{"id":15608,"date":"2014-04-11T07:55:06","date_gmt":"2014-04-11T05:55:06","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=15608"},"modified":"2021-01-05T12:34:45","modified_gmt":"2021-01-05T11:34:45","slug":"jung-geschaeftstuechtig-neonazi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2014\/04\/11\/jung-geschaeftstuechtig-neonazi_15608","title":{"rendered":"Jung, gesch\u00e4ftst\u00fcchtig, Neonazi"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_6229\" aria-describedby=\"caption-attachment-6229\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2011\/05\/rechtsrock.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-6229\" alt=\"Nazirock als Publikumsmagnet\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2011\/05\/rechtsrock.jpg\" width=\"540\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2011\/05\/rechtsrock.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2011\/05\/rechtsrock-300x111.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-6229\" class=\"wp-caption-text\">Nazirock als Publikumsmagnebleibt das wichtigste Rekrutierungsmittel der Szene \u00a9 Kai Budler<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Durch die erheblichen Ver\u00e4nderungen in der extremen Rechten Anfang der 2000er hat sich auch ein neuer Markt f\u00fcr eine gesch\u00e4ftst\u00fcchtige junge Generation von Neonazis etabliert. Mit Daniel Weigl und Patrick Schr\u00f6der sind gleich zwei Aktivisten aus Bayern dabei, die an einer Modernisierung der Szene gearbeitet haben oder immer noch arbeiten.<!--more--><\/p>\n<p><em>Von <a href=\"https:\/\/twitter.com\/JohannesHartl\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Johannes Hartl<\/a> und <a href=\"https:\/\/twitter.com\/FelixMSteiner\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Felix M. Steiner<\/a><\/em><\/p>\n<p>Fast drei\u00dfig Jahre ist es her, als sich rund um den \u201eRock against Communism\u201c, also den heute bekannten Rechtsrock, eine eigene extrem rechte Subkultur entwickelte. In den zur\u00fcckliegenden Jahrzehnten hat sich mit der Subkultur ein riesiger extrem rechter Szenemarkt entwickelt, der f\u00fcr die extreme Rechte produziert und von der Szene lebt. Mittlerweile existieren Zahlreiche Neonazi-Eigenmarken, Szenebands und Vers\u00e4nde, die ihr meist subkulturelles Publikum mit allem versorgen, was das braune Herz begehrt. Waren es in den 1990er Jahren noch Gl\u00fccksritter wie Thorsten Lemmer, haben sich Schritt f\u00fcr Schritt immer mehr F\u00fchrungsfiguren der Szene mit einem eigenen Versand oder einer Kleidungsmarke selbstst\u00e4ndig gemacht. So entwickelte sich neben Alt-F\u00fchrungskadern wie Thorsten Heise mit seinem WB-Versand eine junge Generation, die heute durch den professionalisierten Handel die Szene versorgt oder in Grauzonenbereiche vorgesto\u00dfen ist.<\/p>\n<h2>Patrick Schr\u00f6der &#8211; \u00a0Simpsons statt 2. Weltkrieg<\/h2>\n<p>Einer dieser Nachwuchsunternehmer ist der Oberpf\u00e4lzer Patrick Schr\u00f6der. Seit fast 10 Jahren ist er mittlerweile Mitglied der NPD und hat sich wohl zu einem ihrer lautesten Nachwuchskader entwickelt. Ob Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der extrem rechten Marke Ansgar Aryan oder Kopf einer eigenen Internet-TV-Sendung: Seine Funktion ist die Einbindung des subkulturellen Spektrums. Dies allerdings ganz ohne plumpe Neonazi-Rhetorik und Skandale.