{"id":16515,"date":"2014-06-11T15:17:23","date_gmt":"2014-06-11T13:17:23","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=16515"},"modified":"2014-10-28T20:01:02","modified_gmt":"2014-10-28T19:01:02","slug":"dortmund-rechtsextreme-schlaeger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2014\/06\/11\/dortmund-rechtsextreme-schlaeger_16515","title":{"rendered":"Dortmunds rechtsextreme Schl\u00e4ger"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2014\/05\/Wahlabend-25.05.2014-Neonazi-Ausschreitungen_3277.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter  wp-image-16408\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2014\/05\/Wahlabend-25.05.2014-Neonazi-Ausschreitungen_3277-1024x628.jpeg\" alt=\"Wahlabend 25.05.2014 - Neonazi-Ausschreitungen_3277\" width=\"579\" height=\"355\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2014\/05\/Wahlabend-25.05.2014-Neonazi-Ausschreitungen_3277-1024x628.jpeg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2014\/05\/Wahlabend-25.05.2014-Neonazi-Ausschreitungen_3277-300x183.jpeg 300w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2014\/05\/Wahlabend-25.05.2014-Neonazi-Ausschreitungen_3277.jpeg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 579px) 100vw, 579px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Dortmund hat vieles richtig gemacht im Kampf gegen Neonazis. Bis Abgeordnete des Stadtrats pl\u00f6tzlich einer Bande rechter Schl\u00e4ger gegen\u00fcberstanden.<!--more--><\/p>\n<p><em>Von Anna Kemper<\/em><\/p>\n<p>Am Abend der Kommunalwahl machte Christian Gebel Bekanntschaft mit einem, mit dem er bald gemeinsam im Rat der Stadt sitzen wird und den man in Dortmund nur &#8222;SS-Siggi&#8220; nennt. SS-Siggi wollte am vergangenen Sonntagabend ins Rathaus, auf die Wahlparty, zusammen mit 26 anderen Rechtsextremisten. Aber die T\u00fcr war versperrt: von Gebel, der zur Piratenpartei geh\u00f6rt, und ungef\u00e4hr 60 Vertretern aus den unterschiedlichen Ratsfraktionen. Sie hatten eine Kette gebildet, um die Rechten nicht reinzulassen. SS-Siggi dr\u00fcckte gegen Gebel, Gebel dr\u00fcckte zur\u00fcck. Kurze Zeit sp\u00e4ter flog eine Flasche aus den Reihen der Rechten und traf Gebel am Kopf.<\/p>\n<p>Am Ende des Abends wurden zehn Menschen mit Verletzungen behandelt. Videos im Internet lassen ahnen, wie bedrohlich die Situation vor dem Rathaus gewesen sein muss: Rechtsradikale, die zuschlagen, mit Pfefferspray spr\u00fchen, &#8222;Deutschland den Deutschen, Ausl\u00e4nder raus!&#8220; skandieren. Die Polizei ermittelt nun unter anderem wegen gef\u00e4hrlicher K\u00f6rperverletzung, Verdachts auf Volksverhetzung und Landfriedensbruch. Und viele in Dortmund fragen sich: Wie konnte das passieren?<\/p>\n<p>Ein paar Tage sp\u00e4ter sieht man von Gebels Platzwunde nur noch einen schmalen Strich, die Haut neben seinem Auge ist gelb verf\u00e4rbt. Gebel, ein bed\u00e4chtiger Typ, sitzt im B\u00fcro der Piratenpartei. Er wird zum ersten Mal als Abgeordneter in den Rat einziehen, genau wie SS-Siggi, der mit b\u00fcrgerlichem Namen Siegfried Borchardt hei\u00dft. Borchardt, 60 Jahre alt, sieht aus wie eine Mischung aus Hulk Hogan und Hells Angel, er war Spitzenkandidat der Partei Die Rechte. 2101 Stimmen hat sie in Dortmund bekommen, das reicht f\u00fcr einen Sitz im Rat.<\/p>\n<p><strong>Die Polizei hatte &#8222;keine Hinweise auf rechte Vorkommnisse&#8220;<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_15893\" aria-describedby=\"caption-attachment-15893\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2014\/05\/Kundgebung_-Die-Rechte-_Dortmund_30._April-20140430-DSC_7221.