{"id":13457,"date":"2013-07-05T15:40:07","date_gmt":"2013-07-05T13:40:07","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=13457"},"modified":"2013-07-05T18:35:45","modified_gmt":"2013-07-05T16:35:45","slug":"mehr-als-nur-gedenken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2013\/07\/05\/mehr-als-nur-gedenken_13457","title":{"rendered":"Mehr als nur Gedenken"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_13458\" aria-describedby=\"caption-attachment-13458\" style=\"width: 580px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2013\/07\/05\/mehr-als-nur-gedenken_13457\/kundgebung-mehmet-turgut\" rel=\"attachment wp-att-13458\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-13458 \" alt=\"Kundgebung im vor der B\u00fcrgerschaftssitzung \u00fcber den Entscheid einer Gedenkst\u00e4tte Marcus S\u00fcmnick\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2013\/07\/20130619-Kundgebung-Mehmet-Turgut-006.jpg\" width=\"580\" height=\"387\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2013\/07\/20130619-Kundgebung-Mehmet-Turgut-006.jpg 580w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2013\/07\/20130619-Kundgebung-Mehmet-Turgut-006-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 580px) 100vw, 580px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-13458\" class=\"wp-caption-text\">Kundgebung im vor der B\u00fcrgerschaftssitzung \u00fcber den Entscheid einer Gedenkst\u00e4tte \u00a9 Marcus S\u00fcmnick<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Vor beinahe zehn Jahren wurde Mehmet Turgut in Rostock vom sogenannten Nationalsozialistischen Untergrund ermordet, im Jahr 2011 flog dieser auf. Als letzte der von der Mordserie betroffenen St\u00e4dte wird nun auch Rostock einen Gedenkort errichten \u2013 nach z\u00e4hem Ringen um die richtige Form und Angst vor der Entscheidung. Hatte die Hansestadt gute Gr\u00fcnde, verschlafen oder doch ein Problem mit ihrer Erinnerungskultur?<!--more--><\/p>\n<p><em>Von Annika Riepe und Alex Hintze<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Montag, 17. Juni 2013, 16:30 Uhr: Es sind noch zwei Tage bis zur Rostocker B\u00fcrgerschaftssitzung, in der \u00fcber Art und Weise des st\u00e4dtischen Gedenkens an Mehmet Turgut entschieden werden soll. Seit dem Mord an Turgut sind 3.400 Tage vergangen, 588 Tage seit Auffliegen des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) und 139 Tage seit dem ersten Zusammentritt jener AG, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, ein w\u00fcrdiges Gedenken an den Ermordeten zu erarbeiten.<\/p>\n<p>Mehmet Turgut wurde im Februar 2004 das wahrscheinlich f\u00fcnfte Opfer des NSU. Er hatte f\u00fcr einen Freund dessen Kiosk im Rostocker Stadtteil Toitenwinkel aufgeschlossen, in dem er kurz darauf erschossen wurde. Wie bei den anderen Opfern zog die Polizei auch in Turguts Falls kein rechtsextremes Motiv in Betracht. Stattdessen ging man von kriminellen Verstrickungen der Opfer aus. Erst im Jahr 2011 machte das Bekennervideo des NSU deutlich, dass es sich um Taten von Neonazis gehandelt hatte \u2013 und Rostock Tatort eines Mordes aus Fremdenhass geworden war.<\/p>\n<p>Einige Monate sp\u00e4ter publizierten die sieben betroffenen St\u00e4dte eine Erkl\u00e4rung, mit der sie die Morde scharf verurteilen und eine Verantwortung der Gesellschaft einr\u00e4umen: \u201eNeonazistische Verbrechen haben zwischen 2000 und 2007 zehn Menschen in sieben deutschen St\u00e4dten ermordet. (\u2026) Wir sind best\u00fcrzt und besch\u00e4mt, dass diese Gewalttaten \u00fcber Jahre nicht als das erkannt wurden, was sie waren: Morde aus Menschenverachtung. Wir sagen: Nie wieder!