{"id":21418,"date":"2016-03-21T15:25:39","date_gmt":"2016-03-21T14:25:39","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=21418"},"modified":"2016-03-21T15:25:39","modified_gmt":"2016-03-21T14:25:39","slug":"mensch-und-nicht-volk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2016\/03\/21\/mensch-und-nicht-volk_21418","title":{"rendered":"Mensch und nicht \u201eVolk\u201c"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_21295\" aria-describedby=\"caption-attachment-21295\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-21295\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2016\/02\/rassismustoetet-620x411.jpg\" alt=\"Lichterzug: \u201eHand in Hand f\u00fcr Menschlichkeit\u201c in Oberg\u00fcnzburg\" width=\"620\" height=\"411\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2016\/02\/rassismustoetet-620x411.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2016\/02\/rassismustoetet.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-21295\" class=\"wp-caption-text\">Proteste gegen rechte Hetze<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Als ich im vergangenen Herbst die t\u00e4glichen Bilder im Fernsehen von ankommenden Fl\u00fcchtlingen in Deutschland sehe: \u00fcberf\u00fcllte Z\u00fcge, ersch\u00f6pfte Menschen \u2013 die meisten aber mit einem L\u00e4cheln auf dem Gesicht -, Winken in die Kameras, hektisch umher eilende Helfer, Polizei, technisches Hilfswerk, Freiwillige, Notunterk\u00fcnfte, Sammelstellen f\u00fcr alles m\u00f6gliche: Kleidung, Spielzeug, Essen, etc., als ich die Worte h\u00f6re: Willkommenskultur, Spendenaufruf, Chaos bis hin zu den mittlerweile meist zitierten &#8211; ja fast magisch anmutenden \u2013 drei W\u00f6rtern: \u201eWir schaffen das\u201c, bin ich doch einigerma\u00dfen erstaunt, \u00fcber den Unterton, der sich in die Berichterstattung eingeschlichen hat.<!--more--><\/p>\n<p><em>Von Martina Cassel, Universit\u00e4ts-Professorin f\u00fcr Informatik<\/em><\/p>\n<p>Die einzelnen Szenarien, die da \u00fcber den Bildschirm flimmern, sollen suggerieren, dass wir vor nie dagewesenen Problemen stehen, so als sei das alles v\u00f6lliges Neuland. Untermauert wird dieses Gef\u00fchl mit Substantiven wie: Flut, Welle, Str\u00f6mung, gefolgt von passenden Verben: \u00fcberrollt, \u00fcberschwemmt, hinweggefegt.<\/p>\n<p>Warum ich erstaunt bin? Vielleicht weil mir die Bilder nicht neu sind? Im Gegenteil: die Fernsehbilder sind f\u00fcr mich ein \u201eD\u00e9j\u00e0-vu\u201c.<\/p>\n<p>Herbst 1989 &#8211; Deutschland steht kurz vor der Wiedervereinigung. T\u00e4gliche Bilder von \u201eFl\u00fcchtlings-Camps\u201c: DDR-B\u00fcrger in West-Botschaften, an Grenzz\u00e4unen in Ungarn, \u00d6sterreich, der Slowakei.<br \/>\nEinlaufende Z\u00fcge mit tausenden ersch\u00f6pften aber gl\u00fccklich l\u00e4chelnden Ex-DDR-B\u00fcrgern. Erstversorgung am Bahnhof: Kleider, Essen, Registrierung. Freiwillige Helfer, Notunterk\u00fcnfte, Chaos, Spendenaufrufe, Hunderttausende auf der Flucht. Habe ich etwas vergessen?