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Was bringt die Rück-Reform der Oberstufe? Fast gar nichts

 

Die Mittelalten unter uns erinnern sich noch an die Reform der Oberstufe Anfang der Siebziger: Keine Klassenverbände mehr, große Wahlfreiheit bei der Fächerwahl. Seit einiger Zeit wird diese Reform nun zurückgenommen. Die Folgen beschreibt Markus Verbeet in einem lesenswerten Spiegel-Artikel.

Mehr Hintergrundinformationen finden sich im ZEIT-Artikel von Jan-Martin Wiarda aus dem Mai 2010 und in einem Interview mit dem Leiter der Studie, dem Tübinger Erziehungswissenschaftler Ulrich Trautwein.

Was lernen wir aus alldem: Erstens ist es gut, wenn die Wirkung von Reformen untersucht wird (ist leider fast nie der Fall im Bildungswesen). Und zweitens sollte man mit Schulreformen  (oder Rückreformen) sparsam sein, denn drittens bringen sie oft nicht den gewünschten Erfolg.

19 Kommentare

  1.   mccab99

    „Fast gar nichts“ – ich glaube, dass das falsch ist. Spannend wäre einmal zu gucken, inwieweit die inflationsbereinigten Pro-Kopf-Kosten in der Kursoberstufe im Vergleich zur Profiloberstufe ausfallen und zusätzlich wäre ein Vergleich über die jeweils benötigten Lehrersollstunden aufschlussreich. Wir haben kein Geld und absehbar zu wenig Lehrer. Ich vermute da etwas. Das müsste man aber durch konkretes Zahlenmaterial unterfüttern…


  2. Daß die Alt-68iger es nicht mögen, daß ihr System abgeräumt wird, ist schon klar. Der eigentliche Skandal ist, daß auch hier wieder nur an der Struktur rumgedoktert wird, ohne das entsprechene Resourcen zur Verfügung gestellt werden. Eine Reform, die nicht zu kleineren Klassen oder von mir aus auch Kursen führt, ist keine.
    Und auf bundeseinheitliche Vergleichbarkeit der Bildungsstandards warten wir auch immer noch.
    Mußt du dich für den Sprössling schämen,
    macht er halt Abitur in Bremen.


  3. Was für ein Fortschritt, was z.B. Baden-Württemberg sich ausgedacht hat. Deutsch ist wichtig, Mathematik ist wichtig (Hauptschüler sollten z.B. besser lesen, schreiben und rechnen können).

    Konsequenz im Gymnasium: wir machen aus beiden Fächern einen vierstündigen Pflichtkurs. (Im Gegensatz zu früher: Leistungskurs 5-stündig; Grundkurs: 3-stündig)

    Und das Ergebnis:
    Wir haben jetzt Journalisten und Germanisten, die zwar weniger Deutsch hatten, dafür aber noch mehr Integralrechnung und Vektroalgebra erdulden mussten. Und Mathematiker, Physiker, Ingenieure und Informatiker, die jetzt zwar weniger Mathe können, dafür aber noch mehr Schiller, Goethe, Brecht und Walter von der Vogelweide gelesen haben.

    SUPER!!

  4.   Schüler

    Ich finde die heutige Situation auch schrecklich. Früher konnte man sich viel besser auf die individuellen Vorlieben eingrenzen.

    Was bringt es einem wenn man später in den Ingenieurbereich arbeitet und sich in der Schule mit irgendwelchen Interpretationen abquälen musste. Ein Germanist wird sich auch fragen, weshalb er diese hohe Mathematik in der Schule gebraucht hat. Natürlich sollte man nicht die Allgemeinbildung aus den Augen verlieren Ich finde das alte System mit mehr Wahlmöglichkeiten deutlich besser.

  5.   Bakwahn

    Pan_narrans und alle

    Ich bin bis heute der Auffassung, daß das Gymnasium den Schülern und seinen Abiturienten eine möglichst umfassende Allgemeinbildung vermitteln sollte; darüber hinaus das viel zitierte kritische und vor allen Dingen das selbstständige Denken. Der gymnasiale Bildungslauf mit seiner Breitenbildung sollte auf ein wissenschaftliches Studium vorbereiten; egal in welchem Fach.

