{"id":1883,"date":"2016-01-17T12:30:36","date_gmt":"2016-01-17T11:30:36","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/schach\/?p=1883"},"modified":"2016-01-17T13:19:55","modified_gmt":"2016-01-17T12:19:55","slug":"das-walnuss-massaker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/das-walnuss-massaker\/","title":{"rendered":"Das Walnuss-Massaker"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_1886\" aria-describedby=\"caption-attachment-1886\" style=\"width: 530px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1886\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/files\/2016\/01\/15656076-530x800.jpg\" alt=\"Ein Eichh\u00f6rnchen inspiziert am Dienstag (15.09.2009) in Berlin eine Walnuss. Die Gattung der Eichh\u00f6rnchen ist mit 190 Arten eine der gr\u00f6\u00dften Gattungen in der H\u00f6rnchen-Familie. In Europa ist nur das Europ\u00e4ische Eichh\u00f6rnchen heimisch. In W\u00e4ldern und Parks sind sie h\u00e4ufig anzutreffen, wobei sie sehr schnell zutraulich werden und sich f\u00fcttern lassen. Bereits im Altertum war das Eichh\u00f6rnchen als &quot;Spieltier&quot; besonders bei Kindern sehr beliebt. Sein K\u00f6rper ist ca. 25 bis 30 cm lang, hinzu kommt der kr\u00e4ftige, buschig gescheitelte Schwanz von fast 20 cm L\u00e4nge. Es ist sehr leicht und wiegt zwischen 300 und 500g. Eichh\u00f6rnchen ern\u00e4hren sich von N\u00fcssen, Bucheckern, Fichtenzapfen, Obst und frischen Trieben. Foto: Rainer Jensen dpa\/lbn +++(c) dpa - Bildfunk+++\" width=\"530\" height=\"800\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/files\/2016\/01\/15656076-530x800.jpg 530w, https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/files\/2016\/01\/15656076-678x1024.jpg 678w, https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/files\/2016\/01\/15656076.jpg 1826w\" sizes=\"auto, (max-width: 530px) 100vw, 530px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1886\" class=\"wp-caption-text\">Voll auf die Nuss (Foto: Rainer Jensen dpa\/lbn +++(c) dpa &#8211; Bildfunk+++)<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Eigentlich dachte ich, in 22 Jahren Schach alle Abgr\u00fcnde gesehen zu haben. Vor Jahren bekam ich mit, wie ein Senior sich w\u00e4hrend einer Runde hinter einer Gardine die Unterhose wechselte. Ein anderes Mal steckte sich ein Schachfreund mehrere alte Brotlaibe ein, die im Rahmen einer Kunstausstellung auf einer Theke ausgelegt waren. So mancher Spieler rauft sich w\u00e4hrend einer Partie so stark die Haare, dass seine Brettseite von Schuppen und Haarb\u00fcscheln \u00fcbers\u00e4t ist; der Gegner \u00fcberlegt dann vielleicht zweimal, ob er dort wirklich eine Figur schlagen und in die Hand nehmen m\u00f6chte. Nichts eignet sich so gut f\u00fcr Charakterstudien wie ein Besuch in einem Turniersaal.<!--more--><\/p>\n<p>Doch was ich neulich erlebte, war in dieser Form auch mir neu. Es begab sich bei einem kleinen, famili\u00e4r organisierten Halbmarathonturnier \u2013 etwa 45 Partien Blitzschach am St\u00fcck ohne l\u00e4ngere Pausen \u2013 bei dem es kaum etwas zu gewinnen gab und schon der ungew\u00f6hnliche Modus nahelegte, dass man wirkliche Freude an der Sache selbst versp\u00fcren m\u00fcsste, um sich so etwas an einem Wochenende kurz vor Weihnachten anzutun. Doch schnell wurde klar, dass ein wahrer Masochist am Start war, ein Mann um die F\u00fcnfzig, auf den ersten Blick unauff\u00e4llig, aber nur auf den ersten.<\/p>\n<p>Dieser Mann diskutierte mit dem Schiedsrichter, schon vor dem Turnierbeginn, \u00fcber Kleinigkeiten. Er fluchte, er schimpfte, er drosch auf die Schachuhr ein wie auf einen Amboss, er knallte die Figuren aufs Brett. Nicht nur seine Pferde hatten Schaum vorm Mund. W\u00e4hrend seiner Niederlagenserien, die meist f\u00fcnf bis sieben Partien dauerten, bot er in jeder einzelnen Partie kurz vor Schluss Remis an, um einige Augenblicke sp\u00e4ter \u00fcber die Zeit gehoben zu werden, denn er bediente die Uhr zwar \u00e4u\u00dferst kraftvoll, aber keinesfalls schnell. Er br\u00fcllte dann Dinge wie &#8222;Warum nimmt denn hier niemand Remis gegen mich an?&#8220; (nat\u00fcrlich alles, w\u00e4hrend noch andere Partien liefen) oder versah das Ergebnis auf seinem Zettel, auf dem er mitstenografierte, mit einem &#8222;UNVERDIENT!!&#8220;.<\/p>\n<p>Zwischen den Partien tigerte er frustriert durch den kleinen Klassenraum, in dem die Veranstaltung stattfand und warf br\u00fcllend die Frage in den Raum, wie tief man eigentlich noch sinken k\u00f6nne. Die Antwort darauf lieferte er dann alsbald selber, als er nach einer weiteren Niederlage ein paar Waln\u00fcsse aus seiner Tasche holte. Er kniete sich auf den Boden und schlug mit der Faust auf sie ein. Die Waln\u00fcsse mussten herhalten f\u00fcr alle gegnerischen Figuren, die der Mann bis dahin nicht geschlagen und alle K\u00f6nige, die er nicht mattgesetzt hatte. Es war ein Massaker.