{"id":12590,"date":"2013-04-14T13:01:15","date_gmt":"2013-04-14T11:01:15","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=12590"},"modified":"2013-04-14T13:01:15","modified_gmt":"2013-04-14T11:01:15","slug":"weltnetz-heimatseite-fratzenbuch-die-naziszene-im-netz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2013\/04\/14\/weltnetz-heimatseite-fratzenbuch-die-naziszene-im-netz_12590","title":{"rendered":"&#8222;Weltnetz, Heimatseite, Fratzenbuch&#8220; &#8211; die Naziszene im Netz"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_1451\" aria-describedby=\"caption-attachment-1451\" style=\"width: 580px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2009\/09\/17\/was-tun-gegen-nazi-propaganda-im-netz_1442\/internetnazis-artikel-410\" rel=\"attachment wp-att-1451\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1451\" alt=\"Keine Seltenheit - Nazivideos auf Youtube   \u00a9 Getty Images\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2009\/09\/internetnazis-artikel-410.jpg\" width=\"580\" height=\"282\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2009\/09\/internetnazis-artikel-410.jpg 410w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2009\/09\/internetnazis-artikel-410-300x146.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 580px) 100vw, 580px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1451\" class=\"wp-caption-text\">Keine Seltenheit &#8211; Nazivideos auf Youtube \u00a9 Getty Images<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Rechtsextremisten jeder Couleur nutzen das Internet \u2013 f\u00fcr Propaganda, Nachwuchswerbung und Vernetzung. Und sie werden dabei immer professioneller. Ein \u00dcberblick.<!--more--><\/p>\n<p>Das Logo war in knalligem Orange gehalten, der Werbeslogan keck: \u201eNetzspeicher24.de \u2013 der etwas andere Speicherplatz\u201c. Das Projekt sollte ein Problem l\u00f6sen, mit dem Neonazis immer wieder konfrontiert sind: Webhoster, also die gro\u00dfen Vermieter von Speicherplatz f\u00fcr Internetseiten, k\u00fcndigen oft die Vertr\u00e4ge, sobald sie rechtsextreme Inhalte auf einer Seite bemerken. Ein junger Neonazi aus Jena startete deshalb vor knapp zehn Jahren einen eigenen Hostingservice. \u201eEventuell erwirtschaftete \u00dcbersch\u00fcsse\u201c, versprach er, \u201eflie\u00dfen selbstverst\u00e4ndlich wieder in die politische Arbeit.\u201c Sein Name: Ralf Wohlleben. Damals kannte kaum jemand den gelernten Informatiker, heute ist er bundesweit in den Medien: Ab kommender Woche steht Wohlleben in M\u00fcnchen als wohl wichtigster Unterst\u00fctzer des rechtsterroristischen NSU vor Gericht.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Beate Zsch\u00e4pe, Uwe B\u00f6hnhardt und Uwe Mundlos in den Untergrund gingen, versuchte ihr Jugendfreund Wohlleben den \u201elegalen Kampf\u201c. Er startete ein rechtes Hausprojekt, organisierte Neonazi-Konzerte, wurde NPD-Landesvize in Th\u00fcringen \u2013 und dass er seine Zeit auch ins Internet steckte, war alles andere als Zufall oder private Vorliebe: Das Web ist seit Jahren ein zentrales Aktionsfeld von Rechtsextremen. Es ist ein preiswertes und weit reichendes Kommunikationsmittel \u2013 anders als fr\u00fcher braucht man heute keine Druckmaschinen mehr, um Propaganda zu verbreiten.