    Vor der Schulreform von etwa 1972 – Einführung des Kurssystems in der gymnasialen Oberstufe mit Wahl- und auch Abwahlmöglichkeiten für den einzelnen Schüler – gab es bereits Spezialisierungen.
    Gymnasien hatten Schwerpunkte: da gab es altsprachlich-humanistische (Latein und Griechisch), mathematisch-naturwissenschaftliche, neusprachliche Gymnasium (Englisch, Französisch etc.). Ferner gab es auch musische Gymnasien (ist das grammatisch korrekt oder ist das vergleichbar mit dem vierstöckigen Hausbesitzer oder dem atlantischen Tiefausläufer, mit dem uns allabendlich Sven Plöger oder Jörg Kachelmann demnächst wieder beglücken?) mit dem Schwerpunkt Musik und Kunst und solche mit einem Scherpunkt auf wirtschaftswissenschaftlichen Fächern Betriebs- und Volkswirtschaftslehre.

    Dieses Angebot bot Eltern und ihren Kindern eine sinnvolle Möglichkeit, das richtige Gymnasium entsprechend den Fähigkeiten und den Neigungen des Schülers auszuwählen.

    Jetzt nach 40 Jahren – so scheint es – folgt die Reform der Reform. Eine Besinnung und eine Rückkehr zum lieben guten alten Gymnasium. Hahahahahaha

  6.   Bakwahn

    Ein paar Anmerkungen:

    Im Focus fand ich einen Aufsatz über eine bei Lehrern offensichtlich weit verbreitete Unfähigkeit. Diese beherrschen die deutsche Rechtschreibung nicht! Das läßt auch auf andere, z.B. fachliche Mängel schließen.
    Das macht mich traurig und wütend zugleich. So wie der Herr, so das Gescherr! So sagt man.

    Die Angabe, man wolle „Lust auf Sprache machen“, wobei „Kreativität vor Rechtschreibung“ gehe, ist nichts anderes als eine faule Ausrede! Die Lehrer selber haben die Rechtschreibung nie richtig gelernt. Weder während der eigenen Schulzeit noch im Studium. Das ist beschämend.

    Nur die Beherrschung der grammatischen und syntaktischen Regeln unserer wunderbaren und komplizierten deutschen Sprache sowie eine korrekte Rechtschreibung fördern geistige und künstlerische Kreativität und die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge angemessen sprachlich darzustellen.
    Diese faulen Säcke und Dummköpfe!

    In diesen Zusammenhang paßt auch, was man da bei Jan-Martin Wiarda über die Auswirkungen der Studienreform im Rahmen des Bolognaprozesses lesen muß.

    Studenten wenden ca. 23 Stunden (im statistischen Mittel) für ihr Studium auf. Trotz der vielen kleinen Prüfungen und Klausuren, die in diesen neuen Studiengängen Bachelor und Master eingebaut sind.

    Was für ein „Wissen“ wird in solchen Klausuren etwa in der Philosophie oder der Germanistik abgefragt? (Meine beiden Studienfächer)

    Wann wurde Hegel geboren?
    Wie heißt das Hauptwerk Martin Heideggers?
    Welche Urteile unterscheidet Kant?

    Und diese blödsinnige Fragerei dann auch noch im Multiple-Choice-Verfahren.
    Wer oder was war bzw. ist Schopenhauer?
    1. Ein Sprungfigur beim Eiskunstlauf (der doppelte Schopenhauer)
    2. Eine vorsintflutliche Keule zum Erlegen wilder Tiere
    3. Ein amerikanische Präsident
    4. Ein Philosoph

    Ich krieg‘ die Krise. Dank dieser Reform scheint das Niveau unserer Universitäten den Bach runterzugehen.

    Die Links:
    Wiarda:
    http://www.zeit.de/2011/20/C-Studienzeit?page=all

    Focus:
    http://www.focus.de/schule/schule/unterricht/paedagogik/lehrer-auf-kriegsfuss-mit-der-rechtschreibung_aid_625479.html


  7. Das mit der Allgemeinbildung sehe ich genauso; schließlich ist das Abitur ja das Zeugnis der allgemeinen Hochschulreife.

    Was mich interessieren würde — vielleicht kann da jemand mit Erfahrungen aus Baden-Württemberg helfen — ist, wie mit Leistungsunterschieden in den Deutsch- und Mathematik-Kursen umgegangen wird:

    Werden dann Schüler aller Leistungsstufen wahllos z.B. in den Mathematik-Kursen zusammengewürfelt? Das fände ich ziemlich fatal, denn das würde das Mathematik-Niveau in diesen Kursen wahrscheinlich gewaltig reduzieren. Zur Kürzung um eine Stunde gegenüber einem Leistungskurs z.B. in Rheinland-Pfalz käme dann noch die große Menge an Schülern, die der Mathematik nun einfach gar nichts abgewinnen können und die in einen solchen Kurs hineingezwungen werden und das Klima leicht beschädigen können. Analoges gilt natürlich in Deutsch, wenn vielleicht auch nicht so extrem. Während also in allen anderen Fächern eine Differenzierung stattfindet, werden in diesen Fächern die richtig guten Leute doch ausgebremst.

