{"id":19052,"date":"2015-04-11T07:54:37","date_gmt":"2015-04-11T05:54:37","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=19052"},"modified":"2015-04-11T17:40:13","modified_gmt":"2015-04-11T15:40:13","slug":"weinen-allein-bildet-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2015\/04\/11\/weinen-allein-bildet-nicht_19052","title":{"rendered":"\u201eWeinen allein bildet nicht\u201c"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_19053\" aria-describedby=\"caption-attachment-19053\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2015\/04\/IMG_1019.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-19053 size-full\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2015\/04\/IMG_1019.jpg\" alt=\"Figurengruppe und Krematorium in der KZ-Gedenkst\u00e4tte MIttelbau-Dora \u00a9 Felix M. Steiner\" width=\"540\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2015\/04\/IMG_1019.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2015\/04\/IMG_1019-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-19053\" class=\"wp-caption-text\">Figurengruppe und Krematorium in der KZ-Gedenkst\u00e4tte MIttelbau-Dora<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>In diesem Jahr j\u00e4hrt sich der Jahrestag der Befreiung der deutschen Konzentrationslager zum 70. Mal. Auch das Sterben der Zeitzeugengeneration ver\u00e4ndert die Situation und die Erinnerungskultur. Damit stehen auch die KZ-Gedenkst\u00e4tten vor neuen Herausforderungen. Ein Gespr\u00e4ch mit <a href=\"http:\/\/www.stiftung-ng.de\/de\/organisation\/geschaeftsfuehrung.html\" target=\"_blank\">Dr. Jens-Christian Wagner, dem Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Stiftung nieders\u00e4chsiche Gedenkst\u00e4tten<\/a> \u00fcber die Zukunft der Erinnerungskultur.<!--more--><\/p>\n<p><em>Das Interview f\u00fchrte <a href=\"https:\/\/twitter.com\/felixmsteiner\" target=\"_blank\">Felix M. Steiner<\/a><\/em><\/p>\n<p><strong>In diesem Jahr j\u00e4hrt sich die Befreiung der deutschen Konzentrationslager zum 70. Mal. Welche Bedeutung kommt diesem Jubil\u00e4um zu?<\/strong><\/p>\n<p>70 Jahre nach der Befreiung ist es nun wohl tats\u00e4chlich das letzte Mal, dass eine gr\u00f6\u00dfere Zahl von \u00dcberlebenden aus allen Teilen der Welt nach Deutschland kommt, um an die St\u00e4tten des Leids zur\u00fcckzukehren \u2013 manche zum ersten Mal nach der Befreiung im April\/Mai 1945. St\u00e4rker noch als in den Jahren zuvor wird die Erinnerung j\u00fcdisch gepr\u00e4gt sein \u2013 aus einem ganz einfache Grund: Politische H\u00e4ftlinge oder auch Kriegsgefangene waren durchschnittlich deutlich \u00e4lter; die meisten leben mittlerweile nicht mehr. Juden hingegen wurden nicht wegen eines bestimmten Verhaltens inhaftiert, sondern weil sie Juden waren \u2013 und das betraf auch Kinder. Insbesondere in Bergen-Belsen, einem Lager mit einem deutlich h\u00f6heren Anteil j\u00fcdischer H\u00e4ftlinge als etwa Buchenwald oder Dachau, ist die Zahl der \u201echild survivors\u201c besonders hoch. Und die haben ganz andere Erinnerungen an die KZ-Haft als politische H\u00e4ftlinge oder Angeh\u00f6rige anderer Haftgruppen.<\/p>\n<p><strong>Und welche Auswirkungen hat das auf die Erinnerungskultur?