<\/p>\n<p>Ein Extremfall, zugegeben. Doch gleichzeitig ein Argument daf\u00fcr, dass wir ZEIT-ONLINE-Schachblogger <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/schach-glueck-unglueck-sucht\/\">k\u00fcrzlich durchaus einen wahren Kern getroffen haben k\u00f6nnten<\/a>. Schach sieht so einfach aus \u2013 nur sechs verschiedene Figurenarten plus ein paar Sonderregeln, man kann es in einer halben Stunde lernen \u2013 und ist doch so unglaublich komplex. Und jedes einzelne Mal ist man mit dieser Komplexit\u00e4t ganz allein gelassen wie in einem Schlauchboot mitten im Ozean, w\u00e4hrend um einen herum die Wogen hin- und herschwappen, ohne sich ein zweites Mal auf die gleiche Weise anzuordnen.<\/p>\n<p>Keine guten Voraussetzungen f\u00fcr die, die versuchen mit Schach ihre Kontrollgel\u00fcste auszuleben, sich \u00fcber das Schach die Sicherheit und\/oder Best\u00e4tigung zu holen, die ihnen wom\u00f6glich in anderen Lebensbereichen fehlt. Schach l\u00e4sst sich aber nicht kontrollieren, au\u00dfer man geh\u00f6rt zu den Besten der Welt, die es zumindest phasenweise schaffen. F\u00fcr alle anderen ist in jeder Partie aufs Neue Durchraten angesagt, die eigenen und die gegnerischen Figuren entwickeln unvorhersehbare Dynamiken, die Wetterkapriolen gleichen.<\/p>\n<p>Ab und zu verliert man Partien, von denen man gar nicht wei\u00df, wo und wann man etwas falsch gemacht hat. Oder die Partie endet abrupt mit einem Dameneinsteller oder mit einer Niederlage auf Zeit in einer sonst gewonnenen Stellung, weil die Nerven ihrem Besitzer nach vier Stunden Spielzeit einen b\u00f6sen Streich gespielt haben. Es gibt eine Million Wege, wie im Schach Frust entstehen kann und vergleichsweise wenige Schleichpfade zu einem Gef\u00fchl echter, tiefer Befriedigung.<\/p>\n<p>Es entsteht also Frust, und das massenweise. Die meisten Spieler, besonders die, die keine Waln\u00fcsse m\u00f6gen, versuchen dem auf die klassische Weise beizukommen \u2013 mit Reden. Den Gegner stark- oder wahlweise schlechtreden, sich als Idiot und Versager bezeichnen, die Schuld auf den Schiedsrichter oder die Dicke des Teppichs schieben, sich selbst und den anderen einreden, man habe blo\u00df die Theoriez\u00fcge verwechselt (als sei das Ged\u00e4chtnis nicht ein genauso integraler Bestandteil des Spiels wie das Nachdenken) oder in Gewinnstellung den falschen Stein angefasst. Und das alles mehrmals in allen m\u00f6glichen Intonationen und Variationen durchgekaut und an m\u00f6glichst viele Mitmenschen verteilt. Als Einzelk\u00e4mpfer ist der Schachspieler n\u00e4mlich auch ein ausgesprochener Egoist und hat keinerlei Problem damit, jemand anderen mit dem Faktor 10 zu belasten, wenn er daf\u00fcr selbst auch nur eine Frusteinheit abbauen kann.<\/p>\n<p>Weiterhin sehr beliebt als Abbaumechanismen sind Aggressionen aller Art gegen\u00fcber dem Spielmaterial, Kugelschreibern und so weiter. Vom gro\u00dfen Kasparow wird berichtet, dass er mal nach einer Niederlage hinter der B\u00fchne mit St\u00fchlen um sich geworfen h\u00e4tte. Auch sein T\u00fcrenknallen gegen Anand ist allen Fans noch in bester Erinnerung. Meist hat dieser Weg aber nur den Status einer Jokerkarte, die man nur einmal pro Zeiteinheit ziehen kann. Alles, was dar\u00fcber hinaus geht, ist, einem ungeschriebenen Kodex zufolge, durchaus verp\u00f6nt.<\/p>\n<p>Was passiert, wenn sich jemand konsequent weigert, daran zu halten, wie der oben beschriebene Selbstgei\u00dfler, konnte man beim Halbmarathon gut beobachten \u2013 mit der Zeit sahen es andere Spieler immer weniger ein, warum sie sich an etwas halten und vor allem ihren Frust <em>zur\u00fcck<\/em>halten sollten, weil jemand anders ja best\u00e4ndig gegen Konventionen verstie\u00df. Innerhalb kurzer Zeit fluchte der komplette Turniersaal und drosch auf die Uhren ein, selbst j\u00fcngere Kinder.<\/p>\n<p>Fast w\u00e4re ich abgereist, so aggressiv und aufgeladen war die Stimmung zwischenzeitlich. Dem Blitzschach wohnt viel Dramatik inne, \u00fcberall Adrenalin, das ist auch gut so, und das ist auch genau das, was ich daran liebe und sch\u00e4tze. Doch an diesem Tag war es zu viel. Die Bilder vom Walnuss-Massaker bekam ich lange nicht aus dem Kopf.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich dachte ich, in 22 Jahren Schach alle Abgr\u00fcnde gesehen zu haben. Vor Jahren bekam ich mit, wie ein Senior sich w\u00e4hrend einer Runde hinter einer Gardine die Unterhose wechselte. Ein anderes Mal steckte sich ein Schachfreund mehrere alte Brotlaibe ein, die im Rahmen einer Kunstausstellung auf einer Theke ausgelegt waren. 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