{"id":696,"date":"2014-04-09T14:45:13","date_gmt":"2014-04-09T12:45:13","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/schach\/?p=696"},"modified":"2014-04-10T15:24:04","modified_gmt":"2014-04-10T13:24:04","slug":"badenbaden-schachbundesliga-aronjan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/badenbaden-schachbundesliga-aronjan\/","title":{"rendered":"OSG Baden-Baden, der FC Bayern des Schachs"},"content":{"rendered":"<p>Die Endrunde der <a href=\"http:\/\/www.schachbundesliga.de\/\">Bundesligasaison<\/a> in Eppingen war ein Schaulaufen der Stars am vergangenen Wochenende, eine echte Schachgala. Der Vorstand des Deutschen Schachbundes gab sich die Ehre, Baden-W\u00fcrttembergs Innenminister lie\u00df sich blicken. Es gab Simultanveranstaltungen, Freiluftschach, zahlreiche Infost\u00e4nde, ein Blitzturnier. Schach pr\u00e4sentierte sich als soziales Ereignis f\u00fcr alle Altersklassen. Das passiert in Deutschland selten.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Hauptattraktion war der Abonnement-Meister der vergangenen Jahre, die OSG Baden-Baden, zum ersten Mal in der Saison angetreten mit Lewon Aronjan. Etwa 500 Zuschauer, darunter viele Kinder, wollten allein am Samstag dem armenischen Superstar und seinen Mannschaftskollegen aus n\u00e4chster N\u00e4he bei der Arbeit zusehen. Die Schlange bei der Autogrammstunde vor dem Partiebeginn wollte nicht abrei\u00dfen, w\u00e4hrend der Partie war Aronjans Brett unzug\u00e4nglich, zu viele Zuschauer scharten sich herum. Wenn der Gegner am Zug war, lief Aronjan selbst durch den Saal, betrachtete andere Partien und war f\u00fcr jedermann f\u00fcr einen kurzen Plausch zu haben. Sein permanentes L\u00e4cheln verbreitete gute Laune. Sein schwaches Abschneiden beim <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/anand-kandidatenturnier-carlsen\/\">Kandidatenturnier<\/a> in Sibirien scheint \u00fcberwunden zu sein, in Eppingen holte er aus drei Partien zweieinhalb Punkte.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_699\" aria-describedby=\"caption-attachment-699\" style=\"width: 580px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-699\" alt=\"IMG_6549\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/files\/2014\/04\/IMG_6549-e1397043488965.jpg\" width=\"580\" height=\"387\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-699\" class=\"wp-caption-text\">Lewon Aronjan in Eppingen. Rechts im blauen T-Shirt der Blogger Ilja Schneider (Copyright: Georgios Souleidis)<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>So viel zur guten Stimmung. Spannend war es dadurch nicht. Schon vor dem Beginn der Veranstaltung stand der Sieger quasi fest, und das obwohl die OSG Baden-Baden noch gegen den Zweiten und Dritten der Tabelle antreten musste.<\/p>\n<p>Seit 2006 haben die Badener durchgehend die Meisterschaft gewonnen. Da eine Parallele zum FC Bayern zu ziehen, w\u00e4re leicht untertrieben. Die Wahrscheinlichkeit, dass es n\u00e4chstes Jahr nicht mit dem zehnten Titel in Folge klappt, ist etwa so hoch, wie dass Kim Jong Un die n\u00e4chste <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Parlamentswahl_in_Nordkorea_2014\">Parlamentswahl<\/a> in Nordkorea verliert.<\/p>\n<p>Die Spieler von Baden-Baden sind so gut, dass sie neben der Bundesliga auch andere Verpflichtungen haben. Gut dotierte Einzelturniere, Sekundantenjobs f\u00fcr andere, noch st\u00e4rkere Spieler, oder andere Ligen zwingen Sven Noppes, den Mannschaftsf\u00fchrer, die Aufstellung im Stile eines Guardiola durchzurotieren. Vor einigen Jahren musste sogar ein Spieltag verlegt werden, da neun von 16 Spielern beim Weltcup teilnahmen.<\/p>\n<p>Neben Aronjan ist seit mehr als zehn Jahren Viswanathan Anand Baden-Badens Aush\u00e4ngeschild. W\u00e4hrend seiner Zeit als Weltmeister blieb er dem Verein treu. &#8222;Der Tiger von Madras&#8220; kommt wegen seines vollen Terminkalenders aber meist nur in wenigen Partien zum Einsatz, ist also eher Papiertiger. Sein Honorar wird geheim gehalten, d\u00fcrfte aber bei einigen Tausend Euro pro Partie liegen. Laut Noppes werden die Spieler erfolgsabh\u00e4ngig bezahlt. Der j\u00e4hrliche Etat des Vereins wird auf etwa 300. 000 Euro gesch\u00e4tzt, das d\u00fcrfte etwa ein Viertel des Etats der ganzen Liga mit ihren 16 Mannschaften sein.<\/p>\n<p>Die meisten Mitglieder der deutschen Nationalmannschaft spielen ebenfalls in Baden-Baden. Allein der Usbeke Rustam Kasimdschanow, FIDE-Weltmeister von 2004, hat als Nummer acht des Kaders eine h\u00f6here Elo-Zahl als die Topspieler der meisten anderen Vereine.