\u201c Es folgt eine chronologische Auflistung aller Opfer. Zu sehen ist der Text etwa auf Gedenktafeln in Kassel, N\u00fcrnberg und Heilbronn. Die Erkl\u00e4rung, die auch von der Stadt Rostock mitgetragen wird, ist sprachlich etwas holprig, doch in ihrer politischen Aussage sehr deutlich. Das gilt auch f\u00fcr die dazugeh\u00f6rige Pressemitteilung: Nur wenn man an die Opfer in allen St\u00e4dten mit einer einheitlichen Botschaft erinnere und zugleich an allen Orten alle Opfer namentlich auff\u00fchre, k\u00f6nne man die Morde in angemessener Weise als Serie und erschreckende Taten von ausl\u00e4nderfeindlichem Charakter kennzeichnen. Doch in Rostock ver\u00f6ffentlicht oder gar in Stein gehauen wurde der Text erst einmal nicht, das Thema zumindest vor den Kulissen vergessen. Gudrun Heinrich, Leiterin der Arbeitsstelle f\u00fcr Politische Bildung an der Universit\u00e4t Rostock, vermutet, die Stadt sei gel\u00e4hmt. In der ganzen Welt ist Rostock gebrandmarkt als der Ort, an dem 1992 teils rechtsextreme Randalierer von Bev\u00f6lkerung und Polizei ungehindert ein Fl\u00fcchtlingsheim angriffen, nun fehle es an Selbstvertrauen in der Aufarbeitung: \u201eDas ist so klassisch: Aus Angst, etwas Falsches zu tun, tut man lange nichts und damit automatisch das Falsche.\u201c<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_13459\" aria-describedby=\"caption-attachment-13459\" style=\"width: 200px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2013\/07\/05\/mehr-als-nur-gedenken_13457\/kundgebung-mehmet-turgut-2\" rel=\"attachment wp-att-13459\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-13459\" alt=\"\u00a9 Marcus S\u00fcmnick\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2013\/07\/20130619-Kundgebung-Mehmet-Turgut-004-200x300.jpg\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2013\/07\/20130619-Kundgebung-Mehmet-Turgut-004-200x300.jpg 200w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2013\/07\/20130619-Kundgebung-Mehmet-Turgut-004.jpg 580w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-13459\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Marcus S\u00fcmnick<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Der mediale Druck stieg, die Proteste der Rostocker Antifa wurden lauter. Zu einer schnellen Geste wollte sich niemand hinrei\u00dfen lassen, \u00fcber Formen des Gedenkens sollte in Zukunft sorgf\u00e4ltig nachgedacht werden. Der Rostocker Stadtrat, die B\u00fcrgerschaft, beschloss also die Gr\u00fcndung einer Arbeitsgruppe. Es waren Vertreter aller demokratischen Fraktionen sowie zahlreicher zivilgesellschaftlicher Vereinigungen eingeladen, ehrenamtlich das zuk\u00fcnftige st\u00e4dtische Gedenken zu erarbeiten. Zun\u00e4chst widmeten sie sich jenem an Mehmet Turgut.<\/p>\n<p>Anfang 2013 leitete B\u00fcrgerschaftspr\u00e4sidentin Karina Jens in drei Sitzungen eine Diskussion, die von fast allen als (zu) harmonisch dargestellt wird: Jeder durfte zu allem etwas beitragen, eine feste Tagesordnung gab es nicht, einzelne Themen wurden immer wieder aufgegriffen oder schweigend abgenickt. Schnell einig waren sich die Beteiligten lediglich dar\u00fcber, dass die gemeinsame Erkl\u00e4rung der sieben St\u00e4dte gar nicht oder zumindest nicht als Haupttext verwendet werden sollte. Besser machen wollte man sie \u2013 doch dass es gar nicht so leicht ist, den f\u00fcr alle Seiten und Beweggr\u00fcnde perfekten Gedenktext zu entwerfen, wurde schnell klar. Die einen forderten etwa eine Ermahnung gegen den allgemeinen Rassismus