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Pisa-Forscher Jürgen Baumert schlägt Alarm: Bildungsabstieg durch sinkende Schülerzahlen und mehr Einwandererkinder

 

Für Eilige: Hier geht es direkt zum Gutachten „Herkunft und Bildungserfolg“: Hier Herunterladen /Hier direkt zum Baumert-Interview: Baumert im ZEIT-Interview.

Und hier die Meldung dazu: Der Pisa-Forscher Jürgen Baumert warnt in der am Mittwoch erscheinenden Ausgabe der ZEIT vor einem Bildungsabstieg Deutschlands durch sinkende Schülerzahlen und den steigenden Anteil von Einwandererkindern aus schwächeren sozialen Schichten an der Schülerschaft. „Wenn nichts geschieht“, sagt Baumert im ZEIT-Interview, „genügt dieser sozialstrukturelle Wandel, um die deutschen Pisa-Zugewinne zunichtezumachen.“ Gleichzeitig werde die Risikogruppe der schwachen Leser von jetzt 19 wieder auf 21 Prozent anwachsen. In den vergangenen zehn Jahren hatten die deutschen Schüler beim internationalen Leistungsvergleich Pisa (Programme for International Student Assessment) zugelegt.

In Flächenstaaten wie Baden-Württemberg, erläutert Baumert, kämen zurzeit 35 Prozent der Schüler aus Zuwandererfamilien. Bei den unter Fünfjährigen seien es bereits mehr als 40 Prozent. „In den Ballungszentren werden in wenigen Jahren die Zuwandererkinder im Grundschulalter die Mehrheit bilden.“

Jürgen Baumert, 69, ist der bedeutendste deutsche Bildungsforscher. Bekannt wurde der inzwischen emeritierte Direktor  am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin als Leiter des deutschen Teils der Pisa-Studie (Programme for International Student Assessment), die im Jahr 2001 einen Schock auslöste: Die deutschen Schüler boten im internationalen Vergleich nur Mittelmaß, die Schulen zeigten sich als sozial ungerecht.

Am heutigen Dienstag legte er gemeinsam mit anderen Forschern (Expertenrat Herkunft und Bildung) ein Gutachten zur Bildungspolitik in Baden-Württemberg vor, das von der noch amtierenden Kultusministerin Marion Schick (CDU) in Auftrag gegeben wurde. Darin warnt er vor den Folgen des demografischen Wandels und macht Vorschläge, wie ihnen zu begegnen ist.

Vom Bestsellerautor Thilo Sarrazin, der vor einem wachsenden Anteil der Migranten an der Bevölkerung warnt, distanziert sich der Max-Planck-Forscher Jürgen Baumert. „Thilo Sarrazin irrt, wenn er suggeriert, dies sei eine Frage der Genetik“, sagt Baumert der ZEIT. „Er hat weder das die menschliche Entwicklung bestimmende Prinzip der Wechselwirkung zwischen Anlage und Umwelt wirklich verstanden noch die Plastizität der wissensabhängigen Komponenten der Intelligenz.“ Baumert sieht das Problem demgegenüber darin, dass die Zuwanderer vorwiegend aus schwächeren sozialen Schichten kämen und Deutschland ihre sprachliche Integration vernachlässigt habe.

Zur Bekämpfung des Problems plädiert Baumert für eine kontinuierliche Sprachförderung. „Schon nach der Geburt sollte sozial schwächeren Familien Unterstützung angeboten werden, um sie in ihrem Erziehungsauftrag zu stärken“, fordert Baumert. „Dann folgen Krippen, Kindergärten und die Grundschulen. In allen diesen Einrichtungen ist eine individuelle Entwicklungsdiagnostik notwendig, um bei Schwierigkeiten rechtzeitig helfen zu können. Dies verlangt oft zusätzliche Lernzeit. Dies ist aber nur in Ganztagseinrichtungen vernünftig zu organisieren.“

63 Kommentare

  1.   heitgitsche

    Warum Menschen, die in Deutschland nicht in der Lage sind, sich selbst zu ernähren, nicht wieder in ihre Heimat zurückschicken? Dort konnten sie sich selbst ernähren!

  2.   Biljana

    @saendmaen:

    Nun, gestoppt werden kann die Entwicklung vielleicht nicht, aber vielleicht verlangsamt. Im Unterschied zu rho bin ich (aus eigener, durchaus leidvoller Erfahrung) nicht der Auffassung, daß es Akademikerinnen an einem Kinderwunsch mangelt. Sie wollen nur ihre berufliche und intllektuelle Entwicklung nicht für Kinder aufgeben. Das ist ja das Dilemma intelligenter Menschen – sie brauchen viel geistige Nahrung und Herausforderung. Eine Frau, die mit Freuden darauf „verzichtet“, hat wahrscheinlich diese Bedürfnisse nicht, weil sie wahrscheinlich nicht sooo intelligent ist. Da gibt es dann auch gleich viel weniger Probleme mit Partnersuche und Kinderwunsch.

