{"id":19608,"date":"2015-06-24T16:15:56","date_gmt":"2015-06-24T14:15:56","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=19608"},"modified":"2015-06-25T13:08:10","modified_gmt":"2015-06-25T11:08:10","slug":"freispruch-fuer-frei-wild","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2015\/06\/24\/freispruch-fuer-frei-wild_19608","title":{"rendered":"Freispruch f\u00fcr Frei.Wild"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2015\/06\/freiwild_buch.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-19609 size-full\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2015\/06\/freiwild_buch.jpg\" alt=\"Freispruch f\u00fcr Frei.Wild\" width=\"247\" height=\"346\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2015\/06\/freiwild_buch.jpg 247w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2015\/06\/freiwild_buch-214x300.jpg 214w\" sizes=\"auto, (max-width: 247px) 100vw, 247px\" \/><\/a>Der Jugendforscher Klaus Farin hat \u00fcber die Band Frei.Wild geschrieben. Herausgekommen ist ein anbiederndes und unkritisches Fan-Buch: es gibt sch\u00f6ne Fotos, nette Worte und eine Generalabsolution: Kritik an dieser nationalistischen Band, die Rechtsterrorismus verherrlicht, sei ohne jede Substanz.<!--more--><\/p>\n<p><em>Von Nico Werner<\/em><\/p>\n<p>Die S\u00fcdtiroler Chart-St\u00fcrmer Frei.Wild haben kommerziellen Erfolg. Seit Jahren klettert die \u201eDeutschrock-Band\u201c aus Norditalien mit jedem ihrer Alben an die Spitze der deutschen Albumcharts und f\u00fcllt die ganz gro\u00dfen Konzerthallen. Gleichzeitig polarisiert die Gruppe: der Bandleader war mal \u201erechts\u201c und Liedtexte werden als nationalistisch kritisiert. Andererseits sagt die Band von sich, dass sie \u201egegen Extremismus und Rassismus\u201c eintrete. Wie ist die Band wirklich drauf, wer sind die Fans, was ist dran an den \u201eVorw\u00fcrfen\u201c? Jugendforscher Klaus Farin hat sich solche Fragen gestellt, traf sich mit der Band und verwertete tausende von Fans ausgef\u00fcllte Frageb\u00f6gen. Das von Farin mitgegr\u00fcndete \u201eArchiv der Jugendkulturen\u201c, beziehungsweise die Partnerinstitution \u201eArchiv der Jugendkulturen Verlag\u201c scheinen pr\u00e4destiniert f\u00fcr solch ein Vorhaben zu sein. Seit Jahren wird dort an einer Schnittstelle zwischen eigener Szenen\u00e4he und Wissenschaft zu allem geforscht, gesammelt, ver\u00f6ffentlicht, was die Jugendkulturen in Deutschland zu bieten haben. Gegen allen Kulturpessimismus werden Jugendkulturen als positive Sozialisierungsinstanzen verteidigt, ohne dabei problematische Entwicklungen zu besch\u00f6nigen.<\/p>\n<p>Das neue Buch von Farin ist geeignet, den guten Ruf des \u201eArchivs der Jugendkulturen\u201c zu sch\u00e4digen. Grundregeln seri\u00f6ser journalistischer oder wissenschaftlicher Arbeit hat Farin \u00fcber Bord geworfen. Das Buch ist PR, es geht keineswegs nur darum, Bands und Fans \u201eselbst zu Wort kommen\u201c zu lassen, damit sich ein jeder \u201eein eigenes Urteil\u201c bilden kann. Sondern es besch\u00f6nigt und verfolgt damit einen Zweck: die Band gegen Kritik zu immunisieren. Dass auch ein paar Frei.Wild-Kritiker zu Wort kommen, \u00e4ndert nichts an dieser Grundkonstellation. Farin w\u00e4hlte als Titel \u201eS\u00fcdtirols konservative Antifaschisten\u201c und das ist programmatisch gemeint. Das Buch mag keine Auftragsarbeit sein, wie Farin nahe legt, es ist jedoch in jedem Fall ein win-win-Projekt f\u00fcr Band und Autor. Frei.Wild haben eine Verteidigungsschrift auf dem Markt. Und Farin selbst hat mit dem Buch einen Kassenschlager. Frei.Wild bewerben das Buch gro\u00dfz\u00fcgig, die Verk\u00e4ufe laufen gut. Es gab sogar eine gemeinsame Buchpr\u00e4sentation mit Autogrammstunde.