der Gesellschaft, die anderen die Benennung der Tat als rechtsextremistisch. Da man sich nicht einigen konnte, entschied man sich letztlich f\u00fcr einen Minimalkonsens, mit dem jeder leben konnte, aber keineswegs zufrieden war: Die Tat war einfach \u201emenschenverachtend\u201c, nach einem Aufbegehren einiger AG-Mitglieder schlie\u00dflich \u201erassistisch\u201c. Einleiten sollte den Text der erste Artikel der Menschenrechte. Besonders von diesem Teil erhofft sich die B\u00fcrgerschaftspr\u00e4sidentin, die zuk\u00fcnftigen Leser des Gedenktextes m\u00f6gen davon etwas \u201emitnehmen\u201c.<\/p>\n<p>Die Leser, das werden vor allem zur Stra\u00dfenbahn laufende oder spazieren gehende Anwohner Toitenwinkels sein. In der Innenstadt h\u00e4lt man ihren Stadtteil im Rostocker Nordosten f\u00fcr ziemlich trostlos. Es ist kein Tabu zu sagen, die Toitenwinkler k\u00f6nnten ein bisschen mehr politische Bildung gut gebrauchen, einige AG-Mitglieder formulieren dies im Gespr\u00e4ch sehr deutlich. Auch deshalb solle der Stein hier stehen, auf der Gr\u00fcnfl\u00e4che neben einem unbedeutenden Verbindungsweg, auf der einst der Kiosk stand, in dem Mehmet Turgut umgebracht wurde.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite der Warnow bereiten an jenem Montag vor der Entscheidung die einzelnen Fraktionen der B\u00fcrgerschaft ihre Sitzungen vor. Ihre B\u00fcros liegen im Rostocker Rathaus Seite an Seite. Der gemeinsame Flur wird schon einmal fraktions\u00fcbergreifend genutzt, wenn es wie in diesem Fall gilt, eine Blamage zu vermeiden. Denn kurz vor der abschlie\u00dfenden Entscheidung zeigen sich die einzelnen Parteien weniger gl\u00fccklich mit dem Ergebnis der AG Gedenken als ihre Vertreter. Es wird wieder um Worte gefeilscht, m\u00f6gliche \u00c4nderungsantr\u00e4ge ausgetauscht. Zu diesem Zeitpunkt ist noch v\u00f6llig offen, ob es zwei Tage darauf \u00fcberhaupt einen Beschluss geben wird.<\/p>\n<p>Es wundert nicht, dass die \u00fcberregionalen Medien anl\u00e4sslich des neunten Todestages Mehmet Turguts mit dem Finger auf Rostock zeigten. Sie suggerierten, die Stadt habe ein Problem mit ihrer Erinnerungskultur. So oder so hat Rostock ein Image-Problem. Sozialpsychologe Olaf Reis brachte es in einer Rede im April 2012 auf den Punkt: Die Pogrome von Rostock-Lichtenhagen seien \u201ebekannter als alle anderen Wahrzeichen, Taten oder Sehensw\u00fcrdigkeiten\u201c der Hansestadt. Dessen ist man sich in den B\u00fcrgerschaftsfraktionen nur allzu bewusst, doch noch geistern mehrere Begriffsvarianten in Fluren und K\u00f6pfen herum. Die Schreckensvision teilen aber alle: Was passiert, sollte jemand aufgrund des ge\u00e4nderten Textvorschlags eine Vertagung fordern oder der Antrag in G\u00e4nze abgelehnt werden? Man bef\u00fcrchtet einen weiteren Schlag f\u00fcr Rostocks Ansehen.<\/p>\n<p>Dem Streit um den Stein war bereits ein weiterer Disput zum Thema \u201eGedenken Mehmet Turgut\u201c vorausgegangen. Diesem galt bislang die gr\u00f6\u00dfte mediale Aufmerksamkeit: Die Fraktion der Linken hatte eine Umbenennung des kleinen Verbindungswegs in Mehmet-Turgut-Weg vorgeschlagen, viele zivilgesellschaftliche Vereine sind daf\u00fcr. Bereits im Mai des vergangenen Jahres scheiterte dieses Anliegen jedoch im zust\u00e4ndigen Ortsbeirat Toitenwinkel. Das Gremium sah sich im Folgenden mit scharfer Kritik konfrontiert und musste teils subtile, teils sehr deutliche Rassismus-Vorw\u00fcrfe einstecken. Der Grund: Man hatte unter anderem damit gegenargumentiert, dass Turgut kein Rostocker gewesen war \u2013 und in wohl unpassenden Momenten angef\u00fchrt, dass er sich zudem ohne g\u00fcltige Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland aufgehalten hatte.