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Der Glaubenskrieg um das „längere gemeinsame Lernen“ und die Primarschule

 

Zum Volksentscheid der Hamburger über die Primarschule (sechsjährige Grundschule) am Sonntag und zum „längeren gemeinsamen Lernen“ mein Kommentar in der ZEIT („Der Glaubenskrieg“).

25 Kommentare

  1.   Bodo Schneider-Schrimpf

    Das ärgert mich jetzt aber ungemein, dass ausgerechnet die ZEIT am Donnerstag vor der Hamburger Volksabstimmung mit einem derart polemischen Artikel auf Seite 1 gegen die beabsichtigte Reform in die Debatte eingreift – kriegt da das „liberale Bürgertum“ auf einmal Angst vor der eigenen Courage und wendet sich daher mit Grausen von jedweder Veränderung ?

    Es ist schon heftig, wenn diejenigen, die aus so einer Entscheidung einen Glaubenskrieg machen (siehe nur die unsäglichen Kampfbegriffe „Zwangsbeglückung“, „Strukturen zerschlagen“, „Amputation“ etc.) vor der Veränderung ausgerechnet mit Berufung auf den aufziehenden Glaubenskrieg und Streit warnen, und so auf nichts anderes abzielen als jedwede Veränderung der schulischen Strukturen komplett zu blockieren, sprich: den Kindern aus besserem Hause ihr Gymnasium zu sichern (und zwar so früh wie möglich), damit man ja unter seinesgleichen bleibt, und diejenigen, die sowieso zu den Verlierern gehören, weiterhin in die Hauptschule wegzusperren. Damit sie da ja unter sich sind und Böses ausbrüten können.

    Wenn es darum geht, Bildungsinhalte und -methoden zu optimieren – kein Problem, das geht auch in der Primarschule. Und diejenigen, die dauernd meinen, das gemeinsame Lernen behindere oder langweile nur die stärkeren und überfordere die schwächeren Schüler – wie war das doch mit Finnlands Erfolgen bei PISA ? Ein reines Gesamtschulsystem, das da beste Erfolge gezeigt hat, schon vergessen ?

    Und die jetzigen Kämpfer gegen die Primarschule möchte ich doch dann einmal sehen, wenn es denn tatsächlich um mehr frühkindliche Bildung geht: Noch mehr Staatseinfluß selbst auf Kleinstkinder ? Werden dann schon die Babies indoktriniert ?

    Die unfassbare Sortierung unserer Kinder im Alter von 10 Jahren, die kaum noch korrigierbare Zuweisung von Lebenschancen zu einem so frühen Zeitpunkt, das ist einer der Haupt-Skandale unseres Bildungswesens, und wenn diese Sortierung jetzt wenigstens um zwei Jahre hinausgeschoben wird, dann ist das schon ein Fortschritt. Daran wird das Schulwesen nicht genesen, aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung – in die Richtung zu mehr Bildungschancen für jedes Kind !

    Schade, schade, das trübt mein bisher sehr positives Bild des Blattes doch sehr !

  2.   Robert Kindermann

    Sehr geehrter Herr Kerstan,

    vielen Dank für Ihren Artikel auf Seite 1 der aktuellen ZEIT. Er hat mich emotional sehr berührt, und wütend gemacht. Auf Sie.

    Sie beschreiben einen bevorstehenden Glaubenskrieg um unsere Kinder, deren Bildung, an unseren Schulen. Und glauben selbst nur, dass die Primarschule eventuell nichts bringt. Schließlich weisen nur „vage“ Berechnungen auf einen Erfolg hin.

    Sie bringen Berlin ins Spiel – vergleichen also Äpfel mit Birnen, denn von Zuständen wie in Berlin ist Hamburg zum Glück weit entfernt. Und schreiben, dass in Hessen auch nichts gewonnen wurde – die soziale Herkunft entscheidender war. Ziehen also Rückschlüsse, mit denen Sie Ihre eigene Meinung aushebeln – merken es scheinbar über weite Strecken nicht. Nehmen Gegenargumente, die nicht den Kern treffen und mit Ihren Kritikpunkten keine Berührungspunkte haben.

    Sie spielen – für mich grob fahrlässig und irreführend – damit alle anderen Teilaspekte der Reform komplett runter. Sie sagen selbst: Die Gesamtschule schadet nicht, vielleicht bringt sie etwas. Und wollen aus diesem Grund die ganze Reform kippen. Was ist das für eine Logik? Haben Sie Angst, dass Ihre Kinder zwei Jahre länger an der Seite von Migranten lernen?