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_10378\" aria-describedby=\"caption-attachment-10378\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2012\/11\/Frei_Wild-Wahre-Werte4.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-10378\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2012\/11\/Frei_Wild-Wahre-Werte4-300x226.jpg\" alt=\"Aus dem Musikclip \u201eWahre Werte\u201c \u00a9 Screenshot von YouTube\" width=\"300\" height=\"226\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2012\/11\/Frei_Wild-Wahre-Werte4-300x226.jpg 300w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2012\/11\/Frei_Wild-Wahre-Werte4.jpg 692w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-10378\" class=\"wp-caption-text\">Aus dem Musikclip \u201eWahre Werte\u201c \u00a9 Screenshot von YouTube<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>\u201eWenn es gegen \u201arechts\u2018 geht, sind viele schnell dabei\u201c, kritisiert Farin gleich zu Beginn. Zwei Sorten Menschen seien beim Kampf gegen Rechts laut Farin besonders engagiert: \u201emoralisch-emotional motivierte\u201c Gutmenschen, die immer alarmiert sind, vom Thema aber leider keine Ahnung haben. Und dann gibt es die \u201eProfiteure\u201c, \u201eGesch\u00e4ftsleute\u201c, f\u00fcr die ihre Kampagnen eine \u201eGelddruckmaschine\u201c seien, denen es um Macht und die \u201eSelbsterhaltung ihrer aufgebl\u00e4hten Strukturen\u201c gehe. Dass Farin und das \u201eArchiv der Jugendkulturen\u201c selbst schon so manchen F\u00f6rder-Euro aus den Programmen gegen Rechts eingeworben haben, bleibt unerw\u00e4hnt. 2010 kassierte das Archiv der Jugendkulturen f\u00fcr die Erforschung der \u201eAutonomen\u201c hingegen mehr als <a href=\"http:\/\/dip21.bundestag.de\/dip21\/btd\/17\/043\/1704334.pdf\" target=\"_blank\">20.000 Euro aus F\u00f6rdert\u00f6pfen zur Bek\u00e4mpfung des \u201eLinksextremismus\u201c<\/a>. 2015 brachte Klaus Farin zum gleichen Thema ein Buch heraus.<\/p>\n<p>Die in d\u00fcsteren Farben gemalte Anti-Rechts-Industrie mit ihren naiven Fu\u00dftruppen ist schuld, so legt es Farin nahe, dass eine durch und durch anst\u00e4ndige und obendrein \u201eantifaschistische\u201c Musikgruppe Verfolgungen ausgesetzt ist. Farin geriert sich als Meinungsrebell und biedert sich mit solchen Passagen dem Anti-Gutmenschen-Lamento und \u201eL\u00fcgenpresse\u201c-Gerufe der entsprechenden Milieus an.<\/p>\n<p>Das Ergebnis seiner Frei.Wild-Forschung pr\u00e4sentiert Farin am Ende des Buches: \u201eFrei.Wild distanzieren sich eindeutig und glaubw\u00fcrdig von Faschismus jeglicher Art und sind auch als Personen nicht Teil der rechten Szene.\u201c Ihr \u201ePatriotismus\u201c sei \u201ekonservativ, aber nicht ausgrenzend und nicht nationalistisch\u201c. Der schale \u201eKern\u201c der Frei.Wild-Kritik sei, \u201edass sie keine \u201alinke\u2018 Band sind\u201c. S\u00e4nger \u201ePhilipp Burger geht mit seiner Vergangenheit als rechter Skin (\u2026) vor rund 15 Jahren offensiv und geradezu vorbildhaft um und verschweigt nichts.\u201c<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich war Philipp Burger bis 2001 S\u00e4nger der Neonazi-Band \u201eKaiserj\u00e4ger\u201c. Es gibt Fotos von ihm (die auch im Buch abgedruckt sind), auf denen er den Hitlergru\u00df zeigt. Burger r\u00e4umt ein, dass er mal Skinhead war, sich \u201erechts\u201c f\u00fchlte, mit der S\u00fcdtirol-Liebe etwas \u00fcbertrieb und dass dies ein Fehler gewesen sei. Genauso bestreitet Burger in Interviews allerdings immer wieder, dass er damals \u00fcberhaupt ein Neonazi war. Hitlergr\u00fc\u00dfe im Booklet der Demo-CD? Haben nichts zu bedeuten! Kaiserj\u00e4ger \u201ewar keine Naziband, sondern eine Band von drei Jugendlichen\u201c, sagte Burger beispielsweise 2012 den \u201eRuhr Nachrichten\u201c. Auch gegen\u00fcber Farin gab er die gleiche Auskunft: \u201ePhilipp sieht seine Zugeh\u00f6rigkeit zur rechte Skinhead-Szene heute noch als \u201aunpolitische\u2018 Phase.