{"id":1914,"date":"2016-02-05T16:47:50","date_gmt":"2016-02-05T15:47:50","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/schach\/?p=1914"},"modified":"2016-03-13T22:26:41","modified_gmt":"2016-03-13T21:26:41","slug":"viswanathan-anand-und-das-risiko","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/viswanathan-anand-und-das-risiko\/","title":{"rendered":"Vishy Anand mag es nicht so wild"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_1916\" aria-describedby=\"caption-attachment-1916\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1916\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/files\/2016\/02\/GettyImages-499946684-620x413.jpg\" alt=\"Vishy Anand, hier beim Turnier in London gegen Michael Adams (Foto: Carl Court\/Getty Images)\" width=\"620\" height=\"413\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/files\/2016\/02\/GettyImages-499946684-620x413.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/files\/2016\/02\/GettyImages-499946684-1024x683.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1916\" class=\"wp-caption-text\">Vishy Anand, hier beim Turnier in London gegen Michael Adams (Foto: Carl Court\/Getty Images)<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Das Tradewise Chess Festival in Gibraltar, das Anfang Februar zu Ende ging, hatte alles, was ein Schachturnier braucht: ein starkes Teilnehmerfeld, eine gute Organisation, hohe Preise und ein vielf\u00e4ltiges Rahmenprogramm.<\/p>\n<p>Doch so richtig freuen konnte sich der Ex-Weltmeister Viswanathan Anand aus Indien dar\u00fcber nicht. Er spielte nicht gut. Mit einer Ratingzahl von 2784 startete er als Nummer drei der Setzliste, landete aber mit 6,5 Punkten aus 10 Partien am Ende nur im oberen Mittelfeld. Dabei lieferte er eine Ratingperformance von 2541 Punkten ab, womit Anand die Nummer 27 der deutschen Rangliste w\u00e4re. Dabei geh\u00f6rt der Inder seit \u00fcber einem Vierteljahrhundert zur absoluten Weltspitze, von 2007 bis 2013 war er Schachweltmeister, 2013 und 2014 spielte er gegen Magnus Carlsen um die Weltmeisterschaft \u2013 und jetzt so etwas. Was ist da passiert?<!--more--><\/p>\n<p>Es war wohl die Natur des Turniers, die f\u00fcr Anand zum Problem wurde. In Gibraltar handelte es sich um ein sogenanntes offenes Turnier. Das letzte Mal, dass Anand so ein Turnier gespielt hat, war 1986, seitdem standen f\u00fcr ihn nur Rundenturniere und Wettk\u00e4mpfe auf dem Programm. Aber in offenen Turnieren weht ein anderer Wind \u2013 und der ist oft rauer.<\/p>\n<p>In Rundenturnieren spielt jeder gegen jeden, meistens treten sechs, zehn oder zw\u00f6lf Teilnehmer gegeneinander an, da kann man sich auf jeden Gegner einstellen. Bei den Turnieren der Besten ist die Weltelite oft unter sich, jeder wei\u00df, welche Er\u00f6ffnungen die Gegner gerne spielen, man kennt ihre St\u00e4rken und Schw\u00e4chen, schlie\u00dflich hat man schon oft gegeneinander gespielt. In Rundenturnieren ist es wichtig, nicht zu verlieren, entsprechend vorsichtig taktieren die Teilnehmer. Mit Wei\u00df gewinnen, mit Schwarz Remis spielen, die Schw\u00e4cheren schlagen, gegen die St\u00e4rkeren Remis spielen, so das Erfolgsrezept. Ab und zu ein kurzes Remis schont die Nerven und spart Kraft.<\/p>\n<p>In offenen Turnieren funktioniert das nicht. Dort gehen Hunderte von Teilnehmern jeder Spielst\u00e4rke an den Start, in Gibraltar waren es \u00fcber 250. Wer in so einem Feld gewinnen will, darf sich nicht viele Patzer erlauben. In Gibraltar teilten sich der Amerikaner Hikaru Nakamura und der Franzose Maxime Vachier-Lagrave den ersten Platz, beide hatten am Ende 8 Punkte aus 10 Partien, sechs Siege, vier Remis. Hinter dem Duo an der Spitze folgten sechs Spieler mit je 7,5 Punkten.