{"id":1382,"date":"2009-09-07T08:47:51","date_gmt":"2009-09-07T06:47:51","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=1382"},"modified":"2017-07-17T21:22:38","modified_gmt":"2017-07-17T19:22:38","slug":"wo-ist-eigentlich-die-ostkuste","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2009\/09\/07\/wo-ist-eigentlich-die-ostkuste_1382","title":{"rendered":"Wo ist eigentlich die &#8222;Ostk\u00fcste&#8220;?"},"content":{"rendered":"<p>Wer etwas gegen Nazis tun will, muss ihre Sprache verstehen. In dem gerade erschienenen &#8222;Buch gegen Nazis&#8220; von <a href=\"http:\/\/www.mut-gegen-rechte-gewalt.de\/\">Holger Kulick<\/a> und <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/toralf-staud\">Toralf Staud<\/a> werden 70 Fragen zum Thema Rechtsextremismus beantwortet. Dabei geht es ebenso um typische Argumentationsmuster, wie um Kleidermarken und Musikstile. Bei dem folgenden Auszug handelt es sich um Kapitel 25, in dem <em>Henning Flad<\/em> sich mit rechtsextremen Sprachgebrauch besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p><!--more-->Neonazis, aber auch Vertreter der Neuen Rechten, reden gern von einem deutschen &#8222;Schuldkult\u201c, wenn es ums Erinnern an die Verbrechen des Dritten Reiches geht. &#8222;Der Schuldkult als Holocaust-Religion ist heute die Staatsreligion der Bundesrepublik\u201c, schreibt etwa die neurechte Online-Zeitschrift Blaue Narzisse. Der Gebrauch dieses Begriffs ist Teil eines umfassenden Versuchs, Ursachen, Verlauf und Folgen des Nationalsozialismus zu leugnen oder zumindest zu verharmlosen. Ein wichtiger Teilerfolg f\u00fcr die Rechtsextremisten w\u00e4re es, wenn \u00fcber die grausamen Verbrechen nicht mehr \u00f6ffentlich diskutiert und der NS-Opfer nicht mehr gedacht w\u00fcrde. Der Begriff &#8222;Schuldkult\u201c soll jede kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit als l\u00e4cherlich und aufgezwungen erscheinen lassen. Oft werden auch diejenigen, die die Erinnerung an den Nationalsozialismus und dessen Opfer wachhalten wollen, als &#8222;Umerzieher\u201c verunglimpft \u2013 wobei gleich noch mitschwingt, dass ein kritisches Verh\u00e4ltnis zur eigenen Geschichte &#8222;unnat\u00fcrlich\u201c sei.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich beliebt unter Rechtsextremen ist das Entwerten des Begriffs &#8222;Holocaust\u201c. Seit den Siebzigerjahren hat sich das Wort als Bezeichnung f\u00fcr den nationalsozialistischen V\u00f6lkermord an den Juden Europas etabliert. Im Januar 2005 provozierte der NPD-Abgeordnete J\u00fcrgen Gansel einen Eklat im S\u00e4chsischen Landtag, als er die alliierten Luftangriffe auf Dresden &#8222;Bomben-Holocaust\u201c nannte. Indem das Wort Holocaust aus seinem urspr\u00fcnglichen Bedeutungszusammenhang gerissen und f\u00fcr Opfer von alliierten Bombenangriffen verwendet wird, soll der geschichtlich einmalige, geradezu industriell organisierte Massenmord an den Juden relativiert und verharmlost werden.<\/p>\n<p>Dies ist so etwas wie die Vorstufe zum offenen Leugnen. Vor allem wenn es um antisemitische Hetze geht, ist die Neonazi-Szene sehr geschickt im Finden neuer und vor allem strafrechtlich nicht greifbarer Begriffe. Zum Teil sind die Termini eindeutig, zum Teil enthalten sie aber auch antisemitisch konnotierte Chiffren und Codes, die nur Eingeweihte entschl\u00fcsseln k\u00f6nnen. In jedem Falle eignet sich das Phantasiekonstrukt einer &#8222;J\u00fcdischen Weltherrschaft\u201c dazu, komplexe und f\u00fcr viele Menschen schwer durchschaubare Zusammenh\u00e4nge mit Verweis auf &#8222;j\u00fcdische Einfl\u00fcsse\u201c ganz schlicht zu erkl\u00e4ren \u2013 zum Beispiel in der Geopolitik oder der Finanzwirtschaft.