{"id":14544,"date":"2014-01-07T15:37:29","date_gmt":"2014-01-07T14:37:29","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=14544"},"modified":"2014-01-12T14:30:55","modified_gmt":"2014-01-12T13:30:55","slug":"der-blinde-fleck-staatsversagen-auf-der-kinoleinwand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2014\/01\/07\/der-blinde-fleck-staatsversagen-auf-der-kinoleinwand_14544","title":{"rendered":"\u201eDer blinde Fleck\u201c: Staatsversagen auf der Kinoleinwand"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2014\/01\/07\/der-blinde-fleck-staatsversagen-auf-der-kinoleinwand_14544\/attachment-2\" rel=\"attachment wp-att-14549\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-14549\" alt=\"attachment-2\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2014\/01\/attachment-2-213x300.jpg\" width=\"213\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2014\/01\/attachment-2-213x300.jpg 213w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2014\/01\/attachment-2-727x1024.jpg 727w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2014\/01\/attachment-2.jpg 995w\" sizes=\"auto, (max-width: 213px) 100vw, 213px\" \/><\/a>Mit einem Sprengstoffanschlag t\u00f6tete der Neonazi Gundolf K\u00f6hler am 26. September 1980 12 Menschen und sich selbst, mehr als 200 Menschen verletzte er zum Teil schwer. Aus wahlkampftaktischen Gr\u00fcnden wurde ein rechtsextremer Hintergrund schnell ausgeschlo\u00dfen. Doch der Journalist Ulrich Chaussy hatte schon damals Zweifel an der offiziellen Version \u2014\u00a0und wurde daf\u00fcr nicht nur bedroht, sondern geriet sogar ins Visier des M\u00fcnchner Staatschutzes. Heute kommt der Reporter als Held zur\u00fcck \u2014\u00a0gespielt durch Benno F\u00fcrmann in einem Thriller, der die engagierte Arbeit von Chaussy minuti\u00f6s rekonstruiert und zugleich verstehen l\u00e4sst, wie der NSU funktionieren konnte. <!--more--><\/p>\n<p><em>\u2028Von Felix Benneckenstein<\/em><\/p>\n<p>M\u00fcnchen, 26. September 1980: Der in der Wehrsportgruppe Hoffmann organisierte Neonazi Gundolf K\u00f6hler t\u00f6tet am Haupteingang des Oktoberfestes, dem gr\u00f6\u00dften Volksfest der Welt, mit einer Bombe 12 Menschen und \u2013 vermutlich versehentlich \u2014 sich selbst. Weit \u00fcber 200 Menschen wurden verletzt, 68 davon schwer. Schnell wird aus Wahlkampfgr\u00fcnden ein rechtsextremer Hintergrund ausgeschlossen, der Fall politisch instrumentalisiert und letztlich als \u201eWahnsinns-Tat\u201c eines \u201esexuell frustrierten Einzelt\u00e4ters\u201c abgeschlossen. Der BR-Journalist Ulrich Chaussy glaubt die These schon damals nicht, recherchiert, bleibt hartn\u00e4ckig, erntet Erfolge. Aber er wird daf\u00fcr eben auch verspottet, bedroht und ger\u00e4t in das Visier des M\u00fcnchner Staatsschutzes. Heute kommt Chaussy zur\u00fcck: Als Held. Gespielt durch Benno F\u00fcrmann, in einem Thriller, der verstehen l\u00e4sst, wie NSU funktionieren konnte.<\/p>\n<p>Der schwerste Terroranschlag in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland kommt in Starbesetzung und als Polit-Thriller in die Kinos. &#8222;Der blinde Fleck&#8220; bringt dabei alles mit, was ein Kinofilm mit Blockbuster-Ambitionen braucht: Liebe, Sex, Trag\u00f6dien, Spannung und eine charismatische Hauptfigur. Prominent besetzt ist das Werk unter anderem durch Heiner Lauterbach, Benno F\u00fcrmann, Nicolette Krebitz und Miroslav Nemec. Bemerkenswert an dem Film ist vor allem, dass ihm der Sprung zwischen Spielfilm, Piet\u00e4t und einer n\u00f6tigen Distanz zu den T\u00e4tern exzellent gelingt. So kann die Bef\u00fcrchtung, dass etwa den T\u00e4tern und ihren geistigen Mitt\u00e4tern zu viel, oder wahlweise den Opfern und ihren Angeh\u00f6rigen zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird, getrost ad acta gelegt werden. Nur ein einziges Mal, f\u00fcr wenige Sekunden, werden Neonazis \u00fcberhaupt martialisch dargestellt: Bei der Verhaftung des \u201eWehrsport-Gruppe-Hoffmann\u201c-Chefs Karl-Heinz Hoffmann. Die weitere Aufmerksamkeit des Filmes gilt ausschlie\u00dflich der akribischen Aufarbeitung durch einen engagierten und unbeirrbaren Journalisten, der sich im echten Leben wie in seiner Filmrolle nicht an Verschw\u00f6rungstheorien, sondern an Fakten orientiert.