<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich habe ich etwas vergessen: Die Fl\u00fcchtlinge hiessen damals nicht \u201eFl\u00fcchtlinge\u201c, sondern DDR-B\u00fcrger, die Willkommenskultur bestand darin, dass die \u201eAusreisenden\u201c an jedem noch so kleinen Bahnhof in der Republik von hysterischen Massen mit Musik, Blumen, Sekt und Freudentr\u00e4nen empfangen wurden. Und es sollte noch schlimmer kommen. Der Tag, an dem es kein Halten mehr geben sollte, wird sp\u00e4ter dann sogar noch ein offizieller Feiertag in Deutschland werden. Und auch hier ist die Rede von \u201eWelle\u201c und \u201eFlut\u201c \u2013 doch wer m\u00f6chte schon gerne der \u201eWelle der Sympathie\u201c und der \u201eFlut der Freude\u201c entrinnen. Eine Gesellschaft im kollektiven Freudentaumel. Es heisst, man habe die Freiheit erk\u00e4mpft, daf\u00fcr alles riskiert, alles zur\u00fcckgelassen, man sei der Diktatur entflohen und man hoffe nun, willkommen zu sein. Und sie sind wollkommen \u2013 diese Fl\u00fcchtlinge, &#8230;. pardon DDR-B\u00fcrger. Zu Beginn des Jahres 1989 leben in West Deutschland rund 60. Mill. Menschen und ziemlich \u00fcberraschend stehen am Jahresende knapp 18 Mill. DDR-B\u00fcrger vor unseren Toren und fordern Einlass. Und keiner hat Angst! Jedenfalls sagt das keiner in dieser Zeit.<\/p>\n<p>Im Gegenteil, wir \u00fcberh\u00e4ufen sie mit Geschenken, das Wort \u201eBegr\u00fcssungsgeld\u201c findet Einlass im neuen Wortschatz der Republik, tausende von ihnen werden in Privathaushalten aufgenommen. Das Volk r\u00fcckt zusammen. Der \u201eMainstream\u201c ist \u201eausser Rand und Band\u201c geraten \u2013 vor Freude. Es wird eine Zeit dauern, bis man wieder von Normalit\u00e4t reden kann. Aber heute \u2013 26 Jahre sp\u00e4ter \u2013 ist es normal oder sagen wir fast.<\/p>\n<p>Irgendwie v\u00f6llig unnormal ist aber f\u00fcr mich das Verst\u00e4ndnis, dass ausgerechnet die Menschen, die wir 1989 so herzlich willkommen geheissen haben, heute diejenigen sind \u2013 zumindest in Teilen &#8211; die keine Fl\u00fcchtlinge aufnehmen wollen. Lautstark demonstrieren, Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnfte abfackeln und in Kameras br\u00fcllen, dass \u201esie\u201c das Volk seien. Nun, &#8211; vielleicht verstehe ich das so wenig, weil ich mich in erster Linie immer als \u201eMensch\u201c sehe und mit dem Begriff \u201eVolk\u201c eher weniger anfangen kann. Was verst\u00e4ndlich wird, wenn man das Wort einfach einmal googelt. Das Wort \u201eVolk\u201c ist dermassen mehrdeutig, dass man bei genauem dar\u00fcber Nachdenken, zu dem Schluss kommen k\u00f6nnte, dass der Ruf \u201eWir sind das Volk\u201c weniger Aussagekraft besitzt, als der Ausruf \u201eWir sind irre\u201c und dieser w\u00fcrde ja durchaus im Zusammenhang mit den Demonstrationen und dem des dort Geforderten Sinn machen.<\/p>\n<p>1989 und die Folgejahre hat keine Regierung \u201edas Volk\u201c gefragt, ob es denn mit der \u201eWiedervereinigung\u201c und den Folgen einverstanden war. Und es hat auch damals \u2013 sicher kaum zu glauben, aber andererseits auch dokumentiert \u2013 Menschen gegeben, die damit nicht einverstanden waren, wie die Wiedervereinigung abgelaufen ist. Die sich gar nicht \u201ewiedervereinigen\u201c wollten. Ich zum Beispiel. Warum ich dagegen war? Es gab sicherlich einige Gr\u00fcnde, aber der Naheliegenste war wohl der, dass ich nicht mit etwas \u201ewiedervereinigt\u201c werden wollte, mit dem ich gar nicht \u201eentzweit\u201c worden war.