    Langer Rede kurzer Sinn: Man sollte Akademikerinnen bei der Erfüllung ihres Kinderwunsches in einer ihnen gemäßen Weise unterstützen. Auf der gesellschaftlichen Ebene ist das z.Z. nicht durchsetzbar (s. Sarrazindebatte, Sigmar Gabriel, Eugenik-Vorwurf gegen Elterngeld usw. usf.). Nun, was spricht gegen private Stiftungen oder Initiativen mit diesem Ziel ? Ich würde mit Freuden eine solche Organisation mit regelmäßigen Spenden oder auch ehrenamtlicher Arbeit (z.B. Patenschaften o.ä.) unterstützen !

  3.   Biljana

    @Thomas Kerstan, zu #13:
    Ein wissenschaftliche Studie in einem peer-reviewed Journal als „nicht intelligent“ abzutun, finde ich dreist. Bildungs- und Intelligenzforscher haben sie durchaus ernst genommen und eine kontroverse, aber sachliche und unideologische Diskussion darüber geführt.
    Darin heißt es z.B.: „This example suggests that theoretically it is possible that student assessment and intelligence scores are strongly correlated at the individual level of analysis but loose this relationship or even reverse it at the aggregated national level of analysis. Rindermann’s analyses demonstrated that it is not so: The correlation between the national scores of intelligence and school assessment is even higher than at the individual level.“

    Und selbst wenn der IQ einen „kulturellen Spin“ hat (was in der Diskussion auch zur Sprache kommt) verliert er doch nicht seine Korrelation mit dem Schulerfolg. Diese Korrelation ist so stark, daß sie eine gewisse Vorhersagekraft hat. Und bei PISA geht es doch schließlich um Leistungen in der Schule auf dem Planeten Erde und nicht anderweitige kulturelle Techniken auf Mond oder Mars.

  4.   Thomas Kerstan

    @ Biljana
    Der IQ ist nicht unwichtig; aber erstens ist er durch ein anregendes geistiges Klima in der Kindheit zu erhöhen, und zweitens (siehe z.B. Untersuchungen der Psychologin Elsbeth Stern, ETH Zürich, kann man durch systematische Wissensvermittlung Intelligenzdefitite ausgleichen.

  5.   Thomas Kerstan

    @ heitgitsche
    Sorry, einerseits geht es um Menschen, die wir als Arbeitskräfte hierher geholt haben und deren Nachkommen (die auch weiter als Arbeitskräfte unserem Land nützen könne, um die Moral mal außen vor zu lassen)
    Und andererseits möchte ich keine Menschen in ihre Heimat zurückschicken, wo sie sich nicht ernähren können, sondern erschossen werden.

  6.   Thomas Kerstan

    @ fischsfritz
    Sorry, der Ton gefällt mir nicht. Abgesehen davon, dass ich Ihre Vorhersage nicht teile.

  7.   Biljana

    @Thomas Kerstan, #44:
    Elsbeth Stern nimmt sogar das Unwort „Fleiß“ in den Mund, wenn sie darüber spricht, womit gewisse Intelligenzdefizite ausgeglichen werden können.
    Natürlich nehmen beim einzelnen Individuum die geistigen Fähigkeiten durch eine anregende Umgebung und Förderung zu. Allerdings kann man damit nicht Unterschiede zwischen Individuen ausgleichen. Das brauche ich Ihnen ja nicht zu erklären, denn Sie selbst schrieben: „Die Leistungsfähigkeit aber wird stark durch die Intelligenz determiniert, die von Kind zu Kind unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Von optimaler individueller Förderung profitieren am meisten die intelligentesten Kinder (»Matthäus-Effekt«: Wer hat, dem wird gegeben). Die individuelle Förderung bringt sicher allen Kindern etwas; aber sie mildert nicht, sondern sie vergrößert die Ungleichheit unter ihnen.“

    Die Intelligenz kann auch durch frühkindliche Förderung nicht beliebig gesteigert werden. Wohlstand und Lebensqualität sind dort hoch, wo eine intelligente Bevölkerung ihre Kinder fördert. Wo nur wenig intelligente Kinder gefördert werden und intelligente Menschen keine Kinder bekommen, müssen Wohlstand und Lebensqualität sinken (brigens für alle, also auch für die im Rawlsschen Sinne „most disadvantaged“).

