{"id":922,"date":"2014-05-01T18:23:40","date_gmt":"2014-05-01T16:23:40","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/schach\/?p=922"},"modified":"2014-05-01T19:35:01","modified_gmt":"2014-05-01T17:35:01","slug":"magnus-carlsen-und-seine-rivalen-standortbestimmung-in-aserbaidschan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/magnus-carlsen-und-seine-rivalen-standortbestimmung-in-aserbaidschan\/","title":{"rendered":"Magnus Carlsen und seine Rivalen"},"content":{"rendered":"<p>Am Ende hatte es der Weltmeister wieder geschafft. Vor der letzten Runde des Vugar-Gaschimow-Gedenkturniers in Shamkir in Aserbaidschan lag Magnus Carlsen noch punktgleich mit dem Italiener Fabiano Caruana auf Platz eins. Zuvor <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/magnuscarlsen-shamkir-caruana\/#more-879\">hatte er zwei Partien in Folge verloren<\/a>, das war ihm seit vier Jahren nicht passiert. Wie das Losgl\u00fcck es wollte, spielten die beiden in der Schlussrunde gegeneinander. Das Duell ging an Carlsen und ihm gelang so ein nicht immer souver\u00e4ner, aber eindrucksvoller Turniersieg.<\/p>\n<p>Das Turnier aber war nicht nur wegen Carlsens Schw\u00e4chephase interessant, sondern weil alle sechs Teilnehmer viel gemeinsam hatten: Alle sind zwischen 20 und 30 Jahre alt, wurden bereits als Jugendliche Gro\u00dfmeister und z\u00e4hlen jetzt zu den besten Spielern der Welt. Von allen sechs hie\u00df es einmal, sie k\u00f6nnten Weltmeister werden. Carlsen hat es geschafft. Was ist mit den anderen f\u00fcnf? K\u00f6nnen sie Carlsen in Zukunft gef\u00e4hrlich werden? Wir haben uns Carlsens Rivalen einmal genauer angeschaut:<\/p>\n<p>Die Rolle des Turnierseniors \u00fcbernahm der 29-j\u00e4hrige Aserbaidschaner <strong>Shakhriyar Mamedyarov<\/strong>. 18 Jahre war er alt und noch nicht einmal Internationaler Meister, als er durch den Sieg bei der Jugendweltmeisterschaft 2003 zum Gro\u00dfmeister wurde. Zwei Jahre sp\u00e4ter gewann Mamedyarov die Jugendweltmeisterschaft zum zweiten Mal, ein Kunstst\u00fcck, das vor oder nach ihm niemandem gelang.<\/p>\n<p>Im August 2007 lag Mamedyarov auf Platz vier der Weltrangliste, doch ernsthafte Chancen auf den Weltmeistertitel r\u00e4umt ihm mittlerweile kaum noch jemand ein. Zu unbest\u00e4ndig, zu wild ist sein Spiel. Mamedyarov, dessen Vater Boxer war, scheint jede Partie auf Biegen und Brechen gewinnen zu wollen und vernachl\u00e4ssigt dabei gelegentlich die Deckung. Das f\u00fchrt zu unterhaltsamen Partien, aber nicht an die Spitze.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-923\" alt=\"mamedyarov\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/files\/2014\/05\/mamedyarov.jpeg\" width=\"480\" height=\"319\" \/><br \/>\n<em>Shakhriyar Mamedyarov bei seiner Partie gegen Carlsen in der R\u00fcckrunde. Er verlor mit Wei\u00df in 27 Z\u00fcgen.<\/em><\/p>\n<p>Ganz anders sieht das bei dem in der Ukraine geborenen und f\u00fcr Russland spielenden <strong>Sergej Karjakin<\/strong> aus. Im Alter von 12 Jahren und 7 Monaten wurde er zum j\u00fcngsten Gro\u00dfmeister aller Zeiten. Doch dem heute 24-J\u00e4hrigen fehlt der Punch, der unbedingte Siegeswillen. In Shamkir verlor er nie, gewann auch nie, sondern spielte zehn Remis. Am Brett wirkt Karjakin konzentriert, beinahe grimmig, doch wenn er in den Pressekonferenzen \u00fcber seine Partien spricht, macht er einen verspielten, sanften Eindruck, fast so, als w\u00fcrden ihn weder Sieg, Niederlage noch Remis besonders aufregen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-925\" alt=\"karjakin3\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/files\/2014\/05\/karjakin3.jpg\" width=\"480\" height=\"334\" \/><br \/>\n<em>Sergej Karjakin bei der Analyse nach der Partie<\/em><\/p>\n<p>Wie anders verh\u00e4lt sich da der Amerikaner <strong>Hikaru Nakamura<\/strong> (geb. 9. Dezember 1987). Dem 26-J\u00e4hrigen steht der Kummer \u00fcber jede Niederlage noch bei der Analyse ins Gesicht geschrieben, und w\u00e4hrend der Partie wirkt er, als wolle er immer, aber auch wirklich immer gewinnen. Geht bei diesem Vorhaben etwas schief und landet er in einer schlechteren oder gar verlorenen Stellung, sch\u00fcttelt er ungl\u00e4ubig den Kopf, so als k\u00f6nne er nicht begreifen, wie geschehen ist, was eigentlich nicht geschehen kann.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-926\" alt=\"nakamura2\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/files\/2014\/05\/nakamura2.jpg\" width=\"480\" height=\"313\" \/><br \/>\nHikaru Nakamura<\/p>\n<p>Nakamura hat Grund, selbstbewusst zu sein. Er wurde 2003 im Alter von 15 Jahren, zwei Monaten und 19 Tagen zum damals j\u00fcngsten amerikanischen Gro\u00dfmeister aller Zeiten. Damit brach er einen Rekord, den Bobby Fischer 1958 aufgestellt hatte. Wie gro\u00df Nakamuras Talent ist, verraten seine legend\u00e4ren F\u00e4higkeiten im Blitzschach. Vor allem im sogenannten <i>Bullet<\/i>, einer im Internet gern gespielten Variante des Blitzschachs, bei der jeder Spieler nur eine Minute Bedenkzeit f\u00fcr die gesamte Partie hat, zieht Nakamura schneller und spielt besser als jeder andere.<\/p>\n<p>Nakamura kommentiert das Schachgeschehen in aller Welt gerne per Twitter und nimmt dabei und auch sonst selten ein Blatt vor den Mund. So erkl\u00e4rte er sich in einem Interview mit der holl\u00e4ndischen Schachzeitschrift <i><a href=\"http:\/\/www.newinchess.com\/\">New in Chess<\/a><\/i> Anfang des Jahres 2014 selbstbewusst &#8222;zur im Moment gr\u00f6\u00dften Bedrohung f\u00fcr Carlsen&#8220;. Doch mit zehn Niederlagen, keinem Sieg und 15 Remis ist seine aktuelle Bilanz gegen Carlsen in Partien mit langer Bedenkzeit verheerend. Immerhin brachte der Amerikaner den Weltmeister beim GM-Turnier in Z\u00fcrich Anfang des Jahres und auch in Shamkir in Runde sieben an den Rand einer Niederlage. Aber Carlsen gewann beide Partien. Ein Zeichen, dass dem Amerikaner noch die Konstanz fehlt, um dem Norweger dauerhaft gef\u00e4hrlich werden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der einzige Teilnehmer, der das Turnier in Shamkir mit einer positiven Bilanz gegen Carlsen beendete, ist der Aseri <strong>Teimour Radschabow<\/strong>. In der Hinrunde gewann der 27-J\u00e4hrige, in der R\u00fcckrunde spielte er Remis.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-927\" alt=\"teimour radschabow\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/files\/2014\/05\/teimour-radschabow.jpeg\" width=\"360\" height=\"539\" \/><br \/>\n<em>Zur\u00fcckhaltend, freundlich und im Englischen perfekt: Teimour Radschabow<\/em><\/p>\n<p>Radschabow wurde 2001 im Alter von 14 Jahren und 14 Tagen Gro\u00dfmeister und lag im Oktober 2012 auf Platz vier der Weltrangliste. Dann folgte eine lange Formkrise und in der Weltrangliste vom Mai 2014 (in der die Ergebnisse von Shamkir nicht ber\u00fccksichtigt wurden) liegt Radschabow nur noch auf Platz 34. Sein gutes Ergebnis beim Gaschimow Memorial deutet an, dass es f\u00fcr den Aseri bald wieder aufw\u00e4rts gehen wird, doch es w\u00e4re eine gro\u00dfe \u00dcberraschung, wenn er noch einmal ernsthaft in das Rennen um den Weltmeistertitel eingreifen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Genau das trauen viele dem mit 21 Jahren j\u00fcngsten Turnierteilnehmer zu: <strong>Fabiano