{"id":12860,"date":"2013-05-15T19:45:10","date_gmt":"2013-05-15T17:45:10","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=12860"},"modified":"2013-05-22T15:38:24","modified_gmt":"2013-05-22T13:38:24","slug":"neue-gefahr-neonazis-als-journalisten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2013\/05\/15\/neue-gefahr-neonazis-als-journalisten_12860","title":{"rendered":"Neue Gefahr: Neonazis geben sich als Journalisten aus"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_12871\" aria-describedby=\"caption-attachment-12871\" style=\"width: 580px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2013\/05\/15\/neue-gefahr-neonazis-als-journalisten_12860\/bild-2-2\" rel=\"attachment wp-att-12871\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-12871 \" alt=\"In Berlin weisen sich am 1. Mai mehrere rechtsextreme Fotografen mit Presseausweisen aus, Foto: Publikative.org\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2013\/05\/Bild-21.jpg\" width=\"580\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2013\/05\/Bild-21.jpg 580w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2013\/05\/Bild-21-300x155.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 580px) 100vw, 580px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-12871\" class=\"wp-caption-text\">In Berlin weisen sich am 1. Mai mehrere rechtsextreme Fotografen mit Presseausweisen aus \u00a9 Publikative.org<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Journalisten sind f\u00fcr Neonazis nicht nur ein erkl\u00e4rtes Feindbild. Gerade in der letzten Zeit geben sich Rechtsextremisten immer \u00f6fter als Journalisten aus, um einerseits Fotos f\u00fcr \u201eAnti-Antifa-Karteien\u201c anfertigen zu k\u00f6nnen und anderseits Journalisten einsch\u00fcchtern und an ihrer Arbeit hindern zu k\u00f6nnen. Der DJV zeigt sich alarmiert.<!--more--><\/p>\n<p><em>Von Felix M. Steiner und Johannes Hartl<\/em><\/p>\n<p>Egal ob Demonstrationen, Kundgebungen oder Parteitage \u2013 kritische Journalisten sind bei Rechtsextremen nicht gern gesehen. Sie werden angep\u00f6belt, bedroht oder attackiert. Dies betrifft vor allem Fachjournalisten, die seit Jahren kritisch \u00fcber Rechtsextremismus berichten. Auch Andrea R\u00f6pke kennt die<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_12876\" aria-describedby=\"caption-attachment-12876\" style=\"width: 200px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2013\/05\/15\/neue-gefahr-neonazis-als-journalisten_12860\/bild-1-3\" rel=\"attachment wp-att-12876\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-12876\" alt=\"Ordner einer NPD-Demonstration behindert Journalisten, Foto: Publikative.org\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2013\/05\/Bild-11-200x300.jpg\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2013\/05\/Bild-11-200x300.jpg 200w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2013\/05\/Bild-11-682x1024.jpg 682w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2013\/05\/Bild-11.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-12876\" class=\"wp-caption-text\">Ordner einer NPD-Demonstration behindert Journalisten, Foto: Publikative.org<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Anfeindungen der Neonaziszene genau. Als Journalistin ist sie seit vielen Jahren auf rechtsextremen Veranstaltungen unterwegs. \u201eEs geht eigentlich nicht eine Demo ohne \u00c4rger gegen Fotografen oder der Neonazi-Szene bekannte Berichterstatter ab. Da wird geschubst, die Sicht verstellt, gedroht, gespuckt &#8211; das ganze Repertoire.\u201c, beschreibt die Fachjournalistin ihre Erfahrungen. Dahinter steckt vor allem auch der Versuch der Szene, die nach au\u00dfen dringende Darstellung selbst genau kontrollieren zu wollen. So wurde in den letzten Jahren der Slogan \u201eDie Presse l\u00fcgt\u201c zur g\u00e4ngigen Antwort der Szene auf die meisten Pressenachfragen. Noch gef\u00e4hrlicher ist die Recherche bei konspirativ geplanten oder sogar illegalen Veranstaltungen. Zuletzt war es der Journalist Thomas Kuban, der durch seine Recherchen im Rechtsrockmilieu f\u00fcr Aufsehen sorgte. Seine Bilder entstanden unter Lebensgefahr und zeigten das Innenleben einer menschenverachtenden Szene mit all ihrem Hass. Auch der Deutsche Journalisten Verband (DJV) kennt diese Gefahren. \u201eDie Gefahren f\u00fcr Journalisten, die kritisch \u00fcber den Rechtsextremismus berichten, sind erheblich. Es gibt bei Rechtsextremisten keine Akzeptanz f\u00fcr kritische Berichterstattung\u201c, sagt der Pressesprecher des DJV, Hendrik Z\u00f6rner. Hinter der Ablehnung einer freien Presseberichterstattung steckt nicht zuletzt auch die Ablehnung von Demokratie und Parlamentarismus, meint Andrea R\u00f6pke: \u201eWir sind \u201aSystempresse\u2018, so formulierte es mal einer der Anf\u00fchrer, und geh\u00f6ren ins Lager der Todfeinde.