  8.   multix

    @18 Th. Kerstan
    „Durch massive Förderung der frühkindlichen Bildung kann Deutschland die Kurve kriegen“

    dem stimme ich im Allgemeinen zu. Im Besonderen (ich arbeite i.d. Bereich) bzw. in soz. Brennpunkten mit überwiegenden Anteil von Migrantenfamilien sind die Sozial – und FamilienStrukturen jedoch derart kontraproduktiv, dass man mit ganz anderen Geschützen auffahren muss.
    siehe K 3 hier
    und K 12 auf
    http://www.zeit.de/2011/17/C-Interview-Baumert?commentstart=9#cid-1278059
    auf meiner Profilseite findet sich weiteres Material dazu.

    Wir müssten uns die konkrete Lebenswelt der Kinder von Migranten inkl. familiäre Verhältnisse und das elterliche päd. Vorverständnis ansehen:
    Da sehe ich einen – aus kindl. Sicht – von wenig bildungsorientierten jugendl. Peer-Groups (Jungs & junge Männer) dominierten Sozialraum, in dem der eigene Status ständig bewiesen bzw. verteidigt werden muss und das Recht des Stärkeren nicht selten fröhliche Urständ feiert (weshalb die Mädchen/Fruaen dieses Umfeld meiden bzw. zu meiden haben).
    Hinzu kommt eine fam. Rangfolge mit einem in der kindlichen Lebenswelt i.d.R. abwesenden und wenn dann weisungserteilenden und Gehorsam erteilenden Vater an der Spitze – eingebettet in ebensolche clanartigen community-Strukturen.
    Womit wir bei einem päd. Vorverständnis angelangt sind, dass die Mütter als im Alltag zuständige aber weisungsabhängige Bildungsakteure zu fremdbestimmt Ausführenden degradiert und ihre Handlungsspielräume im öffentl. Leben und im Sozialraum z.T. extrem einschränkt.

    Demgegenüber ist unser Erziehungs – und Bildungsauftrag auf eine Kooperation mit halbwegs sprachkompetenten und an gesellschaftl. Teilhabe und Bildungserfolgen (als päd. Vorverständnis) ihrer Sprößlinge interessierten Müttern und Vätern zugeschnitten.
    Durch die weibl.-mütterl. Bildungsexpansion – die auch i.d. familiäre Bildungsbegleitung und häusl. Förderung wirkt – haben sich zudem die Meßlatten beim päd. Personal bzw. die Gesprächsebenen beim Elterngespräch deutlich nach oben verschoben…
    Zwischen der gebildeten spätgebärenden deutschen Mittelstandsmutter und der oft jungen türk./arab.-stämmigen Mutter in Problemvierteln geht nicht nur eine sozioökon. Schere auseinander, da ist auch ein irreversibles Bildungsgefälle entstanden – woran auch die Sprachförderung für Kinder wenig ändern wird.
    Gleichwohl macht diese Sinn, wäre aber wesentlich effizienter wenn auch die Mütter dies mitvollziehen würden – genau daran werden viele aber durch den Führungsanspruch ihres Gatten und vor allem den der Schwiegermutter (welche dann im Rang und Ansehen fallen würde) gehindert.
    Im Grunde ist diese Problematik in der Anlage strukturell verwandt mit dem durch den Bildungsvorsprung der Jüngeren und o.g. weibl. Bildungsexpansion entfachten Generations – und Geschlechterkonflikt der 60/70er Jahre in D, dessen Folgen wir ja heute noch spüren…
    Demgegenüber gibt es in den communities zahlreiche kultivierte Abwehrmechanismen, die sich auch an der mit Abstand schwächeren elterlichen Bereitschaft die frühkindlichen Bildungsangebote so früh wie möglich zu nutzen zeigt – auch weil mit diesem Schritt unvermeidlich das häufig niedrige (bis dahin versteckte) Bildungs – und Einkommensniveau bloßgelegt wird…

    Meiner Ansicht nach ist dem nur durch eine kostenlose KiTa-Pflicht beizukommen. Allerdings haben die klammen Kommunen daran wenig Interesse, weshalb frühkindl. Bildung wie Schule zur bundeseinheitlich geregelten Ländersache werden sollte.

    Was meinen Sie?

    mfG: multix


  9. […] Kollege Jan-Martin Wiarda hat die Reaktionen der Parteien in Baden-Württemberg auf das Baumert-Gutachten eingefangen. Auch die neuen Regierungsparteien Grüne und SPD sehen es als wichtige Anregung für […]


  10. […] der ZEIT gibt es einen Überblick über das neue Baumert-Gutachten: Baumert: https://blog.zeit.de/schulblog/2011/04/19/pisa-forscher-jurgen-baumert-schlagt-alarm-bildun… Dieser Eintrag wurde von norberto42 am 21. April 2011 um 15:56 geschrieben und unter Schule und […]

 

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