{"id":1916,"date":"2009-11-19T09:02:49","date_gmt":"2009-11-19T07:02:49","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=1916"},"modified":"2009-11-19T09:02:49","modified_gmt":"2009-11-19T07:02:49","slug":"neonazis-und-twitter-%e2%80%93-zeckenjagen-in-berlin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2009\/11\/19\/neonazis-und-twitter-%e2%80%93-zeckenjagen-in-berlin_1916","title":{"rendered":"Neonazis und Twitter \u2013 Zeckenjagen in Berlin"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_1607\" aria-describedby=\"caption-attachment-1607\" style=\"width: 409px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2009\/10\/nazi_twitter.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1607\" title=\"nazi_twitter\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2009\/10\/nazi_twitter.png\" alt=\"Screenshot des inzwischen gel\u00f6schten Tweets der NPD\" width=\"409\" height=\"67\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2009\/10\/nazi_twitter.png 600w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2009\/10\/nazi_twitter-300x49.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 409px) 100vw, 409px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1607\" class=\"wp-caption-text\">Screenshot des inzwischen gel\u00f6schten Tweets der NPD-Marburg<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Ob Twitter, YouTube, RSS-Feeds oder Newsletter \u2013 die Schnelllebigkeit unserer Gesellschaft\u00a0 zeigt sich f\u00fcr\u00a0 jeden in der F\u00fclle der Medien und Informationsm\u00f6glichkeiten. Durch das Internet l\u00e4sst sich fast ohne Schranken und Grenzen jede Information einspielen. Jeder der will, kann sie abrufen. Dieser Umstand blieb auch der Naziszene, allen voran die NPD, nicht verborgen. Schon seit Jahren ist die rechtsextreme Partei stets eine der Ersten, wenn es um die Nutzung neuer Medien geht. Die nachfolgende Serie besch\u00e4ftigt sich mit den verschiedenen Formen moderner Nazipropaganda.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Teil 1: Twitter \u2013 Zeckenjagen in Berlin<\/strong><\/p>\n<p>Es ist der 10. Oktober. <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2009\/10\/12\/gewaltaufrufe-unter-polizeischutz_1606\">Durch Berlins Stra\u00dfen marschiert ein schwarzer Mob mit ebenso schwarz gef\u00e4rbten Fahnen.<\/a> Der erste Reihe tr\u00e4gt ein Transparent mit der Aufschrift &#8222;Vom nationalen Widerstand zum nationalen Angriff&#8220;. Unter ihnen Mitglieder der inzwischen verbotenen <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2009\/11\/05\/neonazi-kameradschaft-frontbann-24-verboten_1800\">Nazikameradschaft &#8222;Frontbann 24&#8220;<\/a>. Sie demonstrieren gegen &#8222;linken Terror&#8220;, weil ihr Stammlokal Opfer eines Brandanschlags wurde. Dass die T\u00e4ter keine Linken waren, interessiert sie nicht. Auf der Demo werden Namen von vermeintlichen Gegnern aufgez\u00e4hlt. Es fliegen Flaschen und eine Eisenplatte auf Gedenkdemonstranten. Die NPD Marburg ruft anschlie\u00dfend \u00fcber Twitter zum \u201emunter(en) Zeckenjagen\u201c auf.<\/p>\n<p>Twitter ist ein Mikroblog im Internet. Ein \u00f6ffentlich einsehbares Tagebuch, dass auch von unterwegs per Handy aktualisiert werden kann. Das macht es f\u00fcr Politiker so attraktiv \u2013 wenn sie zum Beispiel unterwegs sind oder an einer Sitzung teilnehmen, k\u00f6nnen sie immer die Leser ihrer Seite auf dem Laufenden halten.<\/p>\n<p>Ende Juni. Der Parteivorstand der NPD behandelt einen Antrag ihres brandenburgischen Landesverbands. Die Brandenburger wollen zur Landtagswahl im September antreten. Eine Annahme des Antrags w\u00fcrde den Bruch des &#8222;Deutschlandpakts&#8220; zwischen NPD und DVU bedeuten, nicht gegeneinander anzutreten.<\/p>\n<p>Brandenburg galt bislang als DVU-Land. Fast im Stundentakt berichtet der Parteivorsitzende Udo Voigt auf seiner Twitter-Seite \u00fcber den Verlauf der Sitzung und wenig sp\u00e4ter \u00fcber das Ergebnis: Die NPD tritt in Brandenburg an. Der Deutschlandpakt ist Geschichte. Auf der anderen Seite steht der noch frische DVU-Vorsitzende Matthias Faust. Er liest ebenfalls den Twitter seines Pendants aus der NPD und kommentiert seine Meldungen wiederum auf seiner Twitter-Seite. Auch das ist eine Eigenart von Twitter: das zeitnahe Antworten auf die Eintr\u00e4ge anderer Benutzer.