<\/p>\n<p>Zusammen trainieren brauchen die Stars, die ein bis zwei Tage vor den Spielen aus ganz Europa anreisen, nicht. Nach einem gemeinsamen Abendessen am Freitagabend ziehen sich die Spieler aber manchmal in Kleingruppen zur\u00fcck und helfen einander etwas bei der Vorbereitung. Dies hat aber nur begrenzten Effekt. Beim Schach gibt es keine Doppelp\u00e4sse, Flanken oder Eckb\u00e4lle, jeder muss am Ende f\u00fcr sich alleine spielen.<\/p>\n<p>Schach ist eben nur ein k\u00fcnstlicher Mannschaftssport. Das Versagen des Einzelnen ist nicht fatal, da es von einer \u00dcberlegenheit der anderen kompensiert werden kann. Da die Spieler von Baden-Baden im Verlaufe der Saison gegen Kontrahenten spielen, gegen die sie mathematisch eine Gewinnerwartung von 70-80% haben, ist diese \u00dcberlegenheit so dr\u00fcckend, dass es jedes Mal ein Wunder ist, wenn der Dauermeister ein Match nicht gewinnt. In dieser Saison kam dies nicht vor, Baden-Baden gewann alle 15 Spiele, im Schnitt mit 6:2.<\/p>\n<p>Hinter dem ehrgeizigen Projekt steht die in Baden-Baden angesiedelte Grenke Leasing AG, deren Vorstandsvorsitzender Wolfgang Grenke Vereinsmitglied ist. Im Gegensatz zu dem im Schach sonst weit verbreiteten M\u00e4zenatentum sieht <a href=\"http:\/\/de.chessbase.com\/post\/-internet-internet-internet-wolfgang-grenke-im-interview\">Grenke<\/a> seine T\u00e4tigkeit als Sponsoring mit gegenseitigem Nutzen. Parallel zum europaweit agierenden Konzern, der seinen Kunden die Anschaffung von B\u00fcrokommunikationsger\u00e4ten finanziert, wurde schrittweise eine Mannschaft aufgebaut, die Spitzenspieler des ganzen Kontinents vereinigen soll. Zus\u00e4tzlich investierte Grenke in die Renovierung des 1820 erbauten Palais in Baden-Baden und er\u00f6ffnete dort 2009 das Kulturhaus LA8, in dem der OSG seitdem seine Heimspiele austr\u00e4gt, an einem der sch\u00f6nsten Spielorte der Bundesliga.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_701\" aria-describedby=\"caption-attachment-701\" style=\"width: 580px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-701\" alt=\"Kulturhaus-LA8\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/files\/2014\/04\/Kulturhaus-LA8-e1397043694636.jpg\" width=\"580\" height=\"387\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-701\" class=\"wp-caption-text\">Das Kulturhaus LA8 in Baden-Baden, das Clubhaus der OSG. (Copyright: Moritz Grenke)<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Breiten- und Jugendschach werden in Baden-Baden ebenfalls gef\u00f6rdert, der Verein ist mit \u00fcber 200 Mitgliedern einer der gr\u00f6\u00dften in Deutschland. Im LA8 befindet sich ein Leistungsst\u00fctzpunkt, in dem oft Lehrg\u00e4nge der deutschen Nationalmannschaft stattfinden, die Gro\u00dfmeister in Diensten des Vereins geben regelm\u00e4\u00dfig Jugendtraining. Noppes spricht von einer Vision, irgendwann einem jungen deutschen Spieler den Aufstieg in die oberste Weltspitze zu erm\u00f6glichen. Daf\u00fcr werde die Infrastruktur bereitgehalten und die teure, mit Stars gespickte Mannschaft finanziert. \u00c4hnlich wie die traditionellen Dortmunder Schachtage soll es auch in Baden-Baden ein j\u00e4hrliches Gro\u00dfmeisterturnier geben.<\/p>\n<p>Das hoffnungsvolle Talent, das irgendwann einmal diese M\u00f6glichkeiten nutzen soll, ist bisher nicht bekannt, doch im Verein l\u00e4sst man sich davon nicht beirren. Das Projekt ist langfristig und nachhaltig angelegt. Bis es so weit ist, vertreibt sich der ehrgeizige Grenke die Zeit mit weiteren Meistertiteln.<\/p>\n<p>Vielleicht klappt es dann auch mal mit dem Feiern. Zwar fand am Sonntag vor der letzten Runde ein Festessen von Mannschaft und Sponsoren statt, doch ganz bis zum Ende der Saison wahrte der vielbeschworene Baden-Badener Teamgeist nicht. Bei der offiziellen Siegerehrung hielten genau drei Akteure den Meisterpokal in die H\u00f6he, darunter Julia Bochis, deutsche M\u00e4dchenmeisterin U18 aus dem Jahre 2011, die an diesem Tag ihre einzige Partie f\u00fcr den alten und neuen Meister spielen durfte. Weil diese so lange gedauert hatte, hatten sich die anderen Profis, Aronjan inklusive, zu diesem Zeitpunkt schon l\u00e4ngst verabschiedet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Endrunde der Bundesligasaison in Eppingen war ein Schaulaufen der Stars am vergangenen Wochenende, eine echte Schachgala. 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