{"id":19106,"date":"2015-04-17T18:05:14","date_gmt":"2015-04-17T16:05:14","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=19106"},"modified":"2015-05-07T17:46:52","modified_gmt":"2015-05-07T15:46:52","slug":"die-erinnerung-an-all-diese-frauen-lebendig-halten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2015\/04\/17\/die-erinnerung-an-all-diese-frauen-lebendig-halten_19106","title":{"rendered":"\u201eDie Erinnerung an all diese Frauen lebendig halten\u201c"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_19116\" aria-describedby=\"caption-attachment-19116\" style=\"width: 580px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2015\/04\/D05D0417Ravensbrueck_2321-e1429353195762.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-19116 size-full\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2015\/04\/D05D0417Ravensbrueck_2321-e1429353195762.jpg\" alt=\" \u00a9 Christian Ditsch \" width=\"580\" height=\"435\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-19116\" class=\"wp-caption-text\">Holocaust-\u00dcberlebende Barbara Reimann bei der Gedenkveranstaltung \u00a9 Christian Ditsch<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Das Bild auf meinem Schreibtisch zeigt eine hochbetagte wei\u00dfhaarige Frau, die nachdenklich auf einen in der Sonne schimmernden See schaut. Den \u201eSee der Tr\u00e4nen\u201c nannten die im Frauen- und M\u00e4dchenkonzentrationslager Ravensbr\u00fcck gefangenen Frauen den Schwedt-See, der direkt ans Lagergel\u00e4nde anschloss. Im einzigen Frauenkonzentrationslager des NS-Regimes waren von 1939 bis 1945 mehr als 130.000 Frauen, M\u00e4dchen und Kinder und 20.000 M\u00e4nner inhaftiert. 92.000 Frauen, M\u00e4dchen und Kinder starben in Ravensbr\u00fcck &#8211; an Hunger und t\u00f6dlicher Zwangsarbeit, in der Gaskammer des Lagers, im so genannten Erschie\u00dfungsgang oder bei Fluchtversuchen.<!--more--><\/p>\n<p><em>Von Heike Kleffner<\/em><\/p>\n<p>Eine der Frauen, die das Lager \u00fcberlebten, war die Hamburger Kommunistin Barbara Reimann. Das Foto auf meinem Schreibtisch entstand vor zehn Jahren beim Gedenkakt zum 60. Jahrestag der Befreiung des Lagers. An diesem Sonntag werden die <a href=\"http:\/\/www.ravensbrueck.de\/mgr\/neu\/deutsch\/service\/termine.htmhttp:\/\/\" target=\"_blank\">letzten \u00fcberlebenden ehemaligen H\u00e4ftlingsfrauen gemeinsam mit Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) und Brandenburgs Ministerpr\u00e4sident Dietmar Woidke (SPD) an ihre Befreiung vor 70 Jahren durch die Rote Armee erinnern.<\/a><\/p>\n<p><strong>\u201eR\u00fcckkehr unerw\u00fcnscht\u201c<\/strong><\/p>\n<p>\u201eVorbereitung zum Hochverrat, Abh\u00f6ren ausl\u00e4ndischer Sender und Wehrkraftzersetzung\u201c lauteten die Anklagepunkte auf dem Haftbefehl, mit dem meine Mutter, mein Stiefvater, meine Patentante und ich am 16. Juni 1943 in Hamburg festgenommen wurden.\u201c Mit diesem Satz aus ihren Lebenserinnerungen eroberte Barbara Reimann, geborene Dollwetzel, schnell die volle Aufmerksamkeit der zumeist um einige Jahrzehnte j\u00fcngeren Zuh\u00f6rerinnen und Zuh\u00f6rern, wenn sie \u00fcber ihren Weg nach Ravensbr\u00fcck und die Jahre ihrer Inhaftierung sprach.