel unmittelbar bevorsteht.<\/p>\n<p>Yi steht im Viertelfinale des World Cups in Baku, das am heutigen Mittwoch beginnt und dessen Finalisten sp\u00e4testens Montagnachmittag feststehen. Die beiden d\u00fcrfen dann am Kandidatenturnier teilnehmen, bei dem der Herausforderer von Magnus Carlsen ermittelt wird. Der muss im n\u00e4chsten Jahr seinen Titel gegen den Sieger des Kandidatenturniers verteidigen. Der daf\u00fcr bereits qualifizierte Ex-Weltmeister Vishy Anand wird dort auf sie warten. Er wird sich mit neuen Kontrahenten messen m\u00fcssen, um sich f\u00fcr ein weiteres Match mit Carlsen zu qualifizieren. Denn f\u00fcnf der acht Viertelfinalisten waren noch nie bei einem Kandidatenturnier.<\/p>\n<p>Der World Cup, der seit dem 10. September l\u00e4uft, ist ein brutaler Ausscheidungskampf. F\u00fcr die 128 Teilnehmer geht es ab dem ersten Tag ums \u00dcberleben. Wer in einem Minimatch von zwei Partien unterliegt, fliegt sofort raus. Bei einem 1:1 werden drei weitere Uml\u00e4ufe mit jeweils k\u00fcrzerer Bedenkzeit gespielt. Herrscht immer noch Gleichstand, entscheidet eine letzte, neunte &#8222;Armageddon-Partie&#8220;, in der Wei\u00df eine Minute mehr hat, Schwarz aber ein Remis zum Weiterkommen reicht. In den sp\u00e4teren Runden entscheidet eine solche Blitzpartie um f\u00fcnfstellige Betr\u00e4ge, f\u00fcr Spieler au\u00dferhalb der Top Ten ein betr\u00e4chtlicher Teil eines Jahreslohns.<\/p>\n<p>Entsprechend hoch sind in Aserbaidschans Hauptstadt dieses Jahr die Sicherheitsvorkehrungen. Wie am Flughafen werden die Spieler vor dem Eingang zum Turniersaal gescannt, Handys sind eh verboten, dieses Jahr aber auch Uhren und Kugelschreiber. Dazu sind Zufallskontrollen w\u00e4hrend der Runden erlaubt. Die Fide setzt bei der Betrugsbek\u00e4mpfung verst\u00e4rkt auf Abschreckung.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_1729\" aria-describedby=\"caption-attachment-1729\" style=\"width: 220px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-thumbnail wp-image-1729\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/files\/2015\/09\/Nakamura-beim-Abtasten-220x220.jpg\" alt=\"Hikaru Nakamura (USA) bei der Sicherheitskontrolle \/\/ \u00a9 Baku World Cup 2015\" width=\"220\" height=\"220\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1729\" class=\"wp-caption-text\">Hikaru Nakamura (USA) bei der Sicherheitskontrolle \/\/ \u00a9 Baku World Cup 2015<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Von der Finalteilnahme ist Wei Yi nur noch zwei Matchsiege entfernt. Schwer genug wird es f\u00fcr ihn. Zu sagen, dass er in Baku bisher souver\u00e4n agiert, w\u00e4re \u00fcbertrieben. Er d\u00fcrfte eigentlich gar nicht mehr dabei sein, gegen den deutlich schw\u00e4cheren Ukrainer Wowk und gegen seinen Landsmann Ding Liren stand Yi mehrfach vor dem Aus. Aber er k\u00e4mpfte sich immer wieder zur\u00fcck, gewann reihenweise Partien auf Bestellung.<\/p>\n<p>Au\u00dfer dem US-Amerikaner Hikaru Nakamura, der mittlerweile als Topfavorit f\u00fcr das Turnier gilt, ist vielleicht keiner der Verbliebenen so erfindungs- und trickreich wie Wei Yi. Und ganz sicher verf\u00fcgt niemand \u00fcber derma\u00dfen starke Nerven. Bei einem Format wie in Baku, wo nicht in erster Linie beste Vorbereitung z\u00e4hlt und das gr\u00f6\u00dfte Spielverst\u00e4ndnis, sondern auch viele andere Faktoren, kann der junge Chinese noch weit kommen.<\/p>\n<p>Was Yis Konkurrenten verbindet, ist, dass sie vergleichsweise unbeschadet durch das Turnier gekommen sind. Nur zwei der anderen sieben Viertelfinalisten (Nakamura und der Russe Karjakin) gerieten in den ersten vier Runden \u00fcberhaupt einmal in R\u00fcckstand, der Ukrainer Pavel Eljanow, vor dem Turnier nicht gerade als Topfavorit gehandelt, gewann seine ersten drei Matches glatt 2:0. Eine H\u00f6chststrafe f\u00fcr so gut wie jeden Gegner.<\/p>\n<p>Auch die anderen verbliebenen Teilnehmer, der Russe Peter Swidler, der Lokalmatador Shahryar Mamedyarow, und die beiden jungen Westeurop\u00e4er Anish Giri (Holland) und Maxime Vachier-Lagrave (Frankreich) haben ein an den Verh\u00e4ltnissen gemessen entspanntes Turnier hinter sich. Nakamura, neben Carlsen der vielleicht weltbeste Allrounder, hat seinen Platz im Kandidatenturnier ohnehin schon auf der k\u00fcrzlich beendeten Grand-Prix-Serie gesichert.<\/p>\n<p>Man kann es auch so sehen: Wei Yi ist am besten eingespielt, weil am meisten stresserprobt. Favorit f\u00fcr das Finale ist er zwar nicht, aber seine Qualifikation w\u00e4re kein Wunder mehr.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_1731\" aria-describedby=\"caption-attachment-1731\" style=\"width: 700px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1731\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/files\/2015\/09\/Nakamura.jpg\" alt=\"Hikaru Nakamura \/\/ \u00a9 Baku World Cup 2015\" width=\"700\" height=\"500\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/files\/2015\/09\/Nakamura.jpg 700w, https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/files\/2015\/09\/Nakamura-620x443.jpg 620w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1731\" class=\"wp-caption-text\">Hikaru Nakamura \/\/ \u00a9 Baku World Cup 2015<\/figcaption><\/figure><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wei Yi ist erst sechzehn, aber den Habitus des Schachspielers kennt er genau. 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