‹ Alle Einträge

Flittchen sind selber schuld

 

Amnesty International Großbritannien hat eine Umfrage in Auftrag gegeben, die zeigen sollte, wie sehr eine Frau für „selbst schuld“ befunden wird, wenn sie einer Vergewaltigung zum Opfer fällt. (Oder sollte man in diesem Falle sagen, „wenn sie sich vergewaltigen lässt“?)

Ein paar Zahlen gefällig?

Die Frau hat nicht klar genug „Nein“ gesagt:
29 % der Befragten glauben, dass sie dadurch zum Teil selbst schuld an der Vergewaltigung ist („partially responsible“)
8 % glauben, dass sie dadurch gänzlich verantwortlich ist („totally responsible“)

Die Frau verhielt sich „flirtig“:
28 %: teilweise selbst schuld
6 %: komplett selbst schuld

Die Frau ist betrunken:
26 %: teilweise selbst schuld
4 %: komplett selbst schuld

Die Frau trägt sexy/offenherzige Kleidung:
20 %: teilweise selbst schuld (22 % der Männer, 17 % der Frauen)
6 %: komplett selbst schuld

Die Frau ist bekannt dafür, schon mehrere Sexualpartner gehabt zu haben:
14 %: teilweise selbst schuld
8 %: komplett selbst schuld

Die Frau geht allein durch durch eine verlassene oder gefährliche Gegend:
17 %: teilweise selbst schuld
5 %: komplett selbst schuld

Wie der „Guardian“ ergänzt, halten mehr Frauen als Männer (5 % im Vergleich zu 3 %) eine betrunkene Frau für komplett selbst schuld, wenn sie vergewaltigt wird.

Ich gehe mal kurz kotzen und frage mich danach weiter, wie die Zahlen hierzulande wohl aussehen würden.

17 Kommentare

  1.   Judith

    Die Statistik und auf den Artikel haben mich, gelinde gesagt, etwas geschockt, vor allem, da ich gerade für ein Auslandssemester in England lebe.
    Ich muss zugeben, dass mir schon sehr aufgefallen ist, wie leichtbekleidet meine Geschlechtsgenossinnen hierzulande herumlaufen (vor allen Dingen mitten im Winter) und wie hemmungslos sie sich betrinken. (Ich weiß nicht, ob ich falsch liege, aber ich hatte den Eindruck, dass es in Deutschland nicht ganz so zugeht.) Bei meinen Kommilitonen hier ist es offenbar normal, nach einer wilden Nacht nicht mehr so ganz zu wissen, was so alles passiert ist.
    Im Gegensatz dazu sind die Briten hier aber sehr fleißig, was Prävention angeht: es gibt beispielsweise einen universitätsinternen, kostenlosen Nachtbusservice und auf dem Campus werden regelmäßig Infoblätter zum Thema Schutz vor Vergewaltigung verteilt.
    Was ja an sich eine gute Sache ist und vieles leuchtet auch ein (nachts nie alleine unterwegs sein, einer in der Gruppe sollte nüchtern bleiben und aufpassen, etc.). Manche der Tipps haben mich allerdings sehr gewundert, es wird zum Beispiel empfohlen, sein Haar nicht offen zu tragen. Heißt das, ich muss mir einfach einen Pferdeschwanz machen, und schon bin ich fein raus und der Vergewaltiger hat kein Interesse mehr?
    Die Besorgnis geht sogar so weit, das beim Bezug des Wohnheims rape alarms (machen einen Höllenlärm, wenn man sie aktiviert und sollen angeblich Aufmerksamkeit erregen, wenn man bedroht wird) ausgegeben wurden und sogar an den Bushaltestellen große Plakate hängen, die davor warnen, allein unterwegs zu sein. Dass trotz all dem solche Statistiken zustande kommen, ist schon sehr traurig. Wie kann man, aus welchen Gründen auch immer, einer Frau die Schuld für eine Vergewaltigung in die Schuhe schieben?

    Was mich fast genauso geschockt hat, ist der Kommentar von Herrn Baum:

    1)
    „Die Psychologie des Flirts, der Sexualität und der Vergewaltigung ist zu komplex und zu irrational, um sie so zu behandeln, wie das leider viel zu oft und auch hier passiert.“

    Wie kommen Sie dazu, Flirt, Sexualität und Vergewaltigung derart nebeneinander zu stellen? Ich weiß nicht, wie Sie eine Vergewaltigung definieren, für mich kommt diese Wikipedia-Definition ganz gut hin:
    “ Von Vergewaltigung (veraltet: Notzucht) spricht man, wenn eine Person eine andere gegen ihren Willen unter Anwendung oder Androhung von Gewalt oder durch das Ausnutzen einer hilflosen Lage zum Geschlechtsverkehr oder anderen Handlungen mit sexuellem oder sexuell motiviertem Charakter zwingt.“
    (http://de.wikipedia.org/wiki/Vergewaltigung)
    Mir ist nicht klar, wie es irrational sein kann, ebendieses Verbrechen konsequent und ohne Ausnahmen zu verurteilen.