<\/p>\n<p>Ist man einmal auf der Seite von Udo Voigt f\u00e4llt auf, dass die Abonnenten seiner Eintr\u00e4ge alle untereinander vernetzt sind. Nach ein paar Klicks erschlie\u00dft sich dem Betrachter ein wahres Netzwerk von rechtsextremen Autoren. Der Leser landet ohne gro\u00dfen Zeitaufwand schnell bei den lokalen Strukturen vor Ort.<\/p>\n<p>Neben einer eigenen Internetseite, hatte auch das Wahlkampfmobil der NPD eine eigene Twitter-Seite. Das alte Wohnmobil, dass die NPD als &#8222;Flaggschiff D(eutschland)&#8220; ank\u00fcndigte, fuhr w\u00e4hrend des Bundestagswahlkampfes quer durch Deutschland und unterst\u00fctzte ebenso die Landtagswahlk\u00e4mpfe in Schleswig-Holstein, Saarland, Th\u00fcringen, Brandenburg und Sachsen. Wie Twitter verr\u00e4t, soll es dort beim Lokalderby zwischen Lok und Chemie Leipzig einen rei\u00dfenden Abriss von Schulhof-CDs und Wahlkampfzeitungen gegeben haben.<\/p>\n<p>Diese Info zeigt eine Eigenart von Twitter. Alle Meldungen haben eine begrenzte Zeichenanzahl und eignen sich daher hervorragend f\u00fcr kurze und \u00fcbertriebene, aber auch pr\u00e4gnante Meldungen. W\u00e4hrend sich Thilo Sarrazin abf\u00e4llig \u00fcber Migranten in Deutschland und deren Integration ge\u00e4u\u00dfert hat, gab Holger Apfel gleich darauf bei Twitter seinen Kommentar dazu ab. Der Landesvorsitzende der NPD Sachsen forderte, den ehemaligen Berliner Finanzsenator zum Ausl\u00e4nderbeauftragten zu machen. Apfel hinterlegt bei fast jedem Beitrag einen Link, der auf einen Artikel oder eine Presseerkl\u00e4rung seines Landesverbandes verweist. F\u00fcr die Macher der NPD-Seiten ist Twitter ihr Vorgarten.<\/p>\n<p>Doch auch die parteinahen und parteifernen Neonazis in Brandenburg nutzen diese Plattform f\u00fcr ihre Interessen. Am aktivsten gilt die Seite der &#8222;Spreelichter&#8220;, die mehrmals am Tag auf aktuelle politische Themen eingehen und auf ihre eigene und andere Seiten verlinken. Ihr Twitter-Angebot nutzen sie wie einen herk\u00f6mmlichen Blog, w\u00e4hrend ihre Seite f\u00fcr ausf\u00fchrliche Artikel und sogar &#8222;Audio-Jingles&#8220; vorbehalten ist. Ein anderes Beispiel ist der Twitter der rechtsextremen Kampagnenseite &#8222;Jugend-Offensive&#8220;. Sie sammelt und ver\u00f6ffentlicht sogenannte &#8222;Aktionsberichte&#8220; von Neonazi-Gruppierungen aus ganz Deutschland und dem europ\u00e4ischen Ausland. Dennoch ist anhand der ver\u00f6ffentlichen Beitr\u00e4ge ersichtlich, dass ihr Schwerpunkt in Brandenburg und Sachsen liegt. Wie ein Nachrichtenportal funktionieren Twitter und Homepage, w\u00e4hrend ersteres immer wieder auf die Seite der &#8222;Jugend-Offensive&#8220; verweist. Twitter bietet dem interessierten Leser einen guten Einblick in die Welt des deutschen Rechtsextremismus. \u00dcber seine Gruppierungen, Ideen und Aktivit\u00e4ten. In speziellen Listen lassen sich alle aktuellen Beitr\u00e4ge der NPD in Twitter beobachten. Sie bieten einen informativen \u00dcberblick \u00fcber ihre Gedankenwelt. Die kurzen und pr\u00e4gnanten Beitr\u00e4ge erinnern an Schlagzeilen in Zeitungen und auf Plakaten. Bei Menschen, die sich von der rechtsextremen Szene angezogen f\u00fchlen wecken sie schnell Interesse und verleiten zum Weiterlesen. Gerade das macht sie so gef\u00e4hrlich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ob Twitter, YouTube, RSS-Feeds oder Newsletter \u2013 die Schnelllebigkeit unserer Gesellschaft\u00a0 zeigt sich f\u00fcr\u00a0 jeden in der F\u00fclle der Medien und Informationsm\u00f6glichkeiten. Durch das Internet l\u00e4sst sich fast ohne Schranken und Grenzen jede Information einspielen. Jeder der will, kann sie abrufen. Dieser Umstand blieb auch der Naziszene, allen voran die NPD, nicht verborgen. 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