{"id":11042,"date":"2013-01-13T12:27:09","date_gmt":"2013-01-13T11:27:09","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=11042"},"modified":"2013-01-13T15:34:32","modified_gmt":"2013-01-13T14:34:32","slug":"neonazi-gedenken-im-industriegebiet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2013\/01\/13\/neonazi-gedenken-im-industriegebiet_11042","title":{"rendered":"Neonazi-Gedenken im Industriegebiet"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_11031\" aria-describedby=\"caption-attachment-11031\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2013\/01\/13\/bildergalerie-naziaufmarsch-in-magdeburg_11024\/p1230396\" rel=\"attachment wp-att-11031\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-11031 \" alt=\"Immer wieder wurden Journalisten unter den Augen der Polizei bedroht und beschimpft \u00a9 Jesko Wrede\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2013\/01\/P1230396-300x200.jpg\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2013\/01\/P1230396-300x200.jpg 300w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2013\/01\/P1230396-1024x682.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-11031\" class=\"wp-caption-text\">Immer wieder wurden Journalisten unter den Augen der Polizei bedroht und beschimpft \u00a9 Jesko Wrede<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Der extrem rechte \u201eGedenkmarsch\u201c in Magdeburg hat offenbar seinen Zenit \u00fcberschritten: anders als erwartet, beteiligten sich nur rund 800 Neonazis an dem Aufmarsch durch Au\u00dfenbezirke der Landeshauptstadt von Sachsen Anhalt. Mehr als 12.000 Nazi-Gegner setzten mit verschiedenen Aktionen ein Signal gegen den mittlerweile 14. Aufmarsch in Magdeburg.<!--more--><\/p>\n<p>Schon am Samstagmorgen war es knapp 1.000 Personen gelungen in den Teil Magdeburgs \u00f6stlich der Elbe zu kommen: am Tag zuvor war die Marschroute der Neonazis \u00f6ffentlich geworden, die Polizei wollte offenbar die Elbe als Trennlinie nutzen. Ein Katz und Maus Spiel begann, das die Beh\u00f6rden dazu bewegte, die Route der Neonazis kurzfristig zu \u00e4ndern und den Aufmarsch in den S\u00fcden Magdeburgs zu verlegen. Zu der Entscheidung f\u00fchrte auch die gerichtliche Erlaubnis f\u00fcr Demonstrationen im Osten der Elbe. Damit waren die geplanten Massenblockaden gescheitert, viele Nazigegner erreichten den neuen Aufmarschort nicht mehr. Kurz nach 12.00 Uhr nahmen die ersten der am Hauptbahnhof versammelten Neonazis eine S-Bahn in Beschlag und wurden in Begleitung der Polizei in ein etwa sechs Kilometer entferntes Industriegebiet gebracht. Vorher hatten Neonazis auf dem Weg zum Bahnhof Gegendemonstranten angegriffen, w\u00e4hrend der Fahrt kam es zu verbalen Drohungen gegen Journalisten, die sich am Sammelpunkt in t\u00e4tlichen Angriffen fortsetzen &#8211; auch w\u00e4hrend des weiteren Aufmarschs ist eine aggressive Grundstimmung zu sp\u00fcren. Bereits nach wenigen hundert Metern stoppt der Aufmarsch f\u00fcr eine erste Zwischenkundgebung, sie wird im Hintergrund von Buhrufen, Pfeifen und Protesten begleitet. Ein Blick auf die personelle Zusammensetzung zeigt, dass die Szene bei ihrer Mobilisierung auch ohne die NPD auskommt: Parteifunktion\u00e4re sind rar, es \u00fcberwiegen die \u201eFreien Kr\u00e4fte\u201c, aus dem Ausland sind Neonazis aus den Niederlanden und Norwegen angereist.<\/p>\n<p><strong>Aufmarsch durch menschenleere Stra\u00dfen<\/strong><\/p>\n<p>Etwa f\u00fcnf Kilometer lang f\u00fchrt die Aufmarschstrecke an weitestgehend unbewohnten H\u00e4usern in den Stadtteilen Fermersleben und Salbke vorbei, durch die Stra\u00dfen schallt Richard Wagners \u201eG\u00f6tterd\u00e4mmerung\u201c in Dauerschleife. Zu einer weiteren Zwischenkundgebung kommt es vor dem \u201eLibert\u00e4ren Zentrum\u201c (Liz), das in der Vergangenheit des\u00f6fteren von Neonazis angegriffen worden war. Ans Mikrofon treten Andy Knape, der k\u00fcrzlich den Bundesvorsitz der \u201eJungen Nationaldemokraten\u201c (JN) \u00fcbernommen hatte, und Maik M\u00fcller aus Dresden, der im Februar 2012 den fehlgeschlagenen Fackelmarsch in Dresden organisiert hatte. Von ihren Reden ist nicht viel zu verstehen, denn