<\/p>\n<p>Recht einfach zu verstehen ist &#8222;USrael\u201c. Dieses Mischwort aus Israel und USA soll suggerieren, dass die amerikanische Politik und Wirtschaft von Israel gesteuert werden. Und Israel wird hier nat\u00fcrlich als Synonym f\u00fcr &#8222;den Juden\u201c gebraucht, obwohl gut 20 Prozent der israelischen Staatsb\u00fcrger arabischer Herkunft sind und nat\u00fcrlich zahlreiche israelische Juden die Politik ihrer Regierung kritisieren. Weniger verst\u00e4ndlich ist das Reden von &#8222;Schaltzentralen der amerikanischen Ostk\u00fcste\u201c. Der Begriff steht f\u00fcr das angeblich von Juden dominierte internationale Finanzsystem. Neonazis vermuten, dass die weltgr\u00f6\u00dfte Aktienb\u00f6rse und auch die Banken in New York (an der Ostk\u00fcste der USA) insgeheim von Juden kontrolliert w\u00fcrden. Auch der Begriff &#8222;raffendes Kapital\u201c ist ein h\u00e4ufig genutztes Synonym f\u00fcr den Bankensektor.<\/p>\n<p>Als &#8222;schaffendes Kapital\u201c hatten schon die Nationalsozialisten das gute, bodenst\u00e4ndige, produzierende, quasi deutsche Industriekapital bezeichnet, dem sie das &#8222;raffende Kapital\u201c der Zirkulationssph\u00e4re entgegensetzten. Und diese sei &#8222;ihrem Wesen nach j\u00fcdisch\u201c. Mit Bezug auf diese Unterscheidung k\u00f6nnen heutige Neonazis antisemitische Hetzartikel schreiben, ohne auch nur einmal das Wort &#8222;Jude\u201c zu benutzen.<\/p>\n<p>Typisch f\u00fcr das Mixen von offen und verdeckt antisemitischen Begriffen ist dieser Text aus der NPD-Parteizeitung Deutsche Stimme (5\/2005): &#8222;Wie ein Krake hat der Dollar-Imperialismus die Welt im W\u00fcrgegriff, und er unternimmt nicht einmal mehr die geringsten Anstrengungen, dies irgendwie zu verschleiern. Denn die Weltmachtstellung j\u00fcdischer Kapitalstrategen \u2013 gleich welche Staatsangeh\u00f6rigkeit sie zuf\u00e4llig haben \u2013 scheint ihrem weltgeschichtlichen H\u00f6hepunkt entgegenzutreiben [\u2026] Deshalb existieren die Erbh\u00f6fe der Ostk\u00fcste in Institutionen der Weltwirtschaft weder zuf\u00e4llig noch sind sie ungef\u00e4hrlich. Hier laufen die F\u00e4den einer v\u00f6lkerfeindlichen Oligarchie zusammen.\u201c Der &#8222;Krake\u201c war \u00fcbrigens sogar schon vor der Zeit des Nationalsozialismus als Synonym f\u00fcr die erdachte Weltherrschaft von Menschen j\u00fcdischen Glaubens gebr\u00e4uchlich.<\/p>\n<p>Ein ebenfalls h\u00e4ufig genutzter antisemitischer Code ist das K\u00fcrzel &#8222;ZOG\u201c (&#8222;Zionist Occupied Government\u201c, zu deutsch: &#8222;zionistisch beherrschte Regierung\u201c). Neonazis wollen damit verschiedenen Staaten unterstellen, j\u00fcdisch kontrolliert zu sein. Wann immer sich eine Regierung gegen Rechtsextremismus stark macht oder andere Dinge tut, die Neonazis \u00e4rgern, f\u00fchren sie dies auf geheime Einfl\u00fcsse von Juden zur\u00fcck. Alles, was den eigenen paranoiden Vorstellungen nicht entspricht, wird als &#8222;j\u00fcdische Propaganda\u201c abgetan \u2013 so best\u00e4tigt sich die wirre Theorie auf wundersame Weise immer wieder von selbst.<\/p>\n<p>Wenn es um Politiker der demokratischen Parteien geht oder Vertreter der Wirtschaft, dann scheinen sich Neonazis besonders anzustrengen: &#8222;Erf\u00fcllungspolitiker\u201c, &#8222;Globalisierungsfanatiker\u201c, &#8222;Nadelstreifen-Kriminelle\u201c, &#8222;internationale Plutokratie\u201c, &#8222;One-World-Mammonisten\u201c, &#8222;Globalextremisten\u201c \u2013 diese Bezeichnungen stammen aus der Deutschen Stimme. Besonders oft werden dort Begriffe wie &#8222;Systempolitiker\u201c oder &#8222;Systemparteien\u201c benutzt, um die demokratischen Parteien und ihre Repr\u00e4sentanten ver\u00e4chtlich zu machen und als Teil eines gemeinschaftlich agierenden, feindlichen Komplexes darzustellen. Noch weiter geht &#8222;Besatzerregime\u201c \u2013 das Wort diffamiert die demokratische Verfassung der Bundesrepublik als von den Alliierten aufgezwungen und damit illegitim.