{"id":1758,"date":"2015-10-06T09:49:18","date_gmt":"2015-10-06T07:49:18","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/schach\/?p=1758"},"modified":"2015-10-07T14:23:43","modified_gmt":"2015-10-07T12:23:43","slug":"ein-match-fur-die-geschichtsbucher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/ein-match-fur-die-geschichtsbucher\/","title":{"rendered":"Ein Match f\u00fcr die Geschichtsb\u00fccher"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_1778\" aria-describedby=\"caption-attachment-1778\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1778 size-medium\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/files\/2015\/10\/watermark.php_-620x406.jpeg\" alt=\"Peter Svidler kann es nicht fassen (@ Fide)\" width=\"620\" height=\"406\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/files\/2015\/10\/watermark.php_-620x406.jpeg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/files\/2015\/10\/watermark.php_.jpeg 700w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1778\" class=\"wp-caption-text\">Peter Svidler kann es nicht fassen (@ Fide)<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Es war zum Davonlaufen, zum Schreien, zum Verzweifeln. Man h\u00e4tte Gl\u00e4ser kaputthauen, T\u00fcren eintreten k\u00f6nnen.\u00a0Peter Svidler hatte in der neunten Partie des denkw\u00fcrdigen World-Cup-Finals in Baku in total gewonnener Stellung einen Turm eingestellt, so wie es bei uns Mittwochabend manchmal in der Kneipe nach ein paar Schwarzbier zu viel passiert. Karjakin nahm den Turm weg, er verschlang ihn geradezu. Svidler fiel in sich zusammen, versank in seinem Sessel, erstarrte. Nach einigen qu\u00e4lenden Sekunden streckte er zum f\u00fcnften Mal seine Hand zur Aufgabe, nachdem er zuvor im gesamten Weltcup noch keine einzige Partie verloren hatte. Karjakin ging mit 5:4 in F\u00fchrung.<!--more--><\/p>\n<p>Noch nie hat mich ein Schachmatch derma\u00dfen in Ekstase versetzt. Es war ein Kampf zweier Gladiatoren, die beide alles f\u00fcr den Sieg riskierten. Ein offener Schlagabtausch, den nur der gewinnen konnte, dem es als Erstem gelingen w\u00fcrde, die groben Fehler einzustellen. Dem Verlierer dagegen, das war klar, w\u00fcrden so einige schlaflose N\u00e4chte bevorstehen.<\/p>\n<p>Dabei bef\u00fcrchteten viele Experten im Vorfeld ein dr\u00f6ges Geschiebe mit vielen Remisen. Aber nichts dergleichen. Svidler legte in der ersten Partie einen Blitzstart hin, durchbrach die gegnerischen Wallungen in der Brettmitte und legte die gesamten schwarzen Streitkr\u00e4fte lahm. Karjakin konnte fast nichts mehr ziehen und kapitulierte bald. Sich fr\u00fch im Zugzwang befindend, riskierte der J\u00fcngling in Runde zwei gegen Svidlers gl\u00e4nzende Verteidigung am Ende zu viel und verlor durch einen groben \u00dcberseher \u2013 0:2, bei zun\u00e4chst vier angesetzten Partien mehr als eine Vorentscheidung. Ein gl\u00e4nzend aufgelegter Svidler lie\u00df an dem Tag verlauten, dass es &#8222;definitiv noch nicht vorbei sei&#8220;; er sich nun aber &#8222;als Favoriten sehe&#8220;. Niemand hat ernsthaft noch mit einer vierten Partie gerechnet.<\/p>\n<p>Doch wieder einmal kam Karjakin, der f\u00fcr seine guten Nerven bekannt ist und w\u00e4hrend des gesamten Turniers nicht einmal das Gesicht verzogen hatte, ins Match zur\u00fcck. In der dritten Partie durchschritt er zwar eine weitere Verluststellung, aber ein schwerer Fehler Svidlers hatte schnell das 2:1 zur Folge. Und in Runde vier fiel die Entscheidung wohl bereits im zweiten Zug, als der angeknackste St. Petersburger eine in Gro\u00dfmeisterkreisen extrem zweifelhafte Er\u00f6ffnung w\u00e4hlte, auf die Karjakin gl\u00e4nzend reagierte. Svidler musste die halbe Partie mit einem tragikomisch eingesperrten Turm auf g7 agieren, und als er diesen befreit hatte, waren seine Bauern zu sehr geschw\u00e4cht. Karjakin erzielte sicher, fast zu leicht das 2:2. Alleine hier sind schon die Statistiker gefragt, mir f\u00e4llt nicht ein, wann auf diesem Niveau jemals zwei Partien hintereinander auf Bestellung gewonnen werden konnten.<\/p>\n<p>Das richtige Drama spielte sich im Stichkampf ab, wo zun\u00e4chst zwei Partien langsames Schnellschach auf dem Plan standen. In der ersten, der insgesamt f\u00fcnften Matchpartie also (<a href=\"http:\/\/baku2015.fide.com\/content\/172\">Video Final, ab 4:00<\/a>), kam Karjakin desolat aus der Er\u00f6ffnung, keine von Svidlers Figuren h\u00e4tte sich eine sch\u00f6nere Aufstellung w\u00fcnschen k\u00f6nnen. Svidler verbrauchte auf der Suche nach der Entscheidung Unmengen Zeit, und verlor immer mehr die Kontrolle, w\u00e4hrend sich Karjakins Springer \u00fcber die schwarzen Bauern hermachte. Als Svidler diesen endlich eliminierte, entstand eine Stellung, in der wohl jeder Gro\u00dfmeister in Gewissheit eines sicheren Remis die F\u00fc\u00dfe hochgelegt h\u00e4tte. Aber nicht Karjakin, der mit knappster Zeit jede Ressource der Stellung nutzte und am Ende durch einen Bauerndurchbruch gewann, der wohl Eingang in viele Endspielb\u00fccher finden wird. 3:2!