<\/strong><\/p>\n<p>Ich erinnere mich noch sehr gut an die Rede, die der spanische Widerstandsk\u00e4mpfer, Schriftsteller und ehemalige Buchenwald-H\u00e4ftling Jorge Semprun, der mittlerweile verstorben ist, 2005 zum 60. Jahrestag der Befreiung im Deutschen Nationaltheater in Weimar gehalten hat. Die Rede war ein Pl\u00e4doyer an die j\u00fcngeren, \u00fcberwiegend j\u00fcdischen \u00dcberlebenden, nach dem Tod der letzten politischen Ex-H\u00e4ftlinge deren Verm\u00e4chtnis in die Zukunft zu tragen: den Wunsch nach einer friedlichen, die Menschenw\u00fcrde achtenden Welt, in der Rassismus, Nationalismus und Krieg keinen Platz haben.<\/p>\n<p><strong>Und das machen j\u00fcdische \u00dcberlebende nicht?<\/strong><\/p>\n<p>Doch, durchaus. Die Frage ist eher, was unsere Gesellschaft damit macht. Und hier bemerke ich mit Sorge eine gewisse Entkontextualisierung unseres Blicks auf die NS-Vergangenheit. Das zeigt sich in einer Individualisierung der KZ-Erinnerung und auch in einer auch medial gepr\u00e4gten Engf\u00fchrung auf die Geschichte der Ermordung der europ\u00e4ischen Juden. Sicherlich war dies das Zentralverbrechen der Nazis, aber es darf nicht isoliert betrachtet werden, sondern muss im Gesamtzusammenhang mit der Verfolgung und Ermordung auch anderer Gruppen gesehen werden, etwa politischer H\u00e4ftlinge, der Sinti und Roma, Homosexueller oder als \u201easozial\u201c oder \u201ekriminell\u201c Verfolgter. Oder denken Sie an den Krankenmord, das Schicksal der Zwangsarbeiter\/innen und an die Geschichte der sowjetischen Kriegsgefangenen. All das droht hinter der Metapher Auschwitz und einem auf den Judenmord fokussierten Blick zu verschwinden.<\/p>\n<p><strong>Was brauchen wir in der Erinnerungskultur stattdessen?<\/strong><\/p>\n<p>Wir brauchen eine lebendige, kritische Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen, eine Auseinandersetzung, die nach Ursache und Wirkung fragt und alle Verfolgtengruppen in den Blick nimmt und auch w\u00fcrdigt. Und wir brauchen eine Auseinandersetzung, die danach fragt, warum ein gro\u00dfer Teil der Deutschen bis zum letzten Tag des Krieges mitgemacht hat, viele auch als Profiteure und Mitt\u00e4ter bei Verbrechen. Schlie\u00dflich brauchen wir eine Bildungsarbeit in den Gedenkst\u00e4tten, die handlungsorientiert ist, allerdings nicht im Sinne appellativ-affirmativer Gedenkreden mit der Forderung &#8222;Nie wieder!&#8220;, die zwar selbstverst\u00e4ndlich richtig ist, aber verpufft, wenn Gedenkst\u00e4ttenbesucher\/innen in dem Gef\u00fchl nach Hause gehen, fr\u00fcher sei alles ganz schrecklich gewesen, jetzt sei man aber am gl\u00fccklichen Ende der Geschichte angekommen. Wir brauchen Aktualit\u00e4tsbez\u00fcge jenseits falscher historischer Analogien.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_19054\" aria-describedby=\"caption-attachment-19054\" style=\"width: 287px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2015\/04\/Bergen-Belsen-Befreiung.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-19054\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2015\/04\/Bergen-Belsen-Befreiung.jpg\" alt=\"Logo der Gedenkst\u00e4tte Bergen-Belsen zum 70. Jahrestag der Befreiung\" width=\"287\" height=\"407\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2015\/04\/Bergen-Belsen-Befreiung.jpg 501w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2015\/04\/Bergen-Belsen-Befreiung-211x300.jpg 211w\" sizes=\"auto, (max-width: 287px) 100vw, 287px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-19054\" class=\"wp-caption-text\">Logo der Gedenkst\u00e4tte Bergen-Belsen zum 70. Jahrestag der Befreiung<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p><strong>Wie setzt die Stiftung nieders\u00e4chsische Gedenkst\u00e4tten ein solches Konzept von Erinnerungsarbeit zum 70. Jahrestag der Befreiung um \u2013 allen voran in Bergen-Belsen?