<\/p>\n<p>1943 war Barbara \u2013 die sich selbst immer als \u201eKind einer ganz normalen Hamburger Arbeiterfamilie bezeichnete \u2013 gerade einmal 23 Jahre alt. Ihr Vater, Max Dollwetzel, Schlosser, Gewerkschaftsaktivist, enger Weggef\u00e4hrte von Ernst Th\u00e4lmann und Mitbegr\u00fcnder der KPD \u2013 war zu diesem Zeitpunkt schon knapp zehn Jahre tot: erschlagen am 28. September 1933 nach dreit\u00e4giger Folter von Gestapo-Vernehmern in den gef\u00fcrchteten Kellern des B-Fl\u00fcgels der Haftanstalt Fuhlsb\u00fcttel im Hamburger Norden.<\/p>\n<p>Den Alltag der Familie Dollwetzel im Nationalsozialismus begleiteten von da ab Armut und Verfolgung. Aber auch zahlreiche Versuche, gemeinsam mit anderen \u2013 Kommunistinnen ebenso wie Sozialdemokraten und parteilosen Frauen und M\u00e4nnern -, gegen das NS-Regime aktiv Widerstand zu leisten, beispielsweise durch die Unterst\u00fctzung von polizeilich gesuchten oder auch inhaftierten Angeh\u00f6rigen, Freundinnen und Freunden. Als ein Gestapo-Spitzel eine der vielen, heute kaum noch bekannten kommunistisch-sozialdemokratischen Hamburger Gruppen illegale Widerstandsk\u00e4mpfer verr\u00e4t, werden auch Barbara Reimann und ihre damals 54-j\u00e4hrige Mutter Clara Dollwetzel verhaftet. Nach fast einj\u00e4hriger Untersuchungshaft in der Haftanstalt Fuhlsb\u00fcttel am 20. April 1944 werden beide Frauen ohne Anklage und ohne Prozess mit dem Vermerk \u201eR\u00fcckkehr unerw\u00fcnscht\u201c auf Transport geschickt: ins Frauenkonzentrationslager Ravensbr\u00fcck. \u201eDer Vermerk bedeutete eigentlich ein sicheres Todesurteil,\u201c sagte Barbara Reimann. Das Staunen \u00fcber das eigene \u00dcberleben war der alten Dame an diesem Punkt ihrer Erz\u00e4hlungen auch nach Jahrzehnten noch anzuh\u00f6ren.<\/p>\n<p><strong>Terror und Widerstand auf engstem Raum<\/strong><\/p>\n<p>Als Barbara und Clara Dollwetzel in dem Frauenkonzentrationslager im brandenburgischen F\u00fcrstenberg ankamen, herrschte in den 31 Baracken peinigende Enge. Das Lager war im Winter 1938\/39 urspr\u00fcnglich f\u00fcr 3.000 gefangene Frauen errichtet worden. In den folgenden f\u00fcnf Jahren waren hier insgesamt rund 150.000 Menschen aus mehr als vierzig L\u00e4ndern interniert: Frauen j\u00fcdischer Herkunft aus allen vom nationalsozialistischen Deutschland besetzten L\u00e4ndern ebenso wie Sinti und Roma, Kommunistinnen wie Olga Benario, Wiederstandsk\u00e4mpferinnen wie die franz\u00f6sische \u00c4rztin France Audoul, die niederl\u00e4ndische Malerin Aat Breur und die \u00f6sterreichische Journalistin Antonia Bruha ebenso wie Frauen, die als so genannte \u201eAsoziale\u201c inhaftiert wurden.<\/p>\n<p>Das ganze \u201eAusma\u00df des Terrors\u201c sei f\u00fcr sie zun\u00e4chst kaum fassbar gewesen, schildert Barbara Reimann ihre Ankunft sp\u00e4ter. Sie kam zun\u00e4chst in den Block 3, in dem einige der bekanntesten Kommunistinnen schon seit Jahren interniert waren und traf dort auch K\u00e4the Niederkirchner, die gemeinsam mit ihrem Bruder Heinrich Dollwetzel in einem Kommando von Fallschirmspringern in der Sowjetunion ausgebildet und kurz nach ihrem Absprung \u00fcber dem besetzten Polen im Zug nach Deutschland verhaftet worden war.<\/p>\n<p>K\u00e4the Niederkirchner wurde am 28. September 1944 im so genannten Todesgang erschossen. Versuche des Widerstandsnetzwerks, sie in einem Au\u00dfenkommando in Sicherheit zu bringen, hatte sie abgelehnt. Barbara Reimann war ebenfalls Teil des verzweigten Netzwerks; sie wurde Stuben\u00e4lteste der so genannten \u201eslawischen Stube\u201c mit rund 200 Frauen in Block 5: polnische Nonnen, jugoslawische Partisaninnen und tschechische Sozialdemokratinnen. Dadurch, dass Block 5 im Industriehof des Lagers und eher abgelegen liegt, gelang es ihr und ihren Freundinnen manchmal auch, vom Erschie\u00dfungstod oder Weitertransport in die Vernichtungslager bedrohte Frauen f\u00fcr einige Tage zu verstecken.