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Naziparolen von der AfD

 

In Magdeburg wollten Neonazis mit einem Trauermarsch erneut an deutsche Opfermythen anknüpfen. Doch aus dem stolzen Marsch wurden wegen Corona nur eine schmale Kundgebung.

Von Hardy Krüger

Teilnehmer mit Fackeln beim Trauermarsch in Magdeburg © Hardy Krüger

Zunehmende Dunkelheit und flackerndes Licht umgibt strammstehende, überwiegend schwarz gekleidete Demonstranten. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, kaum zu erkennen, tragen Fahnen mit Frakturschrift und lodernde Fackeln. Das Geschehen ist angekündigt als Trauermarsch von Rechtsextremen – ein Ritual in der sachsen-anhaltinischen Hauptstadt Magdeburg: Neonazis gedenken dort alljährlich der Opfer der Bombardierung der Stadt im Zweiten Weltkrieg. Nicht aus Pazifismus, sondern um einen Opfermythos zu nähren.

Was normalerweise viele Ewiggestrige anzieht, wurde am Samstagabend zu einer vergleichsweise kleinen Veranstaltung. Unter den Bedingungen der Corona-Pandemie waren nur rund 100 Teilnehmer gekommen – gleichsam mit eindeutiger Botschaft: Von „Bombenterror“ war auf einem Banner der Partei Die Rechte aus Niedersachsen zu lesen. Für deren stellvertretenden Landesvorsitzenden Johannes Welge ist noch nicht einmal der Krieg zu Ende. Die „Brechung der Volksseele“ würde sich bis heute fortsetzen, sagte er in seiner Rede in Magdeburg.

Identität für die extreme Rechte

Zu der Veranstaltung aufgerufen hatte ursprünglich die anonyme Internetinitiative Ehrenhaftes Gedenken Magdeburg. Als Organisatoren vor Ort gaben sich jedoch bekannte Akteure aus der pegidaähnlichen Initiative Magida 2.0 sowie Funktionäre der NPD zu erkennen.

Die Aufrechterhaltung deutscher Opfermythen war innerhalb des rechtsextremen Milieus lange Zeit ein von der NPD dominiertes Leitthema. In Sachsen-Anhalt hat die Partei jedoch ihre Dominanz weitgehend eingebüßt. Magida-Akteure mit Beziehungen zum Neonazimilieu nahmen sich der Trauermarsch-Thematik an, während die NPD im Land immer weiter ausdünnt. Laut dem aktuellen Verfassungsschutzbericht sank die Anzahl ihrer Parteifunktionäre in Sachsen-Anhalt von 220 auf 150. Allerdings hat die „Zerstörung deutscher Städte am Ende des Zweiten Weltkrieges“ laut Analyse des Verfassungsschutzes in rechtsextremen Kreisen noch immer eine „stark identitätsstiftende Bedeutung“.

Neonazis im Aufwind

Vor allem die Neonationalsozialisten fühlten sich davon angesprochen. Deren Anzahl innerhalb der rechtsextremen Szene Sachsen-Anhalts sei zuletzt wieder angestiegen, nämlich von 240 auf 270. Zudem sei eine Gruppierung entstanden, „die dauerhafter agieren könnte“: die Nationalisten Magdeburg (NS MD).

Deutliche Spuren hinterließ die Gruppe bereits im Dezember 2019 an einer Kirche in Magdeburg: Dort wurden Hakenkreuze und das Gruppenlogo an die Wand gesprüht. Bei der Trauerveranstaltung in Magdeburg waren bekannte Akteure von NS MD ebenfalls präsent. Doch die Gruppe zeigt sich weit über die Grenzen ihrer Heimatstadt. Mitglieder nahmen im vergangenen Jahr – plakativ im eigenen Kameradschaftsdress – bei mehreren Aufzügen mit bundesweiter Bedeutung wie einer Demonstration des III. Wegs in Berlin oder bei Querdenken in Düsseldorf teil.

Corona-Verdruss statt stolzem Pathos

Die Teilnahme an Veranstaltungen von Corona-Verharmlosern zeigt die Position des sachsen-anhaltinischen Neonazimilieus innerhalb der Pandemie. Mit Querdenken-Anhängern arbeiteten sie bislang allerdings nicht zusammen. Dafür hatte die Pandemie einen einschneidenden Einfluss auf den sonst mit viel Pathos inszenierten angeblichen Trauermarsch: Das Marschieren durch die Stadt wurde von der Versammlungsbehörde nach vorheriger Beratung mit dem Gesundheitsamt untersagt. Der Weg zum Kundgebungsort geriet für die Neonazis außerdem zum Spießrutenlauf, weil mehrere Hundert Gegendemonstrantinnen und Gegendemonstranten mehrfach versuchten, den Anmarsch zu unterbinden.

Rechtsextremismus
Auf einem Kranz der AfD-Nachwuchsorganisation Junge Alternative ist die Rede von „Bombenterror“. © Hardy Krüger

Bereits am Vormittag hatten Vertreter von Stadt und Land sowie einzelner politischer Parteien Kränze an der Gedenkstätte für die Toten der Bombardierung niedergelegt. Auch die AfD und deren Nachwuchsorganisation Junge Alternative legten Kränze nieder. Per Twitter gab der Ortsverband der Partei bekannt, dass das Gedenken an die Toten eine Mahnung an die Lebenden sei: „Nie wieder Krieg, nie wieder Totalitarismus“. Auf der Kranzschleife der Jungen Alternative stach jedoch die Rhetorik vom „alliierten Bombenterror“ hervor – ein Ausdruck, den auch Neonazis gern nutzen.