{"id":1942,"date":"2016-03-11T11:29:46","date_gmt":"2016-03-11T10:29:46","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/schach\/?p=1942"},"modified":"2016-03-12T22:07:56","modified_gmt":"2016-03-12T21:07:56","slug":"als-deep-blue-das-genie-garry-kasparow-schlug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/als-deep-blue-das-genie-garry-kasparow-schlug\/","title":{"rendered":"Als Deep Blue das Genie Garri Kasparow schlug"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_1944\" aria-describedby=\"caption-attachment-1944\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1944 size-medium\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/files\/2016\/03\/GettyImages-51654330-620x416.jpg\" alt=\"Als Deep Blue das Genie Garri Kasparow schlug\" width=\"620\" height=\"416\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/files\/2016\/03\/GettyImages-51654330-620x416.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/files\/2016\/03\/GettyImages-51654330-1024x686.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/files\/2016\/03\/GettyImages-51654330.jpg 2038w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1944\" class=\"wp-caption-text\">Garri Kasparow gegen Deep Blue am 7. Mai 1997 in New York (Stand Honda\/Getty Images)<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/sport\/2016-03\/go-alphago-lee-sedol-google-kuenstliche-intelligenz\">In Seoul spielt das Computerprogramm AlphaGo gerade einen Wettkampf \u00fcber f\u00fcnf Partien gegen Lee Sedol, einen der besten Go-Spieler der Welt<\/a>. Mensch gegen Maschine, da werden Erinnerungen wach. Vor 20 Jahren, am 10. Februar 1996, verlor der damalige Schachweltmeister Garri Kasparow in Philadelphia, USA, die erste Partie seines Sechs-Partien-Wettkampfs gegen den IBM-Computer Deep Blue. Nach zur\u00fcckhaltender Er\u00f6ffnung hatte der Computer seinen Springer ins Abseits man\u00f6vriert, um einen Bauern zu erobern. Das sah riskant aus, denn jetzt konnte Kasparow gef\u00e4hrlich wirkende Drohungen gegen den K\u00f6nig Deep Blues aufstellen. Doch der Computer, der Millionen von Stellungen pro Sekunde kalkulieren konnte, hatte berechnet, dass keine wirkliche Gefahr f\u00fcr ihn bestand. Deep Blue parierte alle Drohungen des Angriffsk\u00fcnstlers Kasparow und gewann die Partie. Maschinelle Rechenkraft hatte \u00fcber menschliche Intuition triumphiert.<!--more--><\/p>\n<p>Ein Meilenstein in der Geschichte der Computerentwicklung und eine Sensation, denn noch nie hatte ein Schachcomputer den amtierenden Schachweltmeister in einer Partie unter Turnierbedingungen besiegt. Das sorgte in der ganzen Welt f\u00fcr Schlagzeilen. Teilweise auch f\u00fcr hysterische Reaktionen. Skeptiker sahen die Menschheit in Gefahr und f\u00fcrchteten, Menschlichkeit w\u00fcrde bald auch in anderen Bereichen durch kalte Berechnungen von Maschinen ersetzt werden. Schachspieler glaubten, der Computer w\u00fcrde das Schachspielen \u00fcberfl\u00fcssig machen. Denn welchen Sinn sollte es noch haben, sich mit einem Spiel zu besch\u00e4ftigen, dass eine Maschine besser beherrscht als jeder Mensch? In dem alle Fragen und Probleme durch die Rechenkraft des Computers gel\u00f6st schienen?<\/p>\n<p>Dass der Gewinn der ersten Partie der einzige Sieg des Computers im Wettkampf bleiben sollte, den Kasparow am Ende mit 4:2 (eine Niederlage, zwei Remis, drei Siege) gewann, ist heute in Vergessenheit geraten. Das liegt auch am Revanchekampf zwischen Deep Blue und Kasparow, der ein Jahr sp\u00e4ter, im Mai 1997, in New York stattfand, und in dem Kasparow die &#8222;Ehre der Menschheit&#8220; verteidigen wollte.