<\/p>\n<p><strong>Beim Todesmarsch entkommen<\/strong><\/p>\n<p>Am 27. April 1945 begann die SS mit der Evakuierung des \u201eLagers\u201c vor der n\u00e4her r\u00fcckenden Roten Armee. Mehr als 10.000 H\u00e4ftlinge wurden in verschiedenen Gruppen auf Todesm\u00e4rsche in Richtung Norden getrieben. \u201eWir, die wir bis dahin \u00fcberlebt hatten, sollten alle vernichtet werden\u201c, fasste Barbara Reimann die Situation zusammen. Dennoch konnte sie im allgemeinen Chaos gemeinsam mit ihrer v\u00f6llig entkr\u00e4fteten Mutter und ihrer Patentante Emmy Wilde fl\u00fcchten. Den Tag der Befreiung erlebten die drei Frauen in Neustrelitz (Mecklenburg-Vorpommern).<\/p>\n<p><strong> Die Befreiung feiern<\/strong><\/p>\n<p>Wie f\u00fcr viele andere Ravensbr\u00fcck-\u00dcberlebende auch, war der Jahrestag der Befreiung f\u00fcr Barbara Reimann ein wichtiges Datum im Jahreskalendar. Fast nichts konnte sie davon abhalten, zu den Gedenkfeierlichkeiten vor Ort zu sein: Bei einem unserer gemeinsamen Besuche blieb das klapprige WG-Auto mit rauchender K\u00fchlerhaube auf der Bundesstra\u00dfe 96 zwischen Berlin und F\u00fcrstenberg liegen: Barbara Reimann, damals schon knapp 80 Jahre alt, schnappte sich ihre Handtasche und M\u00fctze, stellte sich an den Stra\u00dfenrand, hielt das n\u00e4chstbeste vorbeifahrende Auto an und schaffte es tats\u00e4chlich noch p\u00fcnktlich zur offiziellen Zeremonie. Dass dort bundespolitische Prominenz eher selten anzutreffen war, hat sie kaum gest\u00f6rt. Viel wichtiger war ihr, dass sie und andere ehemalige H\u00e4ftlinge mit der Lagergemeinschaft Ravensbr\u00fcck 1992 erfolgreich den Bau eines Supermarkts auf dem Gel\u00e4nde des ehemaligen Frauenkonzentrationslagers verhindert hatten. \u201eIch konnte eben meinen Mund nie halten und hab mich nicht einsch\u00fcchtern lassen\u201c, war ihr Lebensmotto. Das galt auch f\u00fcr die z\u00e4hen Auseinandersetzungen mit der Stiftung Brandenburgische Gedenkst\u00e4tten und den politisch Verantwortlichen um eine angemessene Finanzierung und W\u00fcrdigung f\u00fcr die Mahn- und Gedenkst\u00e4tte in Ravensbr\u00fcck. Ihr Anliegen: \u201eDie Erinnerung an all diese Frauen lebendig zu halten, die im Lager starben\u201c \u2013 auch nach dem Tod der letzten \u00dcberlebenden.<\/p>\n<p>Die Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag der Befreiung hat Barbara Reimann nicht mehr erlebt. Sie starb am 21. April 2013 \u2013 zum 68. Jahrestag der Befreiung von Ravensbr\u00fcck &#8211; mit 93 Jahren in Berlin.<\/p>\n<p><em>Die Autorin ist Mitherausgeberin der Biografie von Barbara Reimann: Die Erinnerung darf nicht sterben. Barbara Reimann \u2013 Eine Biografie aus acht Jahrzehnten Deutschland, Hamburg\/M\u00fcnster 2000.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Bild auf meinem Schreibtisch zeigt eine hochbetagte wei\u00dfhaarige Frau, die nachdenklich auf einen in der Sonne schimmernden See schaut. Den \u201eSee der Tr\u00e4nen\u201c nannten die im Frauen- und M\u00e4dchenkonzentrationslager Ravensbr\u00fcck gefangenen Frauen den Schwedt-See, der direkt ans Lagergel\u00e4nde anschloss. 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