<\/p>\n<p>Ich wurde nach dem Mauerbau geboren und dahingehend sozialisiert, dass das \u201ewahre Leben\u201c in Helmstedt endete. Alles was dar\u00fcber hinausging, war \u201eOsten\u201c und von daher konnte einfach nicht Gutes kommen. Kommunismus, Sozialismus, der Warschauer Pakt, der Russe, Sibirien, die Chinesen&#8230; und die DDR. In meiner Zeit auf dem Gymnasium in den siebziger Jahren f\u00fchrten wir endlos kontroverse Diskussionen im Deutsch- und Politikunterricht \u00fcber die Frage, ob die jeweilige BRD Regierung nicht endlich die DDR offiziell als souver\u00e4ner Staat anerkennen k\u00f6nne. Die kontr\u00e4ren Meinungen richteten sich stark daran aus, ob Jemand \u201eVerwandte und Bekannte\u201c in der Zone hatte oder nicht.<\/p>\n<p>Ich geh\u00f6rte zu letzterer Gruppe und argumentierte wortgewaltig und lautstark f\u00fcr die Anerkennung und mein Mitleid \u00fcber \u201eMangelwirtschaft\u201c hielt sich stark in Grenzen. Ich hielt es mit dem Motto: \u201eWas ich nicht kenne, kann ich auch nicht vermissen\u201c. Wozu also \u201eCare-Pakete\u201c mit \u201ezweifelhaftem Inhalt\u201c wie Orangen, Bananen und Ananas nach Osten schicken. In den siebziger Jahren waren in der BRD Papayas mehr oder weniger v\u00f6llig unbekannt. Keiner in Westdeutschland w\u00e4re auf die Idee gekommen, \u00fcber eine Mangelwirtschaft zu klagen oder die Kirchengemeinden in Papua-Neuguinea anzuschreiben, man m\u00f6ge doch bitte P\u00e4ckchen mit Papayas zu uns schicken.<\/p>\n<p>So sah ich das damals als pubertierende Sechzehnj\u00e4hrige und &#8230;. ehrlich? &#8230;. viel hat sich bis heute nicht an dieser Sicht der Dinge ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Und dann kam sie, die Wiedervereinigung. Und ich war \u2013 wie bereits erw\u00e4hnt \u2013 nicht daf\u00fcr. Genau wie heute, starrte ich fassungslos auf den Fernseher. Da \u201efl\u00fcchteten\u201c sie zu Tausenden in die westdeutschen Botschaften und erpressten somit die westlichen Regierungen. Vor was genau fl\u00fcchteten die Menschen damals eigentlich? Wer einfach dablieb in der DDR, musste ja nicht um sein Leben f\u00fcrchten. Es gab keinen Krieg, keinen Terrorismus, keine Hungersnot und hatten die nicht \u201eda dr\u00fcben\u201c sogar<\/p>\n<p>Vollbesch\u00e4ftigung? Zumindest wurde uns \u2013 den Wessis &#8211; das dann sp\u00e4ter im wieder vorgehalten. Es gab also Arbeit f\u00fcr alle, zu essen f\u00fcr alle und Frieden f\u00fcr alle. Also warum dann fliehen? Richtig: \u201eFreiheit\u201c gab es nicht \u2013 oder nicht so viel, wie sich der Einzelne das w\u00fcnschte.<\/p>\n<p>\u201eFreiheit\u201c ist auch so ein, wie ich finde, v\u00f6llig \u00fcberstrapazierter Begriff. Ich tue etwas \u201ef\u00fcr die Freiheit\u201c, \u201eim Namen der Freiheit\u201c, \u201eim Sinne der Freiheit\u201c, usw. Wer ist schon wirklich \u201efrei\u201c und wer \u201eunfrei\u201c? In der DDR hatten die Menschen nicht die Freiheit, sich einen BMW, einen Mercedes, ein schickes Einfamilienhaus oder einen Nerzmantel zu kaufen, etc.<\/p>\n<p>Mein alter Deutschlehrer w\u00fcrde mir diesen Satz nicht durchgehen lassen. Denn indem ich das Wort \u201eM\u00f6glichkeit\u201c durch das Wort \u201eFreiheit\u201c ersetzt habe, habe ich aus \u201eniederen Fluchtgr\u00fcnden\u201c (Wirtschaftsflucht) \u201ehehre Gr\u00fcnde\u201c (Gefahr von Leib und Leben) gemacht.