\u201c Besonders problematisch sind die \u00dcbergriffe auf Journalisten, die unter den Augen der Polizei stattfinden. Die Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit der Polizei unterscheiden sich dabei oft erheblich. Zahlreiche Fachjournalisten berichten mittlerweile auch von \u00dcbergriffen, bei denen die Polizei gar nicht oder erst auf Nachfrage einschreitet. Auch R\u00f6pke kennt diese Situationen: \u201eUnd meistens ist es so, dass Polizeibeamte daneben stehen, wegschauen oder sogar sagen: \u201aDie Herrschaften m\u00f6chten nicht, dass Sie fotografieren!\u2018\u201c<\/p>\n<p><strong>Rechtsextreme Regionalzeitungen als Informationsquelle<\/strong><\/p>\n<p>Jenseits der \u201eFreien Kameradschaften\u201c und der \u201eAutonomen Nationalisten\u201c ist es vor allem die NPD, die auf eine positive Au\u00dfendarstellung angewiesen ist. Besonders seit dem Einzug in die Parlamente versucht die Parteif\u00fchrung ihr b\u00fcrgerliches Bild in der \u00d6ffentlichkeit zu st\u00e4rken. Nicht zuletzt steckt auch hinter Holger Apfels Konzept der \u201eseri\u00f6sen Radikalit\u00e4t\u201c der Wunsch, sich nach au\u00dfen ohne Szenekleidung oder Szenerhetorik zu pr\u00e4sentieren. Auch hier wird\u00a0versucht die Kontrolle \u00fcber die Au\u00dfendarstellung nicht aus den H\u00e4nden zu geben. Um dies glaubw\u00fcrdig zu vertreten, hat die Parteif\u00fchrung in den letzten Jahren immer wieder einzelne Parteitage teils f\u00fcr die Presse ge\u00f6ffnet. Zumindest f\u00fcr einige Journalisten. Fachjournalisten wie Andrea R\u00f6pke m\u00fcssen dennoch meist drau\u00dfen bleiben. \u201eAusgew\u00e4hlte gro\u00dfe TV-Teams zum Beispiel werden dann begleitet, bekommen Ansprechpartner zugewiesen und d\u00fcrfen von dort berichten, wo wir als Freie dann von den Ordnern offen rausgeschmissen werden\u201c, berichtet R\u00f6pke. Neben der Reglementierung einer freien Berichterstattung versucht die NPD eigene Publikationen zu schaffen. Diese sollen \u2013 vor allem auf kommunaler Ebene \u2013 die Verbreitung von Partei-Ideologie ohne kritische Berichterstattung erm\u00f6glichen. In den letzten Jahren hat die Partei verst\u00e4rkt Regionalzeitungen herausgegeben, welche in die L\u00fccke einer r\u00fcckl\u00e4ufigen Presselandschaft zu sto\u00dfen versuchen. Allein in Th\u00fcringen gibt es f\u00fcr diese \u201eGraswurzelarbeit\u201c bereits zehn NPD-Bl\u00e4ttchen. Hier kann dann ein regionales Thema mit der dazugeh\u00f6rigen Ideologie unter das Volk gebracht werden. Besonders in l\u00e4ndlichen Strukturen eine Tendenz, die es im Auge zu behalten gilt.<\/p>\n<p><strong>Neonazis mit Presseausweisen<\/strong><\/p>\n<p>Doch in letzter Zeit ist noch ein weiteres Ph\u00e4nomen zu beobachten: Neonazis als vermeintliche Journalisten. In Bayern zum Beispiel versuchten Neonazis zuletzt immer wieder als Journalisten aufzutreten. Kennern der Szene sind mehrere F\u00e4lle bekannt, in denen Rechtsextreme mit Presseausweisen ausgestattet waren und so teilweise m\u00fchelos Polizeiketten durchqueren konnten. Vor allem so genannte Anti-Antifa-Fotografen des \u201eFreien Netzes S\u00fcd\u201c agieren mit Presseausweisen ungest\u00f6rt und k\u00f6nnen h\u00e4ufig unbeobachtet von der Polizei antifaschistisch engagierte B\u00fcrger ablichten.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_12865\" aria-describedby=\"caption-attachment-12865\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2013\/05\/15\/neue-gefahr-neonazis-als-journalisten_12860\/bild-3\" rel=\"attachment wp-att-12865\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-12865\" alt=\"Immer wieder fotografieren Anti-Antifa-Fotografen Journalisten, um sie einzusch\u00fcchtern, Foto: Kai Budler\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2013\/05\/Bild-3-300x199.jpg\" width=\"300\" height=\"199\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2013\/05\/Bild-3-300x199.jpg 300w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2013\/05\/Bild-3.