aus dem Liz schallt laute Musik auf die Stra\u00dfe, Trillerpfeifen und ohrenbet\u00e4ubender L\u00e4rm von Kochtopf- und Geschirrgeklapper schaffen es fast, die Lautsprecher zu \u00fcbert\u00f6nen. Rund eine Stunde sp\u00e4ter nehmen die Neonazis unter einer Br\u00fccke am S-Bahnhof S\u00fcdost Aufstellung f\u00fcr ihre Abschlusskundgebung mit Daniel Weigl, Kader des \u201eFreien Netz S\u00fcd\u201c und ehemaliger Vorsitzender der NPD Oberpfalz. Als Organisator Andreas Biere schlie\u00dflich mit Trommelbegleitung zur \u201eGedenkzeremonie\u201c aufruft, werden zwar die M\u00fctzen gezogen. Ergriffenheit will aber nicht aufkommen und auch die entz\u00fcndeten Fackeln entfalten bei Tageslicht ihre Wirkung nicht. Knapp f\u00fcnf Stunden nach dem Beginn ihrer Veranstaltung geht es f\u00fcr die Neonazis mit den S-Bahnen anschlie\u00dfend zum Hauptbahnhof und zu ihren Bussen, in Magdeburg ist zumindest dieser braune Spuk f\u00fcr dieses Jahr erst einmal vorbei, einen weiteren Aufmarsch in sieben Tagen haben die Neonazis abgesagt.<\/p>\n<p><strong>Gr\u00f6\u00dfter Polizeieinsatz in Sachsen Anhalt<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Neonazis durch den Magdeburger S\u00fcden zogen, beteiligten sich \u00fcber 160 Initiativen, Gruppen, Vereine und Parteien an der f\u00fcnften \u201eMeile der Demokratie\u201c und verhinderten damit einen Aufmarsch in der Innenstadt. Die Magdeburger Polizei war mit etwa 2.000 Beamten im Einsatz und spricht von einem der gr\u00f6\u00dften Eins\u00e4tze in der Geschichte des Landes. Unterst\u00fctzung kam aus neun weiteren Bunsl\u00e4ndern, im Einsatz waren unter anderem zwei Reiterstaffeln, Wasserwerfer und ein Hubschrauber. Das B\u00fcndnis \u201eMagdeburg Nazifrei\u201c kritisierte die Polizeitaktik und den Einsatz scharf: eine \u201ePolitik der Desinformation\u201c habe es den Nazigegnern erschwert, ihrem Protest in N\u00e4he der Route Ausdruck zu verleihen. Bereits acht Kilometer n\u00f6rdlich des Aufmarsch habe die Polizei in der Innenstadt Gruppen mit Pfefferspray, Wasserwerfer und Kn\u00fcppel aufgehalten. Augenzeugen berichten auch von Verfolgungen vermeintlicher Autonomer auf der Meile der Demokratie, bei denen Vertreter b\u00fcrgerlicher Organisationen Blessuren davon trugen. Auch beim Einsatz gegen eine Demonstration zum Hauptbahnhof nach dem Abschluss des Neonaziaufmarschs griff die Polizei handgreiflich durch und sorgte f\u00fcr mindestens eine Verletzte.<\/p>\n<p><strong>Ignorieren statt eingreifen?<\/strong><\/p>\n<p>Anders f\u00e4llt die Betrachtung des polizeilichen Verhaltens w\u00e4hrend des Neonazi-Aufmarschs aus. Dies beginnt bei der S-Bahn Fahrt ins Industriegebiet, als Polizisten sich in den ersten Sock des Waggons zur\u00fcck ziehen und die Fahrg\u00e4ste einer \u00dcbermacht von aggressiven Neonzis ausliefern. Auch t\u00e4tliche Angriffe auf das Mitglied eines Kamerateams werfen bei Beamten wenig sp\u00e4ter die Frage auf \u201eHaben wir hier ein Konfliktmanagement-Team?\u201c. Bei anderen Handgreiflichkeiten, Provokationen und Gewaltandrohungen mussten die Betroffenen die Beamten vor Ort erst auf ihre Aufgaben hinweisen, bevor sie eingriffen. Gleiches gilt f\u00fcr den Umgang mit Anti-Antfa-Fotografen, die dreist und offensichtlich Nazi-Gegener und Journalisten in den Fokus nahmen. Und nicht nur die Entscheidung, dunkelh\u00e4utige Bahnreisende ohne Polizeischutz durch einen Neonazimob im Magdeburger Hauptbahnhof zu schicken, wirft Fragen nach der Sensibilit\u00e4t der Polizei auf. Auch bei den Abschlussworten von Andreas Biere \u201eIn Treue fest\u201c h\u00e4tten die Alarmglocken l\u00e4uten m\u00fcssen, immerhin zitierte der Neonazi damit eindeutig den nationalsozialistischen \u201eDeutschen Schwur\u201c, urspr\u00fcnglich zu &#8222;In Treue fest zum F\u00fchrer&#8220; verk\u00fcrzt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der extrem rechte \u201eGedenkmarsch\u201c in Magdeburg hat offenbar seinen Zenit \u00fcberschritten: anders als erwartet, beteiligten sich nur rund 800 Neonazis an dem Aufmarsch durch Au\u00dfenbezirke der Landeshauptstadt von Sachsen Anhalt. 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