{"id":21944,"date":"2016-06-21T09:56:46","date_gmt":"2016-06-21T07:56:46","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=21944"},"modified":"2016-06-23T13:23:23","modified_gmt":"2016-06-23T11:23:23","slug":"identitaere-aufmarsch-berlin-flopp","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2016\/06\/21\/identitaere-aufmarsch-berlin-flopp_21944","title":{"rendered":"Identit\u00e4ren-Aufmarsch floppt in Berlin"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_21946\" aria-describedby=\"caption-attachment-21946\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-21946 size-large\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2016\/06\/DSC_0077-1024x680.jpg\" alt=\"Identit\u00e4ren-Aufmarsch floppt in Berlin\" width=\"640\" height=\"425\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2016\/06\/DSC_0077-1024x680.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2016\/06\/DSC_0077-620x412.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2016\/06\/DSC_0077-768x510.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-21946\" class=\"wp-caption-text\">Nur knapp 100 &#8222;Identit\u00e4re&#8220; folgten dem Aufruf \u00a9 Sebastian Wehrhahn<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>In Berlin konnten die \u201eIdentit\u00e4ren\u201c am 17. Juni gerade einmal ein Viertel der angek\u00fcndigten 400 Teilnehmenden mobilisieren. In streng vorgegebener Choreographie marschierten sie durch Berlin-Mitte, bis sie durch eine Sitzblockade von Gegendemonstranten aufgehalten wurden.<!--more--><\/p>\n<p>Der von den \u201eIdentit\u00e4ren\u201c im Vorfeld angek\u00fcndigte Aufstand ist erwartungsgem\u00e4\u00df ausgeblieben. Am Ende reichte es mit Not f\u00fcr einen Aufmarsch. Dennoch: Mit ungef\u00e4hr 100 Teilnehmenden war die Demonstration in Berlin-Mitte die bislang gr\u00f6\u00dfte Veranstaltung dieser Str\u00f6mung in Deutschland.<\/p>\n<p>Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse wie in Frankreich, wo die \u201eIdentit\u00e4ren\u201c seit Jahren regelm\u00e4\u00dfig auch gr\u00f6\u00dfere Aktionen durchf\u00fchren oder wie in \u00d6sterreich, wo vor einigen Wochen rund 600 \u201eIdentit\u00e4re\u201c demonstrierten, sind allerdings in Deutschland noch in weiter Ferne. Urteilt man nach den Reaktionen anderer rechter Str\u00f6mungen, wird dies auch auf absehbare Zeit so bleiben. Mit der strikten Ansage, auf dem eigenen Aufmarsch neben der Deutschland-Fahne nur Flaggen und Transparente der \u201eIdentit\u00e4ren\u201c zu dulden haben sich die Veranstalter ebenso wie mit ihrer Distanzierung von \u201eextremistischen\u201c Organisationen kaum Freunde im neonazistischen Lager gemacht.<\/p>\n<p>Gro\u00dfz\u00fcgiger zeigten sich da einige Anh\u00e4nger der Alternative f\u00fcr Deutschland. So erschien beispielsweise Jannik Br\u00e4mer, Vorstandsmitglied der Jungen Alternative in Berlin zur\u00fcckhaltend mit Ordnerbinde statt AfD-Abzeichen. Auch Joel Bu\u00dfmann und The-Hao Ha, wie Br\u00e4mer Mitglieder des Vorstands der Jungen Alternative Berlin, zogen eine dezente Teilnahme vor. Wie gut sich deren Sympathie f\u00fcr die vom Verfassungsschutz beobachteten \u201eIdentit\u00e4ren\u201c mit ihrer Mitgliedschaft bei der Alternative f\u00fcr Deutschland bzw. der Jungen Alternative vertr\u00e4gt, wird sich vermutlich in den n\u00e4chsten Monaten zeigen.<\/p>\n<p>Man befand sich also in \u00fcberschaubarem Kreis unter sich. Das schien vor allem einen nicht zu st\u00f6ren: Martin Sellner, extra aus \u00d6sterreich angereist, genoss das Aufheben um seine Person sichtlich. Mit Versp\u00e4tung, daf\u00fcr aber mit Entourage traf Selllner auf dem verregneten Bahnhofsvorplatz ein, begr\u00fc\u00dfte in F\u00fchrungsmanier die Gefolgschaft, dirigierte hier und da die Aufstellung und bem\u00fchte sich am Mikrofon um eine betont souver\u00e4ne Au\u00dfenwirkung.<\/p>\n<p>Um die essentielle Bedeutung dieser Au\u00dfenwirkung wissen die \u201eIdentit\u00e4ren\u201c. Sie ist es, die ihre Distanz zum Rassismus der Neonazis unterstreichen soll. Inhaltlich ist diese Distanz auch schwer zu behaupten: Der Untergang durch Zuwanderung, insbesondere von Muslimen ist das \u00fcberpr\u00e4sente Thema der Veranstaltung.