<\/p>\n<p>Das gelang ihm denkbar schlecht. Er gewann zwar die erste Partie des Wettkampfs \u00fcberzeugend, doch in der zweiten wurde er vom Computer \u00fcberspielt \u2013 und zwar auf eine Weise, wie man es von Computern noch nie gesehen hatte. Denn nach g\u00fcnstig verlaufener Er\u00f6ffnung verzichtete Deep Blue im 37. Zug auf den m\u00f6glichen Gewinn von zwei Bauern, um Kasparows Stellung weiter einzuschn\u00fcren. Bis dahin hatte man geglaubt, Schachcomputer w\u00e4ren durch und durch materialistisch programmiert und w\u00fcrden jedes angebotene Opfer annehmen, wenn sie danach nicht deutlich in Nachteil geraten. Doch Deep Blue spielte anders \u2013 und besser.<\/p>\n<p>F\u00fcr Schlagzeilen und Aufregung sorgte auch das Ende der Partie. Nach starkem Spiel des Computers hatte Kasparow in hoffnungslos aussehender Stellung nach 45 Z\u00fcgen aufgegeben. Zu fr\u00fch, wie man nach der Partie schnell feststellte. Kasparow, so lautete die Nachricht, hatte einen versteckten Trick nicht gesehen und in Remisstellung aufgegeben \u2013 der Albtraum eines jeden Schachspielers.<\/p>\n<p>Aber, so fragte sich nicht nur Kasparow, wieso hatte der Computer, der bis zu 200 Millionen Stellungen pro Sekunde berechnen konnte, diese Remism\u00f6glichkeit \u00fcberhaupt zugelassen? In der Pressekonferenz nach der dritten Partie, die Remis ausgegangen war, erhob Kasparow dann schwere Vorw\u00fcrfe gegen das Team von Deep Blue. Er meinte, die zweite Partie w\u00fcrde ihn an &#8222;das ber\u00fchmte Tor erinnern, das Fu\u00dfballstar Maradona 1986 beim Viertelfinale der Fu\u00dfballweltmeisterschaft im Spiel Argentinien gegen England erzielt hatte&#8220;. Fernsehaufnahmen haben gezeigt, <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=-ccNkksrfls\">dass Maradona den Ball in der entscheidenden Szene mit der Hand ins Tor gelenkt hatte<\/a>. Sp\u00e4ter meinte der argentinische Superstar, dies sei &#8222;die Hand Gottes&#8220; gewesen. Auf den Wettkampf \u00fcbertragen warf Kasparow dem Team Deep Blues damit praktisch vor, sie h\u00e4tten sich in die Berechnungen des Computers eingemischt und den f\u00fcr Computer ungew\u00f6hnlichen 37. Zug per Hand in das Programm eingegeben.<\/p>\n<p>Nach diesen Manipulationsvorw\u00fcrfen war die Atmosph\u00e4re des als Freundschaftswettkampf gedachten Matches vergiftet. Geholfen hat Kasparow das nicht. Je l\u00e4nger der Wettkampf dauerte, desto hilfloser wirkte er bei der Suche nach der richtigen Strategie gegen die Rechenkraft Deep Blues. Am Ende verzichtete er freiwillig auf eine seiner st\u00e4rksten Waffen, die seinen menschlichen Gegnern seit Jahrzehnten Angst und Schrecken eingejagt hatte: eine umfassende, gr\u00fcndliche und \u00fcber Jahre und Jahrzehnte gewachsene Er\u00f6ffnungsvorbereitung. In der dritten Partie er\u00f6ffnete Kasparow sogar mit 1.d3 \u2013 ein Zug, der ihm gegen seine Gro\u00dfmeisterkollegen wie Wladimir Kramnik, Anatoli Karpow oder Nigel Short nicht im Traum eingefallen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Ihren traurigen H\u00f6hepunkt erreichte diese Strategie in der sechsten, letzten und entscheidenden Partie des Wettkampfs. Beim Stande von 2,5:2,5 (beide Seiten hatten