    Sie verführen – mit Hilfe Ihrer Macht – eine Stadt. Und was Sie damit anrichten ist Ihnen scheinbar gar nicht bewusst. Sie enden mit: „Wenn die Hamburger am Sonntag die überflüssige Primarschule ablehnen – dann wird die Kraft frei, um den Bildungsverlierern zu helfen.“

    Was passiert Ihrer Meinung nach einem Scheitern der Reform? Dass sich die Politik die Mühe macht erneut eine Reform auszuarbeiten? Dass sich in Deutschland auf einmal alle Bundesländer an die so notwendige Reform unseres Bildungssystem traut? Mit Sicherheit nicht. Denn scheitert diese im Grunde unverzichtbare und mit unzähligen guten Ansätzen (http://www.zeit.de/2010/28/Schule-Hamburg) ausgestattete Reform, wird die Bildung für unsere Politik bundesweit für Jahre ein rotes Tuch sein.

    Sie sprechen vom Glaubenskrieg und beteiligen sich selbst undifferenziert an ihm. Meinung ist wichtig, gut und unverzichtbar. Aber Blendung?

    Dieser Artikel ist unverantwortlich. Bitte treten Sie als Ressortleiter CHANCEN der ZEIT zurück. Vielen Dank.

    Mit freundlichen Grüßen
    Robert Kindermann

  3.   Ziesemann, Katja

    Es ist erschreckend, dass viele selbsternannte Pädagogen meinen, sich zu einer wirklich wichtigen Sache wie der längst überfälligen Neuordnung unseres nicht mehr zeitgemäßen Schulsystems äußern zu müssen. Der als Leitartikel verbrämte Brandbrief von Thomas Kerstan zeigt, wie groß der Einfluss einer reaktionären Vereinigung von Hamburgs „Bildungsbürgern“ tatsächlich ist. Dies und die Tatsache, dass in den Artikeln zum Zustand unseres Schulsystems nie betroffene Schüler und Schülerinnen sowie Leherinnen und Lehrer zu Wort kommen, zeigt eine Ignoranz, die ich von der „Zeit“ nie erwartet hätte!

  4.   Dietmar Meyer-Spelbrink

    Unfassbar, ich bin enpört! Wenige Tage vor der Abstimmung eine solch platte Polemik und keine Möglichkeit mehr, dass auch noch eine Gegenposition Eingang in die ZEIT finden könnte – und seien es nur Leserbriefe. Auf rein rhetorischer Ebene, ganz nach der Manier des Demagogen Scheuerl, verunglimpft Thomas Kerstan alles was dringend für diese Reform spricht als „Glaubenskrieg“, ideologisch verbohrt, „vage statistische Berechnungen“, seine überwiegend völlig haltlosen Einwände gegen die Reform laufen natürlich unter dem Label „Vernunft“, „handfeste Beispiele“ und „pragmatisch“. Einmal die ganze Rhetorik umgedreht (wen interessieren schon ARgumente!), und schon stehen die Reformgegner als verbohrte, erkenntnisresistente Glaubenskrieger da. Wäre ebenfalls nicht die feine journalistische Art, würde aber doch den Kern der Sache etwas besser treffen: Denn dieses unappetitliche FDP-Milieu ist vor lauter „Elite“-Förderung und -Abgrenzung ja nicht einmal mehr in der Lage zu begreifen, dass es bei einer Reform dieser Art nicht nur um soziale Gerechtigkeit geht, sondern dass selbst ihre eigenen Töchterchen und Söhnchen davon profitieren würden. Sonst würden nämlich weder CDU noch GAL dafür zu haben sein.

  5.   Thomas Kerstan

    Auf den Ton möchte ich nicht eingehen, aber wenn Sie vergangene Woche die ZEIT gelesen haben (das Goetsch-Portrait zum Beispiel), dann werden Sie feststellen, dass es in unserer Redaktion unterschiedliche Meinungen zu dem Thema gibt und sie auch ihren Weg ins Blatt finden.

