{"id":28,"date":"2007-10-29T21:51:48","date_gmt":"2007-10-29T19:51:48","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/seitenblick\/2007\/10\/29\/lyrik-unter-pferdepostern_28"},"modified":"2007-10-29T21:51:48","modified_gmt":"2007-10-29T19:51:48","slug":"lyrik-unter-pferdepostern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/seitenblick\/2007\/10\/29\/lyrik-unter-pferdepostern_28","title":{"rendered":"Lyrik unter Pferdepostern"},"content":{"rendered":"<p>Vertonungen von Lyrik gibt es schon lange. Viele Gedichte Heinrich Heines wurden von Robert Schumann musikalisch unterlegt. Der S\u00e4nger Pilo tat \u00e4hnliches mit Rilke oder Goethe. Nun hat sich das sogenannte World Quintet der Poesie Selma Meerbaum-Eisingers angenommen &#8211; eine j\u00fcdische Lyrikerin, die im Alter von 18 von den Nazis ermordet wurde und lediglich 57 Gedichte schrieb. Sie wurden erst 1980 entdeckt und ver\u00f6ffentlicht. Zw\u00f6lf von ihnen finden sich auf der CD <em>Selma. In Sehnsucht eingeh\u00fcllt<\/em> und sind Teil eines bundesweiten Schulprojekts, das f\u00fcr Toleranz und Verantwortung wirbt. So weit, so sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Dann f\u00e4llt der Blick auf die Besetzung der Musiker, die die Gedichte singen. Da kann einem schon anders werden: Hartmut Engler! Yvonne Catterfeld!! Xavier Naidoo!!! Und, Teufel auch, Sarah Connor!!!! Jetzt k\u00f6nnte manch einer sagen: Ist ja f\u00fcr Sch\u00fcler, da muss man sich an der Zielgruppe orientieren. Ach wirklich? Bleiben wir bei Sarah Connor. Eine S\u00e4ngerin, deren lyrische Qualit\u00e4t sich bislang in Zeilen zeigte wie <em>Kiss me on the left, kiss me on the right \/ With you&#8217;re uh uh, boy, you make me happy all night \/ Boom, boom, boom my heart&#8217;s going \/ All I wanna do is stay in bed with you <\/em>. Jetzt interpretiert sie Eisingers <em>Das Gl\u00fcck<\/em>, und deren zarte Natur- und Sehnsuchtslyrik ger\u00e4t zu einem derart diddlmausigen St\u00fcck, zu dem die Zielgruppe f\u00fcrderhin im Jugendzimmer unter Pferdepostern kuscheln und knutschen kann.<\/p>\n<p>Zweifellos sind die Gedichte von Selma Meerbaum-Eisinger sentimental, zuweilen kitschig. Kein Problem, v\u00f6llig in Ordnung. Sie sprechen von Liebe und unerf\u00fcllten Erwartungen, Ahnungen und Verlangen einer 18-J\u00e4hrigen. Sie war eine Dichterin, von der ihre Entdeckerin Hilde Domin sagte: &#8222;Ihre Begabung steht sicher auf einer Stufe mit dem jungen Hofmannsthal.&#8220; Nun werden gr\u00f6\u00dftenteils Musiker auf die Lyrik losgelassen, die sich irgendwo zwischen Tanzschul-Disco und Engtanz-Abend bewegen und machen daraus, was sie am besten k\u00f6nnen: Schwulst. In einer manchmal hitparadentauglichen, manchmal biederen Wurschtigkeit. Wenn Reinhard Mey <em>Abend I<\/em> singt, klingt das immer noch wie <em>\u00dcber den Wolken<\/em>; kn\u00f6delt Xavier Naidoo <em>Sp\u00e4tnachmittag<\/em> k\u00f6nnte es auch von einem Walt Disney-Soundtrack sein. Und Hartmut Engler stimmt die gleichen T\u00f6ne an, mit denen er und seine Gruppe PUR schon wei\u00df der Himmel wie viele Menschen ins Nirwana georgelt haben. Da n\u00fctzt das Baseler Sinfonieorchester wenig. Nicht viele Interpretationen sind gelungen. Rapper Thomas D, Volkan Baydar und die Silbermond-S\u00e4ngerin Stefanie Klo\u00df legen sch\u00f6ne St\u00fccke hin.<\/p>\n<p>Karl Kraus schrieb einmal von Heines Gedichten stellvertretend f\u00fcr jedwede Form der Lyrik: Die Sangbarkeit der Verse sei der gr\u00f6\u00dfte Fehler. Vielleicht liegt es gar nicht an der Sangbarkeit, sondern an den Leuten, die die Verse singen. Die Gedichte Selma Meerbaum-Eisingers lohnen sich wirklich. Doch nicht in dieser Form.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vertonungen von Lyrik gibt es schon lange. Viele Gedichte Heinrich Heines wurden von Robert Schumann musikalisch unterlegt. Der S\u00e4nger Pilo tat \u00e4hnliches mit Rilke oder Goethe. 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