<\/p>\n<p>Also liebe \u201ePegida Freunde\u201c wir haben euch damals auch aufgenommen \u2013 ihr mit euren<br \/>\nstinkenden \u201eTrabbis\u201c, euren \u00fcberzogenen Erwartungen, eurem naiven Weltbild und euren grotesken Forderungen. Wir haben euer v\u00f6llig marodes und bankrottes Land wiederaufgebaut, eure Altlasten entsorgt und euch die Hoffnung auf ein besseres Leben gegeben und was haben wir nach 27 Jahren daf\u00fcr erhalten?<\/p>\n<p>Den Mythos der ersten \u201efriedlichen Revolution\u201c \u2013 kein Wort dar\u00fcber, das es ohne M\u00e4nner wie Gorbatschow, Reagan, Kohl und die vielen anderen Politiker gar nicht erst soweit gekommen w\u00e4re, dass euer Staat v\u00f6llig bankrott war und die Russen sich ausser Stande sahen, das System weiter zu unterst\u00fctzen, dass der Kommunismus oder Sozialismus einfach gescheitert war, &#8211; nein, die Wiedervereinigung schreibt ihr euch einzig und allein auf eure Fahne. Ihr beansprucht f\u00fcr euch, \u201emutig\u201c gewesen zu sein. Und was waren wir? Wir zahlen seit 27 Jahren f\u00fcr euren Mut und wir d\u00fcrfen uns nicht einmal \u00f6ffentlich dar\u00fcber beklagen.<\/p>\n<p>Wir d\u00fcrfen uns heute nur sch\u00e4men, wenn wir die Bilder von euren Demos gegen die Fl\u00fcchtlinge im Fernsehen sehen. Die Fl\u00fcchtlinge, die tats\u00e4chlich alles verloren haben, die vor Krieg, Hunger, Terror \u2013 dem sicheren Tod zu uns kommen und um Hilfe bitten, sind bei euch nicht willkommen.<\/p>\n<p>Eigentlich ist es eine v\u00f6llig groteske Situation, denn schliesslich m\u00fcsstet ihr die Situation der Menschen in Idomeni oder in anderen Lagern doch sehr gut nachvollziehen k\u00f6nnen. Habt ihr uns nicht unerm\u00fcdlich euer Leid geklagt, wie furchtbar das alles war, todesmutig \u00fcber Mauern zu klettern, v\u00f6llig ver\u00e4ngstigt in den Botschaften auszuharren, in Z\u00fcgen zusammen gepfercht zu sein und ins Ungewisse transportiert zu werden und wieviel Mut dazu geh\u00f6rte.<\/p>\n<p>Ihr habt euch zu Helden stilisiert und wir haben euch gew\u00e4hren lassen. Und heute habt ihr \u2013 die Mutigen \u2013 Angst? Wie lachhaft ist das denn!<\/p>\n<p>Wenn ich heute vor den Fernseher sitze und euch demonstrieren sehe \u2013 vor Selbstgerechtigkeit und Menschenverachtung triefend \u2013 sch\u00e4me ich mich nur noch, f\u00fcr ein Land, auf das ich einmal stolz war und muss mir eingestehen, dass ich zu diesem \u201eVolk\u201c eigentlich nicht mehr geh\u00f6ren m\u00f6chte, denn \u201eich bin nicht das Volk\u201c \u2013 \u201eich bin ein Mensch\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich im vergangenen Herbst die t\u00e4glichen Bilder im Fernsehen von ankommenden Fl\u00fcchtlingen in Deutschland sehe: \u00fcberf\u00fcllte Z\u00fcge, ersch\u00f6pfte Menschen \u2013 die meisten aber mit einem L\u00e4cheln auf dem Gesicht -, Winken in die Kameras, hektisch umher eilende Helfer, Polizei, technisches Hilfswerk, Freiwillige, Notunterk\u00fcnfte, Sammelstellen f\u00fcr alles m\u00f6gliche: Kleidung, Spielzeug, Essen, etc., als ich die [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":229,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[1515],"tags":[],"class_list":["post-21418","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bundesweit"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v21.0 - 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