<\/strong><\/p>\n<p>Wir sagen, wie im \u00fcbrigen auch viele Gedenkst\u00e4ttenkollegen in anderen Bundesl\u00e4ndern: Weinen allein bildet nicht. Unser Ziel ist es, die Gedenkveranstaltungen, die zwangsl\u00e4ufig auch durch eine gewisse Ritualisierung mit Reden und Kranzniederlegungen gepr\u00e4gt sind, in ein <a href=\"http:\/\/bergen-belsen.stiftung-ng.de\/fileadmin\/dateien\/Bergen-Belsen\/Aktuell\/Aktuell_temporaer\/2015-04-26_Veranstaltungen_Befreiungsfeier_GBB.pdf\" target=\"_blank\">breites inhaltliches Programm einzubetten<\/a>, um sicherzustellen, was wir als Hauptziel unsere Arbeit sehen: ein kritisches Geschichtsbewusstsein in die Gesellschaft zu tragen und unsere Besucher\/innen zu bef\u00e4higen, sich ein eigenes, ethisch fundiertes Urteil \u00fcber die NS-Vergangenheit zu bilden. Konkret geschieht das u.a. mit Begegnungen zwischen Jugendlichen und \u00dcberlebenden, Diskussions- und Vortragsveranstaltungen, Sonderausstellungen und ein breites Internetangebot.<\/p>\n<p><strong>K\u00f6nnen Sie Beispiele nennen?<\/strong><\/p>\n<p>Da ist zum einen die <a href=\"http:\/\/www.buchenwald.de\/1305\/\" target=\"_blank\">Sonderausstellung \u201eZwischen Harz und Heide. Todesm\u00e4rsche und R\u00e4umungstransporte im April 1945\u201c<\/a> zu nennen, die wir gemeinsam mit der KZ-Gedenkst\u00e4tte Mittelbau-Dora in Th\u00fcringen erarbeitet haben. Ihr erster Teil wird ab 13. April in der Gedenkst\u00e4tte Mittelbau-Dora pr\u00e4sentiert, der zweite Teil 24. April in Bergen-Belsen. Sp\u00e4ter sollen dann beide Teile zusammen als Wanderausstellung auf die Reise gehen. Die Ausstellung thematisiert das m\u00f6rderische Finale des KZ-Systems, das nicht im vermeintlich fernen \u201eOsten\u201c stattfand, sondern inmitten der deutschen Gesellschaft, in aller \u00d6ffentlichkeit. Diesem Thema, das wir deshalb so wichtig finden, weil es zeigt, wie eine radikal rassistische Gesellschaft funktioniert, widmet sich auch ein zweites Format: unser <a href=\"blog.befreiung1945.de\" target=\"_blank\">Blog \u201e70 Tage Gewalt, Mord, Befreiung\u201c<\/a>. Hier werden t\u00e4glich bis zum 8. Mai Ereignisse pr\u00e4sentiert, die sich genau vor 70 Jahren \u00fcberall in Niedersachsen ereignet haben. In aller Deutlichkeit machen die exemplarischen Ereignisse, die t\u00e4glich vorgestellt werden, das Ausma\u00df der Gewalteskalation bei Kriegsende deutlich.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_19056\" aria-describedby=\"caption-attachment-19056\" style=\"width: 520px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2015\/04\/Blog-nieders.-Gedenkst\u00e4tten.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-19056\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2015\/04\/Blog-nieders.-Gedenkst\u00e4tten-1024x409.jpg\" alt=\"Der Blog der nieders\u00e4chsichen Gedenkst\u00e4tten\" width=\"520\" height=\"208\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2015\/04\/Blog-nieders.-Gedenkst\u00e4tten-1024x409.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2015\/04\/Blog-nieders.-Gedenkst\u00e4tten-300x120.jpg 300w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2015\/04\/Blog-nieders.