\u201c Burger selbst: \u201eMan hat sich die H\u00f6rner abgesto\u00dfen, nicht mehr und nicht weniger.\u201c Kann man solche \u00c4u\u00dferungen wirklich als \u201eoffensive und geradezu vorbildhafte\u201c Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit adeln?<\/p>\n<p>Frei.Wild hat den Song \u201eWir reiten in den Untergang\u201c im Programm, in dem sie sich als Opfer ihrer Kritiker hinstellt. Die Band w\u00fcrde verfolgt werden so wie damals die Nazis die Juden verfolgt h\u00e4tten. Einziger Unterschied zu damals: \u201eHeut gibt es den Stempel, keinen Stern mehr\u201c. Gitarrist Jonas Notdurfter entschuldigt im Buch diese Entgleisung als ein Versehen, die Provokation sei nicht beabsichtigt gewesen: \u201eWenn wir das im vornherein geahnt h\u00e4tten, h\u00e4tten wir es anders formuliert.\u201c Philipp Burger wird die gleiche Frage gestellt. Seine Antwort: \u201eIch habe mir nat\u00fcrlich schon gedacht, dass es ein paar Leute st\u00f6ren k\u00f6nnte, aber damit kann ich leben.\u201c \u00dcberhaupt \u00e4rgern ihn die st\u00e4ndigen Sprechverbote: \u201eSelbst das Wort Jude darfst du in Deutschland nirgendwo mehr nennen, dabei ist es doch eine der Weltreligionen \u00fcberhaupt und ein ganz normales Wort.\u201c Himmelschreiend, aber wieder von Farin nicht kommentiert: Plattenmillion\u00e4re tun in einem Lied so, als st\u00fcnden sie kurz vor der Deportation ins Konzentrationslager und der S\u00e4nger sieht in der Kritik an einer solchen Geschmacklosigkeit ein angebliches Verbot, das Wort \u201eJude\u201c zu benutzen. Und: War der Song nicht als Provokation gedacht, wie Jonas Notdurfter sagt, oder eben doch, wie es Philipp Burger beschreibt? Warum fragt Farin nicht nach?<\/p>\n<p>Um Frei.Wild von allen \u201eVerd\u00e4chtigungen\u201c freizusprechen, arbeitet Farin zudem mit Suggestivfragen. Burger wird gefragt: \u201eGibt es f\u00fcr dich einen Unterschied<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_10392\" aria-describedby=\"caption-attachment-10392\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2012\/11\/Frei_Wild-Wahre-Werte1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-10392\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2012\/11\/Frei_Wild-Wahre-Werte1-300x226.jpg\" alt=\"\u201eWahre Werte\u201c \u00a9 Screenshot von YouTube\" width=\"300\" height=\"226\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2012\/11\/Frei_Wild-Wahre-Werte1-300x226.jpg 300w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2012\/11\/Frei_Wild-Wahre-Werte1.jpg 691w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-10392\" class=\"wp-caption-text\">\u201eWahre Werte\u201c \u00a9 Screenshot von YouTube<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>zwischen Patriotismus und Nationalismus \u2013 abgesehen davon, dass ihr als S\u00fcdtiroler eigentlich gar keine Nationalisten sein k\u00f6nnt \u2013 ihr seid ja nicht mal eine\u2026\u201c. Der S\u00e4nger greift diese Vorlage dankbar auf: \u201eNein, S\u00fcdtirol ist kein Staat, uns wegen unseren Texten \u00fcber dieses Land Nationalismus vorzuwerfen, grenzt schon an politisch-geschichtliche Missbildung.\u201c Seit wann braucht es einen eigenen Staat, um Nationalist zu sein? Noch suggestiver ist eine sp\u00e4tere Frage an Burger. Der ehemalige Neonazi, Rechtsrockbandleader, regionale Nazi-Skin-Anf\u00fchrer wird von Farin allen Ernstes gefragt: \u201eWarum bist du kein Neonazi geworden?