<\/p>\n<p>Die \u00d6ffentlichkeit ist oft \u00fcberrascht, wenn sie im Internet auf professionell gemachte Neonazi-Websites st\u00f6\u00dft. Wieso eigentlich? Rechtsextreme waren bei der Nutzung neuer Medien schon immer vorn dabei. Der Aufstieg der NSDAP gelang einst auch dank moderner Kommunikationstechniken, das Dritte Reich h\u00e4tte ohne Volksempf\u00e4nger kaum funktioniert. Die fr\u00fche NPD verbl\u00fcffte bei ihrer ersten Erfolgswelle in den sechziger Jahren mit schlagkr\u00e4ftigen Wahlk\u00e4mpfen. Schon 1992 startete sie einen Info-Dienst im Btx-Service der Bundespost, und sofort nach seinem Amtsantritt 1996 erkl\u00e4rte der damalige NPD-Chef Udo Voigt \u201edie verst\u00e4rkte Nutzung\u201c des Internets zu einem \u201eHauptziel der Partei\u201c. Auch der Rest der Szene erkannte das Potenzial des Webs fr\u00fch. Anfang der neunziger Jahre entstand das \u201eThule Netz\u201c, ein Verbund von Computer-Mailboxen, in den sich Rechtsextreme per Modem einw\u00e4hlen und so Daten austauschen konnten.<\/p>\n<p>\u00dcber die Jahre wuchs die Zahl rechtsextremer Websites rasant (allerdings, wie gern \u00fcbersehen wird, langsamer als das Internet insgesamt). Laut der Beobachtungsstelle Jugendschutz.net gibt es derzeit rund 1700 Seiten, allein die NPD unterhalte knapp 250, mehr als 160 einschl\u00e4gige Versandh\u00e4user seien online. Neonazis verbreiten ihre Filme auf Youtube. Beim Online-Radio LastFM haben Szene-Bands Profile. Die NPD twittert von ihren Bundesparteitagen. Eigentlich gibt es nur eine Sache, die Rechtsextreme am Netz st\u00f6rt: die Anglizismen. Sie nennen es lieber \u201eWeltnetz\u201c und versenden \u201eE-Post\u201c, ihre \u201eHeimatseiten\u201c lassen sie nicht von Webmastern pflegen, sondern von \u201eNetzmeistern\u201c.<\/p>\n<p>Nicht alle Neonazis \u2013 man muss das offenbar immer wieder betonen \u2013 sind tumbe, arbeitslose Jugendliche. Au\u00dfer Wohlleben gab und gibt es in der Szene eine Reihe von Computer- und Video-Freaks. NPD-Pressesprecher Frank Franz beispielsweise besitzt eine Internetfirma. Aktivisten aus den Reihen der Autonomen Nationalisten haben eine eigene Blog-Plattform aufgebaut, deren Server in den USA stehen und so f\u00fcr deutsche Sicherheitsbeh\u00f6rden nicht greifbar sind. Unter Strassenkunst.info zeigen sich Neonazi-Sprayer gegenseitig ihre neuesten Werke, etwa SS-Parolen im Graffiti-Stil.<\/p>\n<p>Vor mittlerweile knapp zwei Jahren machten die sogenannten \u201eUnsterblichen\u201c im Netz Furore: ein geschickt geschnittener Clip einer n\u00e4chtlichen Demonstration im s\u00e4chsischen Bautzen, unterlegt mit dem Soundtrack des Hollywood-Films \u201eMatrix\u201c. Die Aktion sollte auf das angebliche Aussterben des deutschen Volkes hinweisen. Durch die \u00c4sthetik gelang den Flashmobbern, was Werbeprofis als Viralmarketing bezeichnen: Das Video war so eindrucksvoll, dass es weitergemailt und in sozialen Netzwerken gepostet wurde. Selbst nichtrechte Jugendliche, das lie\u00dfen viele Kommentare erahnen, waren gefesselt von den geradezu mystisch inszenierten Bildern. Ein Theorietext zum Nationalen Sozialismus h\u00e4tte nur einen Bruchteil des Publikums erreicht.<\/p>\n<p>Das Web ist f\u00fcr Neonazis ein direkter Draht zur Jugend. Mit wenigen Klicks k\u00f6nnen Szene-Versandh\u00e4user den ganzen Kosmos von rechtsextremer Musik und Kleidung \u00f6ffnen. Der gr\u00f6\u00dfte Vorteil: Dort k\u00f6nnen versprengte Einzelk\u00e4mpfer zusammenfinden und die wohlige W\u00e4rme einer gleichgesinnten Gemeinschaft sp\u00fcren (w\u00e4hrend sie im realen Leben an den meisten Orten ja gl\u00fccklicherweise immer noch auf einsamem Posten stehen).