<\/p>\n<p>Speziell diesen \u201eAlltagsrassismus\u201c kritisieren die Mitglieder des B\u00fcndnisses \u201eErinnern, Verantworten, Aufkl\u00e4ren!\u201c, kurz EVA. Sie fordern einen umfangreichen Gedenktext, der den rassistischen Hintergrund der Tat aufzeigt und den NSU beim Namen nennt. Daf\u00fcr und um lautstark die lange Zeit der Gedenklosigkeit in Rostock anzuprangern, planen sie kurz vor der entscheidenden B\u00fcrgerschaftssitzung eine Kundgebung auf dem Marktplatz der Stadt \u2013 die letzte M\u00f6glichkeit, einzelne Mitglieder der B\u00fcrgerschaft zu einem \u00c4nderungsantrag zu bewegen.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_13460\" aria-describedby=\"caption-attachment-13460\" style=\"width: 580px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2013\/07\/05\/mehr-als-nur-gedenken_13457\/nsu-tatort\" rel=\"attachment wp-att-13460\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-13460 \" alt=\"Martin-Niem\u00f6ller-Stra\u00dfe \/ Neudierkower Weg ist der Ort, an dem der Mord an Mehmet Turgut stattfand \u00a9 Marcus S\u00fcmnick\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2013\/07\/20130618-NSU-Tatort-001.jpg\" width=\"580\" height=\"430\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2013\/07\/20130618-NSU-Tatort-001.jpg 580w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2013\/07\/20130618-NSU-Tatort-001-300x222.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 580px) 100vw, 580px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-13460\" class=\"wp-caption-text\">Martin-Niem\u00f6ller-Stra\u00dfe \/ Neudierkower Weg ist der Ort, an dem der Mord an Mehmet Turgut stattfand \u00a9 Marcus S\u00fcmnick<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Um einen solchen geht es schon am Montag auf den Rathausfluren. Aus Unzufriedenheit \u00fcber den eigenen Text, aber auch weil man sich auf die einstige Verpflichtungserkl\u00e4rung besinnt, wird nun verhandelt, die Erkl\u00e4rung der sieben St\u00e4dte doch mitaufzunehmen. Der entscheidende Makel daran bleibt allerdings unerw\u00e4hnt, er ist wahrscheinlich gar nicht bekannt: Nach Informationen der Ombudsfrau der Hinterbliebenen der NSU-Opfer, Barbara John, wurde die Erkl\u00e4rung verabschiedet, ohne die Angeh\u00f6rigen gefragt zu haben, ob sie mit Text und Aussage einverstanden sind. Es wurde schlicht \u201e\u00fcber ihre K\u00f6pfe hinweg entschieden\u201c. Genauso geschah es auch in Rostock. Von allen Seiten der B\u00fcrgerschaft ist zu h\u00f6ren, es sei nicht einfach, mit den in der T\u00fcrkei lebenden Eltern Mehmet Turguts in Kontakt zu treten. Dem h\u00e4lt Frau John entgegen, man h\u00e4tte sie einbeziehen k\u00f6nnen, sie stehe n\u00e4mlich \u201ein regelm\u00e4\u00dfigem Kontakt\u201c. Zudem sei es besonders wichtig, die Hinterbliebenen aus ihrer Opferrolle heraus zu Handelnden zu machen.<\/p>\n<p>Die meisten Rostocker dagegen fordern keinerlei aktive Mitwirkung f\u00fcr sich, sie zeigen sich der Gedenktafel gegen\u00fcber indifferent: Sie ist ihnen schlicht egal. Auf Nachfrage schwingt in vielen \u00c4u\u00dferungen lediglich der Zweifel mit, ob eine Gedenktafel irgendjemandem nutze und Rostock \u00fcberhaupt verpflichtet sei, ein \u201eZufallsopfer\u201c zu w\u00fcrdigen. Tr\u00e4gt die Stadt eine Schuld an Mehmet Turguts Ermordung? Nein, meint B\u00fcrgerschaftspr\u00e4sidentin Karina Jens, Verantwortung aber schon. Allgemein halten die Vertreter der demokratischen Parteien das Gedenken schlicht f\u00fcr eine \u201eSelbstverst\u00e4ndlichkeit\u201c. Nun muss man sich nur \u00fcber die richtigen Worte einig werden.