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-12865\" class=\"wp-caption-text\">Immer wieder fotografieren Anti-Antifa-Fotografen Journalisten, um sie einzusch\u00fcchtern, Foto: Kai Budler<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Doch nicht nur das Ablichten von politischen Gegnern z\u00e4hlt zur Aufgabe der rechtsextremen Fotografen. Diese sch\u00fcchtern auch gezielt Journalisten ein und versuchen deren Film- und Fotoaufnahmen durch herumschubsen, vor die Kamera stellen oder schlicht und einfach subtile Bedrohungen zu verhindern. Besonders deutlich wurde diese Strategie im Vorfeld des neonazistischen 1. Mai des \u201eFreien Netzes S\u00fcd\u201c. Bei der Propagandatour anl\u00e4sslich des j\u00e4hrlichen Aufmarsches, der dieses Jahr in W\u00fcrzburg stattgefunden hat, grenzten sich bekannte Anti-Antifa-Fotografen bewusst von den \u201eKameraden\u201c im uniformierten 1. Mai-T-Shirt ab und hielten eine bestimmte Distanz zu den anderen rechtsextremen Veranstaltungsteilnehmern ein. Ausgestattet mit professionellen Kameras und Objektiven konnten sie so anwesende Gegendemonstranten fotografieren.<\/p>\n<p>Diese Strategie zeichnet sich bereits seit l\u00e4ngerer Zeit ab. Mehrere Vorf\u00e4lle, in denen Neonazis als vermeintliche Pressevertreter auftreten, sind in Bayern inzwischen bekannt. So gelangte bei der Gerichtsverhandlung gegen den Ottobrunner Neonazi Norman Bordin und Philipp G. ein bekannter Neonazi aus dem Raum M\u00fcnchen erfolgreich in die reservierten Pressepl\u00e4tze und konnte gegen\u00fcber Journalisten eine regelrechte Drohkulisse aufbauen, weil er sich zuvor bei den Justizbeamten mit einem Presseausweis als vermeintlicher Journalist ausgab.<\/p>\n<p>Dass Neonazis dabei so ungest\u00f6rt agieren und ihre \u201eAnti-Antifa-Archive\u201c f\u00fcllen k\u00f6nnen, wird f\u00fcr engagierte Personen zusehends zu einem gro\u00dfen Problem. Prinzipiell jeder, der sich gegen Rechtsextremismus engagiert, muss mittlerweile bef\u00fcrchten, \u00f6ffentlich mit Bild und einem diffamierenden Text auf Nazi-Websites angeprangert zu werden. Ziel dieser so genannten Outing-Artikel ist es, die Betroffenen einzusch\u00fcchtern, zu demoralisieren und ihren Ruf \u00f6ffentlich zu zerst\u00f6ren. Engagierte B\u00fcrger sollen dadurch gezielt psychisch unter Druck gesetzt und zum Aufgeben bewegt werden. In vielen F\u00e4llen wird die Bebilderung solcher Artikel allerdings \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich, weil \u201eAnti-Antifa-Fotografen\u201c von Seiten der Polizei immer wieder derart viel Freiraum einger\u00e4umt bekommen, kritisieren Betroffene regelm\u00e4\u00dfig.<\/p>\n<p><strong>DJV zeigt sich beunruhigt<\/strong><\/p>\n<p>Auch der DJV ist durch diese Entwicklung beunruhigt. \u201eDas verurteilen wir auf das Sch\u00e4rfste. Offenbar versuchen Nazis, auf diese Weise durch Polizeiabsperrungen zu gelangen oder an Informationen zu kommen, die die Polizei den Medien gibt.\u201c, sagt Hendrik Z\u00f6rner. Au\u00dferdem informiere der Verband jedes Jahr die Polizeibeh\u00f6rden \u00fcber den aktuell g\u00fcltigen Presseausweis. Doch die konkrete Erfahrung vor Ort zeigt, dass viele eingesetzte Beamte von der Vielzahl unterschiedlicher Presseausweise h\u00e4ufig \u00fcberfordert sind und auch auf Hinweise kaum reagieren.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"http:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/6463f97920714d1d8c2bc243f11b04f2\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Journalisten sind f\u00fcr Neonazis nicht nur ein erkl\u00e4rtes Feindbild. Gerade in der letzten Zeit geben sich Rechtsextremisten immer \u00f6fter als Journalisten aus, um einerseits Fotos f\u00fcr \u201eAnti-Antifa-Karteien\u201c anfertigen zu k\u00f6nnen und anderseits Journalisten einsch\u00fcchtern und an ihrer Arbeit hindern zu k\u00f6nnen. 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