<\/p>\n<p>Neben der Schaffung von Freund-Feind-Bildern versucht die NPD hier wie beim &#8222;Schuldkult\u201c Schlagw\u00f6rter zu pr\u00e4gen, in der Hoffnung, dass sie in die \u00f6ffentliche Debatte Einzug halten. Dasselbe Ziel verfolgen Wortsch\u00f6pfungen zur grunds\u00e4tzlich abgelehnten Migration. Begriffe wie &#8222;Multikulti-Extremisten\u201c und &#8222;Multikulti-Umerzieher\u201c suggerieren, dass Zuwanderung &#8222;unnat\u00fcrlich\u201c und nur gewaltsam durchsetzbar sei. Das Wort &#8222;Asylbetr\u00fcger\u201c soll politisch Verfolgten legitime Gr\u00fcnde f\u00fcr ihre Flucht und die Aufnahme in Deutschland absprechen. Das Schlagwort der &#8222;\u00dcberfremdung\u201c \u00fcbertreibt den Anteil von Migranten hierzulande.<\/p>\n<p>Und wenn Neonazis den Begriff &#8222;Kulturbereicherer\u201c benutzen, versuchen sie das antirassistische Argument, dass eine Gesellschaft von Zuwanderung profitiert, ironisch umzudrehen \u2013 denn er wird von Rechtsextremisten nur in den Mund genommen, wenn es um negative Ph\u00e4nomene geht, etwa um &#8222;Ausl\u00e4ndergewalt\u201c. Dieser Begriff versucht \u2013 wie auch die Rede von einer &#8222;multikriminellen Gesellschaft\u201c \u2013, einen urs\u00e4chlichen Zusammenhang von Einwanderung und Kriminalit\u00e4t herzustellen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich tauchen ja Migranten bei einigen Delikten \u00fcberproportional h\u00e4ufig in Kriminalstatistiken auf \u2013 doch das hat nichts mit genetischer oder ethnischer Pr\u00e4gung zu tun, wie Neonazis unterstellen, sondern beispielsweise mit sozialen Problemen und mangelnden Bildungschancen, und davon sind Menschen mit ausl\u00e4ndischen Vorfahren hierzulande \u00f6fter betroffen.<\/p>\n<p>Zwar sprechen auch Boulevardmedien oder (vor allem) konservative Politiker bisweilen von &#8222;Ausl\u00e4nderkriminalit\u00e4t\u201c, doch bei den anderen genannten Begriffen gelang der NPD die Etablierung in der breiten \u00d6ffentlichkeit bisher nicht. Einzig die &#8222;national befreite Zone\u201c ist in den allgemeineren Sprachgebrauch eingeflossen \u2013 allerdings mit einer durchweg negativen Konnotation.<\/p>\n<p>Anfang der Neunzigerjahre war in einer Zeitschrift der NPD-Organisation Nationaldemokratischer Hochschulbund (NHB) dazu aufgerufen worden, Stra\u00dfenz\u00fcge, Stadtviertel oder ganze Ortschaften durch Rechtsextremisten so zu dominieren, so dass potenzielle Opfergruppen wie Schwarze, Homosexuelle, Behinderte oder nicht-rechte Jugendliche jederzeit mit Gewalt rechnen m\u00fcssen. Es sollten Machtstrukturen parallel zur Staatsgewalt aufgebaut werden, durch die Gr\u00fcndung eigener Kleingesch\u00e4fte (genannt wurden beispielsweise Buchl\u00e4den, Druckereien, Werbeagenturen oder &#8222;Reiseunternehmen f\u00fcr kleine Geldbeutel\u201c) sollte die Szene auch ein \u00f6konomisches R\u00fcckgrat erhalten und so die Ausgrenzung von Neonazis auf dem Arbeitsmarkt unterlaufen werden. Ende der Neunzigerjahre wurde der Begriff &#8222;national befreite Zone\u201c in der NPD breit propagiert, Medien griffen ihn daraufhin auf, und mit der Wahl zum Unwort des Jahres 2000 wurde der Terminus bundesweit bekannt. Rechtsextreme Internetforen bejubelten das damals ausgiebig.<\/p>\n<p><em>Holger Kulick\/Toralf Staud (Hg.):\u00a0<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Das-Buch-gegen-Nazis-Rechtsextremismus\/dp\/3462041606\/ref=sr_1_1?ie=UTF8&amp;s=books&amp;qid=1251801090&amp;sr=8-1\">Das Buch gegen Nazis. Rechtsextremismus &#8211; was man wissen muss und wie man sich wehren kann.<\/a> 12,95 Euro. ISBN 9783462041606<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer etwas gegen Nazis tun will, muss ihre Sprache verstehen. In dem gerade erschienenen &#8222;Buch gegen Nazis&#8220; von Holger Kulick und Toralf Staud werden 70 Fragen zum Thema Rechtsextremismus beantwortet. Dabei geht es ebenso um typische Argumentationsmuster, wie um Kleidermarken und Musikstile. 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