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-15893 size-medium\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2014\/05\/Kundgebung_-Die-Rechte-_Dortmund_30._April-20140430-DSC_7221-300x200.jpg\" alt=\"Siegfried Borchardt (links im Bild) \" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2014\/05\/Kundgebung_-Die-Rechte-_Dortmund_30._April-20140430-DSC_7221-300x200.jpg 300w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2014\/05\/Kundgebung_-Die-Rechte-_Dortmund_30._April-20140430-DSC_7221.jpg 900w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-15893\" class=\"wp-caption-text\">Siegfried Borchardt (links im Bild) \u00a9 Christian Martischius<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Jeder, der in Dortmund aufgewachsen ist, wei\u00df, wer SS-Siggi ist. &#8222;Zynisch formuliert&#8220;, sagt Gebel, &#8222;k\u00f6nnte man sagen, das grenzt schon an Folklore.&#8220; Borchardt gr\u00fcndete Anfang der achtziger Jahre die Borussenfront, eine Mischung aus Hooligans und rechten Schl\u00e4gern. In den 30 Jahren, die seitdem vergangen sind, sa\u00df Borchardt mehrfach im Gef\u00e4ngnis, wegen K\u00f6rperverletzung, Hausfriedensbruch, Volksverhetzung, er war stellvertretender Bundesvorsitzender der 1995 verbotenen Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP). &#8222;F\u00fcr die Rechtsradikalen in Deutschland und Dortmund&#8220;, sagt der Extremismusexperte Jan Schedler von der Universit\u00e4t Bochum, &#8222;ist SS-Siggi eine Galionsfigur.&#8220; Jetzt ist er Ratsherr.<\/p>\n<p>&#8222;Nachdem feststand, dass die Rechte einen Sitz im Rat gewonnen hatte, war es eigentlich klar, dass sie auftauchen w\u00fcrde, um ihren Erfolg zu feiern&#8220;, sagt Christian Gebel. Aber als die Rechte dann vor dem Rathaus aufzog, war kein einziger Polizist da. Gebel hat schon oft gegen rechte Aufm\u00e4rsche in Dortmund demonstriert, viele von denen, die vor dem Rathaus aufkreuzten, sah er nicht zum ersten Mal. Da waren Christoph D. und Matthias D., beide verurteilt wegen mehrfacher und gef\u00e4hrlicher K\u00f6rperverletzung. Alexander D., der wegen eines Angriffs auf eine Demonstration des DGB vor Gericht stand. Patrick B., verurteilt wegen eines brutalen Angriffs auf G\u00e4ste in einer linken Kneipe. Und eben SS-Siggi.<\/p>\n<p>Dortmunds Oberb\u00fcrgermeister Ullrich Sierau hat Siegfried Borchardt zum ersten Mal gesehen, als er in den achtziger Jahren einen Vortrag im Gef\u00e4ngnis hielt \u2013 SS-Siggi sa\u00df gerade mal wieder, h\u00f6rte zu, in der zweiten Reihe. Sierau, SPD, tr\u00e4gt am Sonntag nach der Wahl im Rathaus am Handgelenk ein B\u00e4ndchen, auf dem &#8222;Dortmund is full of surprises&#8220; steht. Er hat die meisten Stimmen in der Oberb\u00fcrgermeisterwahl bekommen, auch die Stichwahl am 15. Juni wird er wohl f\u00fcr sich entscheiden. Er habe zwar damit gerechnet, dass bei einem Wahlerfolg die Rechten zum Rathaus kommen k\u00f6nnten, sagt der OB. Allerdings nicht mit einem solchen Angriff, da habe er sich auf die Einsch\u00e4tzung von Polizei und Staatsschutz verlassen. &#8222;Aus unserer Sicht&#8220;, sagt der Polizeisprecher, &#8222;gab es keine Hinweise auf rechte Vorkommnisse.&#8220; Zwanzig Minuten nach dem ersten Notruf waren gen\u00fcgend Polizisten versammelt, um die Situation in den Griff zu kriegen. Der Polizeipr\u00e4sident hat angek\u00fcndigt, den Ablauf des Einsatzes genau zu \u00fcberpr\u00fcfen.<\/p>\n<p>Die Partei Die Rechte f\u00fcllt im gerade ver\u00f6ffentlichten Verfassungsschutzbericht NRWs 19 Seiten, die so klingen, als arbeite man bereits an einem Verbot. Die Rechte verharmlose nationalsozialistische Verbrechen, bef\u00fcrworte die nationalsozialistische Diktatur, hetze gegen Asylbewerber. Ihre Mitglieder sind keine braunen Biederm\u00e4nner: Der Landesverband NRW ist zu einem erheblichen Teil identisch mit der militanten Neonazi-Szene im Land. Und der Kreisverband Dortmund hat sich als f\u00fchrende Kraft der Partei in NRW etabliert. Die Mitglieder in Dortmund stimmen weitgehend mit denen des Nationalen Widerstands Dortmund (NWDO) \u00fcberein, einer 2012 verbotenen Kameradschaft von Autonomen Nationalisten.