<\/p>\n<p>Doch der totgeglaubte Svidler brachte noch einmal gro\u00dfe Willenskraft auf und glich in der n\u00e4chsten Partie (<a href=\"http:\/\/baku2015.fide.com\/content\/172\">ab 1:29:30<\/a>)\u00a0nach langem Kampf aus. Im schnellen Schnellschach\u00a0offenbarte sogar Karjakin auch Nerven\u00a0und verlor die erste Partie (<a href=\"http:\/\/baku2015.fide.com\/content\/172\">ab 2:38:00<\/a>)\u00a0auf desolate Weise \u2013 ihm gelang kein einziger guter Zug. Doch Svidler tat es ihm anschlie\u00dfend (<a href=\"http:\/\/baku2015.fide.com\/content\/172\">ab 3:12:00<\/a>)\u00a0gleich \u2013 er hatte seine\u00a0Gef\u00fchle nicht mehr beisammen. 4:4. Karjakin zeigte keinerlei Regung, Svidler raufte sich die Haare, stampfte auf der B\u00fchne umher.<\/p>\n<p>Der Weltcupsieger musste also im Blitzen entschieden werden. In dieser omin\u00f6sen neunten Partie (<a href=\"http:\/\/baku2015.fide.com\/content\/172\">ab 3:42:30<\/a>)\u00a0lie\u00df sich Karjakin auf den Marshall-Angriff \u2013 Svidlers Spezialit\u00e4t \u2013 ein, warum, wei\u00df wohl nur er allein. Beide blitzen die ersten 17 Z\u00fcge im Stakkato herunter, dann nahm Karjakin zwei von den ihm zur Verf\u00fcgung stehenden f\u00fcnf Minuten Auszeit, um den L\u00e4ufer passiv nach c2 zu stellen. Der Kommentator Evgenij Miroshnichenko sah umgehend, dass Svidler mit dem Springer auf c3 schlagen und sofort die Partie gewinnen kann. Svidler sah es nicht, zog seinen Bauern nach b4 und schlug sich sofort die H\u00e4nde vor&#8217;s Gesicht. Es war zu sp\u00e4t.\u00a0Er war nervlich am Ende, nicht mehr in der Lage, sein A-Game zu spielen. Das war so, als ob er gerade einen Elfer verschossen hatte, aber als einziger nominierter Spieler mit schlotternden Knien direkt wieder am Punkt antreten musste. Immer wieder hielt er sich die Augen zu, wollte versinken vor \u00c4rger oder Scham. Doch Karjakin agierte auch in dieser Partie nicht auf der H\u00f6he und gew\u00e4hrte Svidler nach mehreren Fehlern wieder eine Gewinnstellung. Alles h\u00e4tte noch gut werden k\u00f6nnen. Doch dann lie\u00df er seinen Turm auf b8 ungedeckt (<a href=\"http:\/\/baku2015.fide.com\/content\/172\">Video &#8222;Svidler blunders the rook and loses in first blitz game&#8220;<\/a>)<\/p>\n<p>Svidler war angez\u00e4hlt, aber noch immer nicht ausgeknockt. Die zehnte Partie (<a href=\"http:\/\/baku2015.fide.com\/content\/172\">Video &#8222;Last game of FIDE World Cup 2015&#8220;<\/a>)\u00a0verlief ebenso dramatisch und d\u00fcrfte im Ganzen die hochwertigste des Stichkampfs gewesen sein. Svidler erarbeitete sich einen starken Angriff, Karjakin hielt stoisch dagegen. Svidler verpasste mehrfach Chancen, aber fand immer wieder Ressourcen, dem Gegner Probleme zu stellen, biss sich mit seinem Springer auf e4 in die schwarze Stellung fest. Doch Karjakin lie\u00dfen seine Nerven diesmal nicht im Stich. Noch einen Zug vor dem Ende war das Ergebnis des Weltcups unklar. Schl\u00e4gt Karjakin den wei\u00dfen Bauern f7, folgt eine lange, zwingende Variante, in der Svidlers Springer die schwarze Stellung im Alleingang abr\u00e4umt. Eine Armageddon-Partie h\u00e4tte das Duell entscheiden m\u00fcssen. Karjakin nahm den Bauern nicht und Svidler kapitulierte Sekunden sp\u00e4ter. Nicht einmal Karjakin konnte sich ein L\u00e4cheln der Erleichterung verkneifen. Sp\u00e4ter durfte er den Siegercheck \u00fcber 120.000 US-Dollar in Empfang nehmen.<\/p>\n<p>Diese epische Schlacht wird mit Sicherheit in die Geschichte eingehen. Die beiden\u00a0 Gegner waren nach einem Monat Schach total ersch\u00f6pft, der Wettkampfmodus wird nun aufs Neue diskutiert werden m\u00fcssen. Beide Spieler haben angek\u00fcndigt, ab dem kommenden Samstag bei der Blitz- und Schnellschach-WM in Berlin antreten zu wollen. Gut eingespielt sind sie schon.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war zum Davonlaufen, zum Schreien, zum Verzweifeln. Man h\u00e4tte Gl\u00e4ser kaputthauen, T\u00fcren eintreten k\u00f6nnen.\u00a0Peter Svidler hatte in der neunten Partie des denkw\u00fcrdigen World-Cup-Finals in Baku in total gewonnener Stellung einen Turm eingestellt, so wie es bei uns Mittwochabend manchmal in der Kneipe nach ein paar Schwarzbier zu viel passiert. 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