  6.   kerstin

    Ich kann mich meinen „Vorrednern“ hier nur anschließen:
    Was Sie, Herr Kerstan, in Sachen Hamburger Schulreform in den Letzten Wochen veröffentlichen, ist weit unter Ihrem und dem Niveau Ihrer Zeitung.
    Es mag ja Ihre persönliche Angst als Vater und Hamburger Bürger sein, was Sie als Journalist aber noch lange nicht dazu berechtigt, derart undifferenziert in die Meinungsbildung einzugreifen. Als Ressortleiter haben Sie vermutlich das Recht und die Möglichkeit, Inhalte nach Belieben zu transportieren, als neutraler Zeitungsmacher sollten Sie aber zumindest sauber recherchieren und sich nicht stets selbst widersprechen, Pauschalargumente streuen und auch noch genau diese vermeintlich bürgerlichen Mantras wiederkäuen.
    „Das Zerschlagen funktionierender Strukturen“, ein klassisches Argument der Bürgerinitiative „Wir wollen lernen“, in der Zeit zu lesen, schmerzt doch arg, zumal Ihr Blatt sich in der Vergangenheit auch durchaus vielschichtig und auf hohem Niveau mit dem Thema Bildungsgerechtigkeit auseinander gesetzt hat.
    Wenn Sie unser derzeitiges Bildungssystem als funktionierende Struktur definieren wollen, dann erfordert es einen Artikel, der mehr in die Tiefe geht, ansonsten empfehle ich, sich nochmals intensiv mit bildungswissenschftlichen Inhalten auseinander zu setzen. Sie werden schnell herausfinden, dass wir in Deutschland von einer funktionierenden Struktur im Bildungsbereich weit entfernt sind.
    Ich habe nichts gegen Meinungen, die nicht meine sind, dafür leben wir in einer Demokratie – aber dieser Artikel ist eine journalistische Enttäuschung!
    Ich finde das zutiefst bedauerlich; denn die Zeit begibt sich hier in Punto Unsachlichkeit auf Bildzeitungsniveau!


  7. Sehr geehrter Herr Kerstan,

    früher war es in der ZEIT Usus, zu kontroversen Themen gerne auch auf der ersten Seite zwei Kommentare nebeneinanderzustellen.
    Da konnte der Leser Argumente vergleichen und sich ein Urteil bilden. Die Kommentatoren konnten entscheiden, ob sie lieber in die rhetorische Trickkiste greifen oder möglichst viele Sachargumente sammeln wollten.
    Wäre das nicht eine Möglichkeit? Ich denke, so ein Vorgehen spornt an, sich fundiert auch mit Meinungen, die nicht die eigenen sind, auseinanderzusetzen.

  8.   Sebastian Vollmer

    Es ist unfassbar, dass die ZEIT einen derartig niveaulosen Kommentar veroeffentlicht ohne zumindest eine Alternativmeinung daneben zu stellen. Herr Kerstan beruft sich auf „die Bildungsforschung“ und verunglimpft Befuerworter einer Primar- oder gar Sekundarschule als ideologische Gutmenschen. Bedauerlicherweise beinhaltet sein Kommentar nur Ideologie und keinerlei Evidenz. Herr Kerstan demostriert eindrucksvoll, dass er keinen blassen Schimmer von Bildungsforschung hat bzw. nur Bildungsforschung zur Kenntnis nimmt, die konform mit seiner eigenen Ideologie ist. Eric Hanushek (Stanford) und Ludger Woessmann (Muenchen) haben zum Beispiel handfeste empirische Ergebnisse in einem internationalen Top Journal publiziert (The Economic Journal, March 2006), die zu ganz anderen Schlussfolgerungen kommen als Herr Kerstan. Die nationalen und internationalen Fachzeitschriften scheint Herr Kerstan aber nicht zu verfolgen. Immerhin ist es sehr viel einfacher die naechstbeste Studie von der Webseite eines Professors zu zitieren und diese als den Sachstand der Bildungsforschung auszugeben. Gute Nacht!

  9.   Miriam Lörz

    Auch ich war entsetzt, solch einen Beitrag als Leitartikel der Zeit vorzufinden, ohne Gegenposition, zu diesem Zeitpunkt. So voller platter Polemik;“Länger gemeinsam Lernen“ und Gesamtschule in einen Topf werfend, mit der Angst weniger informierter Leser spielend. So wird ein bundesweit immens wichtiges bildungspolitisches Thema für Hamburger Internas geopfert. Sind denn alle Verantwortlichen der ZEIT in Urlaub?

  10.   kornelia

    Der Eifer einiger Kommentatoren hier zeigt doch nur, dass sie getroffen sind und sich nicht argumentativ mit dem Artikel auseinandersetzen wollen. Dies sechsjährige Grundschule in Brandenburg ist eine der ungerechtesten in Deutschland, wenn man der Begleitstudie von PISA-E-2006 glauben darf. Außerdem: Welche Rechtfertigung gibt es in einem System wie dem Hamburger, wo beide Säulen (Gymnasium, Stadtteilschule) zum Abitur führen, für eine Diskussion um zu frühe Selektion?
    Das Wichtigste aber: Seit dem Scheitern der deutschen Gesamtschule und der Einführung des G 8 in den alten Bundesländern müsste jeder wissen, dass grundlegende Strukturreformen nur gelingen können, wenn sie auf einem großen Konsens der Beteiligten und Betroffenen (und dazu gehört zuerst einmal die Herstellung von Vertrauen in die Politik) beruhen. Von daher gesehen bin ich mir sicher, dass unabhängig davon, welche Seite knapp gewinnt oder verliert, das Hamburger Schulmodell schon jetzt gescheitert ist.

 

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