<\/p>\n<p>Vielmehr versucht Schr\u00f6der mit einem kr\u00e4ftigen Schuss Selbstironie die \u00fcblichen Argumentationstrategien ins Leere laufen zu lassen. Zuletzt gastierte ein Team von Spiegel-TV in der Online-Sendung des Nachwuchskaders. Die \u00fcblichen die \u201ePresse-l\u00fcgt\u201c-Argumente waren nicht zu h\u00f6ren. Ein kurzer Dialog zwischen Schr\u00f6der und einem Spiegel-Reporter zeigt die Rhetorik des Oberpf\u00e4lzers sehr gut: Als der Spiegel-Journalist Schr\u00f6der w\u00e4hrend einer Schulungsveranstaltung vor rund 30 Neonazis fragt, was denn \u00fcberhaupt gut gewesen sei am Nationalsozialismus, antwortet dieser nach kurzem Z\u00f6gern deutlich: \u201eSchauen Sie sich die Straftatstatistiken an \u2026 zum Beispiel\u201c und schnell setzt Schr\u00f6der nach: \u201eKennen Sie nicht? Sie kennen nur 6. Millionen\u2026ja, ist klar?!\u201c Die rund drei\u00dfig anwesenden Neonazis lachen und applaudieren ihrem \u201eStilberater\u201c. Schr\u00f6ders Antwort ist kein Produkt einer versuchten Intellektualisieren, sie ist nicht besonders klug und lie\u00dfe sich wohl auch schnell entkr\u00e4ften: Aber sie zeigt in der frechen und selbstbewussten Art Wirkung. Wirkung vor allem bei jenen, die eben sowieso nicht vor hatten sich ausgiebig mit dem Thema zu besch\u00e4ftigen. F\u00fcr Schr\u00f6der ist der Weg klar: Wenn er Jugendliche erreichen will, muss er eher \u00fcber die letzte Simpson-Folge sprechen als \u00fcber den 2. Weltkrieg: Das ist Popkultur mit subtiler Ideologievermittlung.<\/p>\n\n<div class=\"embed-wrapper embed-wrapper--blocked js-embed-consent\" data-method=\"iframe\">\n<script class=\"raw__source\" type=\"text\/template\"><iframe loading=\"lazy\" frameborder=\"0\" height=\"315\" src=\"\/\/www.youtube.com\/embed\/q3RNpktC1_U\" width=\"560\"><\/iframe><\/script>\n<div class=\"embed-wrapper__inner\">\n<div class=\"embed-wrapper__text\">\n<h3>Empfohlener redaktioneller Inhalt<\/h3>\n<p data-replace=\"no\">An dieser Stelle finden Sie externen Inhalt, der den Artikel erg\u00e4nzt. 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Ein Zweifel an der Ausrichtung der Tr\u00e4ger oder Produzenten bleibt da kaum noch.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_15610\" aria-describedby=\"caption-attachment-15610\" style=\"width: 572px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2014\/04\/IMG_0276.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-15610 \" alt=\"Patrick Schr\u00f6der beim &quot;Th\u00fcringentag der nationalen Jugend&quot; 2013 in Kahla, Foto: Felix M. 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Und da der umtriebige Gesch\u00e4ftsmann offensichtlich wenig Lust hat, immer nur auf den Rechtsrock-Veranstaltungen anderer seinen Stand zu betreiben, organisierte Schr\u00f6der 2013 erstmals einen eigenen Rechtsrock-Abend im bayrischen Scheinfeld. Das \u201eLive H8\u201c tr\u00e4gt die provokative Anspielung schon im Namen. Rund tausend Neonazis zog es ins D\u00f6rfchen Scheinfeld. F\u00fcr 2014 ist bereits die zweite Runde des Events angek\u00fcndigt.<\/p>\n<h2>Daniel Weigl: NS-Ideologie im modernen Gewand<\/h2>\n<p>An einer optischen Modernisierung des Rechtsextremismus arbeitet aber nicht nur NPDler Schr\u00f6der. Mit Daniel Weigl versuchte \u00fcber mehrere Jahre hinweg auch ein F\u00fchrungsaktivist des mit der Neonazi-Partei verfeindeten Kameradschaftsdachverbands \u201eFreies Netz S\u00fcd\u201c (FNS), dem \u00e4u\u00dferlichen Auftreten der Szene ein modernes und zeitgem\u00e4\u00dfes Image zu verpassen.