    2) „psychologische Mechanismen gibt, die regelmäßig dafür sorgen, dass Frauen sich nach einer sexuellen Betätigung, gegen die sie sich prä/in actu gar nicht gewehrt haben, ex post facto subjektiv als Vergewaltigungsopfer fühlen.“
    Entschuldigen Sie meine Wortwahl aber: sind Sie noch ganz dicht? Was soll eine Frau denn Ihrer Meinung nach machen? Ich war bisher der Ansicht, dass jeder normale Mann die Fähigkeit hat, zu verstehen, wenn eine Frau keinen Sex will, ohne dass sie dazu schlagen und schreien müsste (wenn er nur will). Und was soll „regelmäßig“ bedeuten? Wir Frauen sind leider psychologisch so programmiert, dass wir in vielen Fällen erst hinterher merken, dass wir gar keinen Sex wollten? Die armen Männer können meistens gar nichts dafür? Ich bin mir durchaus bewusst, dass es seltene Fälle gibt, in denen Frauen zu Unrecht behaupten, vergewaltigt worden zu sein. Aber müssen Sie deswegen auf den Gefühlen all derer herumtrampeln, die wirklich vergewaltigt worden sind? Und all denen den Rücken stärken, die meinen, Frauen zumindest eine Teilschuld geben zu können? Es ist eine Tatsache, dass die überwiegende Mehrheit der Vergewaltigungen von Personen verübt wird, welche die Opfer kannten und die daraus resultierenden Scham- und (irrationalen) Schuldgefühle (vor allem bei zuvor engen Verhältnissen) der betroffenen Frauen sind bekannt.
    Ich bin selbst schon verfolgt worden (Gott sei Dank ohne Folgen), und ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen: wenn ich zum hundertsten Mal irgendwelche Relativierungsversuche von Vergewaltigungen lese, krieg ich so langsam wirklich das Kotzen.

  2.   Lanny Lenneffer

    weiter so

  3.   Salomé

    Ich habe im Gymnasium gerade einen Vortrag über Misogynie (Frauenhass, Frauenverachtung, Frauenunterdrückung) gehalten. Diese Statistik zeigt einmal mehr deren Vorhandensein in einer modernen, revolutionären Gesellschaft, wie man es eigentlich nicht für möglich hält. Min. 20% der britischen Befölkerung erklären die Vergewaltigungsopfer für (teilweise) verantworlich, machen sie zu den Tätern? Gehts noch?! Sollen Frauen etwabsich in Mehlsäcke paken, die Köpfe senken, sich nicht mehr in der Öffentlichkeit zeigen?! Sind wir nicht in der Zeit, wo man die Rechte der Menschen nicht mehr vom Geschlecht der Menschen abhänging macht? Der Vortschritt stösst an Grenzen.

    Ich bin froh so viele Kommentare gefunden zu haben, die meiner Meinung entsprechen und mir die Hoffnung geben, wir seien noch zu retten. Weiter so!

  4.   Klemmschwester Lila

    Wenn ich die Psychologie richtig verstehe, die das „Phänomen“ Vergewaltigung untersucht, dann vergewaltigen Täter nicht weil sie sexuell auf ihr Opfer „abfahren“ (daher ist es auch schnurzpipe, was das Opfer anhat oder ob es/sie das Haar offen trägt oder nicht).

    Es geht um schwache Täter, die ihre Minderwertigkeitsgefühle durch Vergewaltigung (von Frauen aber auch Kindern oder Männern) kompensieren müssen. Wie kann das Opfer daran Schuld sein?!

    Interessant finde ich in diesem Zusammenhang, dass zum Beispiel bei solchen Untersuchungen immer von weiblichen Vergewaltigungsopfern gesprochen wird. Tatsächlich werden aber auch Kinder oder Männer vergewaltigt (die im Übrigen nicht minder unter der Tat leiden). Bei den letzten beiden stellt man nicht die Frage, was die dazu beigetragen haben. Ich vermute, das liegt daran, dass Kinder halt (und absolut zu Recht)als unschuldig gelten und Männer meistens sich nichtmal trauen, eine Vergewaltigung anzuzeigen.

    Ich frage mich ausserdem, was wohl die Herren hier, die so zimperlich sind mit den Begriffen und der „Objektivität“ so zu zB männlichen Vergewaltigungsopfern zu sagen haben.

  5.   Tracy

    Hallo, ich dachte immer dass sich Menschen von Tieren dahingehend noch unterscheiden, dass sie in der Lage sind sich bewußt zu machen- wenn eine Frau auch noch so sexy gekleidet herum läuft und noch so heftig flirtet- dass ein nein auch ein nein bedeutet. Alles andere ist unsinnig und strafbar! Leider ist es so, dass eine Frau, wenn sie spürt dass der Mann sie vergewaltigen will- erst mal realisieren muß, was da eigentlich mit ihr geschehen soll. So kommt es doch dazu, dass eine Frau zunächst mal nein sagt und erst verzögert beginnt sich auch körperlich zur Wehr zu setzen. Aber dann ist es meistens schon zu spät! Der Mann ist einer Frau ja kräftmäßig fast immer überlegen, dazu kommt bei der Frau das Gefühl selbst Schuld an dieser Situation zu sein. Es ist ein Teufelskreis, den nur ein Training für Frauen unterbrechen könnte- nämlich dahingehend, dass sie sich unverzüglich und lautstark zur Wehr setzen. Das sollte jede Frau beizeiten üben, bevor es zu spät ist!

