{"id":5556,"date":"2012-07-27T17:05:26","date_gmt":"2012-07-27T15:05:26","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/sport-blog\/?p=5556"},"modified":"2012-07-28T03:18:05","modified_gmt":"2012-07-28T01:18:05","slug":"london-olympia-eroffnung-spiele","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/sport-blog\/2012\/07\/27\/london-olympia-eroffnung-spiele_5556","title":{"rendered":"London gemeindet Sport in die Popkultur ein"},"content":{"rendered":"<p><strong>01:45<\/strong> Das Fazit \u00fcberlassen wir heute unserem Gast Gunter Gebauer: <\/p>\n<p>\u201eDie Show hat nach leichten Anlaufschwierigkeiten meine hohen Erwartungen erf\u00fcllt. London war das Gegengewicht zur Er\u00f6ffnungsfeier von Peking 2008. Das war zwar perfekt arrangiertes High-Tech, aber trug deutlich autorit\u00e4re Z\u00fcge. <\/p>\n<p>Die Feier in London war viel leichter, hatte viele tanzende Momente, witzige Momente. Die Show zielte auf witzige Stimmung, etwa, dass <a href=\"www.telegraph.co.uk\/sport\/olympics\/9341231\/London-2012-Olympics-the-full-musical-playlist-for-the-Olympic-opening-ceremony.html\" target=\"_blank\">die gro\u00dfen Hits der englischen Musikkultur<\/a> zum Tragen kamen. Das war kreativ, das war der Spirit of London. London hat die Popkultur gefeiert, und Sport geh\u00f6rt eben zur Popkultur. Wenn man den Abend zusammenfassen will: Der Sport wurde in die Popkultur eingemeindet.<\/p>\n<p>Die Deutschen haben sich als vergn\u00fcgte Mannschaft pr\u00e4sentiert, die Gefallen an dem Fest gefunden haben. Unsere Fahnentr\u00e4gerin Natascha Keller ist eine muntere und witzige Frau. Die ganze Mannschaft strahlt Lebensfreude aus. Das finde ich gut bei deutschen Mannschaften, das war fr\u00fcher nicht immer so. Die Freude ist auf mich \u00fcbergesprungen.<\/p>\n<p>Erstaunlich auch immer wieder, welche Weltprominenz Olympia versammeln kann: Ban Ki Moon, Muhammad Ali, \u00fcber hundert Staatsoberh\u00e4upter. Schade, dass das IOC nicht in der Lage ist, diese Macht im guten politischen Sinne auszuspielen, sondern meist nur im schlechten.<\/p>\n<p>Negativ: ein paar nationale Misst\u00f6ne zu Beginn und in der Rede von Sebastian Coe, das langweilige Ende und der deutsche Fernsehkommentar.&#8220;<\/p>\n<p>Christian Spiller erg\u00e4nzt aus dem Stadion: \u201eBestgelaunte aller Mannschaften auf dem Innenfeld: die Australier. Tanzen, lachen und schwatzen mit den Kanadiern und Chinesen.\u201c<\/p>\n<p>Und ich finde, da war viel dabei. Wenn ich drei vermisst habe, dann: Oasis, Morrissey und Robbie Williams. Und Stuart Pearce. Und damit eine Gute Nacht und Ihnen sch\u00f6ne, spannende Olympische Spiele. Vielen Dank an Gunter Gebauer, der schon auf dem Nachhauseweg ist, und Ihnen f\u00fcrs Mitmachen.<\/p>\n<p><strong>01:40 <\/strong>Die Flamme wird von einer gro\u00dfen Menge Jugendlicher entz\u00fcndet, begleitet von ehemaligen britischen Medaillengewinnern. Die Briten entziehen sich der mit gro\u00dfer Spannung erwarteten Frage. Nennen wir es elegant.<\/p>\n<p>Geht&#8217;s nur mir so? Ich muss zu Boden schauen, Paul McCartney (70) kommt nicht mehr an die hohen T\u00f6ne von Hey Jude ran. Aua, Mitleid.<\/p>\n<p><strong>01:19<\/strong> Die Queen macht bei ihrem Er\u00f6ffnungssatz einen <del datetime=\"2012-07-28T01:11:12+00:00\">m\u00fcden<\/del> majest\u00e4tischen Eindruck. I declare this bazaar open.