<\/p>\n<p>Nur knapp ein Jahr nach der Entstehung der Kameradschaft \u201eWiderstand Schwandorf\u201c unter der Leitung von Daniel Weigl etablierte der mehrfach vorbestrafe Neonazi-Aktivist im August 2010 den \u201eFinal-Resistance\u201c-Versand unter dem Motto \u201eTrue NS Streetware\u201c. Von seinem Wohnort im oberpf\u00e4lzischen Wackersdorf versorgte Weigl die extreme Rechte in- und au\u00dferhalb Bayerns lange mit Bekleidung, Devotionalien, RechtsRock-CDs, Propagandamaterialien und \u00e4hnlichem mehr.<\/p>\n<p>Dabei hob sich der Online-Shop des Schwandorfer Neonazis in vielerlei Hinsicht von klassischen Szene-L\u00e4den ab: Durch das moderne Design zahlreicher Produkte sowie der Umdeutung von urspr\u00fcnglich aus der linken Szene bekannten Motiven im Sinne der neonazistischen Ideologie brach \u201eFinal Resistance\u201c mit zahlreichen Konventionen innerhalb der bayerischen Szene.<\/p>\n<p>Anders als beispielsweise der 2003 gegr\u00fcndete \u201eVersand der Bewegung\u201c des Murnauer NPD-Aktivist Matthias Polt griff Weigl weit verbreitete subkulturelle Motive auf \u2014 ohne jedoch bei der Radikalit\u00e4t Abstriche in Kauf nehmen zu m\u00fcssen. So finden sich im Sortiment des Versands moderne Jogginghosen mit dem Aufdruck \u201eNS-Hardcore\u201c, T-Shirts mit dem Spruch \u201eFuck Nazis \u2013\u00a0Fickt mehr Nazis\u201c oder aber ein Motiv mit drei schreienden, teils maskierten jugendlichen Gesichtern unter dem Motto \u201eEine Jugend rebelliert \u2013 Trotz Verfolgung und Verboten\u201c. Angelehnt an das beliebte \u201eI-love-NY\u201c-Motiv bietet der Online-Versand sogar ein Shirt in identischer Aufmachung mit dem Slogan \u201eI-love-NS\u201c an, wobei das K\u00fcrzel \u201eNS\u201c bei den angebotenen Produkten wohl f\u00fcr \u201eNationalsozialismus\u201c steht.<\/p>\n<h2>NS-Nostalgie f\u00fcr Jugendliche<\/h2>\n<p>Mittels derartiger Motive konnte Weigl in Bayern die f\u00fcr die Szene typische NS-Nostalgie mit einem modernen Design verbinden, das auch Jugendliche ansprechen k\u00f6nnte. Lange Zeit \u00fcber hatte die Neonazi-Szene in Deutschland das Problem, dass ihr modisch zumeist streng reglementierest Auftreten kaum zeitgem\u00e4\u00df war, was wiederum viele Jugendliche und junge Erwachsene \u2013\u00a0 immerhin einer der wichtigsten Zielgruppen der extremen Rechten \u2013\u00a0abgeschreckt haben d\u00fcrfte; doch die Zeiten sind vorbei. \u201eFinal Resistance\u201c steht damit ganz ma\u00dfgeblich in der Tradition der Anfang des Jahrtausends entstandenen Autonomen Nationalisten (AN), die erstmals in gr\u00f6\u00dferem Umfang eine klare NS-Ausrichtung propagierten, dies aber mit Einfl\u00fcssen aus der Popkultur sowie individuellen Freiheit ihrer Aktivisten bei Kleidungsstil, Lebensgewohnten und Musikgeschmack zu kombinieren wussten.<\/p>\n<p>Dadurch erlange auch der Online-Shop innerhalb kurzer Zeit Bekanntheit und wurde schnell auf zahlreichen Neonazi-Websites im Freistaat \u2013\u00a0darunter auch beim FNS \u2013 verlinkt, was ihm Werbeaktionen bei extrem rechten Veranstaltungen erm\u00f6glichte. Neben Verkaufs- bzw. Infost\u00e4nden am \u201eNationalen Frankentag\u201c des FNS im September 2012 war \u201eFinal Resistance\u201c daher in den letzten zwei Jahren auch beim bundesweit bedeutenden RechtsRock-Event \u201eRock f\u00fcr Deutschland\u201c (RfD) im th\u00fcringischen Gera vertreten.