\u201c Burger antwortet: \u201eAllein schon von meinem Herzen aus k\u00f6nnte ich das nicht vereinbaren.\u201c<\/p>\n<p>Das professionelle und bewusst gew\u00e4hlte Image von Frei.Wild fu\u00dft auf einem starken Bezug auf der \u201eLiebe\u201c zur Heimat S\u00fcdtirol, auf der eigenen \u201eBodenst\u00e4ndigkeit\u201c und auf den \u201epatriotischen\u201c Texten. Die entsprechenden Lieder geh\u00f6ren bei Frei.Wild-Fans zu den popul\u00e4rsten. Genauso geh\u00f6rt zu Frei.Wild ein Bekenntnis, irgendwie \u201eunpolitisch\u201c zu sein sowie eine aggressive Abwehr jeder Kritik. Die Leute, die Frei.Wild kritisieren sind \u201edie gr\u00f6\u00dften Kokser, die zu Kinderstrichern gehen\u201c, geifert es im Lied \u201eGutmenschen und Moralapostel\u201c. Der Frei.Wild-Erfolg in Deutschland beruht auch darauf, dass sich die Fans mit ihrer Band endlich einmal als eine \u201eMinderheit\u201c f\u00fchlen d\u00fcrfen. \u201eHeimatliebe\u201c ist in Deutschland angeblich verp\u00f6nt und da nimmt man den unverd\u00e4chtigen \u201ePatriotismus\u201c der S\u00fcdtiroler gern f\u00fcr sich selbst in Anspruch. Im bei Fans beliebten Frei.Wild-Lied \u201eS\u00fcdtirol\u201c hei\u00dft es: \u201eIch dulde keine Kritik an diesem heiligen Land, das unsere Heimat ist\u201c. Ein Land \u201eheilig\u201c zu erkl\u00e4ren und keine Kritik daran zu dulden, das ist radikaler Nationalismus. Farin hingegen umschreibt das Lied mit der Nullvokabel \u201eumstritten\u201c und findet im Text lediglich einen \u201ereligi\u00f6s-patriotischen Pathos\u201c.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_11408\" aria-describedby=\"caption-attachment-11408\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2013\/02\/freiwild_jesko_wrede.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-11408\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2013\/02\/freiwild_jesko_wrede.jpg\" alt=\"Neonazi mit Frei.Wild-Schal beim Naziaufmarsch im Januar 2013 in Magdeburg \u00a9 Jesko Wrede\" width=\"540\" height=\"311\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2013\/02\/freiwild_jesko_wrede.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2013\/02\/freiwild_jesko_wrede-300x172.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-11408\" class=\"wp-caption-text\">Neonazi mit Frei.Wild-Schal beim Naziaufmarsch im Januar 2013 in Magdeburg \u00a9 Jesko Wrede<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Im \u201eFrei.Wild\u201c-Video zum Lied \u201eWahre Werte\u201c werden wiederum die politischen Aufm\u00e4rsche der S\u00fcdtiroler Sch\u00fctzen gezeigt und gefeiert. Ein Gedenkstein f\u00fcr den \u201eBefreiungsausschuss S\u00fcdtirol\u201c (BAS) wird eingeblendet. Das Video entstand, so ist bei Farin zu lesen, in enger Zusammenarbeit mit dem \u201eSch\u00fctzenbund\u201c, der die \u201epatriotischen Texte\u201c von Frei.Wild mag und die BAS-\u201eFreiheitsk\u00e4mpfer\u201c f\u00fcr \u201eVorbilder f\u00fcr die Jugend\u201c h\u00e4lt. Der BAS war eine militante Nationalistengruppe in den 1950er und 1960er Jahren in S\u00fcdtirol, eine Terrororganisation, durch deren Aktionen 21 Menschen zu Tode kamen. Warum verherrlichen Frei.Wild den BAS in ihrem Video? Ist das positive Gedenken an Rechtsterrorismus wirklich \u201eunpolitisch\u201c? Was genau soll der \u201eExtremismus\u201c sein, von dem Frei.Wild sich distanzieren, wenn nationalistischer Terrorismus offenkundig damit nicht gemeint ist? Farin stellt solche Fragen nicht.