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/twitter.com\/PaulMcCartney\/status\/228988769091584001\/photo\/1\" target=\"_blank\">Ein Tweet von Paul<\/a><\/p>\n<p><strong>01:15<\/strong> Die Funktion\u00e4re holen uns mit ihren nichtssagenden Phrasen wieder runter. Kein Wort von Coe und Rogge \u00fcber M\u00fcnchen 72.<\/p>\n<p>Jetzt der Eid, nicht nur von Athleten gesprochen. <del datetime=\"2012-07-27T23:32:58+00:00\">Dr. Soundso: &#8222;Ich schw\u00f6re, dass ich alle Medikamente selbst hergestellt habe.&#8220;<\/del><\/p>\n<p>Gebauer: &#8222;Ich bin sehr entt\u00e4uscht, dass Sebastian Coe einen nationalistischen Ton hereinbringt (&#8218;Nie war ich so stolz, ein Brite zu sein&#8216;). Das hat auf einer internationalen Veranstaltung nichts verloren. Er prophezeit auch etwas zu gro\u00dfsprecherisch, dass die Spiele ein Triumph w\u00fcrden. Ich w\u00fcnsche mir mehr Understatement. Da merkt man halt, dass er ein konservativer Politiker ist.&#8220;<\/p>\n<p><strong>01:05<\/strong> Arctic Monkeys doing Beatles! Yeah! Herr Gebauer sing mit, aber wie reagiert eigentlich Peking auf diese Show? Die halten das doch bestimmt f\u00fcr ordin\u00e4r und westliche Dekadenz.<\/p>\n<p><strong>00:32<\/strong> Ein paar Worte zu den deutschen Fernsehkommentatoren, Herr Gebauer, bitte.<\/p>\n<p>Gebauer: \u201eSchablonenhaft, dr\u00f6ge, forciert um Stimmung bem\u00fcht. Es hat keinen Witz, keinen Schwung, keinen Esprit. Das deutsche Fernsehen verkrampft, im Gegensatz zur deutschen Mannschaft. Auch die Beteiligung einer Athletin war offensichtlich keine gute Idee. Kathrin Boron ist mir als eindrucksvolle Pers\u00f6nlichkeit in Erinnerung, doch Sportler k\u00f6nnen wohl nur aus dem eigenen Sportlerleben etwas beitragen, Einordnungen zu kulturellen und politischen Hintergr\u00fcnden darf man von ihnen nicht erwarten. Sie haben wohl nur die Funktion, emotionale Tiefe herzustellen. Aber das klappte heute auch nicht. Ist ja auch schwer, Gef\u00fchle zu beschreiben. &#8218;J\u00e4nsehaut pur&#8216; hab ich noch im Ohr.\u201c<\/p>\n<p>Heidrun Bleeck schreibt in den Kommentaren: &#8222;Wieso ist es im deutschen Fernsehen nicht m\u00f6glich, einen Engl\u00e4nder, der mit der Geschichte, Musik, Kunst etc. seines Landes vertraut ist, dem Kommentator als &#8222;Souffleur&#8220; an die Seite zu stellen? Schade um die vielen Infos, Gags und Aspekte der tollen Brit-Show, die am Gro\u00dfteil des deutschen Fernsehpublikums vermutlich unverstanden  vorbeigerauscht sind.&#8220; Herrn Gebauer gef\u00e4llt das.<\/p>\n<p><strong>00:02<\/strong> Wie kommt es eigentlich, dass Olympia einen solchen intellektuellen und spirituellen \u00dcberbau hat, ungew\u00f6hnlich f\u00fcr einen Sportwettbewerb?<\/p>\n<p>Gebauer: \u201eDas geht auf Coubertin zur\u00fcck, der die Wiederbelebung Olympias bei seinen Landsleuten durchsetzen musste. Die franz\u00f6sischen Intellektuellen waren damals theoretisch orientiert, k\u00f6rperfeindlich \u2013 im Gegensatz zu den Engl\u00e4ndern. Coubertin hat seine Auffassung von Sport \u00fcberh\u00f6ht, um sie zu \u00fcberzeugen. Dabei kam ihm zugute, dass Olympia, geradezu die ganze Antike, insgesamt \u00fcber Jahrtausende verkl\u00e4rt wurde. Heute sieht man das historische Olympia und die Antike deutlich kritischer.<\/p>\n<p>Dabei hat Coubertin seine Idee mit quasireligi\u00f6sen Elementen \u00fcberfrachtet. Die Olympische Idee, der Olympische Eid \u2013 das hat alles etwas Weihevolles. Das schleppen die Olympischen Spiele bis heute durch, obwohl das heute nichts mehr mit dem zu tun hat. Und vermutlich auch wohl nie hatte.