<\/p>\n<p><strong>Wer sich gegen Nazis engagiert, bei dem stehen sie pl\u00f6tzlich vor der T\u00fcr<\/strong><\/p>\n<p>Anf\u00fchrer des NWDO war Dennis Giemsch. Auch er war am Wahlabend vor dem Rathaus, er ist jetzt Landesvorsitzender der Rechten in NRW, auf der Liste bei der Kommunalwahl stand er auf Platz zwei. Giemsch ist Ende 20 und bundesweit eine F\u00fchrungsfigur der Autonomen Nationalisten, die die rechte Szene in Deutschland dominieren. Bei den AN gibt es wenige Glatzk\u00f6pfe, keine Kleidungsvorschriften und keine Plakate in Runenschrift. Ihr Auftreten hat sich modernisiert, das rechte Gedankengut ist geblieben. Die Gruppe um Giemsch gilt als Vorzeigetruppe der AN. Auch weil Borchardt den jungen Rechten wohlwollend gegen\u00fcberstand: In Dortmund sehen alte und junge Nazis einander nicht als Konkurrenten, sondern haben sich zusammengetan. Der harte Kern wird auf 50 Personen gesch\u00e4tzt, eigentlich nicht viel f\u00fcr eine Stadt mit 580.000 Einwohnern. Was sie stark macht, ist ihr Mobilisierungspotenzial und ihre Gewaltbereitschaft. Dortmund liegt in der Statistik rechter Straf- und Gewaltdelikte in NRW einsam an der Spitze.<\/p>\n<p>Wieso hat die Polizei die Situation untersch\u00e4tzt? Es gibt einiges aufzukl\u00e4ren in Dortmund, nur eins ist klar: Der Wahlabend war f\u00fcr die Stadt ein Desaster. Auch weil diesmal rund tausend B\u00fcrger mehr f\u00fcr rechtsextreme Parteien stimmten als vor zwei Jahren.<\/p>\n<p>Dabei reden die Dortmunder das rechte Problem schon lange nicht mehr klein, sondern gehen es offensiv an. Die Stadt erwarb ein Haus, das die Autonomen Nationalisten kaufen wollten, und untersagte die Nutzung eines anderen Hauses als Parteizentrale aus baulichen Gr\u00fcnden. Es gibt eine Koordinierungsstelle gegen rechte Gewalt und eine Opferberatung, bis vor Kurzem die einzige in NRW. Die Polizei verlegte die Aufm\u00e4rsche der Rechten auf unattraktive Routen und wertet Sitzblockaden von Nazigegnern regelm\u00e4\u00dfig als spontane Demonstrationen, statt sie aufzul\u00f6sen. Nachdem ein Mitglied des Fanprojekts von Rechten bei einem Spiel in Donezk vor zwei Jahren brutal angegriffen wurde, geht auch Borussia Dortmund hart gegen rechte Fans vor. Als Siegfried Borchardt im Wahlkampf mit der Parole &#8222;Von der S\u00fcdtrib\u00fcne in den Stadtrat&#8220; f\u00fcr sich warb, klagte der Verein erfolgreich dagegen. Die B\u00fcrger organisieren sich, im B\u00fcndnis BlockaDO haben sich mehr als 40 verschiedene Parteien, Vereine und Initiativen gegen rechts zusammengeschlossen.<\/p>\n<p>Aber wer sich in Dortmund prominent gegen rechts engagiert, bekommt das zu sp\u00fcren: Manchen werden t\u00e4glich Waren zugeschickt, die sie nicht bestellt haben. Parteib\u00fcros wie das der Linken wurden mehrfach angegriffen. 2011 klingelte es vor Weihnachten an Sieraus T\u00fcr, ein paar &#8222;nationale Weihnachtsm\u00e4nner&#8220; \u00fcberbrachten Geschenke. &#8222;Die wollten deutlich machen: Wir wissen nicht nur, wo ihr wohnt, sondern k\u00f6nnen euch auch jederzeit bedrohen&#8220;, sagt Sierau. Im Dezember 2013 stellten die Rechten auf einer Internetseite zehn Nazigegner vor und lie\u00dfen dar\u00fcber abstimmen, vor wessen Haus vor Weihnachten demonstriert werden solle.<\/p>\n<p>Die Rechte, die auf Anfragen der ZEIT nicht reagierte, verk\u00fcndete nach dem Wahlabend, die Gewalt sei nicht von ihr ausgegangen \u2013 ein Skandal sei es vielmehr, dass man an der \u00f6ffentlichen Wahlparty nicht habe teilnehmen k\u00f6nnen. Die Stadt hat beschlossen, die restlichen Sitzungen des Stadtrats vor der Sommerpause und die vier Bezirksvertretungen, in die Mitglieder der Rechten gew\u00e4hlt worden sind, durch einen Sicherheitsdienst bewachen zu lassen. In zwei Wochen tritt der Rat der Stadt zum ersten Mal zusammen. Dann kann niemand mehr SS-Siggi den Zugang zum Rathaus verwehren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dortmund hat vieles richtig gemacht im Kampf gegen Neonazis. 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