<\/p>\n<p>Ende November 2013 hat der Schwandorfer Neonazi \u2013\u00a0verbunden mit den schon lange zuvor zur\u00fcckgegangenen Aktivit\u00e4ten der von ihm geleiteten Gruppen \u2013 den Versand abgetreten. Seither wird der Shop von seinem neuen Standort im oberfr\u00e4nkischen Oberprex im Landkreis Hof von den beiden FNS-F\u00fchrungskadern Tony Gentsch (Oberprex) und Matthias Fischer (F\u00fcrth) betrieben. Ansonsten hat sich aber \u2013\u00a0abgesehen von einer geringf\u00fcgigen Erweiterung des Sortiments \u2013 an der programmatisch-stilistischen Ausrichtung wenig ge\u00e4ndert. Das unter Weigl etablierte Konzept, NS-Ideologie modern zu verkaufen, wird auch weiterhin verfolgt.<\/p>\n<p>Um Weigl selbst ist es \u2013 trotz zur\u00fcckgegangener Aktivit\u00e4ten \u2013 allerdings nicht g\u00e4nzlich still geworden. Bayerns Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz (BayLfV) hat den Neonazi-Aktivisten n\u00e4mlich im Umfeld eines lokalen Tattoo-Studios in Schwandorf beobachtet, das \u201eim September 2013 von einem anderen hier bekannten Rechtsextremisten angemeldet\u201c worden ist, so die Beh\u00f6rde.<\/p>\n<p>Zwar sei Weigl dort \u201eweder als Gewerbeinhaber noch als Mitarbeiter verzeichnet\u201c, doch w\u00e4re er zumindest \u201ein der Vergangenheit wiederholt vor Ort anzutreffen\u201c gewesen. Dieses Tattoo-Studio direkt in der Schwandorfer Innenstadt richte sich mit seinem Angebot \u201ean die Bed\u00fcrfnissen eines rechtsextremen (Jugend)-Lifestyles\u201c, antwortet der bayerische Verfassungsschutz auf eine Anfrage des St\u00f6rungsmelders. Aus diesem Grund \u201ek\u00f6nnte sich das Studio\u201c, so das BayLfV, \u201eals Anlaufpunkt f\u00fcr die rechtsextremistische Szene entwickeln\u201c.<\/p>\n<h2>\u201eStaatsschutzquatscher\u201c Schr\u00f6der st\u00f6\u00dft in der Szene auch auf Ablehnung<\/h2>\n<p>Patrick Schr\u00f6der und Daniel Weigl verfolgen beziehungsweise verfolgten damit \u00e4hnliche Ziele. Doch trotz identischer Ausrichtung und Konzepte beim Vertrieb extrem rechter Produkte unterscheiden sich die beiden Neonazis erheblich voneinander. W\u00e4hrend Schr\u00f6der gezielt auf Medien zugeht oder sogar selbst mediale Angebote gestaltet, war Weigl bis zu seinem R\u00fcckzug \u2013 zumindest nach au\u00dfen hin \u2013 eher ein stiller Kader. Zwar war er in der Vergangenheit auf zahlreichen Neonazi-Events als Redner oder als Vertreter des \u201eFinal-Resistance\u201c-Versand pr\u00e4sent, doch hielt er sich gegen\u00fcber der medialen \u00d6ffentlichkeit stets bedeckt.<\/p>\n<p>Obwohl Schr\u00f6der mit seinem Konzept regelm\u00e4\u00dfig Aufmerksamkeit erweckt und ihm 2013 mit dem \u201eLive-H8\u201c-Konzert das seit Jahren gr\u00f6\u00dfte RechtsRock-Event in Bayern gelungen ist, ist der NPD-Aktivist innerhalb der extremen Rechten nicht unumstritten. Allen voran in den Reihen des \u201eFreien Netzes S\u00fcd\u201c st\u00f6\u00dft der NPDler auf Ablehnung. Den dort aktiven Neonazis gilt er als \u201eSystemb\u00fcttel\u201c und \u201eStaatschutz-Quatscher\u201c, der \u201ein der Vergangenheit mehrmals durch unkameradschaftliches und unloyales Verhalten negativ in Erscheinung\u201c getreten sei.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Durch die erheblichen Ver\u00e4nderungen in der extremen Rechten Anfang der 2000er hat sich auch ein neuer Markt f\u00fcr eine gesch\u00e4ftst\u00fcchtige junge Generation von Neonazis etabliert. 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