\u201c<\/p>\n<p><strong>23:30<\/strong> Herr Gebauer, wie bewerten Sie die Debatte um die verweigerte Schweigeminute f\u00fcr die israelischen Opfer von 1972?<\/p>\n<p>Gebauer: \u201eIch bin immer f\u00fcr Schweigeminuten. Oder sagen wir: Ich bin f\u00fcr ein w\u00fcrdiges Gedenken. Aber das muss man nicht auf der Er\u00f6ffnungsfeier machen, denn die soll Vorfreude wecken. Die olympische Bewegung sollte jedenfalls der Toten auf w\u00fcrdevolle Weise gedenken, und zwar auf institutionalisierte Weise, bleibend, bei jeder Feier, nicht nur eine Minute lang. Es wundert mich ohnehin, dass diese Debatte nicht fr\u00fcher schon gef\u00fchrt wurde. Einbeziehen sollte \u00fcbrigens alle Toten, nicht nur die Israelis. Etwa die Opfer der Studentenrevolten vor den Spielen in Mexiko 1968.<\/p>\n<p>Welche \u00dcberlegungen bei der aktuellen Absage gespielt haben, kann ich nicht sagen. Sollte sich der Verdacht erh\u00e4rten, dass das IOC auf ein Gedenken an die Israelis verzichtet, weil es sich nicht mit der arabischen Welt verscherzen m\u00f6chte, w\u00e4re das fatal. Ich kenne ja die Spekulationen um Thomas Bachs Verbindungen in den Nahen Osten und seine Gesch\u00e4ftsinteressen. Aber dieses Ger\u00fccht ist interpretationsabh\u00e4ngig.\u201c<\/p>\n<p>Christian Spiller mailt aus London: &#8222;Jetzt, wo der Einmarsch der Teams beginnt, eilen viele Zuschauer aufs Klo. Aber wer soll es ihnen verdenken? Bei so einer tollen Show muss man es halten, bis es nicht mehr geht. Very cool, very british alles. Sp\u00e4testens bei Mr. Bean und allersp\u00e4testens bei dem grandiosen Ritt durch die englische Musikgeschichte haben die Engl\u00e4nder die Welt eingefangen. Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate links und rechts haben ebenfalls t\u00fcchtig mitgewippt und ein Tr\u00e4nchen im Auge.&#8220;<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_5612\" aria-describedby=\"caption-attachment-5612\" style=\"width: 224px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/sport-blog\/files\/2012\/07\/philosophengetra\u0308nk-e1343427242590.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/sport-blog\/files\/2012\/07\/philosophengetra\u0308nk-e1343427242590-224x300.jpg\" alt=\"Philosophengetra\u0308nk\" width=\"224\" height=\"300\" class=\"size-medium wp-image-5612\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/sport-blog\/files\/2012\/07\/philosophengetra\u0308nk-e1343427242590-224x300.jpg 224w, https:\/\/blog.zeit.de\/sport-blog\/files\/2012\/07\/philosophengetra\u0308nk-e1343427242590-764x1024.jpg 764w, https:\/\/blog.zeit.de\/sport-blog\/files\/2012\/07\/philosophengetra\u0308nk-e1343427242590.jpg 1936w\" sizes=\"auto, (max-width: 224px) 100vw, 224px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-5612\" class=\"wp-caption-text\">Philosophengetra\u0308nk<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p><strong>23:05<\/strong> Warum spielen sie denn nicht &#8222;God Save The Queen&#8220; von den Sex Pistols, wo sie doch schon mal anwesend ist?<\/p>\n<p>Blur statt Oasis. Man muss sich halt f\u00fcr eins entscheiden.<\/p>\n<p>Und Hugh Grant, toll! Ich verlange aber auch Ali G.<\/p>\n<p><strong>22:55<\/strong> Bei so viel englischer Geschichte \u2013 sehen wir sp\u00e4ter auch einen verschossenen Elfmeter?<\/p>\n<p>Gunter Gebauer muss ans Telefon: Interview mit dem Deutschlandfunk. Ein Mann f\u00fcr alle Sender. Er ist jedenfalls geradezu erfreut \u00fcber so viel Popkultur (Merke: Gegensatz zu Peking), die inzwischen die Show dominiert.