  6.   Thommy

    Hallo!

    Frau kann sich halt nur so verhalten, das Risikofaktoren ausgeschlossen werden. Das fängt bei allzu freizügiger Kleidung an und hört beim Meiden einsamer Straßen nicht unbedingt auf. Die betrunkene Frau würde auch erwähnt. Wenn Mann zudringlich wird und Frau wehrt sich nicht, ist das Risiko sexueller Übergriffe groß. Es sollte hier nicht um Schuld gehen, sondern um Risikominimierung.

    Ich hatte in den Neunzigern ein Kind in ehrenamtlicher Betreuung. Das Mädchen war von sexuellem Missbrauch betroffen. Als ich sie eines Tages wieder in meiner Obhut hatte, wollte sie das folgende Spiel spielen. Sie hatte ein Spielzeug an sich versteckt. Ich sollte es suchen. Ich könne „überall anfassen, aber nicht unten“. So weit Ok. Danach aber wiederholte sie das Spiel. Nur diesmal sagte sie, ich dürfe überall anfassen, auch unten“. Hab mich natürlich nicht drauf eingelassen, sagte ihr das auch. Schon vorher forderte sie mich manschmal auf, sie „unten“ zu krabbeln oder an den Hintern zu fassen. Aber wenn ich ihr sagte, das ich nicht auch zum Täter werden wolle, hatte sie das immer akzeptiert, aber bei dem genannten Spiel hatte sie auf mein Nein bockig reagiert. Keine Sorge, hab mich nicht drauf eingelassen. Habe sie ausgeschimpft. Ihr liebevoll das damit verbundene Risiko zu erläutern, dazu fehlte mir die Kraft und das Wissen, wie in so einem Fall optimal zu reagiren wäre. Die braucht doch mit dem Verhalten nur an das richtige Schwein zu kommen. Ein anderese Mal lief sie mit einem viel zu kurzem Kleid rum und rieb sich in aller Öffentlichkeit zwischen den Beinen. Ich hatte sie mal wieder in Betreuung. Was wenn das so’n perverses Schwein gesehen hätte. Solange ich Gegenwehr leisten kann, den Täter abwehren, gut. Und wenn nicht? Bissl Verantwortung hat man ja schließlich, wenn einem ein Kind anvertraut ist. Die Situation einfach ausnutzen und selber zum Täter werden ging nicht, da mich die Nachricht, das dieses Kind missbraucht wurde zu sehr erschüttert hat. Ich wollte nicht auch noch zum Täter werden.

    Wenn das in der Öffenlichkeit jedoch ne Erwachsene Frau täte, würde ich sie nehmen. Kann nur sagen, Frauen und Kinder unterlasst sexuell herausfordernde Handlungen in der Öffentlichkeit, wenn Ihr nicht berührt werden wollt.
    Sagt das auch Euren Kindern.
    Zeigt herausforderndes Verhalten bitte nur, wenn Ihr auch berührt werden wollt. Gegenüber dem Flirtpartner oder Freund oder Ehepartner.

  7.   Sigrid Neudecker

    Darf ich – ganz ohne Hintergedanken – fragen, wie alt Sie sind?

    Das Problem ist, dass man eine Einstellung wie die Ihre so schwer aus den Köpfen rausbekommt, nicht nur jenen von Männern, wie die britische Umfrage zeigt.

    Noch einmal: Frauen in kurzen Röcken wollen nicht „genommen werden“! Sie tragen sie, weil es ihnen gefällt. Und auch wenn sie im Minirock ausgehen sollten, um sich sexy zu fühlen, dann ist das in keinster Weise eine Aufforderung zum sexuellen Übergriff. Bitte versuchen Sie das zu verinnerlichen! Mehr noch: Eine Frau kann einen Abend lang mit Ihnen heftig knutschen, aber dann trotzdem nicht von Ihnen „genommen werden“ wollen! Es gibt eben Grenzen, die man überschreiten will und solche, die man nicht überschreiten will. Und zwischen Minirock oder von mir aus sogar laszivem Tanzen einerseits und Geschlechtsverkehr andererseits ist ein himmelhoher Unterschied.

    Dass Sie allerdings der Meinung sind, Kinder seien quasi selbst schuld, wenn sie missbraucht und vergewaltigt werden, das, s.g. Herr Thommy, ist schlichtweg zum Kotzen. Und dass Sie die Situation mit Ihrem Betreuungskind laut Ihrer Darstellung nur deshalb nicht ausgenutzt haben, weil Sie von ihrem Missbrauch wussten, zeigt, dass Sie dringend therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen sollten.

 

Kommentare sind geschlossen.