je eine Partie gewonnen, drei waren Remis ausgegangen) lie\u00df sich Kasparow mit Schwarz freiwillig auf eine Er\u00f6ffnungsvariante ein, von der man wusste, dass sie schlecht war. 14 Partien waren in internationalen Turnieren in dieser Variante bereits gespielt worden, 13 davon hatte Schwarz verloren. Aber Kasparow, einer der gr\u00f6\u00dften Er\u00f6ffnungskenner aller Zeiten, spielte sie trotzdem \u2013 vermutlich, weil er nicht glaubte, dass Deep Blue die st\u00e4rkste Fortsetzung tats\u00e4chlich spielen w\u00fcrde. Denn in dieser Variante musste der Computer eine Figur opfern \u2013 und das, so glaubte man damals, machten Computer nicht. Aber Kasparow hatte sich get\u00e4uscht. Deep Blue w\u00e4hlte die Fortsetzung, die ihm seine Er\u00f6ffnungsdatenbanken nahelegten, opferte die Figur, gewann die Partie in 19 Z\u00fcgen und den Wettkampf mit 3,5:2,5. Eine schlimmere Niederlage hat Kasparow im Laufe seiner Karriere nie erlitten und kein Mensch hat ihn je so besiegt.<\/p>\n<p>Ein guter Verlierer war er jedoch nicht. Auch nach dem Wettkampf erhob Kasparow Anschuldigungen gegen IBM und deutete erneut an, Deep Blue h\u00e4tte Unterst\u00fctzung von seinem Team erhalten. Um diesen Verdacht erh\u00e4rten zu k\u00f6nnen, verlangte Kasparow von IBM die Herausgabe der Computerlogs, in denen zu sehen war, was Deep Blue w\u00e4hrend der Partien berechnet hatte. IBM weigerte sich lange Zeit, die Logs \u00f6ffentlich zu machen, was dem Verdacht, es sei nicht alles mit rechten Dingen zugegangen, allerdings weiter Nahrung gab. Heute stehen diese Logs jedoch im Internet. Au\u00dferdem forderte Kasparow vehement und wiederholt einen R\u00fcckkampf, der von IBM jedoch immer wieder abgelehnt wurde.<\/p>\n<p>Diese Streitereien warfen einen Schatten auf den Wettkampf, aber immerhin war das Abendland nicht untergegangen. Nach dem Wettkampf schnellten die Aktienkurse IBMs in die H\u00f6he, Deep Blue wurde in zwei Teile geteilt und ins Museum verbannt, Kasparow verlor seinen Weltmeistertitel 2000 im Wettkampf gegen Wladimir Kramnik und heute spielen Softwareprogramme, die 50 Euro und weniger kosten, auf durchschnittlichen PCs besser als jeder Mensch und Deep Blue.<\/p>\n<p>Auch dem Schach hat der Wettkampf nicht geschadet. Im Gegenteil: Der Computer hat dem Mensch M\u00f6glichkeiten gezeigt, die er fr\u00fcher nie in Erw\u00e4gung gezogen h\u00e4tte. Der Computer hat das Spiel bereichert und heute gibt es mehr Turniere, mehr gute Spieler und mehr junge gute Spieler aus allen Teilen der Welt als je zuvor.<\/p>\n<p>Beim Wettkampf zwischen AlphaGo und Lee Sedol f\u00fchrt das Computerprogramm nach zwei Partien mit 2:0. Doch Weltuntergangsfantasien bleiben aus. In den 20 Jahren, die seit Kasparows Niederlage gegen Deep Blue vergangen sind, scheinen die Menschen sich immer mehr an neue technische Entwicklungen gew\u00f6hnt zu haben und nutzen sie ohne gr\u00f6\u00dfere Bedenken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Seoul spielt das Computerprogramm AlphaGo gerade einen Wettkampf \u00fcber f\u00fcnf Partien gegen Lee Sedol, einen der besten Go-Spieler der Welt. Mensch gegen Maschine, da werden Erinnerungen wach. Vor 20 Jahren, am 10. Februar 1996, verlor der damalige Schachweltmeister Garri Kasparow in Philadelphia, USA, die erste Partie seines Sechs-Partien-Wettkampfs gegen den IBM-Computer Deep Blue. 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