<\/p>\n<p><strong>22:45<\/strong>Die moderne olympische Idee hat auch englische Wurzeln. Pierre de Coubertin hat sich an der P\u00e4dagogik britischer Internate orientiert. Kann man das so sagen, Herr Gebauer?<\/p>\n<p>Gebauer: \u201eJa, an der Realit\u00e4t in der englischen Public School, wo Jugendliche der Oberklasse geformt wurden. Kinder der Reichen, die mit ihren Lehrern den modernen Sport erfunden haben, sich dabei und dadurch diszipliniert haben. Aber genau das zeigt die Feier bislang gerade nicht.\u201c<\/p>\n<p>&#8222;Mr. Bean mit Simon Rattle, sehr guter Einfall, gro\u00dfe Klasse, genau das hab ich mir von den Briten erhofft. \u00dcberhaupt bekommt es einen surrealistischen Touch: fliegende Gorillas, eine zehn Mieter gro\u00dfe Frau, viele Mary Poppins und fr\u00f6hliches Krankenhaus. Jetzt haben sie die Feier sch\u00f6n tief geh\u00e4ngt, genau richtig.&#8220;<\/p>\n<p><strong>22:30 <\/strong>Absprung Queen und Bond per Fallschirm: &#8222;Das ist echt witzig! Gute Idee.&#8220; (Gebauer)<\/p>\n<p>&#8222;Doch aus dem Queen-Begleiter Daniel Craig wurde pl\u00f6tzlich Jacques Rogge. Und als Bondgirl gleich neben dran: Dr. Thomas Bach.&#8220; (C. Spiller)<\/p>\n<p>&#8222;Aber das Fahnenhissen ist eine gro\u00dfe Entt\u00e4uschung. So viel Milit\u00e4r! Und alle Waffenkategorien vorhanden.&#8220; (Gebauer)<\/p>\n<p>&#8222;Interessant, hier werden die f\u00fcnf Ringe direkt aus der englischen Schwerindustrie hergeleitet. Die Engl\u00e4nder klauen bei den Franzosen. Oder sagen wir: Die Engl\u00e4nder eignen sich Geschichte an. Ich dachte, Fakes w\u00e4ren den Chinesen vorbehalten.&#8220; (Gebauer)<\/p>\n<p><strong>22:20<\/strong> Aus dem Programmheft: Ein bisschen Number Crunching aus dem Programmheft: 7.500 freiwillige Darsteller, 500 Lautsprecher (h\u00f6rt man!), im Innenraum liegen gerade 7.346 Quadratmeter Rasen. Still to come: 320 Betten, 10.490 Athleten, 120 Beats per Minute beim Einmarsch der Sportler (damit sie schneller laufen, kein Scherz) und 7 Milliarden Papierschnipsel, f\u00fcr jeden Erdenb\u00fcrger einen.<\/p>\n<p>Aber ehrlich gesagt: Bei Er\u00f6ffnungsfeiern komme ich recht schnell nicht mehr mit.<\/p>\n<p>Gebauer: \u201eOffenbar ist es wie immer: Die Macher wollen Englands Geschichte in neunzig Minuten zeigen. Schwierig. Und dann noch in einem Stadion. Jeder Akt der Darsteller ist symbolisch aufgeladen, und der Zuschauer hechtet nach der Bedeutung. Er ist mit dem Interpretationswahn \u00fcberfordert.\u201c<\/p>\n<p><strong>22:10<\/strong> Erstaunlich viel Cricket und Rugby bislang.<\/p>\n<p><strong>22:05 <\/strong>Bradley Wiggins, der englische Tour-de-France-Sieger, tritt in Gelb auf und l\u00e4utet eine Glocke. &#8222;Eine Geste mit bescheidenem symbolischem Gehalt. Au\u00dferdem ein totaler Missgriff. Tour de France und Olympia sind wie Feuer und Wasser. Wird das jetzt doch eine nationale Feier?&#8220; (Gebauer)<\/p>\n<p><strong>21:59 <\/strong>G\u00e4nse und K\u00fche laufen ins Stadion, und Poschmann redet von &#8222;Exzess&#8220;.<\/p>\n<p><strong>21:55<\/strong> ZON: Heute sendet das ZDF. Aus London. Nicht aus Usedom oder Helgoland etwa. Erleichert?<\/p>\n<p>Gebauer: &#8222;Ja, sehr. Wenn es festlich wird, sieht man Steinbrecher im Studio. Das bringt uns schon mal in eine feierliche Stimmung. Die Ruderin Kathrin Boron ist als Expertin am Mikro. Das sieht nach sportlicher Mitbestimmung aus. Aus der Luft sieht das Olympiagel\u00e4nde wie ein Rummelplatz aus, nicht wie eine Weihest\u00e4tte.