<\/p>\n<p>Ein Argument von Frei.Wild-Verteidigern ist die Erkl\u00e4rung, dass S\u00fcdtirol eine andere Geschichte als Deutschland habe. Die deutschsprachige Bev\u00f6lkerung S\u00fcdtirols habe unter dem Faschismus gelitten und sei darum mehr oder minder immun gegen jede Sorte von Totalitarismus. Eines der besseren Kapitel im Buch ist der Geschichte S\u00fcdtirols gewidmet. Die Mehrheit der deutschsprachigen Bev\u00f6lkerung in S\u00fcdtirol hoffte in den 1930er Jahren, dass die von vielen verehrte Lichtgestalt Adolf Hitler S\u00fcdtirol \u201eheim ins Reich\u201c holen w\u00fcrde, ist dort zu erfahren. Am Mussolini-Faschismus st\u00f6rte weniger dessen faschistischer Charakter, sondern der Fakt, dass er italienisch war und die deutsche Minderheit mit Repressionen belegte. Als die Wehrmacht 1943 S\u00fcdtirol besetzte, wurde sie als Befreier begr\u00fc\u00dft. Kurzum: Der Antifaschismus in S\u00fcdtirol ist ein Mythos. Farin schreibt: \u201eS\u00fcdtirols antifaschistische Haltung ist zu erheblichen Teilen zugleich eine pro-nationalsozialistische. So werden bezeichnenderweise zum Zeichen des Widerstandes gegen die Faschisten Hausw\u00e4nde mit Hakenkreuzen verziert.\u201c Diese historischen Einordnungen sind hilfreich und verdeutlichen den Kontext der leeren Frei.Wild-Abgrenzungen gegen \u201eFaschismus\u201c. Warum nur tr\u00e4gt das Buch trotzdem den Titel \u201eS\u00fcdtirols konservative Antifaschisten\u201c?<\/p>\n<p>Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung f\u00fcr diesen Wirrwarr w\u00e4re \u00fcbrigens, dass Farin gar nicht der alleinige Autor des Buches ist. Selbst der Sprachstil weicht in den unterschiedlichen Kapiteln des Buches auffallend stark voneinander ab. Dementsprechend zieht sich das begriffliche Chaos durch das ganze Buch. So l\u00e4sst Farin kaum eine Gelegenheit aus, den Begriff der \u201eGrauzone\u201c als Bezeichnung f\u00fcr das Lavieren von Bands wie Frei.Wild als ungeeignet zu denunzieren. Das Wort diene Linken nur dazu, alle Nicht-Linken als \u201eirgendwie doch rechts\u201c abzuqualifizieren. Andererseits wird der der Begriff im Farinbuch selbst genutzt: Der SPD-Sachbuchmillion\u00e4r Thilo Sarrazin, der Migranten f\u00fcr weniger intelligent als Deutsche h\u00e4lt, wird als ein \u201eGrauzone-Autor\u201c kritisiert.<\/p>\n<p>Farin beschreibt in seinem Buch alles M\u00f6gliche. Umso spannender ist darum, dass er die zentralen Begriffe Rassismus und Nationalismus nicht diskutiert. Das hat System, denn wenn er definieren w\u00fcrde, w\u00fcrde er Gefahr laufen, einer Frei.Wild-Kritik zuzuarbeiten. Frei.Wild-Musiker Jochen \u201eZegga\u201c Gargitter wird gefragt, wo f\u00fcr ihn \u201erechts\u201c anfange. Der fabuliert daraufhin in ehrlicher Emp\u00f6rung dar\u00fcber, wie arme S\u00fcdtiroler Familien am \u201eLebensminimum leben\u201c w\u00fcrden, w\u00e4hrend \u201eeine Familie aus Gott wei\u00df woher zugewandert hier ankommt und sofort eine Wohnung sowie Sozialleistungen f\u00fcr drei Jahre gestellt bekommt, auch in den Krankenh\u00e4usern eine kostenlose Behandlung erh\u00e4lt und sich gleichzeitig eine einheimische Familie trotz Arbeit (\u2026) dasselbe vielleicht nicht oder nur schwer leisten kann.\u201c So w\u00fcrde man das sehen in S\u00fcdtirol und diese Ansicht sei nat\u00fcrlich keine \u201erechte Haltung\u201c. Gleich schiebt der Bassist nach, dass er selbstverst\u00e4ndlich \u201e\u00fcberhaupt nichts gegen Migranten\u201c habe. Den schnellen Reflex, bei einer solchen Frage einen Kontrast von kinderreichen Migrantenfamilien in der sozialen H\u00e4ngematte und dazu hungernden Einheimischen aufzumachen \u2013 den muss man sehr wohl rassistisch nennen.