{"id":19854,"date":"2015-07-29T16:41:30","date_gmt":"2015-07-29T14:41:30","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=19854"},"modified":"2015-07-30T12:09:11","modified_gmt":"2015-07-30T10:09:11","slug":"das-problem-heisst-rassismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2015\/07\/29\/das-problem-heisst-rassismus_19854","title":{"rendered":"Das Problem hei\u00dft Rassismus"},"content":{"rendered":"<p><figure style=\"width: 580px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"\" src=\"https:\/\/img.zeit.de\/kultur\/2015-07\/npd-demonstranten\/npd-demonstranten-540x304.jpg\" alt=\"\" width=\"580\" height=\"326\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Teilnehmer einer NPD-Demonstration gegen eine Fl\u00fcchtlingsunterkunft in Dresden \u00a9 dpa<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Der Anruf eines Bekannten war nur kurz \u201eDie haben jetzt das Haus angez\u00fcndet\u201c. Mehr war nicht n\u00f6tig in diesen Tagen im August 1992. Das Haus stand in Rostock-Lichtenhagen und \u201edie\u201c waren ein Mob aus Neonazis, Rassisten und klatschenden B\u00fcrgern. Aus Schlagworten waren Brands\u00e4tze geworden, die den vietnamesischen Bewohnern des Sonnenblumenhauses das Leben gekostet h\u00e4tten, wenn sie sich nicht selbst aus dem Haus befreit h\u00e4tten.<!--more--><\/p>\n<p>Auch mehr als 20 Jahre sp\u00e4ter werden Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnfte in Deutschland wieder angegriffen und in Brand gesetzt, allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres z\u00e4hlten die Beh\u00f6rden so viele Angriffe wie im gesamten Vorjahr. Ein gegenl\u00e4ufiger Trend ist nicht in Sicht. Die Rassisten werden in den Medien als \u201eAsylgegner\u201c verharmlost und unterst\u00fctzen offen auftretende Neonazis bei ihren gewaltt\u00e4tigen Auftritten vor Unterk\u00fcnften. H\u00e4user, in denen Unterk\u00fcnfte entstehen sollen, werden kurzerhand angez\u00fcndet, nur durch Zufall ist bislang niemand umgekommen. Dass aber auch Todesopfer in Kauf genommen werden, zeigt die Brandstiftung an einer Unterkunft in Brandenburg in der Nacht zum 26. Juli 2015, in der eine vierk\u00f6pfige Familie schlief. Auch die Unterst\u00fctzer trifft es &#8211; wie den Freitaler Kommunalpolitiker Michael Richter, der sich vor Ort f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge einsetzt. Erst j\u00fcngst wurde sein Auto zum Ziel eines Sprengstoffanschlags.<\/p>\n<p>Analog zu den rassistischen Pogromen Anfang der 1990er Jahre glauben die T\u00e4ter offenbar, mit ihren rassistischen Ausschreitungen die Politik zum Handeln bewegen zu k\u00f6nnen. Nach den Pogromen in Rostock, Hoyerswerda und anderswo wurde 1993 das Asylrecht zum Gro\u00dfteil au\u00dfer Kraft gesetzt, aktuell wurden die Einreisekriterien f\u00fcr Asylbewerber drastisch versch\u00e4rft. Die Angreifer und Brandstifter sehen sich in ihrer Vorstellung best\u00e4tigt, sie tr\u00e4ten als Vollstrecker der schweigenden Mehrheit auf, ohne dass damit ein Ende der rassistischen Taten in Sicht w\u00e4re.