&#8220;<\/p>\n<p><strong>21:40<\/strong> Gunter Gebauer ist nun da, sagt, die Erwartungen an diese Feier seien hoch. Welche Bedeutung haben denn Er\u00f6ffnungsfeiern generell?<\/p>\n<p><strong>Gebauer<\/strong>: &#8222;Urspr\u00fcnglich in der Geschichte der modernen Olmpischen Spiele waren Er\u00f6ffnungsfeiern ein zeremonieller Rahmen mit religi\u00f6sem Charakter. Wenn man aus dem Alltag heraustreten will, kann man durch ein Schwellenritual in eine Sonderwelt eintreten: Man tritt \u00fcber eine Schwelle aus dem profanen Leben in eine h\u00f6here Welt, wie man in der Kirche in einen Sakralraum tritt. Das war unter den Bedingungen der Moderne eine rituelle Last f\u00fcr die Olympischen Spiele.<\/p>\n<p>Los Angeles 1932 zum Beispiel war dem Totengedenken gewidmet, in Anspielung an das antike Olympia, dem auch eine Feier des toten Gottes Pelops bevorging. 1936 wurde Olympia zu einer religi\u00f6s-nationalistischen Feier erh\u00f6ht. M\u00fcnchen 1972 hingegen hat folkloristisch-bayrische Elemente in den Mittelpunkt gestellt, etwa Leute mit Lederhosen. Dadurch bekam das eine liebensw\u00fcrdigen, provinziellen Charakter. M\u00fcnchen eben.<\/p>\n<p>Andere St\u00e4dte wie Barcelona 1992 haben sich bem\u00fcht, historische Elemente (die Geschichte des Mittelmeerraums) in einer Themen-Show darzustellen. In Peking 2008 erlebten wir die R\u00fcckkehr zu Massenspektakel mit hochdisziplinierten Darstellern und einer fulminanten Technik-Show. Von London erwartet man sich den Verzicht auf historische und mythische Tiefgr\u00fcndelei, daf\u00fcr aber Witz, Popkultur, Understatement. Auf jeden Fall eine Mischung der verschiedenen Elemente, durch die Gro\u00dfbritannien immer wieder zu bezaubern wei\u00df (ein Beatle, Fu\u00dfballmodel, eine Queen, Farmtiere \u2026).&#8220;<\/p>\n<p><strong>21:17 <\/strong>Christian Spiller mailt mir gerade: &#8222;Truely international hier im Olympiastadion. Rechts neben mir sitzt der Kollege aus Katar, links ein Mexikaner, daneben zwei Scherzkekse aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, die ihre Visitenkarte gegen meine Kreditkarte tauschen wollten. Vor mir zwei Italiener, die nicht still sitzen k\u00f6nnen, daneben drei Nepalesen, die schon ein paar Gigabyte an Fotos geschossen haben. Ich glaube, das ist Olympia. Die ganze Welt auf kleinem Fleck?&#8220;<\/p>\n<p><strong>21:00<\/strong> Aus dem Stadion <a href=\"https:\/\/twitter.com\/zeitonlinesport\/status\/228921656410783744\">twittert<\/a> der Kollege Christian Spiller. Jens Weinreich <a href=\"http:\/\/www.jensweinreich.de\/2012\/07\/27\/london2012-ix-live-blog-eroffnungsfeier\/\">bloggt<\/a> von ebenda. Die <em>New York Times<\/em> stellt <a href=\"http:\/\/www.nytimes.com\/2012\/07\/27\/sports\/olympics\/from-the-5-rings-25-athletes-to-watch.html?pagewanted=1&amp;_r=1http:\/\/\" target=\"_blank\">die 25 wichtigsten Athleten<\/a> der aktuellen Spiele vor.<\/p>\n<p><strong>20:48<\/strong> Der zweiteilige Plan der Er\u00f6ffnungsfeier sieht folgendes vor: Teil 1 wird durch den Regisseur Danny Boyle (&#8222;Trainspotting&#8220;) gestaltet. In Teil 2 laufen die Nationen ins Stadion ein, angef\u00fchrt von Griechenland. Anschlie\u00dfend werden wir eine Ein-Satz-Rede der Queen und den Olympischen Eid durch einen Athleten, einen Trainer und einen Kampfrichter h\u00f6ren. Zum Schluss wird die Fackel hereingetragen und das Olympische Feuer entz\u00fcndet.