<\/p>\n<p>Diese Endzeit-Vorstellung und die penetrant vorgetragene Behauptung einer politisch-kulturellen Dominanz von 68ern, Gutmenschen, Linken, Gr\u00fcnen und nat\u00fcrlich Feministinnnen haben die \u201eIdentit\u00e4ren\u201c mit den Rassisten und Neonazis gemein, deren Fahnen sie auf ihrem Aufmarsch untersagen. Doch die lockere Inszenierung misslingt: Immer wieder korrigiert Sellner den Aufzug, ermutigt die Anh\u00e4nger vergebens, ihre Sonnenbrillen abzunehmen und auch das l\u00e4ssige Interview mit einer offensichtlich als Staffage in die erste Reihe beorderten Frau wird durch den bellenden Befehlston konterkariert, mit dem die Teilnehmenden nach Aufl\u00f6sung der Veranstaltung auf den Gehweg befehligt werden.<\/p>\n<p>Was bleibt also vom Aufmarsch der \u201eIdentit\u00e4ren\u201c in Berlin? Es bleibt die positive Erfahrung, dass zahlreiche Menschen aus Gesch\u00e4ften und B\u00fcros den vorbeiziehenden \u201eIdentit\u00e4ren\u201c lautstark ihr Missfallen kundtaten, es bleibt die durchwachsene Erfahrung, dass es den zahlenm\u00e4\u00dfig \u00fcberlegenen Gegendemonstranten zwar gelang, das letzte St\u00fcck der Route zu blockieren, dass die Proteste jedoch tats\u00e4chlich verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig schwach ausfielen und schlie\u00dflich bleibt die Erfahrung, dass eine relativ neue Str\u00f6mung des aktionsorientierten Rechtsextremismus erstmals versucht hat, einen \u00f6ffentlichen Aufmarsch im Zentrum Berlins durchzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Die damit verbundene Aufgabe ist zweif\u00e4ltig: Zum einen geht es darum, die Inszenierung der \u201eIdentit\u00e4ren\u201c zu entlarven. Die Abwesenheit von Frakturschrift und der Farbkombination schwarz-wei\u00df-rot bedeutet nicht, dass die Inhalte nicht genau so rassistisch und rechts sind. Zudem ist auch das Aufgreifen von tendenziell unpolitischen kulturellen Referenzen f\u00fcr faschistische Str\u00f6mungen nichts Neues. Sowohl die rechte Skinhead-Bewegung der 90er Jahre als auch die historischen Nationalsozialisten eigneten sich Ausdrucksformen an und nutzten die \u00c4sthetisierung von Politik um ihre Anh\u00e4ngerschaft zu verbreitern und sich auch in anderen (Sub-)Kulturen zu verankern.<\/p>\n<p>Zum anderen verlangt die Auseinandersetzung mit den Identit\u00e4ren eine Auseinandersetzung mit ihrer Ideologie. Auch wenn sie derzeit in Deutschland noch kaum bedeutend sind, vertreten sie anschaulich eine klassisch rechte Vorstellung von Mensch, Gesellschaft und Geschichte. Menschliche Identit\u00e4t ist bei ihnen Auftrag der Volksgemeinschaft, Erf\u00fcllung des Anspruches der \u201eethnokulturellen\u201c deutschen Tradition, in der sie sich w\u00e4hnen. Dabei ist Identit\u00e4t als eine \u00fcberhistorische Konstante, als Wesen bestimmt, das verleugnet, aber nicht ver\u00e4ndert werden kann. Es ist also nicht nur der Rassismus und ihre Hetze gegen links, die die \u201eIdentit\u00e4ren\u201c anschlussf\u00e4hig machen. Auch in der Bestimmung der Begriffe Identit\u00e4t, Tradition und Gesellschaft bestehen Ankn\u00fcpfungspunkte sowohl in das b\u00fcrgerlich-konservative als auch ins neonazistische Spektrum.<\/p>\n<p>In einer solchen Vorstellung findet menschliche Existenz \u2013 ob individuell oder kollektiv \u2013 im schicksalhaften Gef\u00e4ngnis der \u201eethnokulturellen Tradition\u201c statt: Was wir sind ist, was wir waren; Was wir werden ist, wer wir sind. Wer hingegen an der Ver\u00e4nderbarkeit der Menschen und einer besseren Einrichtung der Welt festh\u00e4lt, der und die befindet sich in grunds\u00e4tzlicher Opposition zu den \u201eIdentit\u00e4ren\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Berlin konnten die \u201eIdentit\u00e4ren\u201c am 17. Juni gerade einmal ein Viertel der angek\u00fcndigten 400 Teilnehmenden mobilisieren. 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