<\/p>\n<p>Das \u201e\u00dcberfremdungs\u201c-Geschrei ist freilich substanzloses Gefasel, wie ein Blick nach Sachsen zeigt. In dem Bundesland, das sich zurzeit zum bundesweiten Zentrum der Angriffe aufschwingt, betr\u00e4gt der Anteil von Menschen mit einer Migrationsgeschichte an der Bev\u00f6lkerung 2,8%. Nur etwa 2,3% sind es in Th\u00fcringen, wo die Zahl der extrem rechten Straftaten ebenfalls deutlich angestiegen ist Die Zahl der Straftaten gegen Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnfte im Freistaat hat sich im ersten Halbjahr gegen\u00fcber dem Vorjahreszeitraum fast vervierfacht.<\/p>\n<p>Parallel dazu befeuern Politiker nicht nur mit den entsprechenden Gesetzes\u00e4nderungen die Mobilmachung gegen Fl\u00fcchtlinge, wenn etwa Horst Seehofer mit seinem Gerede von einem \u201emassenhaften Asylmissbrauch\u201c das Feuerzeug an die Lunte der Brands\u00e4tze h\u00e4lt. Dazu geh\u00f6rt auch die Forderung des hessischen Ministerpr\u00e4sidenten Volker Bouffier (CDU), das &#8222;Taschengeld&#8220; f\u00fcr Asylbewerber zu streichen. Und statt fr\u00fchzeitig klare Worte gegen den Rassismus zu finden, pl\u00e4dierte der s\u00e4chsische Ministerpr\u00e4sident Stanislaw Tillich lieber f\u00fcr einen Dialog mit Pegida und erkl\u00e4rte, der Islam geh\u00f6re nicht zu Deutschland. Doch auch bei den wenigen, die die Angriffe \u00f6ffentlich kritisierten, bleibt eine konkrete Benennung aus: bei den Attacken handelt es sich um rassistisch motivierten Terrorismus. Dabei sind Politiker oft selbst beteiligt am Entstehen rassistischer Feindbilder, die die Gewalt n\u00e4hren. Das Institut f\u00fcr Menschenrechte in Berlin mahnt dabei: \u201eDebattenbeitr\u00e4ge, die Menschen vom Westbalkan mit dem Schlagwort &#8218;Asylmissbrauch&#8216; in Zusammenhang bringen, missachten das individuelle Recht auf Asyl. Wesentlicher Bestandteil dieses Rechts ist, dass jeder Mensch Zugang zu einem Asylverfahren hat, in dem unvoreingenommen gepr\u00fcft wird, ob die Voraussetzungen f\u00fcr Schutz vorliegen. Wer einen Asylantrag stellt, \u00fcbt dieses Recht aus, er missbraucht es nicht. Gruppen von Menschen aufgrund ihrer Herkunft unter den Pauschalverdacht zu stellen, sie w\u00fcrden Rechte missbrauchen, ist in der Rhetorik diskriminierend, populistisch und gef\u00e4hrlich. Auch in L\u00e4ndern des Westbalkans kommt es zu schwerwiegenden Gef\u00e4hrdungslagen f\u00fcr einzelne Menschen, die ein Recht auf Schutz begr\u00fcnden k\u00f6nnen\u201c.<\/p>\n<p>Und auch die Medien haben in den vergangenen 20 Jahren offenbar nichts gelernt, denn wieder einmal hantieren sie mit Angstmetaphern wie dem \u201eDas Boot ist voll\u201c-Bild. Hatte Anfang der 1990er Jahre noch \u201eDer Spiegel\u201c sein Titelbild mit dem Boot-Motiv geschm\u00fcckt, verwendet es im Dezember 2014 das selbst ernannte Magazin f\u00fcr politische Kultur \u201eCicero\u201c. Begriffe wie \u201eDer Ansturm\u201c oder \u201eFl\u00fcchtlingsstr\u00f6me\u201c sch\u00fcren erst Ressentiments gegen Fl\u00fcchtlinge und Migranten.<\/p>\n<p>Es ist wie bei einem Revival der 1990er Jahre, wie ein Blick in das 1992 erschiene Buch \u201eBrandS\u00e4tze. Rassismus im Alltag\u201c vom Duisburger Institut f\u00fcr Sprach- und Sozialforschung zeigt. Im Vorwort zur vierten Auflage schreibt Siegfried J\u00e4ger: \u201eParallel zur Abschottungspolitik in Bund und L\u00e4ndern zeichnen die meisten Medien unver\u00e4ndert das Bild eines Landes, das nicht in der Lage ist, Einwanderer aufzunehmen, ohne den Wohlstand und die Sicherheit seiner B\u00fcrger zu gef\u00e4hrden. Statt sich darum zu bem\u00fchen, mit Einwanderung verbundene Schwierigkeiten durch politische und soziale Integration abzumildern, wird weiterhin eine Politik betrieben, die diese Schwierigkeiten versch\u00e4rft: Eskalation statt De-Eskalation\u201c.