<\/p>\n<p><em>Vorbemerkung<\/em><\/p>\n<p>Die Olympische Familie reist nach 1908 und 1948 zum dritten Mal nach London. Die angeblich schlechte Laune der Gastgeber scheint gewichen, und es gibt gute Anzeichen, dass es heitere Spiele werden \u2013 trotz aller Sicherheitsvorkehrungen und Militr\u00e4pr\u00e4senz und auch wenn der <em>Guardian<\/em> seinen olympiagefrusteten Usern seine Homepage <a href=\"http:\/\/blogs.journalism.co.uk\/2012\/07\/26\/guardian-gives-readers-option-to-hide-olympics-section-on-homepage\/\" target=\"_blank\">mit einem Klick<\/a> ganz ringfrei anbietet.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re ein begr\u00fc\u00dfenswerter Kontrast zu den beiden letzten Sommerspielen: 2004 in Athen schienen sich die Gastgeber nur f\u00fcr die heimischen Athleten zu interessieren, die Spiele 2008 litten unter dem Protz einer Diktatur.<\/p>\n<p>Den heutigen Fernsehabend begleitet die Frage: Wer wird die Olympische Flamme entz\u00fcnden? Als Favoriten handeln die englischen Zeitungen und Buchmacher: Sir Steven Redgrave, erfolgreichster Brite der Olympiageschichte und sechsfacher Sieger im Rudern, <a href=\"http:\/\/www.guardian.co.uk\/sport\/2012\/jul\/26\/london-2012-olympics-roger-bannister\">Sir Roger Bannister<\/a>, der Mann, der als erstes die Meile unter 4 Minuten lief, Daley Thompson, der Zehnk\u00e4mpfer, der J\u00fcrgen Hingsen in den Wahnsinn trieb, und David Beckham, dem Verdienste beim Zuschlag f\u00fcr die Londoner Bewerbung zugerechnet werden (und der f\u00fcr seine Nichtteilnahme bei dem Turnier entsch\u00e4digt werden k\u00f6nnte).<\/p>\n<p>Charmant f\u00e4nden wir auch, wenn die Engl\u00e4nder einen Flieger aus dem Zweiten Weltkrieg entsenden w\u00fcrden. Aber wenn wir einen Vorschlag machen d\u00fcrften: Wie w\u00e4rs mit John Cleese? Der hat zwar sportlich \u00fcberschaubare Verdienste, kann aber sch\u00f6n laufen und die Fackel auf den letzten Metern sicher w\u00fcrdig zum Ziel bringen:<\/p>\n<p><object width=\"540\" height=\"315\" classid=\"d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000\"><param name=\"allowFullScreen\" value=\"true\" \/><param name=\"allowscriptaccess\" value=\"always\" \/><param name=\"src\" value=\"http:\/\/www.youtube.com\/v\/a17QkZO4mkY?version=3&amp;hl=de_DE\" \/><param name=\"allowfullscreen\" value=\"true\" \/><\/object><\/p>\n<p>Wir bloggen die Er\u00f6ffnungsfeier aus der Berliner Redaktion live. Zu uns sto\u00dfen wird ab etwa 21.30 Uhr Gunter Gebauer, der viel gefragte Sportphilosoph. Wir freuen uns auf Ihre Kommentare.<\/p>\n<p>Halt, wir haben noch mal nachgeschaut. John Cleese hat doch eine sportliche Vergangenheit:<\/p>\n<p><object width=\"540\" height=\"315\"><param name=\"movie\" value=\"http:\/\/www.youtube.com\/v\/4wRwZrThGXI?version=3&amp;hl=de_DE\"><\/param><param name=\"allowFullScreen\" value=\"true\"><\/param><param name=\"allowscriptaccess\" value=\"always\"><\/param><\/object><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>01:45 Das Fazit \u00fcberlassen wir heute unserem Gast Gunter Gebauer: \u201eDie Show hat nach leichten Anlaufschwierigkeiten meine hohen Erwartungen erf\u00fcllt. London war das Gegengewicht zur Er\u00f6ffnungsfeier von Peking 2008. Das war zwar perfekt arrangiertes High-Tech, aber trug deutlich autorit\u00e4re Z\u00fcge. Die Feier in London war viel leichter, hatte viele tanzende Momente, witzige Momente. 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