<\/p>\n<p>Viel wichtiger als der Text ist es laut Gedenkp\u00e4dagogen allerdings, Ankn\u00fcpfungspunkte f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung zu schaffen. Denn kann diese zum jeweiligen Gedenken keinen Bezug herstellen, tr\u00e4gt ein Stein wenig zur politischen Bildung bei und \u00e4ndert keine Einstellungen. Ein weiterf\u00fchrendes Konzept, das etwa Sch\u00fcler f\u00fcr das Thema sensibilisiert, ist im Falle Mehmet Turguts jedoch nicht geplant. Zwar betonen nahezu alle Mitglieder der AG dessen unbedingte Wichtigkeit, aber eine konkrete Idee hatte niemand, eine Umsetzung steht nicht in Aussicht. Man ist froh, wenn endlich Stein und Text von der B\u00fcrgerschaft abgesegnet sind. Eine Beteiligte formulierte es pragmatisch: \u201eSo, fertig. Stein hin. Gut.\u201c<\/p>\n<p>Es ist soweit: Mittwoch, 19. Juni 2013, 16:00 Uhr. Auf dem Neuen Markt protestieren EVA und andere Demonstranten, im Rathaus f\u00fcllt sich unterdessen der Sitzungssaal der B\u00fcrgerschaft. Auch einige G\u00e4ste und zahlreiche regionale Journalisten sind anwesend. Nach etwa anderthalb Stunden leitet B\u00fcrgerschaftspr\u00e4sidentin Karina Jens den Tagesordnungspunkt \u201eGedenkstein f\u00fcr Mehmet Turgut\u201c ein. In der n\u00e4chsten halben Stunde folgen ein erneuter, wenn auch recht zahmer Schlagabtausch, ein paar Schuldzuweisungen und letztlich auch noch Dank in Richtung der Arbeitsgruppe. Vor allem aber wird von allen betont, wie wichtig es sei, den Gedenkstein auf den Weg zu bringen. Von fast allen: Denn wer schweigt, stimmt zu \u2013 so denken wohl die beiden NPD-Mitglieder in der B\u00fcrgerschaft, sodass sie es vorziehen, diskret den Saal zu verlassen und w\u00e4hrend der Abstimmung gar nicht anwesend zu sein. Diese geht sehr schnell, es vergehen nur knapp drei Minuten, bis Karina Jens f\u00fcr den letzten, nunmehr ge\u00e4nderten Antrag ein \u201eAngenommen\u201c feststellt. Alle Fraktionen mit Ausnahme der FDP stimmen den am weitesten reichenden Textvorschl\u00e4gen zu: Die Hansestadt Rostock wird Mehmet Turgut mithilfe eines Steins gedenken, auf dem der Gedenktext der Arbeitsgruppe \u2013 jetzt mit dem Wort \u201erechtsextrem\u201c und auch in t\u00fcrkischer Sprache \u2013 mit der Erkl\u00e4rung der sieben St\u00e4dte vereint ist. Damit wurde letztlich beinahe allen Parteien gerecht.<\/p>\n<p>251 Tage vor seinem zehnten Todestag, an dem das Denkmal nun verpflichtend sp\u00e4testens stehen muss, sind Form und Ort des Gedenkens an das Rostocker NSU-Opfer beschlossene Sache. Der Wirbel um Rostocks Erinnerungskultur wird sich legen, ein positives Zeichen kann die Stadt jedoch mit dieser blo\u00dfen \u201eSelbstverst\u00e4ndlichkeit\u201c nicht setzen. Egal, meint Steffen Bockhahn, Mitglied der Fraktion der Linken in der B\u00fcrgerschaft wie auch im Bundestag: \u201eEs geht nicht darum, ein Image loszuwerden, sondern dass man anf\u00e4ngt, da ganz offen und wach zu sein, wo es ein Problem mit Fremdenfeindlichkeit gibt \u2013 und dort eine Nulltoleranzschiene zu fahren.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor beinahe zehn Jahren wurde Mehmet Turgut in Rostock vom sogenannten Nationalsozialistischen Untergrund ermordet, im Jahr 2011 flog dieser auf. Als letzte der von der Mordserie betroffenen St\u00e4dte wird nun auch Rostock einen Gedenkort errichten \u2013 nach z\u00e4hem Ringen um die richtige Form und Angst vor der Entscheidung. 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