{"id":678,"date":"2014-04-04T09:03:56","date_gmt":"2014-04-04T07:03:56","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/schach\/?p=678"},"modified":"2014-04-04T09:03:57","modified_gmt":"2014-04-04T07:03:57","slug":"wenn-das-gehirn-streikt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/wenn-das-gehirn-streikt\/","title":{"rendered":"Wenn das Gehirn streikt"},"content":{"rendered":"<p>Die Wohnungst\u00fcr schlie\u00dfen, obwohl der Schl\u00fcssel noch auf dem K\u00fcchentisch liegt? Vergessen, wo das Auto steht? Die neue Bekannte beim zweiten Date mit dem Namen der Ex-Freundin begr\u00fc\u00dfen? Beim Schach spricht man bei solchen Pannen im Gehirn von Schachblindheit. Man \u00fcbersieht das Offensichtliche und macht einfache, aber verh\u00e4ngnisvolle Fehler. Schachblindheit hat Weltmeisterschaften gekostet, Tr\u00e4ume zerst\u00f6rt und viel Kummer verursacht. Sie kann jeden treffen, ob Weltmeister, Gro\u00dfmeister oder Landesligaspieler. Wie man beim Kandidatenturnier in Chanty-Mansijsk gesehen hat.<!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Zum Beispiel in Runde zehn in der Partie zwischen Wladimir Kramnik und Peter Swidler. Kramnik, der als einer der Favoriten ins Turnier gestartet war, musste diese Partie unbedingt gewinnen, um sich noch letzte Hoffnungen auf den Turniersieg machen zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Am Anfang lief noch alles gut f\u00fcr Kramnik. Er hatte Wei\u00df und setzte Swidler aus der Er\u00f6ffnung heraus kontinuierlich unter Druck. Dann kam es zu folgender Stellung.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone\" alt=\"\" src=\"http:\/\/www.eddins.net\/steve\/chess\/ChessImager\/ChessImager.php?fen=4rrk1\/6p1\/1nNbp2p\/pq3p2\/2R5\/1P2P3\/1BQ2PPP\/5RK1\/&amp;square_size=35&amp;coordinates=on&amp;ls_color=%28255,255,255%29&amp;ds_color=%28110,123,139%29\" width=\"332\" height=\"332\" \/><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"flwmsrohvdnucrwonyjx vckwzudcaezmzaqmlcpt\" alt=\"\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/165c3cb7f75944afb955544cb6fbc402\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n<p>Swidler hatte soeben <b>31\u2026Sb6<\/b> gespielt und den wei\u00dfen Turm auf c4 angegriffen. Hier h\u00e4tte Kramnik den Springer mit 32.Sd4 zur\u00fcckziehen m\u00fcssen, aber stattdessen spielte er <b>32.Td4??<\/b>. Ein grobes Versehen. Swidler lie\u00df sich nicht lange bitten, spielte <b>32\u2026Lxh2+ 33.Kxh2 Dxf1<\/b> und Wei\u00df stand vor den Tr\u00fcmmern seiner Stellung. Sechs Z\u00fcge sp\u00e4ter gab Kramnik auf und musste sich von seinen Tr\u00e4umen vom Turniersieg, einem Weltmeisterschaftskampf gegen Magnus Carlsen und seiner R\u00fcckkehr auf den Weltmeisterthron verabschieden.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/wenn-das-gehirn-streikt\/vladimir_kramnik\/\" rel=\"attachment wp-att-679\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-679\" alt=\"vladimir_kramnik\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/files\/2014\/04\/vladimir_kramnik.jpg\" width=\"480\" height=\"320\" \/><\/a><br \/>\n<em>Wladimir Kramnik, Weltmeister von 2000 bis 2007 (Foto: Eteri Kublaschwili)<\/em><\/p>\n<p>Warum unterlaufen Spitzenspielern solche Fehler? Und was kann man dagegen tun? Tja, wenn man das w\u00fcsste. Computer machen keine groben Fehler, Menschen schon. Auch die besten Spieler der Welt berechnen nicht alle M\u00f6glichkeiten, zwanzig Z\u00fcge und mehr fehlerfrei im Voraus. Sie machen es wie alle anderen Schachspieler: Sie schauen sich eine Stellung an und ihnen fallen Z\u00fcge ein. Intuitiv. Je besser die Spieler, desto besser die Einf\u00e4lle. Gerechnet wird erst danach. Spitzenspieler rechnen erstaunlich pr\u00e4zise und tief, aber vor allem rechnen sie die richtigen Z\u00fcge.