<\/p>\n<p>Nicht nur deshalb sind einige Fachjournalisten l\u00e4ngst \u00fcberzeugt: Wer verstehen will, wie tief die Spannungen zwischen Verfassungsschutz und Zivilgesellschaft 1980 wie 2011 lagen und wer begreifen m\u00f6chte, wie offen die politische Polizei und der Verfassungsschutz gegen ihre eigenen Gesetze arbeiten, um neonazistische Morde zu verschleiern, der muss diesen Film gesehen haben.<\/p>\n<p>Der Logik folgend, dass jeder Film unbedingt eine Hauptfigur, einen \u201eHelden\u201c haben muss, ist dies dann zweifelsohne niemand anderes als der BR-Journalist Ulrich Chaussy. Er f\u00fchrt die Zuschauer durch den Film, sein Leben und die vielen Ungereimtheiten bei diesem als \u201eTat eines Einzelt\u00e4ters\u201c verkauften Neonazi-Attentats. Dadurch hat der Film eine ganz andere Chance, das Attentat sachlich richtig und vor allem den Opfern und ihren Angeh\u00f6rigen w\u00fcrdig zu schildern.<\/p>\n<p>Gespielt wird Chaussy in einer fantastischen schauspielerischen Leistung von Benno F\u00fcrmann. Im Verlauf der Handlung erlebt der Journalist nicht nur mauernde Beh\u00f6rden, die trotz offensichtlicher Sachlage nicht an einer Kl\u00e4rung des Falles interessiert sind. Mehr noch: Weil er genau die Zweifel, die heute l\u00e4ngst anerkannt sind, laut \u00e4u\u00dferte, nahmen ihn die Beh\u00f6rden ins Visier. So etwa der M\u00fcnchner Staatsschutz f\u00fcr Linksextremismus (Heute: K43) der Polizei. \u201eSie w\u00e4ren nicht der erste Linke, der eine Bombe legt\u201c, wird dem Journalisten im M\u00fcnchner Polizeipr\u00e4sidium erkl\u00e4rt, nachdem die Politpolizei die St\u00fcrmung seiner Wohnung durch ein Sondereinsatzkommando im Zusammenhang mit den Ermittlungen zum Oktoberfestattentat angeordnet hat. Durch die Jagd der Beh\u00f6rden auf einen Journalisten bekommt der Film den Charakter eines echten Geheimdienst-Thrillers.<\/p>\n<p>Obwohl stets f\u00fcr Spannung gesorgt ist, bleiben Actionszenen weitgehend aus. Das Attentat selbst wird nicht nachgespielt. Immer wieder bringen den Zuschauer kurze, unkommentierte Originalaufnahmen vom Oktoberfest 1980 in die Situation hinein. Fahrgesch\u00e4fte, Bierzelte, ein Knall. 13 tote Menschen. Damit beginnt die Geschichte des Films \u2014\u00a0und der bis heute anhaltende Versuch einer spektakul\u00e4ren politischen Relativierung eines neonazistischen Attentats.<\/p>\n<p>Mitten im Wahlkampf inszeniert die damalige bayerische Strau\u00df-Regierung, die gerade an der \u00dcbernahme der Regierung Deutschlands bastelte, eine schnelle und wahlkampftaugliche Presseerkl\u00e4rung. Der Anschlag kann nur von Linken ausge\u00fcbt worden sein, soviel stand jedenfalls fest. Die CSU missbraucht schamlos die Opfer des Attentats, um vor allem am Stuhl des FDP- Innenministers Gerhart Baum zu s\u00e4gen. Baum hatte die damaligen Anzeichen der zunehmenden Radikalisierung der Neonaziszene von der Altnazi-Partei FAP bis zur paramilit\u00e4rischen Wehrsportgruppe Hoffmann n\u00e4mlich fr\u00fchzeitig erkannt und entsprechend mit Repressionen und Verboten reagierte.<\/p>\n<p>Es ist eben diese brisante Mischung aus politischen Machtspielen, einem Verfassungsschutz, der ebenso wie die Polizei aus politischen Gr\u00fcnden an einer echten Aufarbeitung nicht interessiert ist und einer Neonaziszene, die \u00f6ffentlich die \u201eWolfszeit\u201c ausruft und l\u00e4ngst den bewaffneten Aufstand auch \u00f6ffentlich plant, die Chaussys journalistischen Ehrgeiz scheinbar unaufhaltsam geweckt hat. Und das, was Ulrich Chaussy in seinem Leben nun alles widerfahren soll, ist nicht fiktiv. Ulrich Chaussy hat mit dem Regisseur Daniel Harrich gemeinsam das Drehbuch erarbeitet \u2014 auch, wenn er selbst sich an die Rolle des Protagonisten erst gew\u00f6hnen musste, wie er sagt.<\/p>\n<p>&#8222;Der blinde Fleck&#8220; kann, w\u00e4hrend ausgerechnet in M\u00fcnchen der Prozess gegen eine rechtsterroristische Organisation l\u00e4uft, die offensichtlich zu keiner Zeit der Gefahr ausgesetzt war, durch die Beh\u00f6rden erkannt zu werden, nicht aktueller sein. Das ist auch die Auffassung von Ulrich Chaussy: \u201eDamals, 1980, waren die weitgehend gleichen Mechanismen des Wegschauens, des Ausblendens, des nicht wahrhaben Wollens bereits voll entwickelt, die wir jetzt im Fall NSU mit Erschrecken und Scham erkennen\u201c.<\/p>\n<p><em>Der Film startet am 23. Januar in den Kinos.\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit einem Sprengstoffanschlag t\u00f6tete der Neonazi Gundolf K\u00f6hler am 26. 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