-Gedenkst\u00e4tten.jpg 1035w\" sizes=\"auto, (max-width: 520px) 100vw, 520px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-19056\" class=\"wp-caption-text\">Der Blog der nieders\u00e4chsichen Gedenkst\u00e4tten<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p><strong> Welche Ver\u00e4nderungen sind durch das Sterben der Zeitzeugen zu erwarten? Welchen Einfluss wird dies auf die Erinnerungskultur haben?<\/strong><\/p>\n<p>Um die allt\u00e4gliche Bildungsarbeit in den Gedenkst\u00e4tten mache ich mir eigentlich keine gro\u00dfen Sorgen. Schon in den letzten Jahren sind Zeitzeugenbegegnungen im Gedenkst\u00e4ttenalltag eher selten gewesen. Was ich eher f\u00fcrchte, ist schwindender R\u00fcckhalt f\u00fcr die Gedenkst\u00e4ttenarbeit in der Gesellschaft und in der Politik, wenn die ehemals Verfolgten, die ein erhebliches moralisches Gewicht haben, nicht mehr da sind und ihre warnenden Stimmen nicht mehr erheben k\u00f6nnen, wenn sie Fehlentwicklungen in der deutschen Gesellschaft wahrnehmen. Es wird sicherlich einsamer werden in den Gedenkst\u00e4tten, insbesondere f\u00fcr viele von uns, die sich von Zeitzeugen verabschieden m\u00fcssen, die \u00fcber lange Jahre gemeinsamer Arbeit zu engen Freunden geworden sind.<\/p>\n<p><strong>Was bedeutet dies konkret f\u00fcr die Gedenkst\u00e4tten und ihre Konzepte im Bezug auf die Erinnerungskultur?<\/strong><\/p>\n<p>Es ist unsere Aufgabe, der \u00d6ffentlichkeit zu vermitteln, dass es sich auch in Zukunft lohnt, sich mit den an den jeweiligen Orten begangenen Verbrechen zu besch\u00e4ftigen. Hier k\u00f6nnen wir viel dar\u00fcber lernen, welche Wirkungen Ausgrenzung, Kriminalisierung und Rassismus haben k\u00f6nnen und wie sie im Massenmord enden. Die Auseinandersetzung mit diesem Thema geh\u00f6rt genuin zur Selbstverst\u00e4ndigung einer demokratisch verfassten Gesellschaft, die die W\u00fcrde und die Rechte aller Menschen in den Mittelpunkt stellt, oder besser: stellen sollte.<\/p>\n<p><strong>Wie sehen Sie in diesem Bereich die Aufgabe bzw. Rolle der Politik? <\/strong><\/p>\n<p>Die Politik muss sicherstellen, dass Gedenkst\u00e4ttenarbeit nicht nur an gro\u00dfen Gedenktagen wie dem 70. Jahrestag und auch nicht nur in exemplarischen gro\u00dfen Gedenkst\u00e4tten finanziell unterf\u00fcttert ist, sonder 365 Tage im Jahr und m\u00f6glichst fl\u00e4chendeckend. Die Aufgabe der Politik geht aber noch weit dar\u00fcber hinaus: Sie hat auch Einfluss auf Lehrpl\u00e4ne und Curricula in Schulen und Universit\u00e4ten. \u00dcberhaupt geht die Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen und ihren Opfern uns alle an. Wenn sie an den Gedenkst\u00e4ttengrenzen endet, verpufft sie wirkungslos. Und schlie\u00dflich sollte man anerkennen, dass die NS-Verbrechen auch heute noch ungel\u00f6ste Folgen haben. Sowjetische Kriegsgefangene etwa, eine der gr\u00f6\u00dften, gleichwohl im \u00f6ffentlichen Bewusstsein am wenigsten pr\u00e4senten Opfergruppen, haben bis heute keinen Cent Entsch\u00e4digung erhalten. Und die Forderungen aus Griechenland nach Entsch\u00e4digungszahlungen f\u00fcr Angeh\u00f6rige von Massakeropfern oder auch nach R\u00fcckzahlung der deutschen Zwangsanleihe w\u00e4hrend des Krieges sind meines Erachtens durchaus berechtigt \u2013 auch wenn man vorsichtig sein sollte, Schuldenkrise und Reparationsforderungen zu verquicken. Aber das ist ein anderes Thema.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesem Jahr j\u00e4hrt sich der Jahrestag der Befreiung der deutschen Konzentrationslager zum 70. Mal. Auch das Sterben der Zeitzeugengeneration ver\u00e4ndert die Situation und die Erinnerungskultur. 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