<\/p>\n<p>Wer in offenen Turnieren oben mitspielen will, der darf nicht vorsichtig taktieren, sondern muss mit Wei\u00df und mit Schwarz auf Gewinn spielen. Deshalb haben Open-Spezialisten ein ganz anderes Er\u00f6ffnungsrepertoire als Spieler, die vor allem geschlossene Turniere spielen. Sie spielen Er\u00f6ffnungen, die riskanter sind, aber auch mehr Chancen bieten. In offenen Turnieren f\u00fchrt das oft zum Erfolg, denn viele Gegner k\u00f6nnen die Nachteile solcher Er\u00f6ffnungen nicht ausnutzen. Doch in den Rundenturnieren der Weltspitze bekommen Spieler mit dieser Er\u00f6ffnungsstrategie regelm\u00e4\u00dfig Probleme: Sie verlieren zu oft und gewinnen zu selten, im Open ist es umgekehrt.<\/p>\n<p>Eine Schachlegende wie Anand hat in offenen Turnieren noch ein zus\u00e4tzliches Problem: F\u00fcr fast jeden Gegner ist eine Partie gegen ihn etwas Besonderes, ein H\u00f6hepunkt der eigenen Schachlaufbahn. Entsprechend motiviert spielen sie, um mit einem Remis oder sogar einem Sieg f\u00fcr eine kleine Sensation zu sorgen und ein wenig Schachgeschichte zu schreiben.<\/p>\n<p>Damit nicht genug. Ein Spieler wie Anand hat in fast allen Partien die Favoritenrolle. Er muss gewinnen, auf ihm ruht die Beweislast, der Au\u00dfenseiter hat nichts zu verlieren. Entsprechend verkrampft wirkte Anand in Gibraltar in einigen Partien. Besonders deutlich wurde das bei seiner Niederlage gegen den Franzosen Adrien Demuth in Runde f\u00fcnf. Anand hatte Wei\u00df und versuchte mit aller Kraft zu gewinnen. Das aber gab die Stellung nicht her und auf der Suche nach einem Sieg verlor Anand am Ende sogar noch.<\/p>\n<p>Aus all diesen Gr\u00fcnden scheuen Top-Spieler, wenn sie es sich leisten k\u00f6nnen, das Risiko offener Turniere. Schon eine kleine Formschw\u00e4che kann viele Ranglistenpunkte und damit viel Geld kosten. Das ist schade. F\u00fcr die Spitzenspieler mag das raue Klima der offenen Turniere gef\u00e4hrlich sein, aber f\u00fcr Schachfans bedeutet es frischen Wind. Nicht nur, weil das Duell Au\u00dfenseiter gegen Favorit eigentlich immer reizvoll ist, sondern auch, weil Abwechslung ins Schachleben kommt und man nicht immer die gleichen Spieler gegeneinander spielen sieht. Au\u00dferdem zeigen die Spitzenspieler bei ihren Siegen oft, warum sie so gut sind, was sie besser k\u00f6nnen als die schw\u00e4cheren Spieler. Immerhin hat Anand, auch wenn er in Gibraltar kein gutes Turnier gespielt hat, f\u00fcnf sch\u00f6ne und interessante Partien gewonnen.<\/p>\n<p>Schon bald kehrt Anand wieder in die vertraute Umgebung der Rundenturniere zur\u00fcck. Mitte M\u00e4rz steht in Moskau das Kandidatenturnier auf dem Programm, bei dem ermittelt wird, wer im Herbst 2016 gegen Magnus Carlsen um die Weltmeisterschaft spielen darf. Acht Teilnehmer, jeder gegen jeden, doppelrundig \u2013 das sind vierzehn Partien gegen die absolute Weltspitze. Gut m\u00f6glich, dass Anand dort weniger Partien verliert als in Gibraltar \u2013 und weniger gewinnt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Tradewise Chess Festival in Gibraltar, das Anfang Februar zu Ende ging, hatte alles, was ein Schachturnier braucht: ein starkes Teilnehmerfeld, eine gute Organisation, hohe Preise und ein vielf\u00e4ltiges Rahmenprogramm. 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