<\/p>\n<p>Wieder einmal l\u00e4utet die Stunde der \u201ekleinen Leute\u201c, die 2015 mit ihrem Sarrazin auf dem Nachttisch und der AfD als Blaupause endlich mal wieder sagen d\u00fcrfen, was an den Stammtischen der Republik ohnehin seit Jahren die Runde macht. Dass aber auch Bildung und Besitz nicht vor Rassismus sch\u00fctzt, zeigen Beispiele in Tegernsee und Hamburg. Der B\u00fcrgermeister des bayrischen Ortes mit seiner wohlhabenden Bev\u00f6lkerung erh\u00e4lt Drohbriefe, seitdem dort 21 Asylbewerber untergebracht wurden, im hanseatischen Bezirk Harvestehude verhinderten aufgebrachte Bildungsb\u00fcrger den Bau einer Fl\u00fcchtlingsunterkunft in ihrem Stadtteil. Zu gerne wird manchmal vergessen, dass der rassistische P\u00f6bel eben auch mal Schlips und Prada tr\u00e4gt. R\u00fcckenwind erhalten sie von Rechtspopulisten wie der rassistischen und islamfeindlichen \u201ePegida\u201c-Bewegung. Von Beginn an habe Pegida das demokratische System infrage gestellt und Fl\u00fcchtlinge in n\u00fctzliche und unn\u00fctze Gruppen eingeteilt, sagt der Bielefelder Konfliktforscher Andreas Zick. Sie k\u00f6nnen sich dabei auf rund 40% der Bev\u00f6lkerung st\u00fctzen, die meinen, die meisten Asylbewerber w\u00fcrden in ihrer Heimat gar nicht verfolgt. Pegida habe mit \u00e4u\u00dferst aggressiven Parolen zum Handeln aufgerufen und extrem rechten Grupperungen erst \u201eeinen Platz zum Mitlaufen\u201c gegeben, sagt Zick. Er warnt angesichts der aktuellen Angriffe inzwischen vor einer neuen extrem rechten Terrorgefahr.<\/p>\n<p>Der Terror der fr\u00fchen 1990er Jahre hatte Tatorte wie Hoyerswerda, H\u00fcnxe, Rostock-Lichtenhagen, M\u00f6lln und Solingen, wo die T\u00e4ter aufgrund des \u00f6ffentlichen Diskurses glaubten, R\u00fcckhalt in der Bev\u00f6lkerung zu haben. Verst\u00e4ndnis f\u00fcr rassistische Propaganda aufzubringen oder gar in die Hetze einzustimmen, best\u00e4rkt die rechten Wutb\u00fcrger erst. In den 1990er Jahren waren brennende Fl\u00fcchtlingsheime und Todesopfer rassistischer Gewalt die Folgen. Statt daraus Lehren zu ziehen, droht momentan eine R\u00fcckkehr in diese Zust\u00e4nde und ein R\u00fcckfall in die Barbarei. Dabei darf es nicht um den m\u00f6glichen Schaden f\u00fcr das Ansehen Deutschlands in der Welt gehen, den Bundesau\u00dfenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) anhand der Pegida-Aufm\u00e4rsche bef\u00fcrchtete. Es geht um die Selbstverst\u00e4ndlichkeit, Fl\u00fcchtlinge aufzunehmen, ihnen einen Platz zu geben und sie menschenw\u00fcrdig zu behandeln.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Anruf eines Bekannten war nur kurz \u201eDie haben jetzt das Haus angez\u00fcndet\u201c. Mehr war nicht n\u00f6tig in diesen Tagen im August 1992. Das Haus stand in Rostock-Lichtenhagen und \u201edie\u201c waren ein Mob aus Neonazis, Rassisten und klatschenden B\u00fcrgern. 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