<\/p>\n<p>Diese Intuition speist sich aus Mustern, die sich Schachspieler im Laufe ihrer Karriere angeeignet haben. Sie haben Tausende von Partien gespielt und analysiert, kennen eine Vielzahl taktischer Motive und wissen, wann Figuren und Bauern harmonieren und wann der L\u00e4ufer besser ist als der Springer. Dieses Wissen ist weitgehend unbewusst und wird w\u00e4hrend einer Partie intuitiv aktiviert. Durch dieses Repertoire an Mustern kann Carlsen zehn Partien gleichzeitig blind, ohne Ansicht des Bretts, spielen und macht beim Blitzen mit nur 30 Sekunden Bedenkzeit f\u00fcr die ganze Partie oft bessere Z\u00fcge als ein Amateur mit zwei Stunden Bedenkzeit. Ohne lange nachdenken zu m\u00fcssen, spielt Carlsen in Stellungen, in denen schw\u00e4chere Spieler schon ins Gr\u00fcbeln kommen, deshalb sekundenschnell einen guten Zug nach dem anderen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich klappt das nicht immer. Das scheinbar so rationale Spiel hat eine gro\u00dfe irrationale Komponente. Wichtig sind Einstellung, Tagesform, Befindlichkeit und Selbstvertrauen. Wer sich glaubt, wer denkt, besser zu spielen als der Gegner, der sucht nach Z\u00fcgen, die das best\u00e4tigen \u2013 und findet sie leichter, wenn es sie gibt. Wer an sich zweifelt, wer nur an die drohende Niederlage denkt, weil der Gegner \u00fcberm\u00e4chtig scheint, der zieht solche guten M\u00f6glichkeiten oft gar nicht in Betracht.<\/p>\n<p>Ein kleines Gedankenspiel: Angenommen, Kramnik w\u00fcrde bei einer Simultanveranstaltung mit Schwarz gegen einen Amateur spielen und er und sein Gegner w\u00e4ren der Partie Kramnik gegen Swidler bis zum fatalen Fehler Zug f\u00fcr Zug gefolgt. Wahrscheinlich h\u00e4tte sich der Ex-Weltmeister gewundert, dass sein Gegner so gut spielt, aber der Zug <b>32.Td4<\/b> h\u00e4tte ihn nicht allzu sehr \u00fcberrascht. Denn irgendwann, das wei\u00df Kramnik aus Erfahrung, machen schw\u00e4chere Spieler Fehler. Wie Schwarz danach gewinnt, h\u00e4tte Kramnik sofort gesehen, solche taktischen Tricks beherrschte er schon als kleiner Junge.<\/p>\n<p>Doch gegen Swidler lie\u00df Kramnik seine Intuition im Stich. Was er sich bei <b>32.Td4<\/b> gedacht hat, wei\u00df nur Kramnik selbst. Wenn \u00fcberhaupt. Mit klarem Kopf w\u00e4re ihm ein solcher Fehler nie passiert. Vielleicht hat Kramnik die schwarzen Gegenchancen untersch\u00e4tzt, weil Schwarz sich die ganze Zeit verteidigen musste. Vielleicht war auch der Druck der Turniersituation zu gro\u00df.<\/p>\n<p>Solche Fehler passieren im Schach oft. In beinahe jedem gro\u00dfen Turnier. Eines der bekanntesten Beispiele liegt allerdings schon einige Zeit zur\u00fcck. 1951 sa\u00df der holl\u00e4ndische Meister Jan Hein Donner seinem Landsmann Eduard Spanjaard gegen\u00fcber. War bei Kramnik wohl die zu gro\u00dfe Anspannung ein Problem, war es in diesem Fall Sorglosigkeit. Ein typisches Beispiel daf\u00fcr, dass man beim Schach bis zum Schluss aufpassen muss.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone\" alt=\"\" src=\"http:\/\/www.eddins.net\/steve\/chess\/ChessImager\/ChessImager.php?fen=8\/7R\/R3B3\/4r1pP\/p4k2\/8\/6PK\/r7\/&amp;square_size=35&amp;coordinates=on&amp;ls_color=%28255,255,255%29&amp;ds_color=%28110,123,139%29\" width=\"332\" height=\"332\" \/><br \/>\n<em>J.H. Donner &#8211; E. Spanjaard, Wageningen 1951, Wei\u00df am Zug<\/em><\/p>\n<p>Wei\u00df steht auf Gewinn. Offensichtlich. Er hat einen L\u00e4ufer mehr und es sollte nicht mehr lange dauern, bis der h-Freibauer die Partie entscheidet. Der wei\u00dfe K\u00f6nig steht zwar etwas exponiert, aber wirklich bedrohlich wirken die wenigen noch verbliebenen Figuren des Schwarzen nicht.<\/p>\n<p>Das machte Donner leichtsinnig. Ohne in Zeitnot zu sein spielte er <b>42.Tha7??. <\/b>Keine gute Idee. Denn nach der schwarzen Antwort <b>42\u2026Th1+ 43.Kxh1 Kg3<\/b> kann Wei\u00df das Matt nicht mehr vermeiden. Dieses Beispiel zitiert der holl\u00e4ndische IM Willy Hendriks in seinem Buch <i>Move First, Think Later<\/i>, in dem er untersucht, wie Schachspieler denken. Wie Hendriks schreibt, nahm Donner die \u00fcberraschende Wendung der Dinge philosophisch. Als er aufgab, sagte er zu seinem Gegner: \u201eJa, Eduard, so etwas kann passieren.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wohnungst\u00fcr schlie\u00dfen, obwohl der Schl\u00fcssel noch auf dem K\u00fcchentisch liegt? Vergessen, wo das Auto steht? Die neue Bekannte beim zweiten Date mit dem Namen der Ex-Freundin begr\u00fc\u00dfen? 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