Caruana<\/strong>. Caruanas Eltern stammen aus Italien, er ist in den USA geboren, aufgewachsen und hat dort Schach gelernt. Gro\u00dfmeister wurde er im Alter von 14 Jahren, elf Monaten und 20 Tagen und damit brach er den Rekord als j\u00fcngster amerikanischer Gro\u00dfmeister aller Zeiten, den Nakamura kurz zuvor aufgestellt hatte. Allerdings lebte Caruana da schon nicht mehr in den USA, sondern in Europa. Der Sprung \u00fcber den Atlantik und die R\u00fcckkehr nach Europa, wo es mehr Turniere und mehr Trainer gibt als in den USA, schienen Caruanas Eltern f\u00fcr notwendig zu halten, um die Schachkarriere ihres Sohnes zu f\u00f6rdern. Seit 2005 spielt Caruana f\u00fcr Italien, aber seinen amerikanischen Pass hat er behalten. Er besitzt die amerikanische und die italienische Staatsb\u00fcrgerschaft.<\/p>\n<p>Caruana, der als kontinuierlicher und harter Arbeiter gilt, liegt in der Weltrangliste vom Mai 2014 trotz seines jungen Alters bereits auf Rang f\u00fcnf. Am Brett wirkt er ruhig, konzentriert und beinahe unbewegt. Im Gegensatz zu Nakamura zeigt er selten, wie er sich f\u00fchlt. Auch Caruanas Kommentare nach der Partie sind sachlich, pr\u00e4zise und unemotional. Vielleicht liegt es an dieser Zur\u00fcckhaltung, dass Caruanas zahlreiche Erfolge nie so bejubelt wurden wie die von Carlsen oder Nakamura.<\/p>\n<p>Dass er Carlsen schlagen kann, hat Caruana bereits mehrfach bewiesen. Das erste Mal 2012, beim Grand Slam Finale in Bilbao, dann ein Jahr sp\u00e4ter wieder beim Tal-Memorial 2013 und jetzt in der Hinrunde des Vugar Gashimow Memorials.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-928\" alt=\"caruana-580x387\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/files\/2014\/05\/caruana-580x387.jpg\" width=\"480\" height=\"320\" \/><br \/>\n<em>Fabiano Caruana nach seinem Sieg gegen Magnus Carlsen in der Hinrunde<\/em><\/p>\n<p>Aber in der entscheidenden Partie in der Schlussrunde \u00fcberlistete der Weltmeister seinen zwei Jahre j\u00fcngeren Rivalen bereits in der Er\u00f6ffnung. Damit b\u00fcgelte Carlsen seine kurze Schw\u00e4cheperiode aus und gewann das Turnier trotz zweier Niederlagen mit einem Punkt Vorsprung.<\/p>\n<p>Wer gegen Carlsen gewinnen will, muss die eigenen Schw\u00e4chen ebenfalls in den Griff bekommen. Ob das einem der Teilnehmer des Gaschimow-Gedenkturniers gelingt, wird die Zukunft zeigen. Schaut man sich das Turnierergebnis und die Laufbahn der Teilnehmer in Shamkir an, scheint Fabiano Caruana die besten Chancen zu haben, Magnus Carlsen herauszufordern.<\/p>\n<p><strong>Abschlusstabelle<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-929\" alt=\"gaschimow_memorial_tabelle\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/files\/2014\/05\/gaschimow_memorial_tabelle.gif\" width=\"572\" height=\"262\" \/><\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/de.chessbase.com\/\">www.chessbase.de<\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-930\" alt=\"carlsen_grinsen\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/schach\/files\/2014\/05\/carlsen_grinsen.jpg\" width=\"480\" height=\"337\" \/><br \/>\n<em>Magnus Carlsen macht das Gewinnen weiter Spa\u00df<\/em><\/p>\n<p><em>Alle Fotos: Copyright: Ahmed Mukhtar \/ shamkirchess.az<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Ende hatte es der Weltmeister wieder geschafft. Vor der letzten Runde des Vugar-Gaschimow-Gedenkturniers in Shamkir in Aserbaidschan lag Magnus Carlsen noch punktgleich mit dem Italiener Fabiano Caruana auf Platz eins. Zuvor hatte er zwei Partien in Folge verloren, das war ihm seit vier Jahren nicht passiert. 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