<\/p>\n<p>Farin unterl\u00e4sst systematisch jede Einordnung von solchen Zitaten, im Zweifel segelt alles unter Labeln wie \u201ePatriotismus\u201c und \u201eKonservatismus\u201c. F\u00e4ngt Rassismus denn erst beim Ku-Klux-Klan an und Nationalismus erst bei Hakenkreuzen? Nat\u00fcrlich sind Frei.Wild keine Neonazi-Band. Und, nein, die allermeisten Frei.Wild-Fans sind keine Neonazis (wenngleich es sehr wohl habituelle \u00dcberschneidungen gibt). Und, ja, die Band sagt von sich, dass sie \u201egegen Faschismus\u201c, \u201egegen Extremismus und Rassismus\u201c ist. Aber was hilft es? All diese Punkte treffen beispielsweise auch auf Pegida zu. Und dennoch darf man Pegida zurecht als ein Sammelbecken f\u00fcr rassistische Deutsche bezeichnen, in dem regelm\u00e4\u00dfig die Grenze zum Rechtsextremismus \u00fcberschritten wird. Frei.Wild sind politischer Kommerzrock und keine politische Bewegung, doch beide Ph\u00e4nomene sind Ausdruck der gleichen gesellschaftlichen Entwicklung. Der derzeit wirkm\u00e4chtigste Rassismus f\u00e4ngt seine S\u00e4tze an mit \u201eIch habe nichts gegen Migranten, aber\u201c. Und genau hierf\u00fcr bieten Frei.Wild einen kulturellen Ausdruck und manchmal sogar Vorlagen. Auf der 2013er Frei.Wild-DVD skandierten die Fans \u201eL\u00fcgenpresse auf die Fresse\u201c. Ein Jahr sp\u00e4ter wurde der Spruch zum Schlachtruf der Pegida-M\u00e4rsche.<\/p>\n<p>Farin wirft mit seinem unkritischen Buch die Auseinandersetzung mit Jugendkulturen, der extremen Rechten und mit Rassismus zur\u00fcck. Es ist zweifelhaft und fahrl\u00e4ssig, dass eine verdienstvolle Organisation wie \u201eSchule ohne Rassismus\u201c den Band bewirbt und ihn zum Vorzugspreis Schulen und Jugendeinrichtungen anbietet. Zur Selbstbest\u00e4tigung der Frei.Wild-Fans mag es taugen, als Bildungsmaterial ist es v\u00f6llig ungeeignet.<\/p>\n<p><em>Klaus Farin: Frei.Wild. S\u00fcdtirols konservative Antifaschisten. 400 Seiten, 36 Euro. Archiv der Jugendkulturen Verlag, Berlin 2015. Bald auch als E-Book mit zus\u00e4tzlichem Material.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>HINWEIS: In der urspr\u00fcnglichen Version des Textes hatte der Autor geschrieben, dass Klaus Farin 20.000 Euro aus dem Linksextremismus-Programm des Familienministeriums f\u00fcr ein Buch \u00fcber &#8222;Die Autonomen&#8220; bekommen h\u00e4tte. Korrekt ist, dass nicht Farin, sondern das Archiv der Jugendkulturen das Geld 2010 zur Forschung \u00fcber &#8222;Die Autonomen&#8220; bekommen hat. (Siehe: <a href=\"http:\/\/dip21.bundestag.de\/dip21\/btd\/17\/043\/1704334.pdf\" target=\"_blank\">http:\/\/dip21.bundestag.de\/dip21\/btd\/17\/043\/1704334.pdf) <\/a>Farin hat lediglich sp\u00e4ter ein Buch zum selben Thema ver\u00f6ffentlicht. Wir haben diesen Fehler im Text korrigiert.<br \/>\n25.6.2015 um 11:45 Uhr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Jugendforscher Klaus Farin hat \u00fcber die Band Frei.Wild geschrieben. Herausgekommen ist ein anbiederndes und unkritisches Fan-Buch: es gibt sch\u00f6ne Fotos, nette Worte und eine Generalabsolution: Kritik an dieser nationalistischen Band, die Rechtsterrorismus verherrlicht, sei ohne jede Substanz.<\/p>\n","protected":false},"author":229,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[1515],"tags":[22879,1765],"class_list":["post-19608","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bundesweit","tag-frei-wild","tag-rechtsrock"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v21.0 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>Freispruch f\u00fcr Frei.Wild - St\u00f6rungsmelder<\/title>\n<meta name=\"description\" content=\"Der Jugendforscher Klaus Farin hat \u00fcber Frei.Wild geschrieben. 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