<\/p>\n<p>Um neue Anh\u00e4nger zu erreichen, sind Mainstream-Portale wie Facebook das beste Mittel. Obwohl ihnen das Netzwerk wegen seines j\u00fcdischen Gr\u00fcnders Mark Zuckerberg eigentlich suspekt ist, sind Rechtsextremisten dort hyperaktiv \u2013 von verschw\u00f6rungsgl\u00e4ubigen Islamhassern bis zur offiziellen Parteiseite der NPD, von nordischen Rassisten (mit Profilnamen wie \u201eEiserne W\u00f6lfin\u201c) bis zu offenen Neonazis (\u201eAdolf88\u201c). Live und in Farbe kann man ihnen beim Agitieren zuschauen: So wird das emotionale Thema Kindesmissbrauch geschickt instrumentalisiert, um Ressentiments gegen den vermeintlich tatenlosen Rechtsstaat zu sch\u00fcren, Migranten als besonders h\u00e4ufige T\u00e4ter zu pr\u00e4sentieren und NPD-Forderungen (\u201eTodesstrafe f\u00fcr Kindersch\u00e4nder\u201c) unters Volk zu bringen. Kaum ein Thema ist bei Rechtsextremen so beliebt, um auf Facebook zu agitieren \u2013 reihenweise gr\u00fcndeten sie in den vergangenen Jahren Gruppen zum Thema Kindesmissbrauch und erreichten damit bis zu 240 000 Fans. Simone Rafael vom Projekt no-nazis.net sagt: \u201eDie NPD ist in der Nutzung der interaktiven M\u00f6glichkeiten des Web 2.0 viel weiter als die demokratischen Parteien.\u201c<\/p>\n<p>Seit einigen Monaten schwappt eine neue Welle durch das Netz: \u201edie Identit\u00e4ren\u201c. Diese selbst ernannte Bewegung, aus Frankreich kommend, will gegen eine vermeintliche \u00dcberfremdung Deutschlands und des \u201ewei\u00dfen\u201c Europas protestieren. Die Macher versuchen, offenen Rassismus zu vermeiden. Sie geben vor, nur die kulturelle Identit\u00e4t gegen den Islam zu verteidigen \u2013 dabei ist deren Homogenit\u00e4t genauso eine Fiktion wie die rassisch reine Volksgemeinschaft. Fast 50 Ortsgruppen der \u201eIdentit\u00e4ren\u201c haben mittlerweile ein Facebook-Profil \u2013 aber offenbar kaum mehr als das. Sie liken sich gegenseitig und tauschen Bildchen. Doch kaum ein Follower traut sich in die reale Welt. Als k\u00fcrzlich ein paar Jungs in der Bezirksverordnetenversammlung Reinickendorf ein Transparent gegen ein geplantes Asylbewerberheim entrollten, wurde das tagelang gefeiert.<\/p>\n<p>Bisweilen gehen rechtsextreme Facebook-Aktivit\u00e4ten aber auch nach hinten los. Als sich vor zwei Jahren Neonazis heimlich zu einem Aufmarsch in Berlin-Kreuzberg verabreden wollten, verplapperte sich ein Kamerad. Offenbar \u00fcberfordert von der Unterscheidung zwischen privaten und \u00f6ffentlichen Bereichen, postete er seine Vorfreude auf der offenen Pinnwand eines anderen Neonazis. So waren Gegendemonstranten alarmiert \u2013 und durchkreuzten die sch\u00f6nen Pl\u00e4ne mit einer Sitzblockade.<\/p>\n<p>Auch die Internet-Aktivit\u00e4ten von Ralf Wohlleben endeten im Desaster. Zwar schl\u00fcpften etliche Websites bei ihm unter, doch um f\u00fcr deren Sicherheit zu sorgen, reichte Wohllebens Kompetenz offenbar nicht. Mehrfach wurde Netzspeicher24.de von Antifa-Hackern geknackt \u2013 und war bald wieder offline.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rechtsextremisten jeder Couleur nutzen das Internet \u2013 f\u00fcr Propaganda, Nachwuchswerbung und Vernetzung. Und sie werden dabei immer professioneller. 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