    Was ich befürworten könnte, wären 4 Stunden Leistungskurs und 4 Stunden Grundkurs, aber organisatorisch getrennt mit anderen Stundenplänen. Einen, der wirklich nur Allgemeinwissen vermittelt (und das sehr anschaulich und behutsam) und einen, der wirklich die Leute fordert und gezielt auf ein Studium vorbereitet (wie das bei den anderen Neigungs- und Profil-Fächern auch ist).

  8.   Bakwahn

    Verehrter Herr Kerstan,

    ich hatte am Donnerstag, den 12. Mai, ca. gegen 23.15 Uhr ein weiteres Posting abgesetzt, das bis heute nicht veröffentlicht ist.
    (Siehe meinen Text # 4)

    Bitte warum nicht?

    Können Sie mir plausible Gründe angeben, warum mein Text nicht erscheint?
    Es geht hier auch um verschiedene Meinungen und Auffassungen. Wenn aufgrund von unterschiedlichen Ansichten die ZEIT die Zensurschere ansetzt, dann poste ich nicht mehr.
    Ich bin es gewohnt, dass eine ganze Reihe meiner Texte im allgemeinen Kommentarteil von der ZEIT zensiert oder sogar gelöscht werden.
    Wenn das in Ihrem Blog jetzt auch passiert, dann bin ich weg.

    Gruß aus Düsseldorf

  9.   Gerd Möller

    zu Bakwahn:

    Was soll das bedeuten, wenn Sie schreiben, dass das Gymnasium möglichst umfassende Allgemeinbildung vermitteln sollte.

    Was heisst konkret und nicht metaphysisch, dass das Gymnasium – wie Sie schreiben – auf ein wissenschaftliches Studium vorbereiten soll?

    Sie benutzen Allgemeinplätze und leiten daraus bildungspolitische Schlüsse ab. Selbständiges und kreatives Denken sieht aber anders aus.

    Grüße nach Düsseldorf


  10. zu Kommentar Nr. 6: / Nr. 8

    Dass User BakWahn das Hohe Lied der Rechtschreibung singt, das mag angehen. (Er selbst verwendet die alte Rechtschreibung, die die Lehrer heute nicht mehr verwenden dürfen. Die Frage ist also, wie die Rechtschreibung von User BakWahn nach Focus bewertet würde, aber das nur am Rande).

    Aber ein paar andere Kulturtechniken scheinen ihm abhanden gekommen zu sein: Zum Beispiel zitiert man Quellen ordentlich.
    „Im Focus fand ich einen Aufsatz …“. Niemand kann jetzt die Aussagen des Focus mit denen im Kommentar abgleichen.
    Sind die Fragen und Multiple-Choice-Antworten, die er hier nennt, echte Beispiele oder ein Produkt seiner eigenen Kreativität?

    Und dann der Satz:
    „Nur die Beherrschung der grammatischen und syntaktischen Regeln unserer wunderbaren und komplizierten deutschen Sprache sowie eine korrekte Rechtschreibung fördern geistige und künstlerische Kreativität … “

    Und dass „NUR“ die Beherrschung von irgendwelchen Regeln die geistige und künstlerische Kreativität fördern, das kann ja wohl nicht sein. Oder haben Einstein, Chagall und Mozart ihre gesamte Lebenszeit vor der dem Grammatik-Buch verbracht?

    Wenn also User BakWahn soviel Wert auf Sprache legt, dann wäre es vielleicht angebracht, auch über den Sinn der Sätze nachzudenken.

    Und noch ein Zitat:
    „Diese faulen Säcke und Dummköpfe“

    Das ist eine üble Beschimpfung eines ganzen Berufsstandes und entspricht damit bestimmt nicht der Netiquette (und auch sonst nicht den gehobeneren Umgangsformen gebildeter Leute). Insofern könnte man im Hinblick auf Kommentar 8 schon ein paar plausible Gründe nennen.
    Allerdings: Das tut der zitierte Herr Wiarda in seiner Schmähschrift: „Lehrer machen es sich schön bequem“ in der ZEIT auch.

 

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